Profile cover photo
Profile photo
Christian Fueller
124 followers -
Journalist - Autor - pisaversteher
Journalist - Autor - pisaversteher

124 followers
About
Christian's posts

Post has attachment

Der Philippe Wampfler ist ein gefragter Mann. Er gilt als der größte Crack des Digitalen unter Schweizer Lehrern. Alle daumlang strecken ihm die Rütli-Medien das Mikro hin, um zu erfahren, was digitales Lernen eigentlich ist. Jetzt hat er auf der Didacta17 einen legendären Auftritt hingelegt und schlicht und ergreifend mitgeteilt: Das, was ich mache, das gibt´s eigentlich gar nicht. Wortwörtlich heißt das: "Es gibt keine digitalen und analogen Kompetenzen, einfach nur Kompetenzen."
Okay, okay, da muss man kurz Luft holen. Die ganze Nation, die Schweizer wie die deutsche usw. ringt mit sich, weil Kinder, und nicht nur sie, völlig neue Möglichkeiten des Kommunizierens und des Lernens haben. Das Internet und seine Zerberus-Geräte machen es möglich, Zugang zur Cyberwelt zu ermöglichen und sich dann über das Netz auf vielerlei und immer neue Arten auszutauschen. Dazu gehört auch, sich mit Lerngegenständen viel genauer und umfassender zu beschäftigen. Ein regelrechter Austauschzwang entsteht, denn wer sich nicht mitteilt, der verliert Follower und "Freunde", den gibt es recht eigentlich schon gar nicht mehr. Digitalen Exhibitionismus nennt man das.
Unter Jugendlichen ist es z.B. kompliziert, nicht bei WhatsApp zu sein. Denn wer da nicht ist, der hat nicht nur keine Online-Freunde, sondern gar keine mehr. Allein den Überblick über die rasend schnell sich ändernden Plattformen und Netzwerke den Überblick zu bewahren, ist echt kompliziert. Die Kommunikation via Netz hat ein Spezifikum. Auch wenn sie grundsätzlich Kommunikation bleibt, so wird immer nur ein sehr sehr kleiner Ausschnitt der Person geteilt: Auf Twitter sind es 140 Zeichen schlanker Information oder positive Emotion oder Hass; auf Instagram, Snapchat usw sind es Fotos, genauer Fotoausschnitte, bei Youtube Filme. Diese Elementarteilchen des Austauschs versenden sich blitzschnell über die ganze Welt. Die Entäußerungspuzzlestückchen sind praktisch nicht mehr rückrufbar oder löschbar – und das alles müssen Kinder erstmal lernen. Es stecken, nicht zuletzt, große Risiken im Netzaustausch, weil man man schnell wildfremden Leuten ganz nah ist. Um das zu verstehen, braucht man die Fähigkeit, die Geräte zu bedienen, die neuartigen sozialpsychologischen Eigenschaften der Netzkommunikation und die Folgen der Reichweitentgrenzung zu durchschauen, kurz: man braucht digitale Kompetenzen.

Und sie soll es nicht geben?!?

Natürlich gibt es sie, und es wird höchste Zeit, dass die Kinder sie erlernen, zuhause wie in der Schule. Es sind sehr spezifische, granulare Kompetenzen wie Christoph Kucklick sagen würde, sprich: sie betreffen einen mikrobisch kleinen Ausschnitt von großer Tiefenschärfe. Und wieso sagt der Wampfler dann solche Sachen, dass es digitale Kompetenzen gar nicht gibt?
Eine gute Frage, warum ein so kluger Mann das tut. Vielleicht weil er mit einem so großen Fernrohr von so weit weg drauf schaut, dass Kommunikation gleich Kommunikation ist. Und besondere Kompetenzen nicht nötig seien.
Ich würde Philippe einen Relativerer und Verharmloser nennen, auch wenn das unfreundlich klingt. Er ist ein wirklich gut informierter Typ, darum geht es nicht. Aber er mag die Katastrophenmeldungen über das Digitale nicht, also betreibt er systematisch Downsizing. Das macht ihn attraktiv. Aber Philippe unterschätzt das Problem, das mit dem Digitalen verbunden ist, dramatisch.
Es ist eben etwas vollkommen anderes, ob man in ein Poesiealbum einer Freundin ein paar Zeilen Zuneigung schreibt, um die Freundschaft zu pflegen. Oder ob man auf Facebook einer Freundin ein paar Zeilen Zuneigung mitteilt. Die Reichweite, die Öffentlichkeit, die Unwiderruflichkeit, die Ewigkeit, der Entäußerungsdruck usw usf sind ganz anders. Nicht vergleichbar. Haben das Poesialbum und Facebook grundsätzlich etwas miteinander zu tun? Ja, klar! Das Album ist sozusagen die Ururform von social media. Kann man beide mit den gleichen Kompetenzen bewältigen? Nein, das geht nur, wenn man von sehr weit weg auf die beiden Medien guckt.
Aber, was schreibe ich! Jede Mutter und jeder Vater versteht es sofort, dass die Kinder viel wissen müssen, wenn sie mit zwei, drei Klicks das intimste überall in der Welt mit großer Auflage verbreiten können. Nur der Philippe, der weiß das angeblich nicht. Und die Medien, sie glauben ihm das auch noch. 

(update "Störer im Netzwerk" Siehe unten)
Ich glaube, ich muss mir eine neue Beschäftigung suchen: Calliopes Hinterlassenschaften aufkehren. Die vermeintliche Muse der Wissenschaft wurde von Digital-Evangelisten entführt, um als Girlande für einen s.g. Mini-Computer herzuhalten, den Calliope Mini, der bei Zeit-Online ein sagenhaft jubelndes Entrée bekommen hat (http://www.zeit.de/digital/internet/2016-10/calliope-mikrocontroller-grundschule-dritte-klasse) und der Star beim IT-Gipfel in Saarbrücken war. Ich habe mich mit Calliope 2x befasst (auf http://pisaversteher.com) Schwade um Schwade lichtet sich der Nebel um die Wunderflunder, mit der – kein Witz – das Schulsystem angeblich vor einer Revolution stehen soll. Angeblich. Dabei kam heraus, dass Calliope überhaupt nicht an alle dritten Klassen/Drittklässler verteilt werden kann – weil die Kohle dafür gar nicht da ist. Muse hin oder her, die Kasse ist leer. (https://pisaversteher.com/2016/12/20/calliope-geht-die-puste-aus/)
Man kann den Machern das nicht vorhalten, Startups sind nun mal so`ne Sache im unternehmerfeindlichen Deutschland. Aber man darf festhalten: Die Calliope-Macher führen die Leute hinter die Fichte, wo sie nur können. Gerade hat der sehr sachkundige @medienistik deutlich gemacht, dass Calliope auch technisch und informatisch überhaupt kein bisschen Wunder ist, sondern eher so Mittelmaß und obendrein wohl ein Plagiat, mindestens aber ein Nachbau. (https://medienistik.wordpress.com/tag/calliope/) Nun stellt sich – für einen IT-Dilettanten wie mich – heraus, dasss mit dem bayduino und dem arduino auch andere Controller-Platinen existieren. (Computer kann man das Ding nicht nennen, lerne ich bei @Medienistik, denn um die kleine Muse Calliope zum Leben zu erwecken, braucht man einen Computer)
Was heißt das denn eigentlich? Den Calliope auf dem IT-Gipfel als das Super-Duper-Maker-Dingens hinzustellen war schlicht und ergreifend Beschiss. Eine einzige Werbeshow – um die Konkurrenz abzuhängen. Von wegen Pädagogik, Schule reformieren, die vierte Kulturtechnik verbreiten usw. It´s the economy, stupid!
Die Macher um Stefan Noller tun immer so, als sei das ganz ok, wenn die steifen Deutschen auch mal einem heimischen Start up vertrauen und glauben und es fördern könnten. Tatsächlich stellt sich die Frage: Warum musste es denn der Calliope Mini sein, für den die Kanzlerin, Google-Boss Sundar Pichai und diverse Politgrößen auf dem IT-Gipfel Spalier standen, auf dass die Tagesschau billige Werbeminuten herstellt? Wieso nicht für Codebug oder RasperryPi, für Bayduino oder wie die Dinger alle heißen mögen?!
LED-Auge sei wachsam, die IT-Branche flunkert, dass du nicht weißt, wer das Blendlicht programmiert hat.
Und: Das ist nicht das letzte Falltürchen, das sich bei Calliope auftut. Da kommt noch mehr ;-)

update 4/1/17: Bei @medienistik diskutieren die Macher in der Kommentarspalte ganz interessant den Vergleich von Calliope mit Raspeberry Pi etc. Vielleicht am spannendsten diese Stelle von Tobias Hübner: Immer gut, wenn ein "Störer" mit an Bord ist, dann kann man ertragreicher diskutieren: https://medienistik.wordpress.com/2017/01/02/dichtung-und-wahrheit-ist-der-hype-um-den-calliope-mini-gerechtfertigt/#comment-492 

Post has attachment
Saskia Esken ist eine fachkundige Bundestagsabgeordnete, sie kennt sich mit Digitalisierung sehr gut aus und sie ist auch frech, das finde ich gut. Was ich nicht gut finde, ist dass sie nachträglich und ohne Feedback aus der Community zur Schirmfrau des EduCamp in Bad Wildau gemacht wird. #ecbw17

EduCamps sind graswurzeldemokratische und - oft - sehr kreative Spontankonferenzen, auch UnKonferenz genannt. Ein Schirmherr für sowas ist an sich ein Widerspruch, ein Politiker aber – das geht nicht. Vor allem nicht im Wahlkampf. Und 2017 ist Wahlkampf, auch und gerade für Saskia Esken, die um ihren Wiedereinzug in den Bundestag bangen muss. (Sie war 2013 für die SPD als Nummer 18 der Landesliste in den Bundestag eingezogen, 20 schafften es. Damals hatte die SPD allerdings noch 20 Prozent erreicht – 2016 bei der Landtagswahl waren es nur noch 13 %)

Ich habe für das EduCamp in Bad Wildau geworben, ja getrommelt. Weil das ein wunderschöner Ort ist und weil ich es gut finde, wenn ein BarCamp fernab der Zentren stattfindet, ein BadCamp. Hätte ich aber gewusst, dass Frau Esken Schirmherrin wird, hätte ich Einspruch erhoben. Es war überhaupt nicht transparent, dass sie das werden soll. In keiner Bewerbung stand, dass die Wahlkreisabgeordnete der SPD ein basisdemokratisches BarCamp präsidieren würde.

Saskia Esken behauptet nun auf Twitter, die Zivilgesellschaft habe sie ausgewählt. https://twitter.com/EskenSaskia/status/807979049356296192 Das ist wohl nicht der Fall, sonst hätte es ja eine Debatte gegeben oder wenigstens eine Information mit der Bitte um Rückmeldung. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung (https://lehrerfortbildung-bw.de/lak/wb/) ihr die Schirmherrschaft bei einem Besuch angetragen hat. https://www.facebook.com/EskenSaskia/posts/1220853157982965

Nach dem Sponsoring des EduCamp in Bielefeld durch die Bertelsmann-Stiftung ( http://www.taz.de/!214724/ ) ist das m.E. das zweite grobe Foul bei EduCamps. Sie werden von außen vereinnahmt. Schade. Niemand stört sich daran, wenn Frau Esken eine Session anbietet oder einfach teilnimmt. Aber das würde halt niemand in ihrem Wahlkreis erfahren – wenn man sie als Schirmherrin plakatiert aber schon. 

Post has attachment
Hier der Link zu dem donnernden Auftritt von Timotheus Höttges

Post has attachment
Warum das Büro für Technikfolgenabschätzung aufgelöst werden sollte

* update 30.11. unten +++ Revermann und Albrecht müssen gehen *

Wer wissen will, wie das TAB-Büro des Bundestages arbeitet, sollte sich diesen Tab-Brief durchlesen. (Siehe den Link unten) TAB, das bedeutet Technikfolgenabschätzung beim Bundestag. Und Technikfolgenabschätzung, das heißt notwendig und qua Definition immer Chancen und Risiken einer neuen Technologie abzuschätzen. Das ist eine der ältesten Aufgaben der Menschheit. Ehe die ganze Horde in eine Höhle steigt, geht einer voran und guckt, was da drinnen so alles wartet: Wärme, Höhlenzeichnungen, ein Bär, der Hunger hat. In modernen Gesellschaften richtet man dafür Büros mit Forschern ein, die dem Rest der Gesellschaft sagen: Da sind diese und jene Folgen zu erwarten, wenn wir das machen - etwa bei digitalen Medien.

Das TAB-Büro hat also das Kerngeschäft der Risikoanalyse - aber es macht seinen Job einfach nicht. Im Sommer hat das Büro für den Bundestag einen Bericht verfasst über das "Lernen mit digitalen Medien", und ich habe auf Pisaversteher bereits darüber berichtet, wie das Tab-Büro seinen Auftrag kreativ umwidmete. ( https://pisaversteher.com/2016/06/21/netzrisiken-interessieren-volksvertreter-nicht/ ) Nun ist ein Tab-Brief erschienen, eine Art Kurzfassung für die breite Öffentlichkeit. Und die Kollegen haben nichts dazu gelernt. Sie übernehmen einfach das Digi-Blabla der Industrie und der Lobbyverbände. Diesmal wird der Bericht mit "Bildung 4.0" überschrieben. Dieses unsinnige Versionszählung stammt von Industrie 4.0 und suggeriert, dass mit der Digitalisierung gerade die vierte industrielle Revolution stattfindet. Nur, was hat das mit Bildung zu tun, die relativ unbeschadet alle bisherigen drei industriellen Revolutionen an sich hat vorbei ziehen lassen? Abgesehen davon, dass man die allgemeine Schulpflicht einführte und Klassenzimmer errichtete. Aber genau besehen geschah das, noch bevor die erste industrielle Revolution von Textilindustrie, Dampfmaschine, Maschinenbau und Eisenproduktion Deutschland erreichte.

Wer benutzt Bildung 4.0? Niemand anderes als die Industriemenschen, welche ihre eigene Mutation zu Industrie 4.0 verpennt haben und jetzt flugs wollen, dass die Schulen aufholen, was die CEOs, ihre F&E-Abteilungen und die neuen "chief digital officers" verpasst haben: Coden, flexible Entwicklerteams einsetzen und auf Deibel komm raus digitalisieren. (Wer wissen will, was gemeint ist, der hört sich diesen Vortrag von Telekomchef Timotheus Höttges an, da sind alle Buzzwords drin, die der Manager von heute braucht - um den Schulen die Leviten zu lesen. https://youtu.be/v9Z60-PJ5HM; ich poste das gleich gesondert als eingebundenen Link)

Zurück zum TAB: Digitales Lernen, das sind für das TAB Chancen über Chancen, eventuell noch ein paar Herausforderungen - dazu gehören meistens Ressourcenmängel, welche die Einführung digitalen Lernens behindern. Eine sehr eigenwillige Interpretation von Risiken. Ansonsten null Problemo! Risiko, das kommt beim TAB im jüngsten Brief genau einmal vor - in einem interessanten Zusammenhang. Die TABler Steffen Albrecht und Christoph Revermann schaffen es tatsächlich, den Slang der Gamer zu übernehmen. Wer bei Gamern von Risiken spricht, der wird als Spielverderber und Miesmacher gebrandmarkt. Und so machen es Revermann/Albrecht. Sie schreiben:

"Die oft einseitig negative Sicht auf digitale Spiele könnte durch Veranstaltungen auf Schulebene adressiert und sowohl Chancen als auch Risiken sollten offen diskutiert werden."

Blöderweise sind Risiken vorher nicht vorgekommen. Zum Beispiel nicht die Kommunikationsrisiken, die entstehen und die nicht mal Medienpädagogen verschweigen, weil über die Chatfunktion von Online-Spielen - wie mir dieser Tage wieder eine kluge Frau sagte – "doch viele Anbahnungen stattfinden". Gemeint sind Anbahnungen nicht erwünschter sexueller Kommunikationen, zu deutsch Cybrgrooming, von Gamer zu Gamer. Im Tab-Brief - kein Wort davon. Das ist zwar eine Technikfolge, von der inzwischen fast jeder weiß – nur das Büro für Technikfolgenabschätzung eben nicht.

Komisch, irgendwie haben die Jungs ihren Job verfehlt. Es wird Zeit, sie abzulösen. Oder sie umzubenennen: In Technikfolgen-Wegschauer-und-Augenzukneifer.

* update 30.11. * Wie verfehlt es ist, Lernen mit digitalen Medien als "Bildung 4.0" zu bezeichnen, sieht man an der Definition von "Industrie 4.0":

"Industrie 4.0 meint im Kern die technische Integration von CPS [Cyber Physical Systems] in die Produktion und die Logistik sowie die Anwendung des Internets der Dinge und Dienste in industriellen Prozessen – einschließlich der sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation". [Forschungsunion & acatech (2013)

Das bedeutet, dass Industrie 4.0 durch die teilweise automatisierte Kommunikation zwischen Maschinen und Objekten gemeint ist. Will man das analog auf Bildung anreden, dann hieße das, die echte Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden zugunsten von Maschine-Objekt-Lerner-Kommunikation aufzuheben – ein gruselige Vorstellung. Aber genau diese wird von der Technikfolgenabschätzung des Bundestages in ihren Publikationen verbreitet. Eigentlich ein Skandal. Revermann und Albrecht müssen gehen. 

Post has attachment
Martin Lindner verstörte auf seinem Microinfo-Blog (https://microinformation.wordpress.com/2016/11/03/internetsucht/#comment-356) nicht nur mit einer verstörend amateurhaften Sucht-Diskussion. Er behauptete obendrein, man fände kaum kritische Experten, die am Suchtbegriff für Internet-Abhängigkeit zweifelten. [Zum Thema „Internetsucht“ muss man tatsächlich gezielt suchen, um auf kritische Experteneinschätzungen zu stoßen.] Das ist falsch. Man findet im Gegenteil wahnsinnig viele Leute und Pseudo-Experten wie Martin, die Sucht als Begriff für exzessiven, nicht mehr beherrschbaren Netz-Umgang rundweg ablehnen. In der herrschenden Meinung setzt sich allmählich durch, dass das abhängige Verhalten bestimmter Netznutzer eindeutig die Kriterien für Sucht erfüllt, einer nicht-stoffgebundenen Abhängigkeit.

Damit ist selbstverständlich nicht so etwas wie Lesesucht gemeint (so etwas gibt es nicht, kein Mensch ist psychisch so abhängig von Lesen, dass er alles andere vernachlässigt und sein Leben nicht mehr auf die Reihe kriegt. Der Vergleich ist zugleich eine Verharmlosung der schlimmen Ausformungen von Internetsucht. Der Zeitgeist kann übrigens - ein gern angeführtes Argument etwa von Kalbitzer - keine Sucht definieren. Das ist ein langwieriger Prozess, der von der Erfüllung medizinischer und wissenschaftlicher Kriterien abhängt.

Post has attachment
Peter Unfried führt mit Hans Ulrich Gumbrecht ein aufschlussreiches Interview in der taz. (http://www.taz.de/!5345468/) Es ist höchst amüsant und auch verstörend zu sehen, wie der Repräsentant des Zentralorgans der vollversorgten linksliberalen Studienräte für seine Klasse Schritt für Schritt verstehen muss: Es gibt ein würdevolles Leben jenseits einer bürokratischen Umverteilungsmaschine namens Sozialstaat. Eine Mittelschicht, die nicht Gramsci und Foucault kennt, aber trotzdem das Recht auf ihre Meinung und ihre Stimme hat. Die darauf besteht, Steuerleichterungen direkt und selbst ausgezahlt bekommen – und einfach damit zu machen, was ihr beliebt. Und eben nicht darauf warten zu müssen, dass rot-grüne Wohlfahrtsverwaltungen Steuererhöhungen bis tief in die Mittelschicht hinein verfügen und beanspruchen besser zu wissen, wie man den Bürgern helfen könnte. Steuersenkungen wären in ihren Augen - der der Verwaltungskaste – ein Eingriff in ihre Autonomie. Dass sie keinen eigenen Cent haben und nur das Geld der Bürger ausgeben, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Siehe dazu das Interview mit Gerhard Schick, der protoypisch sagt: Wir wissen besser, wie wir mit dem Steuergeld helfen können. 

Post has attachment
An den anonymen Lehrer und Stänkerer, der mich seit gestern auf Twitter mit "Fragen" piekst:

Was Du hier machst, ist Anmache aus der Anonymität heraus. Kann sein, dass wir uns kennen, kann ich nicht beurteilen, weil du ja Dein Gesicht hinter einem Avatar versteckst.

Wenn du eigene Ideen hast, dann schreib sie halt auf und stell' nicht dauernd nur maliziöse Pseudofragen dieser Art: "Wir sieht eine gute Schule genau aus?" Mach das mal auf 140 Zeichen!

In meinem Blog steht - extra für Leute wie dich - was ein Lehrer können soll. Danach kommen ein paar Thesen, die als solche erkennbar sind. Der Rest ist halt ein Radiogespräch, was sich entwickelt. Es kann sein, dass dir das als anonymen Schlaubergerlehrer, nicht genug ist. Aber das ist nunmal meine These – für die ich mit Namen stehe. Du aber bist Lehrer und ziehst, wie in der Schule, auch auf Twitter die Tür hinter Dir zu – und hängst den Leuten ein witziges Bild vor die Nase.

Ich stellte immer wieder fest, wie wenig Lehrer von Politik und öffentlicher Meinung verstehen. Es ist mein Job als Journalist, Entwicklungen in der Gesellschaft und - hier - in der Schule zusammen zu fassen. Da kann man nicht jedem einzelnen (Lehrer) gerecht werden. Ja, man muss sogar einzelne Leute namentlich kritisieren – wie jüngst Frank Thissen. Dazu halte ich meine Nase in die Öffentlichkeit. Das gehört zum Spiel. Du tust das aber nicht. Dir reicht das anonyme Gemaule.

Wenn du Kritik üben willst, dann bitte sachlich und mit hochgeklapptem Visier: Foto her, Name raus. Ansonsten hätte das nämlich 'nen merkwürdigen Geschmack. Denn ein Gymnasiallehrer2.0 - der Du laut Twitter-Bio sein willst -, der die Mechanismen von anonymem Trollen nicht kapiert, kann wohl Schüler schlecht auf das Leben in einer digitalisierten Welt vorbereiten. 
Photo

Post has attachment
Photo
Wait while more posts are being loaded