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Jens Rehländer
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Würde was fehlen, wenn es STERN.de morgen nicht mehr gäbe?
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Redet miteinander! Über Wissenschaftskommunikation. Ein Appell an Forscher und Wissenschafts-PR

Erstens: Die Pressestellen der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben ein veritables Akzeptanzproblem. Zweitens: Das Web 2.0 ist für Forscher kein Ort für die seriöse Auseinandersetzung mit Wissenschaft.

Dies sind für mich zwei Erkenntnisse aus dem Abschlussbericht, den eine Kommission unter Leitung des renommierten Soziologen Peter Weingart gestern in Berlin vorgestellt hat (#woem). Schätzungsweise 80 Gäste – zur Hälfte Wissenschaftskommunikatoren, die andere Hälfte Wissenschaftler/innen und Journalist/innen – waren der Einladung von acatech, Leopoldina und Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gefolgt. Dieses Bündnis war es auch, das vor zweidreiviertel Jahren den Beschluss fasste, die „Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“ untersuchen zu lassen. Der Kommission gehörten acht Professoren an sowie zwei Journalisten, darunter die einzige Frau (Heidi Blattmann).

 Vorgelegt wurden nun eine schlanke DinA4-Broschüre (30 Seiten) mit 13 „Empfehlungen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen“ und, was bislang unzureichend bekannt ist, ein kapitaler Paperback (425 Seiten) mit Überblickstexten und ausführlichen Einzelgutachten, etwa über „die Rolle sichtbarer Wissenschaftler in der Wissenschaftskommunikation“ und „die Zukunft der Finanzierung des Qualitätsjournalismus“. (Download der Empfehlungen: http://www.acatech.de/de/publikationen/publikationssuche/detail/artikel/zur-gestaltung-der-kommunikation-zwischen-wissenschaft-oeffentlichkeit-und-den-medien-empfehlungen.html; Buch: http://www.amazon.de/Wissen-Nachricht-Kommunikation-Wissenschaft-%C3%96ffentlichkeit/dp/3942393808)


Anlass des Unternehmens war das Unbehagen auf Seiten der Akademien, dass Wissenschafts-PR unter dem Eindruck des Eigenmarketings immer öfter übers Ziel hinausschießen würde. Deshalb fordert die Kommission nun gleich unter Ziffer 1 ihrer Empfehlungen von den „Leitungsebenen aller wissenschaftlichen Einrichtungen“, man möge „mit Journalisten ethische Grundsätze und Qualitätskriterien zur Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse“ entwickeln. Sogar die Schaffung eines eigenen Qualitätslabels „für vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation zur Auszeichnung institutioneller Pressearbeit“ wird vorgeschlagen (Zif.2). „Beschwerden über unfaire und fahrlässige Berichterstattung“ sollen einem noch zu etablierenden „Wissenschaftspresserat“ vorgelegt werden (Zif. 10).
Liest man die „Empfehlungen“ ohne die weit ausholenden Erläuterungstexte, fragt man sich bange: Wie schlimm ist es um die Wissenschafts-PR in Deutschland bestellt? Gelten heute neue Spielregeln, also Manipulation statt Information? Übertreibung statt Wahrheit? Institutionenmarketing statt Werbung zum Wohl der Wissenschaft? Und sind einzig Kommunikationsforscher und Journalisten kompetent, mit Leitfäden und Qualitätsstandards die entfesselte Hydra zu bändigen?

Zweifellos liegt etwas im Argen mit der Wissenschafts-PR. Das haben aber auch die Branchenvertreter/innen schon für sich erkannt und sparen in ihrem jüngst publizierten „Siggener Aufruf“ nicht mit Selbstermahnung:

„Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. … Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.“
Weingart-Gruppe und Siggener Kreis sind also denselben Mängeln auf der Spur – aber sie nähern sich aus zwei entgegen gesetzten Richtungen. Und sie reden nicht miteinander. Als Peter Weingart bei der Präsentation des Berichts aus dem Publikum gefragt wird, warum keine einzige Person aus der Wissenschafts-PR berufen worden sei, antwortet er, die Pressestellen habe man zum Zeitpunkt der Zusammensetzung der Kommission „nicht auf dem Schirm gehabt“.

Wie aber kann man die Reparatur der Wissenschaftskommunikation verhandeln, ohne Wissenschaftskommunikatoren an Bord zu haben ? Die Antwort liegt auf der Hand: Es scheint, dass die Pressestellen der Wissenschaftseinrichtungen bei den Forscherinnen und Forschern, für die sie sich engagieren sollen, kein allzu großes Ansehen genießen. Traut man ihnen nicht zu, professionell und angemessen Wissenschaftskommunikation zu betreiben?

Folgerichtig sehen die Verfasser des Abschlussberichts in erster Linie Journalisten als verlässliche und dafür berufene Vermittler von wissenschaftlichen Nachrichten in die breite Öffentlichkeit. Im Bericht findet sich kein Wort zur chronischen Überlastung vieler Pressestellen und wie man ihr begegnen sollte.

Stattdessen sorgen sich die Autoren auf vielen Seiten um die Zukunftssicherung des (Wissenschafts-)Journalismus - was zweifellos a u c h wichtig ist:

„Regierungen und politische Parteien“, „Stiftungen in Deutschland“, Verlage, Sender, Verlegerverbände, Ausbildungseinrichtungen und journalistischen Berufsverbände – ihnen allen wird unter den Zif. 6, 7 und 9 „dringend nahegelegt“, mit Geld und guten Ideen dem Qualitätsjournalismus aus der Krise zu helfen.

In Berlin nutzten die anwesenden Journalisten die Vorlage, um nach Alimentierung durch Stiftungen und öffentliche Hand zu rufen und ihrem Votum für ein (von wem zu finanzierendes?) Science Media Center Ausdruck zu verleihen. Und nach meinem Eindruck war mancher Wissenschaftler/innen-Miene anzusehen, dass man tatsächlich eher an dieser Stelle investieren würde als in Pressestellen, die ZEIT WISSEN-Autor Nils Boeing nach eigener Aussage „sowieso nicht braucht. Ich rufe direkt beim Forscher an.“

Nicht weiter erörtert wurde ein zweite Merkmal der Empfehlungen: die völlige Ausblendung des Internets und seiner rasant wachsenden Bedeutung für die Wissenschaftskommunikation. Im Buch gibt es zwar ein mehr als 50 Seiten langes Gutachten des Münchner Medienforschers Christoph Neuberger („Social Media in der Wissenschaftsöffentlichkeit“). Aber selbst dieses beurteilt in summa die informatorische Qualität im Web 2.0 als nicht gegeben, was sich in den Unterscheidungskategorien „professioneller Journalismus“ und „Laienkommentatoren“, z.B. Blogger, manifestiert.

Also eine große Chance großartig verschenkt? Auf keinen Fall!
Vielmehr ein historischer Moment, weil seit dem PUSH-Memorandum vor 15 Jahren die Diskussion um die Qualität und Zukunft von Wissenschafts-PR nicht mehr so tief und umfassend ausgeleuchtet wurde wie gegenwärtig im Siggener Kreis und in der Akademiengruppe um Peter Weingart. Jetzt gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen und die Schnittmengen in den Befunden in einer Charta für gute Wissenschaftskommunikation zusammenzuführen.
Übereinstimmungen gibt es genug, Abweichungen müssen diskutiert werden. Dafür ist eines aber erforderlich: Dass Wissenschaftler/innen,Wissenschaftskommunikator/inen und Journalist/innen miteinander reden. Mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe.

Dann kann uns gemeinsam viel gelingen.

Anmerkung: Der Verfasser ist Mitorganisator eines Experten-Workshops, den die VolkswagenStiftung vom 30.6. – 1.7.14 veranstaltet; Titel: „Image statt Inhalt – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation“ brauchen (http://www.volkswagenstiftung.de/nc/veranstaltungen/veranstdet/ttback/41/article/image-statt-inhalt-warum-wir-eine-bessere-wissenschaftskommunikation-brauchen.html ). Dieser baut auf Ergebnissen u.a. des Siggener Kreises (vertreten durch Elisabeth Hoffmann, Markus Weißkopf) und der Akademien (Reinhard Hüttl, Peter Weingart) auf und wird deren Ergebnisse diskutieren.
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Welche Wissenschaftskommunikation wollen wir? - Meine Gedanken zum Siggener Aufruf.
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Skandalisierung: So ruinieren Journalisten ihre Glaubwürdigkeit #journalismus   #onlinejournalismus   #pressesprecher  

Es ist nicht zum Besten bestellt mit der Faktentreue, Relevanz und sachlich-moralischen Integrität im deutschen Tagesjournalismus. Darin waren sich die Teilnehmer einig, die am 13. Mai an einer Diskussionsveranstaltung des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher in Berlin teilnahmen, unter ihnen Ex-SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo; der Titel: „Skandalisierung und Hochfrequenz-Journalismus – Schaden für die Demokratie?“ Ein Debüt für mich: Zum ersten Mal seit meinem Wechsel aus der GEO-Redaktion in die Kommunikation der VolkswagenStiftung hat mich ein Thema zum Branchentreff gelockt.

Dass Lobbyisten wie ich sich freuen, wenn Medien ihre Mitteilungen verbreiten, dürfte niemanden verwundern. Verwundert war ich aber, dass genau dies immer lauter ausgerechnet von den  Kommunikatoren beklagt wird: Dass die Medien, insbesondere Online-Dienste und Regionalzeitungen, ihre Pressemitteilungen häufig eins zu eins publizieren würden – unbearbeitet, unreflektiert, ohne kritische Nachfragen bei den Absendern. „Die Sitten verludern“, sagte einer auf dem Podium in Berlin.

Georg Mascolo hatte es trotz hanseatischer Gelassenheit schwer, das ethisch-moralische Selbstverständnis des Journalismus, das er politisch korrekt zu formulieren wusste, gegen die extrem widersprüchlichen Fallbeispiele aus der Kommunikationspraxis zu verteidigen.

"Herdentrieb" nannte etwa Oliver Schumacher, Konzernsprecher der Deutschen Bahn,  die Neigung der Medien, sich schnell gemeinsam auf ein Thema zu fokussieren. Bestärkt werde dieser Trend dadurch, dass sich insbesondere Regionalmedien an jene Themen dranhängen, die von den Leitmedien – FAZ, SZ, SPIEGEL etc. - gesetzt wurden.

Die freie Journalistin Merle Schmalenbach ergänzte: „Ich kenne Lokalredaktionen, da orientiert sich die überregionale Themensetzung an den Aufmachern eins bis drei bei SPIEGEL Online.“ Es sei auch billiger, bereits Recherchiertes nochmal aufzubereiten, als eigene Recherchen zu finanzieren oder Themen zu suchen – zumal Regionalzeitungen und Online-Dienste sich in der Regel keine Reporter, erst recht keine Korrespondenten mehr leisten können.


Falls solche Beobachtungen tatsächlich kennzeichnend sind für die Praxis in Regionalzeitungen, dann wird dort, nach einer Definition von Mascolo, „kein anständiger Journalismus“ produziert: „Wenn ein Autor zu mir sagt, ich hätte gern eine bessere Geschichte recherchiert, aber mir fehlte es an Zeit, dann lasse ich diese Entschuldigung nicht gelten. Erst wenn Fakten und thematische Durchdringung stimmen, kann man eine Bewertung durchführen. Als Journalist trägt man auch Verantwortung für die Folgen eines Artikels – beispielsweise für Personen und Unternehmen.“

Spontaner Widerspruch auf dem Podium: Man bescheinigte Mascolo Realitätsferne. Hans Mathias Keplinger, Empirischer Kommunikationsforscher an der Uni Mainz, sieht den Journalismus sogar „ in seinen Grundfesten erschüttert“. Die „völlig unsinnige“ Fixierung auf Seitenabrufe (Page Views), an denen wiederum Werbe-Erlöse hängen, habe etwa im Online-Journalismus einen Aktualisierungsdruck erzeugt, der dazu führt, dass „nicht mehr gefragt wird, was ist wahr, was ist relevant, was ist moralisch vertretbar?“. Stattdessen werde jede Menge „Schrott“ als Klicktreiber publiziert.

Auch die Einführung sogenannter Investigativ-Teams hat aus Sicht der Pressesprecher nicht zu einer Qualitätsverbesserung geführt, sondern eher zu einer Verschärfung. Bahn-Sprecher Oliver Schumacher, der sich nach eigenen Worten längst daran gewöhnt hat, „mindestens einmal im Monat“ im Fernsehen „vorgeführt zu werden“, berichtete von seinen Erfahrungen mit öffentlich-rechtlichen Investigativ-Journalisten: „Da bekommt man einen Katalog mit 50 Fragen, für deren Beantwortung kaum Zeit eingeräumt wird. Kein Anruf, kein Gespräch. Wenn ich die Fragen lese, weiß ich schon, was nach dem Willen der Journalisten bei der Sendung rauskommen soll. Dass die Bahn immer schuld sein muss, daran habe ich mich gewöhnt. Da kann ich antworten und argumentieren, wie ich will.“

Schumacher hatte auch ein Beispiel aus der Trickkiste der Fernsehjournalisten parat: „Da werden Sie aufgefordert, vor laufender Kamera ein bestimmtes Statement immer zu wiederholen. Und wenn Sie beim 15. Mal das Gesicht verziehen, weil Sie langsam ungeduldig werden, dann wird dieses Statement mit genervter Miene gesendet. darauf kann man sich hundertprozentig verlassen.“

Sogar Konzernmanager reagierten immer häufiger ratlos. „Warum senden die das, obwohl es gar nicht stimmt?“, werde Schumacher gefragt. Und ist froh, dass die Leitmedien die Skandalisierungsversuche der sogenannten  Investigativ-Teams bislang niemals aufgegriffen haben. Auch bescheinigte man Reportern vom Schlage eines Leyendecker von der SZ tadelloses Handwerk. „Natürlich müssen wir uns auch der Kritik stellen. Natürlich ist nicht alles gut und richtig, was wir tun“, räumte Schumacher ein, „Aber hier geht es niemals um Aufklärung, aber immer um Entertainment.“

Schwarze Schafe? Negative Ausnahmen? Oder ist der Journalismus – zumindest im Online-Bereich und in den Regionalzeitungen -  tatsächlich in der Selbstauflösung begriffen?
Wiederholter Applaus und häufiges Kopfnicken bei den gut 200 versammelten Pressesprecher/innen, zumal bei den Schilderungen von Negativ-Erfahrungen, legen den Schluss nahe, dass die Entprofessionalisierung im Journalismus tatsächlich Fahrt aufnimmt. Personalisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung werden vermehrt als Stilmittel eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Hektik verhindert Reflexion. Wettbewerbsdruck trübt den Blick auf die Verhältnismäßigkeit. Und das Internet ermöglicht die Rund-um-die-Uhr-Publikation, was den Zeitdruck für alle Beteiligten – Pressesprecher wie Journalisten – auf ein bislang ungekanntes Maß hochgeschraubt hat.


Was wurde auf diesem Weg bisher gewonnen? „Leser und Industrie entziehen Print-Medien weiterhin die Gunst“, sagte Tilman Kruse,  Sprecher des Deutschen Presserats und Justiziar bei Gruner + Jahr. Man verliert also ungebremst Abos und Anzeigen. Die volatilen Erregungszustände im deutschen Journalismus waren dem Geschäft bisher keineswegs zuträglich. Vielleicht droht sogar noch mehr Unheil: Wenn die Leser merken, wieviel unseriöse Information ihnen täglich zugemutet wird.

Wann werden es Medien wagen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen und das Tempo zu drosseln? Sie würden sich, glaube ich, um die Glaubwürdigkeit des Journalismus verdient machen. Die steht nämlich auf dem Spiel.
Dass alle Diskutanten am Schluss betonten, dass die meisten Journalisten nach wie vor einen ordentlichen Job machen, klang mehr als bemüht.

Das konnte meine Stimmung an diesem Abend nicht mehr aufheitern.
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#Crowdfunding: Wie die Krautreporter dem Erfolg vom „Correspondent“ nacheifern
 
Eine #SPIEGEL-Nachricht elektrisiert die Netzgemeinde: Die #Crowdfunding-Plattform Krautreporter will sich zu einem „Portal für Qualitätsjournalismus“ weiterentwickeln. Dafür haben die Gründer Sebastian Esser und Philipp Schwörbel prominente Mitstreiter gewonnen. Chefredakteur soll Alexander von Streit werden (zuvor u.a. bei „Wired“). Als Autoren seien die Blogger Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr, Jens Weinreich und Thomas Wiegold verpflichtet worden.
 
Die Crew steht also bereit. Nur die Finanzierung muss rasch noch zusammengebracht werden: 900 000 Euro erbitten die Gründer von ihren Anhängern. Stilecht per Crowdfunding. Binnen vier Wochen. Dann, so heißt es in der SPIEGEL-Meldung, könne das Portal im September 2014 starten.
 
Als Inspiration für das kühne Unterfangen diente unübersehbar das niederländische Online-Magazin „de Correspondent“, dessen raketenmäßiger Erfolg die krisengeschüttelte Branche international elektrisiert hat. Mit fast 30 000 Abonnenten, die jährlich 60 Euro zahlen, schafft es die Redaktion täglich vier, fünf hochwertige Artikel zu produzieren. Initiator ist der charismatische Jungjournalist und begnadete Vermarkter Rob Wijnberg, 31.
 
Mit dem Vorbild „de Correspondent“ haben die Krautreporter die Latte ziemlich hoch gehängt. Während in Holland mit den Abonnentengebühren eine Vollredaktion engagiert werden konnte, besteht die Gründerschar des deutschen Pendants offenbar bislang nur aus einer Handvoll Online-Journalisten, die ein einziges Thema eint: Medienkritik.
 
Nun wird man den Initiatoren zweifellos soviel Realitätssinn zubilligen können, dass diese nicht ernsthaft glauben, mit Medienkritik allein ein journalistisches Angebot ins Leben rufen und langfristig am selben erhalten zu können. Im Raum steht der deklarierte Anspruch, „Qualitätsjournalismus“ zu liefern. Der aber benötigt Aktualität, Relevanz, inhaltliche Tiefe und vor allem eine teure und langwierige Vor-Ort-Recherche. Bissige Medienschelte, ein paar Technik-News und Tagungstweets mögen Blog-Autoren treue Fans bescheren. Aber auch dies in der Regel nur solange, wie Unterhaltung und Belehrung kostenlos sind.
 
Auch im neuen Portal sollen alle alles kostenlos und werbefrei sehen dürfen. Für die Refinanzierung wünscht man sich Mitglieder, die 60 Euro pro Jahr bezahlen. Nur diese dürfen dann das Privileg genießen, Inhalte zu kommentieren. Außerdem soll es „Begegnungen mit den Autoren und Stadtrundgänge“ (SPIEGEL) geben.  Ob diese Incentives verlockend genug sind, jene 15 000 Spender zu akquirieren, die man braucht, um 900 000 Euro zusammenzukriegen?
 
Mutig und edel sind die Honorarsätze, die die Gründer trotz Gratisangebots versprechen. Die Pauschalisten sollen zwischen 2000 und 2500 Euro bekommen und dafür jede Woche einen Artikel liefern. Davon können freie Zeitungsjournalisten nur träumen. Ein Drittel von ihnen, so sagt eine aktuelle Studie, verdienen weniger als 1000 Euro, ein weiteres Drittel zwischen 1000 und 2000 Euro.
 
Allein um dieser Großzügigkeit willen kann man dem Krautreporter-Projekt nur den besten Erfolg wünschen. Und sollte nichts draus werden, haben die Initiatoren sich mindestens vier Wochen lang in der geballten Aufmerksamkeit der Netzgemeinde sonnen dürfen. Das wäre dann auch in gewisser Weise ein Erfolg.
 
Am 13. Mai 2014, so heißt es auf der Homepage, werden wir alle mehr erfahren. Kostenlos, natürlich.
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HOODIE-JOURNALISTEN RUDERN LACHEND DIE GALEEREN
Dem Medienredakteur Harald Staun, Jg. 1970, ist in der jüngsten FAS ein veritables Kunststück gelungen. Mit nur 21 Zeilen Text, versteckt in der Gossip-Rubrik „Die lieben Kollegen“ am unteren Rand der Seite 41, verscherzte er es sich mit Deutschlands #Online-Journalisten. Und zwar gründlich.

Keinen interessierte Stefan Niggemeiers langatmige Abrechnung mit dem Live-Ticker-Unwesen auf derselben Seite. Nein, alle echauffierten sich über Stauns erstaunliche Distinktion zwischen „Internetexperten“ und „Journalisten“: Eine sorgsam formulierte Spitze gegen sz.de-Leiter Stefan Plöchinger, der in die Chefredaktion des Print-Organs einziehen soll, was einflussreiche SZ-Redakteure verhindern wollen.

Das Staunsche Kurzpamphlet löste einen Candystorm aus, der Plöchinger tief gerührt haben dürfte. In ausgelassener Sonntagslaune posteten Sympathisanten pausenlos Selfies im Kapuzenpulli, was offenbar Plöchingers bevorzugte Diensttracht ist. Der Hashtag Hoodiejournalismus war geschaffen, und die Solidarisierungswelle ebbte erst abends ab, als im Fernsehen der „Tatort“ anfing.

Aber heute ist wieder Montag. Niemand postet mehr in Wochenendlaune lustige Hoodie-Fotos. Die Onliner sind zurück auf ihren Galeeren, sitzen wieder auf ihren Ruderbänken und blicken neidisch hinauf zu den Sonnendecks, wo die Print-Redakteure Satz für Satz ihre wohlfeilen Kolumnen („Die lieben Kollegen“) ziselieren.

Man sollte die virale Erregung vom Sonntag nicht analytisch übertreiben. Aber ein Resümee sei erlaubt: Dass ausgerechnet ein Fachjournalist für den Mediensektor sich noch immer traut, die Haltung zu vertreten, Online-Journalismus sei was für Leichtmatrosen und richtiger Journalismus was für Print-Kerle - das ist schon erschütternd. Und selbst für ein konservatives Blatt wie die FAS ausgesprochen unzeitgemäß.

Nun hat man aber offenbar in der Online-Szene eingesehen, dass man dem diffusen Dünkel der Print-Oligarchen mit Argumenten nicht beikommen kann. Allen Diskussionen über die unausweichliche Medienkonvergenz zum Trotz, verteidigen trendresistente Print-Redakteure ihren Schützengraben gegen das Kapuzenpulli-Pack. Der letzte Sonntag hat bewiesen: Der Frontverlauf zwischen beiden Lagern ist intakt. Die Positionen sind zementiert. Und dieser Kulturkampf produziert nur Verlierer.

Die Print-Redakteure, die gegen die Onliner wettern, stehen selbst unter Druck und blicken mit Sorge in die Zukunft. Dass Heil und Segen im Online-Journalismus liegen sollen, glauben sie nicht. Die Erlöse sind zu dürftig. Und wenn dort tatsächlich der Journalismus von morgen produziert wird, warum engagieren sich dann nicht heute schon mehr Aushängeschilder der großen Leitmedien in ihren Internetauftritten? Warum beispielsweise schreibt Leyendecker nicht bei sz.de oder di Lorenzo bei ZEIT Online? Oder Kurt Kister bei sz.de? Warum entzweien sich die SPIEGEL-Chefredakteure in der Frage, was wichtiger ist: Print oder Internet?

Verlierer auf beiden Seiten. Die Redaktionsressourcen bleiben ungleich verteilt. Die Onliner werden in Tochtergesellschaften zweiter Klasse ausgegliedert, schlechter bezahlt, mehr gestresst. Die Verlage halten ihre Zukunftsinvestition so knapp, als glaubten sie selbst nicht an den Erfolg. Das schafft Frust. Und hält die Konflikte am Leben. Spaltung statt Einheit. Das kann doch eigentlich niemand in den Verlagen wollen, oder?

Für den FAS-Medienredakteur Harald Staun hat sich der Sonntag gelohnt. Zweistellig wuchs gestern die Zahl seiner neuen Twitter-Follower – die meisten Online-Journalisten.

Es scheint, als könnten sie es gar nicht abwarten, Stauns nächsten Keulenschlag zu empfangen
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WARUM GROSSVERLAGE KEINE INNOVATION KÖNNEN      
Als ich noch in einem Hamburger Magazinverlag #Onlinejournalismus betrieben habe, dachte ich, die Patentrezepte für die Zukunft des (bezahlten) #Journalismus müssten von uns kommen. Aus einer Medienfabrik, bevölkert von Tausenden bienenfleißigen Kreativarbeiterinnen und - arbeitern. Ein vibrierender Think Tank, in dem die meisten ein Ziel verfolgen: ein innovatives Geschäftsmodell zu entdecken - oder am besten gleich mehrere davon -, damit die Zuversicht zurückkehrt in eine Branche, der Selbstbewusstsein und ökonomische Wohlfahrt zusehends abhanden kommen.

Das, so dachte ich, sei unsere Mission.

Bis zu meinem Abgang wurde das Goldene Vlies leider nicht gefunden. Und auch die Wettbewerber in München und Berlin sind bis heute nicht erfolgreicher. Trotzdem trauen Medienbeobachter noch immer am ehesten den Inhaltefabriken zu, die lebensverlängernden Maßnahmen für qualitätsvollen Journalismus zu erfinden.

Ich sage es ungern, aber wer glaubt, die rettende Idee würde tatsächlich aus Großverlagen in kommen, der irrt. Allein ihre schiere Organisationsgröße verhindert radikales Umdenken. Wie andere Industriebetriebe verfügen auch Verlagskonzerne über ein enormes Beharrungsvermögen. Das kann man ihnen nicht vorwerfen; das ist systembedingt. Sie sind zu überreglementiert, um sich auf Marktveränderungen einzustellen. Sie sind zu traditionsverhaftet, um sich ein anderes Geschäftsmodell überhaupt vorstellen zu können als jenes, das ihnen jahrzehntelang eine goldgerahmte Existenz beschert hat. Ihre Bürokratie ist hochdifferenziert und führt ein Eigenleben, unbeeindruckt von den sprunghaften Gestaltungswünschen wechselnder Vorstände. Und „der Apparat“ versteht es, das Einsickern neuer Ideen zu verhindern. Innovationen werden verwaltet, Ideen zerredet, Experimente vermieden – zumindest wenn sich der Erfolg nicht schon vor dem Start vorhersagen und in Cents und Euros berechnen lässt. Angststarre verhindert Wagemut. Revierverteidigung vs. Neuland.

Dass wir Redaktionen der Verlagsverwaltung Paroli bieten und den Aufbruch in die Zukunft selbst vorantreiben müssten, haben wir festangestellten Journalisten damals natürlich geahnt. Und unser schlechtes Gewissen kompensiert mit Verwünschungen der „Erbsenzähler“ und dem rituellen Vorwurf skandalöser Ideenlosigkeit an die Adresse der Vorgesetzten. Deshalb hörte kaum mehr einer auf unsere Nörgelei. Deshalb auch ist der Einfluss der Redaktionen inzwischen weitgehend aufgezehrt. Sie haben sich damit abgefunden, von anonymen Mächten auf dem Spielbrett hin und her geschoben und auch geopfert zu werden. Wer noch im Spiel ist, tut nach Leibeskräften, was er immer tat – nur vorsichtshalber noch viel, viel mehr davon.

Dass trotz der geballten Kreativkräfte auch die Großkonzerne keinen Kompass in eine bessere Zukunft haben, hat 2012 der Pilgerzug von Springer-Führungskräften ins Silicon Valley bewiesen. Nachdem man in den vielen Etagen des Springer-Hochhauses in Berlin niemanden mit einer guten Idee auftreiben konnte, wollte man welche aus dem Gelobten Land importieren. Doch an sichtbaren Mitbringseln aus Kalifornien sind bislang nur zu bestaunen: Kai Diekmanns eigenes Redesign als Nerd mit Bart sowie die Einrichtung eines Inhouse-Inkubators mit – aus dem Stand – 100 Mann Besatzung: Axel Springer IdeAS Ventures („Wir arbeiten mit modernsten Technologien und agilen Methoden“).

Ob es eine gute Idee ist, einen Schnellen Brüter für Startups im Einflussbereich der eigenen Verlagsbehörde zu installieren, mag fraglich erscheinen. Wegweisend ist aber auf jeden Fall die Erkenntnis, die dahinter steht: Dass Großverlage aus sich heraus keine bahnbrechenden Ideen (mehr) hervorbringen können. Keine populäre Innovation im Mediengeschäft der letzten zehn Jahre, zumal im Internet, ist das Produkt eines deutschen Verlagskonzerns gewesen. Mag sein, dass sie das Know-how haben, gute Ideen richtig groß zu machen. Aber die Funken sprühen woanders.

Google, Facebook und andere Medienkonzerne, die zu schnell zu fett geworden sind, machen es inzwischen vor: Gute Ideen, auf die man selbst nicht mehr kommt, werden eingekauft und einverleibt. Shoppen gehen auch deutsche Medienkonzerne – und erwerben Tierfutterversender, Immobilienportale oder Special-Interest-Plattformen, die ohnehin schon gut laufen. Startups, zumal im Medienbereich, gelten als Sicherheitsrisiko und Störfall. Die prüft man in Deutschland gründlich und nach allen Regeln der Kunst - bevor man sich entscheidet, lieber die Finger davon zu lassen.

Auf dem internationalen Medienmarkt fällt das Zaudern der deutschen Großmedienmächte nicht weiter auf. In den USA lassen risikofreudige Investoren Visionäre nach Herzenslust experimentieren – und scheitern. No risk, no fun. Dort ist die Zuversicht vorhanden, dass irgendwann auch ein Volltreffer dabei sein wird, ein Medienformat, mit dem sich Geld verdienen lässt. Manches ist ja auch schon geglückt, weiteres wird folgen. Crisis? What crisis?
Was dem deutschen Journalismus fehlt, ist ein Bündnis von Kapital und Kreativität. Und der gemeinsame Mut zum fröhlichen Scheitern.

Es langt nicht mehr, sich dauerhaft in der Dauerkrise einzurichten und immer nur darauf zu warten, dass die anderen eine gute Idee haben.
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Warum wehren sich Forscher gegen die Offenlegung Ihrer Daten? Mein Blogbeitrag bei Focus Online  #opendata   #wissenschaft  
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