VORTRAGSVERANSTALTUNG/RÜCKBLENDE: Am 8. Dezember 2016 lud die DGSM Regionalgruppe Hamburg zum Vortrag "Zur Entwicklung der chinesischen Marine" in die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Der von Dr. Sarah Kirchberger, (Ruhr Universität Bochum) gehaltene Vortrag schien auch bei zahlreichen Angehörigen der Führungsakademie großes Interesse geweckt zu haben, da auch der Hörsaal Marine des LGAI 2016/17 sowie der Leiter Kapt.z.S. Naumann teilnahmen.
Frau Dr. Kirchberger begann ihren Vortrag mit einer aktuellen Mediendarstellung von Vorgängen im Zusammenhang mit der Marine der Volksrepublik China und kritisierte einen aus ihrer Sicht  unangemessenen Umgang mit der gegenwärtigen Entwicklung der chinesischen Marine. So würde ein Bild einer großangelegten Flottenaufrüstung mit dem Ziel der Verfolgung einer aggressiven Expansionspolitik gezeichnet werden, in einigen US Medien sei sogar vom zukünftigen Feind des nächsten Kalten Krieges zu lesen. Inselaufschüttungen im Südchinesischen Meer, der Bau eines geheimen U-Bootstützpunktes auf Hainan mit der Fähigkeit, U-Boote getaucht auslaufen zu lassen, der Aufbau eines globalen Stützpunktsystems sowie ein ansteigender Ausbau von Flottenteilen würden dieses Bild unterfüttern und mittlerweile auch eine gewaltige Rüstungsspirale im U-Bootbauprogramm der Chinaanrainer nach sich ziehen.   
Frau Dr. Kirchberger wollte dem Publikum nun eine Perspektive aus chinesischer Sicht darlegen und anschließend analysieren, wie die derzeitige Entwicklung der chinesischen Marine einzuschätzen sei. Sie stellte dabei alle zuvor beschriebenen, auf den Westen und die chinesischen Anrainer bedrohlich wirkenden Aktionen in den Kontext, dass China lediglich versuche, das bestehende Herrschaftssystem zu erhalten und das Schicksal der ehemaligen UdSSR (Zerfall) zu vermeiden. Ferner sei China bestrebt, die territoriale Integrität zu garantieren, seine Nachschubwege zu sichern und für sein Verständnis historische Souveränitätsansprüche weiterhin geltend zu machen (Taiwan-Konflikt). Frau Dr. Kirchberger führte an, dass Chinas Bau von Stützpunkten entlang wichtiger Seewege (z.B. in Djibouti) auf öffentliche Medienkritik stieß, aber andere Nationen wie Japan und Indien in Djibouti längst Auslandsstützpunkte ohne durchschlagende Medienkritik unterhalten. Sie führte an, dass Frankreich, die USA und das Vereinigte Königreich ebenfalls Stützpunkte an wichtigen Seewegen und in ehemaligen Kolonien hätten, diese aber keinerlei Medienkritik auf sich zögen, während jeder chinesische Schritt in diese Richtung kritisch hinterfragt würde.
Frau Dr. Kirchberger gab dann den geografischen Blick auf eine sichelförmige Umzingelung Chinas durch konfliktbelastete, teilweise atomwaffenfähige Länder frei, die gleichzeitig auch eine Bedrohung der für Chinas Wirtschaft wichtigen freien See- und Nachschubwege darstellen. Sie legte ferner den Fokus auf Chinas maritime Geografie, die Marineübungen mit chinesischen Flotten unter Beteiligung von Atom-U-Booten im Gelben Meer bei gerade mal 44m bis 152m Wassertiefe  oder im Falle des Ostchinesischen Meeres mit überwiegend weniger als 200m Wassertiefe als durchaus problematisch erscheinen lassen und somit keine gute Ausgangslage für professionell eingespielte und vielfältigen Einsatzsituationen gewachsenen Marineeinheiten darstellt. Weiter führte sie an, dass die Größe der chinesischen Marine auch stets im Verhältnis zu seinen erheblichen Küstengebieten zu sehen sei. Vor diesem Hintergrund erschloss sich für den Zuhörer eine durchaus andere Draufsicht auf die aktuellen chinesischen Aktionen und das Aufwachsen der Marine der Volksrepublik China. Doch wie ist das Fähigkeitsprofil und die Entwicklung der chinesischen Marine im Vergleich mit anderen Marinen zu sehen? Frau Dr. Kirchberger zog hierfür die Struktur einer Flotte, die Aufschlüsselung nach Klassen, das Alter und die Fähigkeit der Waffensysteme und die Größe der Flotte, aber auch den Ausmusterungszyklus von alten Schiffen zu Rate. Sie kam zu dem Ergebnis, dass China sehr wohl in den Ausbau seiner Flotte vor dem Hintergrund der Konfliktsituationen in den Gewässern rund um China investiert, um eben seine nachvollziehbaren Ziele verfolgen zu können. Bezüglich des Fähigkeitsprofils sieht sie die chinesischen Marine auf der Schwelle zur Stufe 3, wenn der Flugzeugträger "Liaoning" einsatzfähig ist, was nunmehr der Fall zu sein scheint. Damit wäre China auf gleicher Stufe wie Indien; die USA sind Stufe 1. Bezüglich der Flottenquantität gemessen an der Größe des zu überwachenden Seegebietes sieht sie China derzeit auf gleicher Stufe wie Malaysia.
Vor diesem Hintergrund schloss Frau Dr. Kirchberger ihren Vortrag mit der Feststellung, dass vernünftigere Maßstäbe bei der Betrachtung der "chinesischen Bedrohung" anzulegen sind und das Interesse an einem überregionalen Ausbau von Stützpunkten nachvollziehbar erscheint, wenn 62 Prozent der 29 bedeutendsten Handelsnationen hochseefähige Streitkräfte unterhalten. Frau Dr. Kirchberger betonte zudem abschließend, dass es derzeit aus Sicht Chinas kein offizielles maritimes Feindbild gibt.
Der Flugzeugträger "Liaoning" wird von den Chinesen übrigens als "Totem des Meeres", also gewissermaßen als "nationaler Schutzgeist" angesehen, während die US-Navy ihre Träger als "Effektivste Diplomaten der Welt" sieht.

Mehr zu Thema ist nachzulesen im Buch von Frau Dr. Sarah Kirchberger "Assessing China's Naval Power -Technological Innovation, Economic Constraints, and Strategic Implications" - ISBN: 978-3-662-47126-5 (Print) 978-3-662-47127-2 (Online)

Sollten auch Sie Interesse an maritimen Themen mit historischen Bezügen haben, kommen Sie gerne zu unseren kostenlosen Vorträgen vorbei. Sie müssen übrigens kein DGSM-Mitglied sein.

Eine Anmeldung für Nichtmitglieder/Gäste sollte bis 14 Tage vor Veranstaltungsbeginn erfolgen. Bitte nehmen Sie hierfür Kontakt mit unserem Regionalleiter, Herrn Albrecht Stender, auf: http://www.marinegeschichte.de/regionalgruppen/hamburg/
Die Anmeldung ist unverbindlich, d.h. Sie müssen nicht erscheinen, wenn Ihnen etwas dazwischen kommt, nur weil Sie sich bei uns angemeldet haben.

Unser Jahresprogramm 2016/2017 (Oktober 2016 bis Mai 2017) ist hier einsehbar - vielleicht ist ja auch etwas für Sie dabei:

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Ihre DGSM e.V. Regionalgruppe Hamburg

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