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Thalia Theater
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Schillers „Alle Menschen werden Brüder“ oder Beethovens 9. Symphonie sprechen die Sprache dieses Enthusiasmus. Sie überführen die Ideen der französischen Revolution in Poesie und Dichtung. In ihnen drückt sich die kryptoreligiöse Idee einer möglichen Weltordnung in Harmonie aus. Die deutsche Klassik ist überhaupt von der Idee beseelt, eine Zusammenschau von Welt sei möglich. Dafür gibt es viele Varianten, sei es der an Baruch Spinoza entwickelte Beinahe-Pantheismus Goethes, sei es das bei Schiller säkularisierte triadische Modell von Paradies, Sündenfall und Erlösung – also die Hoffnung auf die „ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ oder Goethes an der Alten Frankfurter Oper befestigtes „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. All dies verschafft der damals neu aufstrebenden sozialen Klasse des Bürgertums Halt, Stolz, Beheimatung in einem größeren Ganzen, Idealbilder, die sich um die Überwindung dissoziierender Erlebniswelten bemühen, sich an diesem Ziel abarbeiten und einen Ort bieten,, um gegenläufige Erfahrungen zu verarbeiten. Kultur wird zur religiösen Ersatzheimat, und man leistet sich Stätten von Katharsis, Erhebung und Erlösung, Orte, an denen man sich selbst „bilden“ kann, wobei „Bildung“ hier etwas Ganzheitliches meint, und nicht eine Moral- oder Wissensanstalt. Die Konzerthäuser und Theater, wo so etwas stattfinden kann, gibt es bis heute. Hier hat man stellvertretend im Drama schmerzhafte Dissoziationsmomente durchgespielt, um sie dann hoffentlich hinter sich lassen zu können. In der deutschen Klassik mit ihrem humanistischen Menschenbild lebt die Idee, Dissoziation sei gesellschaftlich wie individuell aufhebbar, besonders euphorisch. Diese Art der Glücksvorstellung mit einer Vorstellung von Ganzheitlichkeit scheint tatsächlich eine anthropologische Konstante von hoher Dringlichkeit zu sein. Von nichts anderem träumen die Menschen. Denn sie erleben ja tagtäglich, dass die restlos harmonische Identität mit sich selbst, seinem sozialen und beruflichen, seinem persönlichen, kulturellen und politischen Umfeld nur höchst selten und momenthaft stattfindet: in der Liebe zu einem Partner, in der Geburt eines Kindes, in Augenblicken religiöser oder künstlerischer Erfüllung, in Momenten von Naturerfahrung, in euphorischen sozialen Bewegungen oder persönlichen Erfolgen verschiedenster Art. Hier ereignet sich dann die „Einheit der verschiedenen Bestandteile der Selbstwahrnehmung“ (Wikipedia). Was wäre, wenn das von Dauer sein könnte? Und aufgehoben in einem großen Ganzen? Hiervon träumen Künstler und Philosophen besonders intensiv: Kleist in seinem Marionettentheater, die Weimarer Klassiker Goethe und Schiller, Hegel und auch Marx – ja tatsächlich ganz besonders die Deutschen! Aber es ist eben ein Traum. Der überwiegende Rest der Lebenszeit besteht aus Mangel, Fehlen, Vermissen, Realitätssinn, Verdrängung, Schmerz – kurz in einer permanenten Dissoziation zu den eigenen Wünschen und Träumen.

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Am 22.11. startet Jupiter's Moon in den Kinos, Regie führte Kornél Mundruczó, der am #thaliatheater zuletzt "Die Weber" inszeniert hat. #programmtipp https://www.facebook.com/NFPKino/
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Die Aufklärung war der Versuch, gegen die Erfahrung vom Zerbrechen des kosmologisch-theologischen Zusammenhangs zu arbeiten, indem man ihn neu und anders, nämlich ausschließlich irdisch, begründete. Es entstand erstens eine Ethik ohne Gott: Mit der Kantschen Formel von der Befreiung aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ wurde der einzelne Mensch neu ermächtigt, mit dem kategorischen Imperativ aber sozial im Zaum gehalten und zu Verantwortung und Respekt vor dem, was ihn umgibt, erzogen. Und zweitens begründeten sich Staat und Gesellschaft mehr und mehr ohne Gott, aber als säkulare Sozialutopie mit den zentralen Schlagworten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Interessant ist, dass die Menschheit in dieser revolutionären Neugründung eigentlich an der Grundüberzeugung von der Möglichkeit einer harmonischen, ganzheitlichen Ordnung festhält – gegen alle Erfahrung. Und letztlich alte theologische Sinnzusammenhänge nur säkularisiert, ihnen den Obskurantismus nimmt und sie neu begründet. Das war erfolgreiche Arbeit gegen Dissoziation, ja mehr noch, sie hat sogar in der Idee von Toleranz, Weltbürgertum und Kosmopolitanismus über ihre eigenen Grenzen hinaus die Welt als Ganzes mitnehmen wollen – jedenfalls in der Idee. Das ist ein Auftrag, der bis heute erhalten geblieben und zugleich unerlöst ist.
Der Halbhamburger Lessing eignet sich bis heute gut als aufklärerische Zeugenschaft für die unerledigte wie notwendige Arbeit an einer kosmopolitischen und interkulturellen, der Toleranz und der Weltläufigkeit verpflichteten Kultur. Denn das ist nach den Nationalismen und Totalitarismen des 20. Jahrhunderts ganz sicher die historische Aufgabe des 21. Jahrhunderts.

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Im Extremfall entfalten diese Dissoziationsprozesse eine ungeheuer destruktive Kraft. Dann nämlich, wenn sie in gar kein rational begründbares Verhältnis zur Welt mehr treten können, Shakespeares „King Lear“ ist so einer. Er geht zugrunde, weil bei ihm tatsächlich die „integrative Funktion des Bewusstseins außer Kraft“ gesetzt ist. Er schätzt sich selbst falsch ein, schätzt seine Töchter falsch ein, und erholt sich nie mehr von diesem Wirklichkeitsverlust, im Gegenteil: er verliert die „integrative Kraft des Bewusstseins“ immer mehr, bis alle tot sind, er selbst wahnsinnig und sein Reich zerstört. Ein anderes Beispiel ist der Pferdehändler Hans Kohlhase aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Er greift gegen ein Unrecht, das man ihm angetan hat, zur Selbstjustiz, wird selbst zum Verbrecher und vernichtet sich und die Welt um sich herum. In beiden Fällen ist über das Individualversagen hinaus der Verlust einer die Existenz rahmenden Ordnung spürbar. Die Welt ist im Aufruhr, warum sollte es in der Menschenseele anders sein? Der gesamte überkommene Rahmen mit dem Septett aus vier antiken und drei christlichen Tugenden, die relativ raffinierte Technik mit Sünde, Vergebung und Himmelstrost – all das wurde jetzt mehr oder minder weggebombt, eine ungeheure Explosion des Ichs ereignete sich, mitsamt allen Licht- und Schattenseiten. Es war der Gestus der Revolte der Wahrheit gegen die theologische Lüge, die den Menschen als Schaf bisher kleingehalten hatte. Durch den damit verbundenen Schmerz muss man anscheinend durch.
Aufklärung als dauerhafter Auftrag zur Neugründung. Europa und seine Bevölkerung haben von der Renaissance bis zur französischen Revolution, also ca. 250 Jahre (!) gebraucht, um sich durch diesen zweiten Akt der Aufklärung durch zu arbeiten und ihn halbwegs zu vollenden. Er durchdrang und veränderte sämtliche Lebensverhältnisse, die Künste, das Sozialsystem, den Staat, das Bild vom Menschen und legte mit den Säkularisierungskonflikten von Reformation und Gegenreformation halb Europa in Schutt und Asche. Interessant ist, dass aus dieser erzählerischen Perspektive das Zeitalter der französischen Revolution und die Aufklärung die gewaltigen destruktiven und dissoziierenden Prozesse der Zeit davor eher abschließen als neue Dissoziationen herauf zu beschwören. Ja, man könnte sogar sagen, dass hier so etwas wie eine Neugründung stattfand, mit neuen Sinnzusammenhängen und einem neuen Wertekanon. Das ist im Hinblick auf die Fragen, die uns in unseren heutigen dissoziierten Verhältnissen beschäftigen, von hoher Bedeutung. Denn wir leben nach wie vor von und mit den dort geschaffenen Sinnzusammenhängen, sowohl gesellschaftlich wie auch individuell. Ja, wir dachten, wir hätten sie – nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts – erfolgreich zurückerobert. Und nun stehen sie aktuell unter dem Beschuss durch „Identitäre“, wie wir es uns vor kurzem noch nicht hätten vorstellen können.

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Was ist in der Renaissance konkret passiert? Am Anfang steht fast eine Farce: Die Erde und mit ihr der Mensch stand seit fast 2000 Jahren im Zentrum: mit einem Firmament darüber, an dem die Gestirne aufgehängt sind, mit dem Menschen im Mittelpunkt, und über ihm ein richtender Gott, der das Leben der Menschen in Gut und Böse aufteilt. Plötzlich aber entdeckt er in einem gewaltigen Emanzipationsakt – und das ist ein wahrhaft paradoxer Vorgang, dass er eben nicht im Mittelpunkt des Kosmos steht! Der immer selbstbewusster und autonomer auftretende Mensch entdeckt als allererstes seine Kleinheit! Eine Entdeckung, die ihn zugleich grösser werden lässt, und den alten kosmologischen Zusammenhang schwerstens beschädigt. Das geo- und also homozentrische Weltbild dankt ab, und wird ersetzt durch das heliozentrische.
Gleichzeitig aber wird der Mensch größer und größer. Überall gibt es plötzlich Titanen, große Einzelfiguren, die ganz allein die Welt verändern: Wissenschaftler wie Kepler, Newton oder Galilei. Pioniere der frühen Globalisierung, man nannte es Kolonialismus, wie Kolumbus oder Vasco da Gama, Bildhauer wie Michelangelo, die - sich an die griechische Antike erinnernd – den Menschen ins Übermenschliche vergrößerten wie später Nietzsche, die Entdeckung des Porträts realer Menschen (statt theologischer Heiligenfiguren) in der Malerei, Theologen wie Luther, der die Kirche als größte Macht Europas infrage stellte und mit der erstmaligen Übersetzung der Bibel einen frühen Akt von Demokratisierung initiierte, einen Buchdrucker wie Gutenberg, der Anfang der Massenmedien, einen Händler wie Fugger, der als Geburtshelfer des Kapitalismus gilt usw. usf. Nicht zuletzt betritt hier der bis heute größte Dramatiker der Weltliteratur die Bühne: Shakespeare. Interessant ist auch, wie hier literarische und reale Prototypen des Menschlichen auftreten, wie intensiv also offenbar der Mensch beginnt, sich für Spielarten und Sonderformen der eigenen Gattung zu interessieren: der Erotomane Don Juan versucht über den Eros das metaphysische Loch zu überspielen und den Tod zu besiegen, der Forscher Faust will die Welt und ihren inneren Zusammenhang mithilfe der Wissenschaft ergründen, der Merkantilist Jedermann („Everyman“) schwört jeder Transzendenz ab und wird mit dem Tod bestraft, der Träumer Don Quijote dagegen will die Realität mithilfe der Phantasie überspielen und schließlich betritt mit Hamlet erstmals eine sich selbst reflektierende, von schwerer Ich-Dissoziation gepeinigte Figur die Bühne und fragt in aller Öffentlichkeit, ob sie Widerstand leisten soll oder Selbstmord begehen („Sein oder Nichtsein...ob‘s edler im Gemüt...“) – lauter zerrissene und haltlose Figuren, die samt und sonders untergehen. Hier erst übrigens entsteht auch das Drama – nach fast 2000jähriger Unterbrechung seit der Antike - wie wir es heute kennen, wieder neu. Und das ist kein Zufall, denn es lebt von Dichotomien, Dissonanzen, Dissoziationen im Ich bzw. zwischen der Welt und dem Ich.

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