Vom Antagonisten zum Antipoden (eine kleine Polemik)
Also +Wolfgang Luenenbuerger-Reidenbach und ich haben uns offensichtlich gefunden. Seit (gefühlt) mehreren Jahren fährt mir Wolfgang immer wieder kommunikativ in die Parade. Immer aggressiv, immer polemisch, immer persönlich, und oft unangenehm. Ein echter Antagonist (*) eben. Und ich habe lange überlegt, ob das "Neid" oder "irgendetwas Persönliches" sein könnte. Aber jetzt, nach der Lektüre des unten verlinkten Artikels, wird mir klar: Wolfgang liegt auf der Skala der Argumente und der Haltung einfach perfekt am entgegengesetzten Ende! Das ist echt begeisternd! Er ist mein perfekter Antipode (**), und doch kein Antagonist. Und jetzt, wo ich das weiß, fange ich an, richtig Spaß daran zu bekommen, komplett anderer Meinung zu sein, als dieser "einer der renommiertesten Online-Strategen des Landes" (Zitat W&V).

Okay, jetzt hat Wolfgang also auf der W&V 6 Thesen zum Jahr 2012 veröffentlicht. Und es ist doch tatsächlich so, dass ich diese 6 Thesen wirklich genau gegensätzlich aufstellen würde! Da hat es bei mir endgültig geschnackelt. Der Wolfgang meint es nicht persönlich – der ist wirklich so! Und das wissend habe ich jetzt die Freiheit einfach mal ganz lustvoll und bewusst polemisch dagegen zu argumentieren. Ganz antipodisch. Gar nicht persönlich, sondern einfach, weil ich mir dadurch in meiner eigenen Haltung klarer geworden bin. Danke dafür, Wolfgang. Und meine Anerkennung für die 6 Thesen. Sie kommen perfekt stringent aus einer bestimmten Geisteshaltung.

Mal schauen, vielleicht macht das ja anderen Spaß, beide Seiten zu lesen, und vielleicht gewinnen wir ja dadurch die ein oder andere Erkenntnis – zumindest bestimmen wir damit wohl etwas genauer die „Mitte“, in der ja bekanntlich die Wahrheit liegen soll. Also los, der Link zu den Originalthesen ist unten.

BTW: Vielleicht lohnt es sich, zuerst den Beitrag von Wolfgang zu lesen, auf den ich mich beziehe? http://bit.ly/ukE2DI

1. Zielgruppen sind out!
Wolfgang hat offensichtlich nicht(s) etwas nicht verstanden. Vielleicht hat er auch richtig verstanden und stellt sich nur clever im Markt auf. Er schaut nämlich komplett aus der Sicht der Unternehmen - und "zielt". Und er macht die "Beute" aus und reduziert sie damit zum Objekt. Ich glaube wirklich, dass Wolfgang die Welt so sieht, deswegen kann man es ihm auch nicht übel nehmen. Aber er sieht eben nur einen kleinen Ausschnitt. Für alle diejenigen, die einen etwas breiteren Horizont haben, empfiehlt es sich, auch auf die Menschen und Themen vorbereitet zu sein, die man selber nicht auf der Liste der eigenen Interessen hat (= Ziele). Ich persönlich gehöre selbstbewusst zu den von Wolfgang nicht näher definierten "selbst ernannten Digitalexperten", die gerne sagen: Hört auf, die Menschen nur auf Basis Eurer eigenen Interessen zu sehen. Fangt an, die Menschen als Menschen zu behandeln, und das wesentliche dabei ist: Deren Interessen zu respektieren. Ansonsten werdet ihr Euch immer mehr mit denen auseindersetzen müssen – und das wird Euch gar nicht gefallen. Die Deutsche Bank und Foodwatch. Adidas und Hundeschützer. Banken und Occupy. Die Bahn und Parkschützer. Die Liste ist jetzt schon lang. Und das fängt (in 2012) erst richtig an…

2. Lasst uns über Social Media reden!
Ich habe auch mal eine Zeit lang gesagt, ich mag das Wort nicht mehr. Weil es eigentlich nichts aussagt. Aber es ist albern, das Wort abschaffen zu wollen. Denn es hat eine Funktion. Es sagt eben doch etwas aus. Nämlich dass man sich öffentlich und auf gleicher Augenhöhe kommunikativ begegnet. Im Social Web ist kein Blog dem anderen überlegen. Und auch auf Facebook ist das persönliche Profil ebenso nur geliehen wie die Fanpage. Auf so neutralem Boden und mit den prinzipiell gleichen Waffen zu sprechen, das ist einzigartig und neu. Das schafft man nicht über eine Website. Oder über PR. Auch nicht über Telefon. „Social Media“ hat eine Funktion! „Social Media“ ist eine eigene Botschaft und eben nicht nur ein Kanal („zum Zielen“). Und auch in seiner Begründung zeigt Wolfgang erneut, dass er nicht(s) etwas nicht verstanden hat. Denn ich kann heute mit so gut wie jedem Menschen so gut wie über jeden Kanal in Kontakt treten: Über Brief, über Mail, über Social Media, persönlich, per Telefon. Scheißegal welche "Zielgruppe" das ist. Aber es macht einen Unterschied in der Kommunikationswirkung, ob ich jemanden 1:1 anspreche oder öffentlich – oder ob ich 1:1 angesprochen werde oder öffentlich. Wenn überhaupt, wird "Social Media" nicht an Bedeutung verlieren, sondern an Bedeutung gewinnen. Aber es geht nicht um das Wort, sondern um die Bedeutung. Wir müssen aufhören, uns über Worte zu positionieren, wie ein Teenie, für den bestimmte Ausdrücke "cool" sind oder nicht. Wolfgang macht exakt das Gleiche, wie die Leute, die das Wort Social Media gehyped haben, nur mit umgedrehten Vorzeichen: Er instrumentalisiert es für seine eigenen Interessen, ohne den eigentlichen Wert des Wortes zu verstehen.

3. Vergesst die Daten!
Ja, die Daten, die Menschen in den sozialen Medien veröffentlichen, sind Gold wert für die Kundendatenbanken und jedes CRM. Aber hier wird auch klar, wo und wie sich Wolfgang positioniert. Und erneut auf der gegenüberliegenden Seite. Ihm ist es scheißegal, ob sich Kunden "gläsern" fühlen könnten. Bei dem, was Wolfgang vorhat, ist Facebook ein Scheißdreck gegen. Aber es wird kommen, da bin ich sicher. Manche Unternehmen werden perfekt darin werden, die "Objekte Kunden“ einfach nur als "Daten" zu behandeln. Und manche werden dabei auch verdammt erfolgreich darin sein, Prozesse zu optimieren. Wie ein Biologe, der vor einer Petrischale sitzt und schaut, bei welcher Nährlösung sich die Mikroben in der Petrischale am besten vermehren. Ich wünsche Wolfgang viel Spaß mit den Kunden - und viel Ärger mit denen Menschen, die sich dadurch herabgewürdigt sehen ;-)

4. Privatsphäre achten!
"Die einen werden mit der Aufgabe von Teilen ihrer Privatsphäre und mit ihren Daten für die Bequemlichkeiten bezahlen..." Da hat Wolfgang wohl Recht. Aber ich hoffe nicht, dass es wirklich zum "privacy divide" kommen wird. Und den wird es wohl auch nur geben, wenn man ganz digital denkt. An oder aus. Schwarz oder weiß. Privat oder bequem. Wolfgang sieht das offensichtlich ganz digital. Menschen, die ihre "Objekt-Daten" nicht zur Verfügung stellen, sind für ihn ja ohnehin wertlos (siehe oben). Aber er vergisst, dass man man mit Menschen auch digital ganz analog reden kann. „Beziehungen“ baut man nicht dadurch auf, indem man die Daten der „Bequemen“ nutzt. Man kann sie auch aufbauen, indem man die Privatheit anderer achtet. Aber dabei helfen einem nicht die Daten. Man muss (empathisch) kommunizieren können.

5. Social Commerce nicht nur für Frauen!
Hm. Jetzt bin ich enttäuscht und muss mein ganzes schönes Konzept über den Haufen werfen. Hier hat Wolfgang recht! Man kann „soziale Prozesse“ (also Prozesse, an denen Menschen beteiligt sind) online darstellen. Allerdings wundert es mich (ich bin regelrecht erschrocken!!) das Wort „Vertrauen“ bei Wolfgang zu lesen. Wie? Jetzt doch keine Daten? Aber Entwarnung! Es bleibt doch alles beim Alten: Wolfgang versteht es nicht! „Vertrauen“ und „Einkaufsberatung“ sollen ja „durch Freundinnen“ kommen. Nicht durch das Unternehmen. Puh! Mal abgesehen davon, dass für Wolfgang „Social Commerce“ offensichtlich der weiblichen Spezies vorbehalten bleibt („Freundinnen“), verkennt er, dass es noch ganz andere Formen des sozialen Austausches im Verkaufsprozess gibt – auch zwischen Konsument und Unternehmen. (Siehe auch http://bit.ly/swJC4Q).

6. Who the fuck cares about „Apps”?
Macht Wolfgang schon wieder den gleichen Fehler wie beim Wort “Social Media“? Dass er einen Hype missversteht oder gar eine Technologie mit Kommunikation verwechselt? Natürlich machen Apps Sinn. Man kann sie downloaden, als Programm leicht verkaufen, einzeln aufrufen, und sie verrichten einen Dienst. Als Apps sind sie besser in das jeweilige Betriebssystem integriert und sie können auch offline laufen. Eigentlich ist es müßig darüber zu sprechen. Ganz so, als ob man darüber streiten würde, ob man nun „Office 2010“ als installiertes Programm verwendet oder „Office 365“ aus der Cloud. Das ist Technologie. Ja und?


Fazit: Ich bin Wolfgang richtig dankbar. Und ich bin stolz, dass ich das genaue Gegenteil denke und bin. Denn er verkörpert all das, was ich in der Kommunikation ändern will, und was ich glaube, was die Menschen „ins Verderben“ führt: Wir brauchen ein neues Denken und ein neues Miteinander. Und da spielen die Unternehmen eine wichtige Rolle. Aber das ist ein ganz anderes Thema ;-)


(*) Definition Antagonist laut Wikipedia: Die Rolle des Antagonisten besteht ganz allgemein darin, dem Protagonisten Schaden zuzufügen und seine Handlungsabsichten zu durchkreuzen.

(**) Definition Antipode laut Wikipedia: Menschen, die auf der anderen Seite der Erdkugel leben (sozusagen mit ihren Füßen denen des Betrachters zugewandt). Im übertragenen Sinn werden damit auch (intellektuelle, politische usw.) Gegner mit entgegengesetzten, in der Regel unvereinbaren und/oder unversöhnlichen Anschauungen und Auffassungen oder Interessen bezeichnet


http://www.wuv.de/nachrichten/digital/2012_das_jahr_in_dem_wir_nicht_mehr_ueber_social_media_reden
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