DGSM-VORTRAGSVERANSTALTUNG ZUM THEMA "WRACKFUND IN DER OSTSEE":
Nachlese: Am 29.10.17 lud die DGSM Regionalgruppe Hamburg zusammen mit dem Internationalen Maritimen Museum Hamburg (IMMH) und dem Historischen Marinearchiv (HMA) zur gemeinsamen Veranstaltung Wrackfund in der Ostsee, Elitewaffe Kleinst-U-Boot-Typ "Seehund", Fundsituation, Geschichte Einsätze. Die Veranstaltung stand dabei anfangs unter keinem guten Stern: Sturmtief "Herwart" sorgte für eine Sturmflut in Hamburg, die Teile der HafenCity unter Wasser setzte. Somit war auch die Veranstaltungsdurchführung im IMMH gefährdet und bei nur 10 cm höherem Wasserstand wäre die Veranstaltung abgesagt worden und das Museum wäre wegen Überflutungsgefahr gar nicht geöffnet worden.
Trotzdem erreichten alle Referenten und Verantwortlichen pünktlich den Tagungsort. Auch fanden zahlreiche Zuschauer den Weg ins Museum, zeitweise waren alle (!) vorhandenen 60 Sitzplätze auf Deck 10 belegt und weitere Interessenten mussten sich schon auf Treppen und provisorische Sitzgelegenheiten setzen, um den Vorträgen folgen zu können.
Dr. Schulze-Wegener, Leiter der DGSM-Regionalgruppe Hamburg, leitete das Symposium mit einem kurzen Anriss der Typgeschichte der "Seehunde" (Typ XXVII B5) ein und übergab das Wort dann an den ersten Referenten Philip von Tresckow, der zusammen mit anderen Wracktauchern einen äußerst gut erhaltenen Seehund in der Ostsee gefunden und die Fundstelle betaucht hat. Herr von Tresckow schilderte dabei im ersten Teil seines Vortrages zunächst die harten Bedingungen an Bord eines solchen Bootes und legte die von ihm ermittelten Umstände und vermuteten Gründe der offenbar stattgefundenen Selbstversenkung dieses Seehundbootes dar, zog dabei auch eine Parallele zum Regenbogen-Befehl https://de.wikipedia.org/wiki/Regenbogen-Befehl und dem Umstand, dass im Jahr 1945 im Rahmen dieses Befehls 47 weitere Selbstversenkungen in relativer Nähe der Fundstelle stattgefunden haben. Er gab auch einen Einblick in das Selbstverständnis der damals in den letzten beiden Kriegsjahren des 2. Weltkrieges auf Seehunden fahrenden Besatzungen, legte dabei auch einen Fokus auf die Selbstversenkung der Kaiserlichen Hochseeflotte in Scapa Flow https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstversenkung_der_Kaiserlichen_Hochseeflotte_in_Scapa_Flow und dem Makel der Meuterei 1917 von Teilen der Hochseeflottenbesatzungen https://de.wikipedia.org/wiki/SMS_Prinzregent_Luitpold und leitete hieraus das elitäre Selbstverständnis eines zu unbedingtem Gehorsam erzogenen Seehundfahrers ab.
Im zweiten Teil seines Vortrags gab Herr von Tresckow Einblick in die Abläufe des konkreten Seehundwrackfundes, welcher mit einem "unbekannten Objekt am Meeresgrund" auf einem Fishfinder-Echolotbild eines Anglers begann und über das systematische Scannen des Grobbereichs bis hin zum Betauchen der späteren Fundstelle des Seehundwracks endete. Er gab zudem auf Nachfrage aus dem Publikum auch einen ergänzenden Einblick in die Themen "Raubtaucherei/Wrackplünderung" und die Gefährlichkeit des Tauchens in und um Wracks in der Ostsee. Abschließend streifte er die rechtlichen Rahmenbedingungen eines Wracksfunds in Bezug auf den Tatbestand "Störung der Totenruhe" (§168 StGB) und den Sonderstatus von U-Booten und beendete seinen Vortrag schließlich mit einem Hinweis auf die für ihn besondere Verantwortung eines Wracktauchers in Bezug auf Dokumentation und Erhaltung möglicher Fundstücke.
Anschließend nahmen Referenten und Zuschauer ein gemeinsames Essen im Restaurant "Catch of the Day" im IMMH ein, das Gelegenheit zu reichlich persönlichem Informationsaustausch und Networking bot. Nach dem Essen begann Frau Beate Kibelka, Mitarbeiterin des HMA, Projekt "Deutsche Kleinkampfmittel" ihren Vortrag, nachdem ein Mitglied der DGSM-Regionalgruppe Hamburg die Zeit noch für ein kurzes Statement zu seinen persönlichen Erfahrungen mit einem Seehundfahrer schilderte.
Frau Kibelka skizzierte dabei die Enstehung der Kleinkampfverbände und insbesondere ihrer Organisation. Sie bot den Zuschauern einen detaillierten Einblick in Standorte von Lehr- und Versuchskommandos, die z.B. als Schwarz-, Grün-, Netz-, Blau-, Neu-, Weiß- und Steinkoppel bezeichnet wurden und teilweise konspirativ tätig waren. Anschließend stellte sie noch das Historische Marinearchiv vor, das z.B. über das Forum Marinearchiv http://www.forum-marinearchiv.de/ erreicht werden kann.
Nach Frau Kibelkas Vortrag begaben sich die Teilnehmer des Symposiums zum restaurierten Seehund im überdachten Innenhof des IMMH: Besonders Klaus Mattes, Autor des Fachbuches "Die Seehunde", konnte hier mit fundiertem Fachwissen glänzen und viele Fragen am und zum Objekt beantworten.
Anschließend begann dieser seinen Vortrag über die Entwicklungsgeschichte der Seehunde und tangierte hierfür thematisch auch die für die Kleinkampfverbände ebenfalls entwickelten Kleinst-U-Boote Neger, Marder, Hecht und Bieber, gewährte dabei auch einen Einblick in entsprechende Pendants aus italienischer, japanischer und britischer Fertigung. Herr Mattes richtete die Aufmerksamkeit auf die sehr kurzfristig wechselnden konstruktionellen Anforderungen der Marineführung an das seinerzeit zu bauende Boot Typ XXVII für die Kleinkampfverbände, was letztlich dazu führte, dass der Seehund erst im 5. Entwurf als ein mit Kraftstoff- und Elektroantrieb betriebenes reguläres Tauchboot im Miniformat konstruiert wurde. Er skizzierte, dass aufgrund diverser Dringlichkeiten viele Planungsschritte des Bootes parallel statt nacheinander durchgeführt wurden und ein Testbetrieb mehr oder weniger im laufenden Einsatz der Boote erfolgte. Herr Mattes führte anschließend aus, wie die Besatzungen (1 Kapitän, ein Leitender Ingenieur) dieser Kleinst-U-Boote gefunden wurden, ging auf die durchschnittliche Einsatzdauer von meistens drei bis fünf Tagen am Stück ein und skizzierte auch den sich abwechselnden Einsatz von Seehunden und Schnellbooten in bestimmten Einsatzgebieten. Als Anekdote gab er noch kurz einen Einblick auf mit "Buttertorpedos" (=mit Lebensmitteln und Medikamenten befüllten Torpedos) bestückte Seehunde, die im Bereich des eingeschlossenen Dünkirchen eingesetzt wurden und schloss seinen Vortrag mit einer deutschen und einer britischen Statistik und der Feststellung, dass der Einsatz der "Elitewaffe" Seehund zwar recht erfolgreich aber letztlich nicht kriegsentscheidend war.

Sollten auch Sie Interesse an maritimen Themen mit historischen Bezügen haben, kommen Sie gerne zu unseren kostenlosen Vorträgen vorbei. Sie müssen übrigens kein DGSM-Mitglied sein.
Eine Anmeldung für Nichtmitglieder/Gäste sollte bis 14 Tage vor Veranstaltungsbeginn erfolgen. Bitte nehmen Sie hierfür Kontakt mit unserem Regionalleiter, Herrn Dr. Schulze-Wegener, auf: http://www.marinegeschichte.de/regionalgruppen/hamburg/

Ihre DGSM e.V. Regionalgruppe Hamburg
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31.10.17
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