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99 Luftballons -  Mondoblog  – Mai 2014 – Auf die Sattel!

Jeder Journalist oder Blogger, der einen Schritt in die Welt der Theaterkünste gewagt hat, weiß, dass es danach keinen Tag mehr in seinem Leben geben wird, in dem das E-Mail-Konto nicht von allen möglichen Pressedossiers gefüllt ist.

Unter all diesen Dossiers gibt es natürlich viele verschiedene szenische Formen und Werke: von unvollständig bis ausgereift, von anerkannt über bekannt bishin zuberühmt. Und dann gibt es persönlichere Pressemitteilungen. Das sind die von den Kunstschaffenden, denen man eines Abends begegnet ist – durch Zufall, und deren Aktivitäten man weiter verfolgt. Das sind die, die einen an bestimmte Momente in seinem eigenen Leben erinnern, kurz, diese Theatergruppen, über deren Nachrichten man sich immer freut - und vor allem darüber, diese dann weiterzugeben.

Ich erlebe das seit 2010 mit der jungen deutsch-französischen Theatergruppe aus Berlin mit dem Namen “Théâtre Au fil des nuages” und den beiden Gründern: Christina Gumz und Clément Labail. Sie ist Deutsche, er Franzose, beide diplomierte Schauspieler. Sie begegnen sich 2001 auf der Bühne des bekannten Pariser Theaters Le Lucernaire.

Von Paris nach Berlin: ein Schritt, ein Projekt. 2007 bauen sie ihr deutsch-französisches Theater auf. Das Projekt: ihre Stücke in beiden Sprachen zu spielen: auf Deutsch und auf Französisch, zeitgenössische Stücke, die sie meist selbst schreiben.

THEMA SPRACHE. SPRECHEN WIR DARÜBER!

2010 bin ich auf diese kleine Truppe gestoßen – im Theater in der Kulturfabrik (Moabit, Berlin). Auf dem Programm standen damals zwei kurze Stücke: von Jean-Claude Grumberg («Die Rothaarigen») und Thomas Bernhard («Maiandacht»).

Ein erstaunlicher Abend: Die Französin, mit der ich dort war, eine Lehrerin für französische Literatur aus Paris und große Theaterliebhaberin, fand die richtigen Worte, um Spiel, Ton und Ausstrahlung der beiden Schauspieler zu beschreiben: „Die beiden geben so eine erfrischende Kraft!“ Damals folgte jeder Veranstaltung eine lockere Diskussion bei einem Glas Wein über das Gesehene und Gehörte bzw. die Themen des Stückes, in der sich das deutsch- und französischsprachige Publikum, sowie Theateramateure oder Profis unbeschwert äußern und austauschen konnten.

INHALTLICHE KOHÄRENZ

Über ihre die Tatsache hinaus, dass sie in beiden Sprachen spielen, fällt vor allem auf, inwieweit in der Theaterarbeit dieser Gruppe der sozio-theatralische Ansatz des Soziologen Erving Goffman ein Echo findet: Jedes Terrain ist ein Terrain fürs  Spektakuläre (von lat. spectaculum “Schauspiel”, zu spectare “schauen”), an dem man sich beteiligen kann. Anders ausgedrückt: die Praxis des Spektakulären indiesem Sinne spiegelt eine gewisse Anzahl von Engagements und möglichen sozialen Themen wider.

“Für mich, so Christina, ist Theater ein Ort des Austauschs, des (Mit-)teilens, des Redens und Zuhörens. Ein Ort der Begegnung(en).” Und so ist es für die Schauspielerin auf poetische Weise ausgedrückt natürlich, dass “Theaterspielen eine Bewegung “zu etwas hin” ist, ein Ort der Freiheit, der Fragestellungen, der Emotionen. Theater wäre auch wie kochen - ein Mahl zubereiten, ein großes Mahl...”


ES IST NICHT NEU, ABER AUCH DAS GEHÖRT ZUM THEATER!

Theaterituale umstoßen – sowohl auf der Zuschauerseite als auch auf Seiten der Künstler. Es gibt diejenigen, die davon sprechen, und diejenigen, die es tun! Das große neue Projekt von Christina und Clément gehört zu letzterem. 2015 fahren die beiden von Berlin los, in Richtung Paris, über Belgien, für eine theatralische Fahrradtournee.


ALS WIR UNS AUF DEN WEG MACHTEN…

 Im nächsten Jahr haben die beiden Schauspieler daher gemeinsam beschlossen, für ein paar Monate ihre Aktivitäten in Berlin zu unterbrechen, um ihr neues Stück (Manèges/ Kreise) auf den Weg durch Deutschland, Belgien und Frankreich zu bringen. Der Text erscheint demnächst im Verlag A Verse.

EIN THEATER-ROAD-MOVIE

Die Kulisse: Im Gedenkjahr des ersten Weltkrieges wird ein solches Projekt sicher Zeichen setzen und Auswirkungen haben. Zweieinhalb Monate lang steigen die Schauspieler auf ihr treues Schlachtross auf zwei Rädern und werden – als Maria und Pierre – die beiden bunten Figuren ihres Stückes – zu Beobachtern und Vorführern verschiedener sozialer und persönlicher Problematiken.

Eine Fahrradtournee über etwa 1300 Kilometer, die kraxelnd und schnaufend über die Straßen der europäischen Nachbarländer (Deutschland, Belgien, Frankreich) führt, ist nicht bedeutungslos. Die sportliche Komponente, die Begegnungen und die Wege, die Tag für Tag auf dem Programm stehen,Tritt um Tritt, werden zu jeder Aufführung Unbekanntes, Lyrisches und Improvisation beitragen.

DIE HUNDE BELLER, FAHRRÄDER ZIEHEN VORBEI...

Intelligenz im Lenker und Kohärenz in den Pedalen. Diese Theatertournee mit den Fahrrädern ergibt sowohl menschlich als auch künstlerisch Sinn. So beschreibt Clément: « […] Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein bedeutet: Abenteuer, eine wirkliche Reise, bei der man die Zeit hat, etwas zu sehen… Reiselust und Lust auf Abenteuer - zwei Elemente, die ebenfalls das Stück durchziehen. […] Das Fahrrad passt du den Figuren in unserem Stück (Maria et Pierre), denn die beiden müssen sich bewegen, um aus ihrer Routine herauszukommen, aus ihren Gewohnheiten, ihren Ängsten. Auch die Langsamkeit ist ein Thema, das von Pierre aufgeworfen wird und über das sich Maria lustig macht. Meine Figur ist in der Tat viel zu sehr zufrieden damit, was er hat, er dreht sich im Kreis und neigt dazu, Trübsal zu blasen. Die Fahrrad-Räder, solange sie keinen Halt haben, drehen sich im Kreis – auf einem Untergrund jedoch, einer Straße, einem Weg und durch die alleinige Muskelkraft – bewegen sie sich schließlich vorwärts. »

THEATRALITÄT IM ALLTAG

Die Compagnie behält ihren Kurs bei! Dieses Stück - für Groß und Klein - wird in Deutschland auf Deutsch gespielt und in Belgien und Frankreich auf Französisch. Zusätzlich zu den Vorstellungen am Abend, finden in jeder Spiel-Stadt Mal- und Theaterateliers statt, die von den Schauspielern am tagsüber durchgeführt werden: „Wir haben im Voraus einen Parcours geplant - mit Blick auf die Anforderungen, die eine Reise per Fahrrad mit sich bringt. So können wir zum Beispiel nicht einfach hin-und herspringen, da wir sonst ein Jahr lang unterwegs sind. Danach hängt es von den Zusagen der Städte bzw. Veranstaltungsorte ab, wie sich die Route genau entwickelt. Auch werden wir die Stadtverwaltungen informieren - sowie die Vereine, Schulen, Bibliotheken, Jugendeinrichtungen etc. für Kooperationen vor Ort.“ (Ver-)Reisen, Arbeit, Geld, Liebe, Freiheit, Wünsche, Frieden, Zank… den jüngeren Zuschauern wird im Zusammenhang mit der Aufführung die Möglichkeit gegeben, sich an dem Stück zu beteiligen, indem sie ein Bild über die im Stück präsenten Themen gestalten. Dieses Bild wird anschließend in das Bühnenbild der entsprechenden Vorstellung eingefügt. Alle Bilder werden am Ende der Tournee zusammen in Paris ausgestellt.

Natürlich können Sie das Projekt noch finanziell unterstützen. Um die große Tournee mit dem Stück dem Berliner Publikum sowie auch den Journalisten, Partnern und möglichen Sponsoren vorzustellen, zeigt die Compagnie Au fil des nuages als Avant-Premiere ihr neues Stück Manèges-Kreise am 7. Mai 2014 um 20Uhr auf Französisch und am 14. Juni um 20 Uhr auf Deutsch - im Theater Ackerstadtpalast in Berlin. Und all diejenigen, die während der Tour in Deutschland, Belgien und Frankreich mitmachen und das Projekt unterstützen möchten, können auf dem entsprechenden Blog die Stationen der Route verfolgen


AURORE GUERIN
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