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Wolf Szameit
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Das geht doch!
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Immer wieder schön, wenn ein Praktiker die Stimme der Vernunft erhebt.
Als ich noch im Holzhandwerk selbstständig tätig war, habe ich mit meinen ebenfalls selbstständigen Kollegen der Frau Nahles ihren Prenzl'berger Dielenboden aufgearbeitet. Das war noch zur Zeit der Schröder-Regierung, Andrea Nahles war damals noch quasi unbekannt.

An ihren Vater erinnere ich mich gerne: ein gestandener Maurer-Meister aus der Eifel, der ihr fachgerecht einen Kamin ins Wohnzimmer baute, während wir mit unseren fetten Lägler-Walzen über die alten Dielen schrubbten. Man machte zusammen Pause, und der Meister erzählte den ein oder anderen Schwank aus seinem Maurerleben. Er hatte uns "Jungens" offensichtlich ganz gern und wir ihn, voll des angemessenen Respekts, erst recht.

Frau Nahles habe ich damals nicht persönlich getroffen -- war ja auch eine Baustelle, ihre Wohnung. Ich habe ihren Gesetzesentwurf nicht im Original gelesen, aber ich bin sicher, dass ihr Dielenboden lange nicht so preiswert und fachgerecht geschliffen und geölt worden wäre, wenn das Gesetz, das sie heute vorschlägt, damals bereits in Kraft gewesen wäre.

Wie gesagt, wir waren alle Einzelunternehmer und teilten uns die Aufträge, die einer von uns akquirierte. Mindestlohn und ähnlicher bürokratischer Schnickschnack ohne Bodenhaftung hätten uns sofort das Genick gebrochen, weil wir natürlich manchen Auftrag über den Preis bekamen.
Als Selbstständige begriffen wir uns als selbstverantwortlich. Unser hart verdientes Brot -- Dielenschleifen ist eine irre Sauerei -- war für uns sowas wie der Preis der Freiheit, uns unseren Erfolg selbst erarbeiten zu können -- buchstäblich Meter für Meter, auf diesen 100 Jahre alten Brettern, die für uns die Welt bedeuteten.

Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinen damaligen Kollegen; irgendwann ging es für mich weiter in Richtung Webentwicklung, und hier bin ich nun. Aber ich wäre nicht hier ohne diese frühen Erfahrungen mit einer relativ wenig regulierten beruflichen Selbständigkeit.
Ja, ich war zwischenzeitlich angestellt; der Punkt ist aber, ohne diese Zeit auf den Berliner Holzdielen wäre ich niemals Webentwickler geworden -- meine erste Site war die für mein "Holzbusiness" -- und ohne eine weitgehende Selbstbestimmung über meine Selbständigkeit niemals Dielenschleifer. (Anderswo machen das nur die Parkettleger; in Berlin war das damals ein eigener Markt.)

Was Frau Nahles heute vorhat, hätte meinem jüngeren Selbst beruflich buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen -- und ihr vielleicht auch, wenn ihr eine konservative Firma irgendeinen giftigen Hochglanzlack über die Dielen gerotzt hätte.

Auf jeden Fall wäre ich niemals ihrem Vater begegnet, dessen ehrliches Wohlwollen für unseren kleinen, mittels Körperkraft und Fleiss erworbenen Erfolg, bei einem jungen Selbständigen mit Schleifstaub in den Wimpern eine bleibende Erinnerung hinterließ.
Und ganz sicher würde ich heute nicht als Webentwickler einen solchen Text im Netz publizieren. Ich hätte einfach nie den Mut gehabt, mich selbstständig zu machen mit zusätzlichen bürokratischen Hürden. Die Vorsteuer zu kapieren, war ja schon der Hammer!

Wenn Frau Nahles meint, sie tut den Selbständigen mit diesem Gesetz etwas Gutes, dann muss sie mit Selbständigen darüber sprechen.

Allerdings muss sie sich zu diesem Zweck zurück in ein Leben begeben, aus dem sie wahrscheinlich kommt (auch wenn ich nicht weiß, ob ihr geschätzter Vater zu seiner Zeit selbstständig, ober angestellt war), und mit dem (dem Leben) sie vielleicht gar nichts (mehr?) zu tun haben will:
Sie muss auf die Baustellen, auf denen Einzelunternehmer und Kleinstunternehmen für Löhne schuften, die vielleicht kacke sind, aber die sie selbst verhandelt haben, und an denen sie wachsen können, wenn sie wollen; in die Agenturen mit weniger als 5 Mitarbeiter_innen; an die Tankstellen und die Frittenbuden.

Selbständige sind nicht organisiert; kein Verband wird sie je in repräsentativer Zahl vertreten, weil sie dafür zu viele und zu vielseitig sind. Selbständige haben keine Zeit für Verbands- und Lobbyarbeit, weil sie selbst und ständig arbeiten.

Die Abkürzung nehmen zu wollen und mit Verbänden über ihren Gesetzesentwurf zu reden, kann sich Frau Nahles sparen. Die Zeit dafür sollte sie lieber vor dem Kamin verbringen, den ihr Vater ihr damals gemauert hat, um noch mal ganz in Ruhe nachzudenken.
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