Anatol Stefanowitsch originally shared:
 
Gegen einen ordentlichen #Shitstorm ist nichts einzuwenden: Der Shitstorm ist eine wichtige Erscheinungsform des partizipatorischen öffentlichen Diskurses (d.h.: eines öffentlichen Meinungsaustausches, bei dem alle mitmachen dürfen, die mitmachen wollen). Ein Shitstorm kann eine kathartische Wirkung auf diejenigen haben, die auf diese Weise ihrem Ärger Luft machen, er kann der Avantgarde der deutschen Journalist/innen (also denen, die in sozialen Netzwerken aktiv sind) dabei helfen, Themen zu identifizieren, die gerade viele Menschen bewegen, und natürlich kann er den möglichen Missetäter/innen, gegen die er sich richtet, die Reichweite ihres Fehlverhaltens (oder wenigstens die Reichweite der Empörung darüber) vor Augen führen.

Allerdings ist so ein Shitstorm emotional auch ziemlich aufzehrend, und zwar sowohl für die Shitstormenden als auch für die Geshitstormten. Die Shitstormenden steigern sich häufig so sehr in ihren Ärger hinein, dass sie am Ende völlig enthemmt und ohne jede Rücksicht auf Verluste oder gar ein grundsätzliches Gerechtigkeitsempfinden gegen die Geshitstormten wüten. So wird aus einem legitimen Anliegen eine Entschuldigung für hasserfüllte Hetze und die massive Verletzung von Persönlichkeitsrechten und Privatsphäre. Die Geshitstormten dagegen reagieren nach anfänglicher Gesprächsbereitschaft schnell mit einem Verschanzen in Positionen, deren Untragbarkeit sie in einem ruhigen Gespräch vielleicht schnell eingesehen hätten.

Wir brauchen deshalb dringend ein Gegengewicht zum Shitstorm: Ich präsentiere: Den #Flauschstorm. Die Idee des Flauschstorms ist es, Menschen, die mehr als den ihnen zustehenden Anteil an Shitstorms über sich ergehen lassen mussten und müssen, einen Tag lang aufrichtig und vor allem ironiefrei liebe Dinge zu sagen, ihnen zu sagen, was sie alles gut und richtig machen, sie ganz allgemein mit Lob und verbalen Knuddeleinheiten zu überschütten. Wer nichts Nettes zu sagen weiß, hält sich aus dem Flauschstorm heraus, bzw. retweetet einfach die Nettigkeiten anderer. Auf diese Weise können Shitstormende und Geshitstormte durchatmen, Kraft sammeln, vielleicht sogar ihre gegenseitige Zuneigung wieder entdecken.

Als Ziel für den ersten Flauschstorm der Geschichte schlage ich die #15piraten im Berliner Abgeordnetenhaus vor, die sich, seitdem der Atem der Geschichte sie in einer für alle (auch sie selbst) überraschenden Größenordnung auf die Bühne der Hauptstadtpolitik geweht hat, einen Shitstorm nach dem anderen über sich ergehen lassen müssen -- manchmal wegen eigener schwer nachvollziehbarer Entscheidungen, manchmal einfach deshalb, weil sie eben zur Zeit die sichtbarsten Vertreter/innen ihrer Partei sind.

Es sind 15 Menschen, die bereit waren, ihre Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand in politische Arbeit umzumünzen, statt sich, wie die meisten von uns, damit zu begnügen, diese Unzufriedenheit in Form von geistreicher Häme in Foren und sozialen Netzwerken, Blogs und Zeitungsartikeln auszuleben. Dabei machen sie ohne Frage auch Fehler, verheddern sich in der gordischen Aufgabe, politische Ideale und politische Realität miteinander zu verbinden oder die Landespolitik, für die sie gewählt wurden, mit der bundespolitischen Leuchtturmfunktion, die sie aufgrund des historischen Kontextes nun einmal haben, in Einklang zu bringen.

Aber sie tun eben ihr Bestes, sie sind trotz aller Shitstorms immer noch bereit, zuzuhören und sich zu verbessern, und unser aller Träume von einer freien, gerechten, partizipatorischen Gesellschaft irgendwie ins politische Tagesgeschäft einzubringen. Dafür haben sie einen Flauschstorm in Orkanstärke verdient. Also:

1. Überlegt, ob ihr etwas Nettes über die 15 Abgeordneten sagen könnt (keine Ironie!).
2. Postet es auf Twitter mit den Hashtags #flauschstorm und #15piraten.
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