Shared publicly  - 
 
Wenn die Leute in London aufstehen, dann wird es einen Grund haben. Und es ist nicht dieses Wetter. Sondern die sozialen Verhältnisse. Wo sind aktuelle Hintergrundberichte dazu?
Translate
12
2
Hagen Hübel's profile photoSven Scholz's profile photoPetra Hildebrandt's profile photoMonika Radke's profile photo
86 comments
 
Wie weit ist London von uns weg? Inhaltlich meine ich? Wie unzufrieden sind Jugendliche hier? Die Frage müssen wir uns auch stellen.
 
Ja, durchaus. Allerdings sagt mir mein Bauch, dass es hier sehr viel länger dauert, bis sich auf so breiter Front die Unzufriedenheit und Verzweiflung äußert. Oder sind Verzweiflung und Unzufriedenheit hier einfach noch nicht so groß wie in UK?

Oder was meint Ihr?
 
Ich denke, selbst in unseren "Problemstadtteilen" ist es noch lange nicht so wild, wie in Tottenham und Liverpool. Aber wir sind auf dem besten Wege dorthin.
 
Mag sein dass die Gründe haben. Aber bei mir verliert jeder auch die letzte Sympathie wenn er es "um den System & Saat mal zu zeigen" kleine Läden und Kleinautos der Malocher abfackelt.

Wenn die sauer sind, dann sollen es an denen auslassen, die dafür verantwortlich sind. Der Nachbar um die Ecke, der im selben Viertel wohnt und selbst in schlechter wirtschaftlicher Lage ist, ist es bestimmt nicht.
 
Bin im September in London...Ach, Alex, Ihr in Deutschland habt meistens keine Ahnung, was hier in Grossbritannien abgeht. Das ist gar nicht boese gemeint....Lebe seit 12 Jahren hier, habe viel (Negatives) erlebt, was Freunde in Deutschland nicht nachvollziehen koennen...Das Leben hier in GB ist einfach VIEL, VIEL haerter!! - the police and politicians VERY bad...Ganz anderes Wahlsystem und und und..... // seit 3 Jahren steht die Wirtschaft vor dem Abgrund, waehrend es bei Euch in Deutschland boomt, Mensch...
 
+Vladimir Simović ja, es ist schlimm, aber das Mass ist fuer die Leute voll.....Wer mit Worten nicht weiterkommt, greift dann zu diesen Mitteln....Leider, leider, leider!! / Verantwortlich ist die Regierung, das Wahlsystem, das Erbe Thatchers.....Shit!!! Shit..shit....
 
+Cem Basman, die Frage ist natürlich, ob das noch ein Aufstand ist, oder ob es mittlerweile zu dumpfer Brutalität und Plünderei degeneriert ist.

Eine afrobritische Freundin aus Hamburg, die gerade Lewisham besucht, schrieb gestern dies: >> You´re making it bad for all the rest of us! The majority! Running past my Mother´s house, one of the people of her generation who fought for everything to be cool for us in this country, who fought to dissolve the stereotypes and racism that was rife in this country. Don´t bloody well use a serious issue like police brutality as an excuse to attack innocents in the community and go around mashin' the place up. <<

Hier noch ein interessanter Artikel: http://observers.france24.com/content/20110808-london-riots-tottenham-brixton-after-violent-riots.

Ich zitiere "Tottenham union leader" Keith Flett: >> There’s another problem that has to be addressed: because of cuts in public services, over half of the youth centres in Tottenham have closed recently. [After-school clubs and counselling services were also shut down this year.] These centres gave youth a place to hang out, play sports, stay off the streets. There have also been cuts to the program that gives 16- to 18-years old small allowances as an incentive to continue their education.

Now these kids are wandering around the area, bored. So it’s not totally unexpected that something like this would happen. We need to look at how cuts in services are affecting this community. <<
 
Das war alles vorher klar, mit den Cuts, finanziellen Kuerzungen, und die greifen zum Teil noch gar nicht.....Ich kann Deine afrobritische Freundin voll verstehen, Peter. London ist so eine coole Stadt, mit tollen Shops und Stadtteilen....Mit Rassismus hat das auch nichts mehr zu tun..Dieser Mord war nur ein Ausloeser fuer Krawalle, die Leute sind "very angry", nicht nur die Jugendlichen......Ja, es war zu erwarten, wie Dein zweiter Artikel zeigt, Peter, den Du geschickt hast...
 
Danke für die Links +Sven Scholz +Peter Jebsen !

+Peter Jebsen Das meinte ich: Die Brutalisierung der Aufstände. Es muss ja Gründe geben für diese Wut, die fast jede Hemmschwelle überschritten hat. Einige der Gründe hast du ja in deinem Post genannt.
 
Penyred - Blogspot kannte ich schon. Der Post erklaert Einiges, und das sehr gut, Barbara hallo aus Wales......Es gibt MOMENTAN keine Zukunft...Das ist die Tatsache!!!
 
+Annette Strauch Klar, das System ist für die Ursachen verantwortlich. Aber jeder einzelne ist für seine eigenen Taten verantwortlich dafür hat Gott/Mutter Natur uns Gehirn geschenkt. Ich habe Verständnis wenn jemand z. B. Essen klaut weil er und seine Familie hungern.

Aber wer das Auto des Nachbarn abfackelt oder das Kiosk um die Ecke demoliert, der darf von mir kein Verständnis erwarten.

Warum gehen die nicht zu den Banken und Ministerien um dort ihren Frust raus lassen. Diese sind doch maßgeblich für die Situation verantwortlich.
 
Danke allen für die aktuellen Links zum Thema. Reichlich Lesestoff für heute Abend.
 
@Vladimir:"Verständnis" zu haben entschuldigt niemanden, etwas zu verstehen heißt nicht automatisch, etwas gut zu heißen. Aber Verständnis ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt zu überlegen beginnen kann, was man ändern kann, damit sowas nicht eskaliert. Oder in Zukunft nicht mehr passiert. Wer Verständnis verweigert, verweigert die Möglichkeit, etwas zu ändern. Wer nicht versteht kann nicht rational handeln.
 
Haben sie schon gemacht. Es hat nichts bewirkt....Dein Argument klingt sehr gut; es waere schoen, wenn es so einfach ginge....Wenn die Umstaende so schlimm sind, dann funktioniert das Gehirn nicht mehr...Ein Auto abzufackeln oder mehrere ist einfacher, als ein Ministerium...Ich finde es auch schlimm, na klar - aber so ist es, und ich kann's verstehen....
 
Danke, Sven. Das hast Du so ausgedrueckt, wie ich das auch sehe!
 
+Cem Basman, welche Gründe gibt es für die Randale beim Schanzenfest? Warum werden Fenster eines Szene-Plattenladens eingeschlagen?

2008 bekam ich an der U-Bahn-Station Sternschanze ein Gespräch zweier Krawalltouristen mit. Die beiden Hohlköpfe jammerten darüber, dass es bisher keine Krawalle gegeben habe – zumindest keine, die sie mitbekommen hatten oder, noch besser, an denen sie sich hätten beteiligen können. Frustriertes Fazit: "Vielleicht haben die Bullen dazugelernt - oder wir waren früher frecher!"
 
Man darf nicht vergessen, das Aufstände, also solche Art Riots, generell irrational sind. Da entläd sich blind ein Gefühl der Ohnmacht, das sich in einen Moment der Macht verkehrt. Wichtig ist, das danach aufzuarbeiten.
 
Die Hohlkoepfe brauchten nur einen Ausloeser....

In Grossbritannien akzeptiert man sonst eher alles, auch die Missstaende.
 
Ich stehe bei so etwas auch etwas ratlos da, +Peter Jebsen . Aber mich interessieren eben die tieferen Gründe, was Leute bei allem Frust zu solchen Handlungen veranlasst. Es gibt ja anscheinend etwas, was das auslöst. Selbst, wenn es "Randale machen" sein sollte, es gibt einen tieferen Grund. Keine Wirkung ohne Ursache. Ich glaube auch nicht, dass die Erklärung trivial ist. Oder dass es einfache Rezepte gibt. Egal ob in Tottenham oder Schanze.
 
Danach wird sich nicht viel aendern, Barbara!! / es gab schon so viele 'Danach'..... Schoene Saetze, aber das hilft leider nichts.
 
Nebenbemerkung, in einem der Tweets zu den Londonriots las ich dass junge Mütter bei den Riots bei TescoExpress Windeln und Milch stehlen...
 
Ich glaube, in HH war die Randale anders....

Stimme Cem zu, dass die Erklaerung nicht trivial ist....Ich verstehe das Problem, versuche es, in Worte zu fassen.....

In GB herrscht halt auch noch das Klassensystem, aber die Mehrheit & alle Klassen hassen die derzeitige Regierung, davor wurde auch viel falsch gemacht......Es gibt keinen Lichtblick hier!!
 
Klar, Petra - Windeln sind teuer, wenn Du von 60 Pfund Sozialhilfe (Benefits) in London leben musst! --- wuerdest Du vielleicht auch in einer solchen Situation machen muessen.
 
+Annette Strauch das ist mir durchaus klar, ich fand das eher einen interessanten und erhellenden Punkt, weil so viel der Berichte auf 'die Jugendlichen klauen Fernseher und rauben Restaurantbesucher aus' rausläuft, und dass man eben auch an solchen Sachen sehen kann dass hinter vielem handfeste soziale Probleme stehen, mehr wollte ich gar nicht ausdrücken.
 
"Yes," said the young man. "You wouldn't be talking to me now if we didn't riot, would you?"

The TV reporter from Britain's ITV had no response. So the young man pressed his advantage. "Two months ago we marched to Scotland Yard, more than 2,000 of us, all blacks, and it was peaceful and calm and you know what? Not a word in the press. Last night a bit of rioting and looting and look around you."
Quelle:
http://worldblog.msnbc.msn.com/_news/2011/08/07/7292281-the-sad-truth-behind-london-riot
 
Ich fand es ja auch eine gute Bemerkung, Petra. Liebe Gruesse aus Wales by the way ;-)....Da ist dann noch der Punkt, dass Dir die Polizei auch nicht hilft, wenn Du sie brauchst. Ich repektiere die britischen Cops gar nicht. Ich wurde hier schon mehrfach angegriffen, musste mir IMMER selber helfen, wurde von der Polizei grundlos mit dem Auto verfolgt; habe versucht, die Polizei zu erreichen, doch es ging keiner ans Telefon ran....Es ist einfach kein Sozialstaat....- na, und durch die wirtschaftlichen Probleme ist alles noch schlimmer....
 
PS: Mein Eindruck ist, das aus der berüchtigten Klassengesellschaft in UK eine unüberwindliche Kastengesellschaft geworden ist. Spartakus und die Paria haben keine Zukunft und nichts zu verlieren. Da bin ich bei +Annette Strauch . Die britische Gesellschaft ist sehr viel verfahrener und sehr viel härter, als das, was wir bei uns erleben.
 
Ich war Ende März an dem Wochenende in London, als dort hunderttausende friedlich gegen die sozialen Kürzungen, die zur Rettung der Milliardäre beschlossen wurden, protestierten (die paar kleine Rangeleien am Rande zählen da nicht, bei der riesigen Anzahl Menschen) - am nächsten Tag wurde noch von den Zeitungen berichtet. Am übernächsten schon war es nie passiert. In Deutschland wurde es als Randnotiz in der 20Uhr-Tagesschau erwähnt. Der Rest der Welt dürfte es schlicht verpasst haben. Das Argument des Mannes im Video stimmt. Und genau das ist der Skandal. Die Aufforderung, "friedlich" zu protestieren erscheint in der Tat nurmehr als "...damit wir es ignorieren können". Die hunderttausenden im März hatten keinerlei Auswirkung über den einen Tag hinaus. Das ist das Problem. Und wenn sich das nicht ändert werden wir bald mehr solche jungen Männer vor Kameras stehen sehen, die in Gewalt die einzige Möglichkeit sehen, sich wenigstens einmal in ihrem chancenlosen Leben "Gehör" zu verschaffen. Nicht nur in London.

Aber das wird auch hier zu Lande keiner kapieren. Auch hier wird man glauben, dass das Hinsehen hinter die Kulissen, das Anerkennen, dass auch man selbst "Ursache" ist, weil man Menschen von der Teilhabe am Gemeinwesen, an Bildung und an Chancen abgeschnitten hat, ein Zeichen von "Schwäche" sei, die man "solchen Leuten" gegenüber nicht zeigen dürfe. "Die sollen sich halt mal am Riemen reißen". Und "sich einen gescheiten Job suchen". Anstatt "auf Kosten der Allgemeinheit..." - ach, halt, das ist ja, was wir hier bei uns unseren "Hartzies" sagen. Falsche Baustelle.... Die sind ja nur dumm, ungebildet, Verbrecher gar, Dealer, Kleinkriminelle, Drogensüchtige, Alkoholiker, Asoziale. Alle miteinander.

Jedenfalls: Warum sie das sind, in einem westlichen Land, das selbst in einer Krise noch reicher als der größte Teil der Rest-Erde ist? Diese Frage wird nicht angegangen. Blöd, denn die gesellschaftlichen Verlierer und Chancenlosen haben sich diese Frage inzwischen längst beantwortet. Und solange niemand hingeht und eine alternative Antwort gibt, weil man "kein Verständnis hat für die", vor allem keine, die ihnen eine Perspektive gibt, die ihnen sagt "Doch, auch ihr seid Teil der Gesellschaft und deshalb wichtig und es wert , dass man sich auch um eure Sorgen und Not kümmert, gilt: wer schweigt oder verweigert stimmt zu und bestätigt deren Antwort: "Ihr wollt uns am Boden!" - Dummerweise reagieren ohnmächtige Leute, die nichts mehr zu verlieren zu haben glauben und auch nicht mehr dran glauben, dass sie auch nur irgendwas zu gewinnen hätten, meist auf zwei mögliche Arten: völlige Resignation und Selbstaufgabe - oder aber blinde, auch selbstzerstörerische, Wut.

Wie gesagt: Verständnis ist keine Entschuldigung. Aber Verständnis ist die Voraussetzung für Veränderung. Und einige Veränderungen sind nötig, wenn London nicht erst der Anfang sein soll...
 
Zu dem Penny Red Artikel: "Police stations are being set alight all over the country" usw usf.

Seit wann ist London "all over the country"? Ja, es hat vereinzelte Ereignisse insbesondere in Birmingham und ein paar in Liverpool und Nottingham gegeben. Allerdings sind mir keine brennenden Polizeiwachen ausserhalb London's bekannt. Den ganzen Artikel wuerde ich mir Vorsicht geniessen.

Zwei meines Erachtens recht gute Artikel auch zu den Ursachen:
http://simonspurrier.blogspot.com/2011/08/londons-burning-call-engine.html

Und etwas ueberraschend im Torygraph: http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/law-and-order/8630533/Riots-the-underclass-lashes-out.html

Wer ein paar Originaltoene hoeren will:
http://audioboo.fm/boos/434411-leana-hosea-speaks-to-croydon-looters-on-bbcworldservice

PS: Ich lebe seit ueber 15 Jahren hier, hatte mit der Polizei noch nie Probleme und wenn ich sie mal brauchte waren sie eigentlich immer hilfreich und zuvorkommend. Ob das Leben hier haerter ist als in Deutschland moechte ich mir nicht anmassen beurteilen zu koennen. Von Ferndiagnosen wuerde ich an Eurer Stelle auch absehen, ihr versteht dieses Land mit ziemlicher Sicherheit noch weniger als wir die hier leben.
 
All over the country - Liverpool, Nottingham, Bristol - okay, nicht ueberall, aber doch mehr als nur London, Armin! ---wer macht denn Ferndiagnosen...?? Die Leute versuchen nur, zu verstehen. Ich lebe seit 12 Jahren hier. Man macht doch automatisch Vergleiche, oder!?? / ich finde es nicht normal, wenn man so hohe Studiengebuehren zahlen muss, 3 Jahre auf eine Operation warten muss, die Alten im Winter erfrieren....Der Hausmarkt, Standards - don't get me started....
 
+Armin Grewe Ja, es ist schwierig, das alles zu erklären. das sollen auch keine Ferndiagnosen hier sein. Nur offene Fragen. Manchmal ist aber ein Blick von Aussen auch eine "neutrale" ergänzende Betrachtung. Und manchmal helfen solche Diskussion auch die Spannungen in Deutschland zu verstehen.
 
Nicht nur die Jugend ist ohne Perspektive im Vereinigten Koenigreich.
 
Gute Fragen, sehr gute Diskussion....Vergleiche sind schwierig, weil doch die Umstaende anders sind.
 
Annette, bitte lies meine Antwort richtig. Oder zeige mir die Berichte ueber brennende Polizeiwachen in Liverpool, Nottingham und Bristol (Ich habe bis jetzt eine einzige in Birmingham finden koennen).

Wer Ferndiagnosen macht? Meinst Du die Frage ernst?

Man macht automatisch Vergleiche? Nein. Ich nicht.
 
Schade. Nicht zu vergleichen, koennte ich mir nicht vorstellen. Ich mache immer Vergleiche, auf Reisen, da, wo ich lebe - automatisch. Ohne Vergleiche kein Verstaendnis fuer eine andere Kultur.

Wenn Du hier lebst, steckst Du doch auch mitten drin, oder?
 
Ein sehr guter Post von Christine, Cem! - sehe ich auch so.....In Deutschland oops, ein Vergleich, muessen Studenten zum Beispiel pro Term nicht 9000 Pfund zahlen...Ich denke, die Briten erreichen viele sehr gute Sachen in Eigeninitiatve, wo man in Deutschland doch eher noch unterstuetzt wird...
 
Ich bin vielleicht (einiges) naeher dran aber nicht mitten drin, von Reading ist es ja nicht gerade weit bis London. Aber London ist nicht das ganze Land (auch wenn das von der Londonzentrischen Presse immer gerne so gesehen wird). Ich habe einige Bekannte und Kollegen in London, meines Wissens hat keiner von denen Schaeden erlitten oder etwas mit eigenen Augen gesehen (auch wenn sich einige ziemliche Sorgen gemacht haben es koennte zu ihnen kommen). Auch die anderen Staedte waren vergleichsweise irrelevant. Von all den Orten (Manchester, Glasgow, Edinburgh, Newcastle, Sunderland, to name a few with a lot of "underclass") wo meines Wissens nichts los war mal ganz zu schweigen.

Ich gebe offen zu ich bin privilegiert (habe eine ueberdurchschnittliche Ausbildung, verdiene ueberdurchschnittlich, usw), aber da duerfte ich bei weitem nicht der einzige hier sein. Gleichzeitig kenne ich genuegend "einfache Menschen" die teilweise mehrere Jobs haben um ueber die Runden zu kommen. Keinem von denen wuerde es in den Sinn kommen zu pluendern und ihresgleichen die Lebensgrundlage zu zerstoeren. Auch nicht wenn die "reich" sind weil sie einen Newsagent oder ein Friseurgeschaeft fuehren....

Zum Thema Vergleiche: Nein, ich glaube nicht dass man vergleichen muss um eine Kultur zu verstehen. Ich glaube man muss eintauchen in die Kultur und vor allem diese akzeptieren. Meines Erachtens ist das der richtige Weg eine Kultur zu verstehen, da man ansonsten meistens doch eher das schlechte findet (so wie in Deiner Aufzaehlung oben...)

Und bei dem ganzen schlechten dass die letzten Tage so geschrieben wird, ich freue mich dann immer wieder so etwas zu lesen: http://www.bbc.co.uk/news/uk-england-london-14456857 Weil es David Cameron's "Big Society" naemlich schon lange gibt, nur nicht so wie er sich das vorstellt, sondern viel besser.
 
Armin: (mobil von unterwegs, G+ App funktioniert nicht so zuverlässig. Sorry.) Die Cleanup Story finde ich gut. Zeigt, dass es auch andere Kräfte gibt. Gut so.

Trotzdem: "Aus der Ferne" sieht es für mich aus, dass ein sehr tiefer Graben durch die britische Gesellschaft führt. Als Optimist, hoffe ich, dass er überbrückbar ist und dass er verringert werden kann und muss.

PS: Kann leider mobil keine Kommentare plussen oder Post teilen.
 
Dieses Video ist auch sehr interessant:

http://www.dangerousminds.net/comments/london_riots_dont_expect_the_bbc_to_replay_this_clip/

Die Analyse ist doch nicht neu: Wenn mein Leben anscheinend nichts mehr Wert ist (in den Augen der - bestimmenden - Anderen), dann habe ich auch weniger zu verlieren. Und damit - in meinen Augen - auch die anderen - wer immer das ist: Shopbesitzer, Polizisten, Nachbarn, Politiker...Das fördert weder die argumentative Auseinandersetzung (zumal das ja auch längst kein erfolgsversprechender Weg ist, wenn mittlerweile auch hierzulande z.B. die Grünen Projekte verabschieden, die sie eigentlich ablehnen.) noch mittelfristiges taktisches Vorgehen.

Den tiefen Graben gab es in England schon immer. Der Begriff "Working Class" wurde gern benutzt. Bei uns sind wir ja alle "Mittelschicht", ohne Graben und sehr transparent - da schickt sich die Auseinandersetzung mit oben nicht. Bis Stuttgart 21.
 
+Cem Basman +Martin Giese
Welcher Graben denn genau? Der Graben zwischen welchen beiden Gruppen? Das ist mir zu einfach.

Das der immer groesser werdende Unterschied zwischen den Top-Verdienern und den Gering- bis Nichtsverdienern immer groesser wird, ja, das ist ein gewaltiges Problem und traegt sicher zu dem Problem bei. Keine Frage.

Aber das reduziert das ganze zu sehr. Viel zu sehr.

Hoert Euch mal den Audioboo Clip oben an. Den beiden geht es darum "fun" zu haben. Die haben laut Eigenaussage beide einen Job, auch wenn der vermutlich schlecht bezahlt ist. Aber die bezeichnen den kleinen Ladenbesitzer der wahrscheinlich ein vielfaches arbeitet und wenn ueberhaupt nur unwesentlich mehr verdient als reich. Dem kann man ruhig den Laden ausrauben und kleinhauen.

Da ist noch irgendwo was anderes schiefgelaufen. Und da ist nicht nur irgendwo ein Graben.
 
Ich wollte kurz Cems Graben aufnehmen. In England ist die Demokratie älter, die Klassengesellschaft aber wohl auch. Bei uns ist es - scheinbar - weniger ausgeprägt.

Das mit dem "fun" stimmt sicher auch. Nur: Vielleicht könnte man anders mehr Spass haben: Musik machen, knutschen, philosophieren, kochen, essen etc.... Nur: das ist nicht mehr im Mindset. Das Geld reicht nicht mehr, um sich auch nur eines von diesen (jaja, überflüssigen) Klamotten/Gadgets etc. zu kaufen, um in der Peer Group auch mal der Held zu sein. Und wenn sich da mal eine kleine Lücke bietet.....

Das Verhalten ist weder vernünftig noch revolutionär und trifft - im Endeffekt - oft die falschen, kleinen (meist unversicherten) Ladenbetreiber.

Aber haben wir uns z.T. nicht auch in einer Welt eingerichtet, die nicht gerecht ist, weil sich für uns (noch) genügend Lücken auftun?
 
+Annette Strauch Habe ich gar nicht böse aufgefasst! Danke für den Einblick. Dass das Leben in GB sehr viel härter ist als hier, habe ich vermutet, aber mal aus erster Hand Erfahrungen zu hören ist natürlich noch ganz was anderes.
 
Mist. G+ App verschluckt meine Kommentare. Morgen weiter. :-(
 
Sollten die Berichte stimmen, dass viele Plünderer ihre Beutezüge per Blackberry koordinieren, passt das nicht zu manchen Erklärungsversuchen in diesem Thread.

Windeln klauen zu müssen, weil man sich die von £60-Benefits nicht leisten kann, aber gleichzeitig ein Blackberry mit Vertrag besitzen? Irgendetwas stimmt nicht an diesem Bild.
 
+Peter Jebsen Wie ich schon vorher schrieb: Solche Riots sind nicht rational. Da geht es um ein paar Nächte der Macht, und Geschäfte / Konsum als Ziel allgemein. Es geht ja nicht mal um das Besitzen, sondern um das kaputt machen...
 
@Barbara, die Plünderer, die große Flachbild-TVs aus Läden rausbugsierten, sahen nicht so aus, als ob sie ihre Beutestücke gleich wieder zertrümmern wollten.
 
Ach Peter, nichts für ungut, sorry, aber ich halte dich eigentlich für so intelligent, das ein bisschen differenzierter zu sehen. Manche nehmen sich was mit, andere zerstören halt. Das sind ja auch unterschiedliche Leute. Deshalb gibt es trotzdem gesellschaftliche Ursachen und soziologische Erklärungen jenseits "alles böse, dumme, kriminelle verwöhnte Kids, die einfach schlechte Menschen sind" für das Verhalten, die glücklciherwesie in vielen intelligenten Artikeln und Interviews auch benannt werden.
 
Vielleicht werfen wir jetzt zuviel durcheinander: Dass Plündern Bedürftigen weder hilft noch die Strukturen ändert, ist wohl klar. Dass sich Unzufriedenheit nicht (mehr) in politische Aktionen umsetzt, die geduldig auf die nächste Wahl wartet, auch. Dass einige die Ungerechtigkeit einzig und allein darin erkennen, nicht sofort Zugriff auf das neueste Gadget/Auto/Modeteil legitimiert die Kluft zwischen Oben und Unten nicht. Ich glaube, da hat mal jemand etwas von "Das Sein" "bestimmt" und "das Bewußtsein" geschrieben - ist schon lange her - aber vielleicht habe ich das auch nur geträumt....
 
Barbara, mit meiner Antwort bezog ich mich gezielt auf einen Kommentar von dir, den ich für undifferenziert hielt. Du sprachst darin am Ende primär vom Kaputtmachen.

Ja, solche Krawalle sind sicherlich "irrational". Aber ich bin so arrogant, diese Art von destruktiver Verblendung pauschal zu verurteilen. Jemand, der sein eigenes Zuhause zerstört, um vermeintlich gegen Leute zu protestieren, die in ihren Enklaven weiter völlig unangetastet die Früchte ihres Wirkens genießen können, ohne persönlich echte Verantwortung für die Konsequenzen ihres Tuns zu übernehmen, ist für mich ein Vollidiot.

(Ich gebe zu: Differenzierter kann ich derzeit nicht antworten, da ich gerade unterwegs bin und diese Worte spontan in mein Handy hacke. Aber ich habe vorhin ja schon eine afrokaribische britische Hamburgerin zitiert, die sich gerade in einem der Kampfgebiete aufhält und ähnlich sauer ist wie ich.)
 
P.S., von "verwöhnten Kids" habe ich nie gesprochen. Das sind sicherlich die wenigsten der plündernden und randalierenden Vollpfosten.
 
+Martin Giese, ich bin im Moment zu faul, um für eine intelligente Antwort M&L-Interprationen zu wälzen. Meine Schulzeit ist zu lang her ... ;-)
 
Komme gerade von unterwegs zurueck. Armin - gute Ansaetze, auch wenn ich wirklich nicht mit allem uebereinstimme.



Peter - die Blackberries haben sie oder die Eltern vielleicht per Kredit gekauft. Das machen hier viele so und zahlen das dann ewig ab...Oder: statt sich etwas Nahrhaftes zu essen zu kaufen, werden die Benefits eben fuer ein Handy gespart..Drogen, Alkohol weren auf gleiche Weise erworben....Das geht schon. Genau: die Kids, die verwoehnt sind, machen nicht die Randale.

Und Armin: ich denke, es gibt keinen richtigen Weg, andere Kulturen zu vestehen. Jeder behauptet ja gerne, sein Weg sei richtig....Meiner uebrigens auch nicht....
 
+Annette Strauch, da ich mein Palm Pre ebenfalls per Raten-Deal angeschafft habe, überrascht mich das nicht. Ich klaue aber keine Babywindeln. ;-)
 
Aber das "friedlich demonstrieren, damit wir es ignorieren können, kommt mir ziemlich bekannt vor. Weit weg von allen, die es hören können. Warum es beispielsweise eine bannmeile geben muss, erstreckt sich mir nicht. Warum diese in berlin zum Papstbesuch gar ausgeweitet werden soll auch nicht... Oder die friedlichen Castor Demos... Hätten die ohne fukushima ein Ergebnis gehabt??? Da geht es ja auch darum. "irgendwo ein Plakat hochhalten, während der Transport durchbraust hat null Effekt also mach den Transport so langwierig und teuer wie möglich ... Nur dadurch nimmt irgendwer außer den Menschen im Wendland überhaupt kenntniss und nur dadurch kommen Politiker uberhaupt in die not, sich und ihre taten zu erklären.
 
Ha ha, Peter - that made me smile, da musste ich mal schmunzeln ;-) heute abend. Ich klaue auch keine Windeln oder sonst etwas.
 
+Armin Grewe Gute Sache: Clean-up. Wenn Du so nahe in Reading bist, waere es ja super, wenn Du auch mithelfen koenntest, nicht wahr?

Schau' mal, jetzt ist in Manchester mehr los...Leider!

Versuch' doch mal, in die Kultur vieler Jugendlicher hier einzutauchen (wie Du oben schreibst, in Kultur einzutauchen)....Es werden auch nicht nur immer die negativen Dinge aufgezaehlt, beim Vergleichen. Mir fallen oft die positiven Dinge auf: schoene Landschaften, interessante Museen, untersch. und gutes Essen, super Musik aus England, die netten Pubs, der weniger foermliche Umgang mit Leuten am Arbeitsplatz hier in GB im Vergleich zu anderen Laendern - und, und und...

David Cameron - von dem halte ich gar nichts...wie von den Tories insgesamt.
 
Penny Reds Blog-Beitrag (den ich in Bezug auf die Demonstranten/Plünderer etwas zu unkritisch finde) wurde hier ja schon erwähnt. Am pointiertesten fand ich diesen Ausschnitt aus dem Kommentarthread, der die "Logik" der Randalierenden beschrieb:

>> "I am angry about high unemployment, so I will destroy businesses and put people out of work!"

"I am angry about some services being taken away, so I will ruin the rest of them!"

"I am angry about 1 man being shot, so I will put thousands of people in mortal danger!"

"I am angry about the Police, so I will ruin my own community! That will show them!" <<

http://pennyred.blogspot.com/2011/08/panic-on-streets-of-london.html?showComment=1312870311051#c2868389870657124817
 
Ich muss noch eine persönliche Ergänzung zu all dem bisher Gesagten hinterherschicken:

Ich liebe die karibische Szene in Brixton (ich war mal mit einer Jamaikanerin verheiratet), und ich besuche diesen Stadtteil bei so gut wie jedem London-Trip. Es gibt dort kleine feine lokale Läden, die mit großem persönlichem Engagement aufgezogen wurden und die mir ans Herz gewachsen sind.

Mir graut bei dem Gedanken, dass diese netten engagierten Leute in den ganzen Aufruhr verwickelt werden und irgendwelchen hirnlosen Honks (die vielleicht früher selbst Kunden waren) dabei zuschauen müssen, wie diese ein Lebenswerk in Schutt und Asche legen.

Bei zweien dieser Läden (Bamboula habe ich erst am vergangenen Mittwoch besucht) habe ich heute angerufen, um mich nach der aktuellen Situation zu erkundigen. Beide sind zum Glück bisher verschont geblieben, einer von beiden (Negril) hatte heute sicherheitshalber geschlossen.
 
+Armin Grewe for these people it is sometimes useful to compare between countries - to learn or just to look - http://www.bbc.co.uk/news/world-europe-14462319, wie hier zum Beispiel mit Frankreich. Gruss aus Wales. Ja, hier ist es ruhig geblieben. Die Probleme sind aehnlich. Mal sehen, wie es weitergeht in einem Land, wo die wenigsten so priveligiert sind, wie Du und ich.
 
"Protestler" steckten in der vergangenen Nacht in Nottingham eine Schule in Brand. Eine Maßnahme des politischen Kampfes, welche die Situation der sozial Benachteiligten sicherlich schnell und effektiv verbessern wird.
 
Aendern wird sich nicht viel..Es kommt nur schlimmer :-(.
 
Kannte ich schon, "the psychology of looting", aber via @Peter sehr zu empfehlen, und @Hagen- ja, Dein Fazit ist ganz gut. In Deutschland fuehlte ich mich nie so hilflos wie hier.

Wo wir kurz beim Thema Sozialstaat sind: sehr gutes Gesundheitssystem in Deutschland (bezweifeln Deutsche auch gerne bzw. meckern viel ;-)), in GB wurde ich nicht behandelt und waere jetzt tot, eine Notoperation in Deutschland half mir 2004, wie gut, dass ich noch versichert war, aber mir waer auch so geholfen worden.....// Viele britische Polizisten haben selber Angst oder sind gar nicht richtig ausgebildet. Hier ist nicht viel sozial, aber es gibt gute Buergergruppen, die sich helfen. Ich habe oft auch mehr Engagement und Hilfe erlebt als in Deutschland....eher in England aber, als in Wales, wo eher Passivitaet herrscht, weil eh nichts geaendert wird...Glaubt mir, ich war auch immer auf der Schiene, man koenne alles einfach aendern, aber das geht nicht.
 
von "einfach" hat keiner was gesagt...
 
+Annette Strauch, das ist ein schönes Stück Literatur, das die Realität mancher Plünderer zutreffend beschreiben mag. Es lässt aber außer acht, dass Menschen in westeuropäischen Sozialstaaten auch in ausweglos erscheinenden Situationen zumindest theoretisch die Option haben, ihr Leben halbwegs sinnvoll zu gestalten.

In der Kommentarspalte von Penny Reds verlinktem Blogbeitrag zum Beispiel gibt es mindestens eine Antwort eines Briten, der behauptet, unter ähnlichen Bedingungen wie viele (manche?) der beschriebenen Plünderer aufgewachsen zu sein, aber andere, konstruktivere Entscheidung für sein weiteres Leben getroffen habe.
 
Ich finde das ja alles sehr richtig,@Peter Jebsen, und bei einigen klappt es ja auch sehr gut, wie Penny das geschrieben hat.

Nur ist die Lage meiner Meinung nach fuer viele dieser Leute ohne Hoffnung, weil sie Hilfe brauchen und ihnen oft keiner hilft.
 
Guter Link! _ Das Geld geht aber trotz Mindestlohn gleich weg, Armin, zumindest bei den meisten hier in UK. Die Lebenshaltungskosten sind in Deutschland teilweise geringer, obwohl sich das auch geaendert hat. Viele mieten Wohnungen in Deutschland - kommt hier auch in Mode, haben in Deutschland nicht so eine hohe "Mortgage", die Krankenkassen in Deutschland bezahlen zum Beispiel Physiotherapie, was man hier alles selber zahlen muss. Der Artikel ist gut. Danke, Armin. Ja, ich denke auch man kann die Situation in Deutschland heute nicht mit den 90er Jahren vergleichen, wie David Cameron das gerne tut. Wales, wo ich lebe, ist ein armes Land. Wenn einer 18,000 Pfund pro Jahr verdient, dann ist das gut. Die Kosten sind aber genauso hoch wie in England.....Hartz IV gibt es nicht und wenig Hilfe fuer die Arbeitslosen generell....Okay, es gibt ueberall "benefit fraud". Ich denke, es kommt auf die Umstaende an....
 
Hast Du mal die Kommentare gelesen, Armin? - habe ich gerade gemacht, - House prices are far, far lower in Germany, the infrastructure is amazing: good roads, nice trains (with much lower fares), new cars on the roads. People have more time during the week there to enjoy themselves, also longer holidays...If you are a skilled worker you get good money. In Britain, there is no proper apprenticeship as such....Yet, the Germans can be good at moaning...I often wonder how certain people would manage here...The grass is always greener on the other side. It depends on the circumstances...Nowhere is better....Because things are cheaper people have more money to save or to spend for fun things.
Add a comment...