Zu: Urheberrechtsdebatte: Lob der Content-Mafia, Süddeutsche 04.04.2012, 10:38
http://www.sueddeutsche.de/digital/urheberrechtsdebatte-lob-der-content-mafia-1.1325806?fwcc=1&fwcl=1&fwl

Ein Argument, auf dass hier Bezug genommen wird, würde ich so fassen: Da ein technischer Schutz von Inhalten immer komplizierter und nur unter immer tieferen Eingriffen in die Rechte des Einzelnen (in diesem Fall) Konsumenten durchsetzbar wird, liegt eine de facto freie Verfügbarkeit vor. Attraktive Bezahl- und Bezugsmodelle konkurrieren über den 'Ease of use' mit illegalem Download, nicht über technische und legale Restriktionen - teilweise erfolgreich.

Spannend ist die Frage, wie Anbieter und Konsumenten damit umgehen, wenn dieses Angebot als nicht ausreichend empfunden wird. Der Konsument kann dann entweder darauf verzichten, den Inhalt überhaupt wahrzunehmen (zu faul für illegalen Download) - ein Reichweitenverlust für den Anbieter. Oder er macht sich die Mühe der Piraterie - ein wirtschaftlicher Verlust für den Anbieter.

Der Anbieter dagegen wird versuchen, sein Angebot so attraktiv und erreichbar wie möglich zu machen, ohne dabei die wirtschaftliche Grundlage zu verlieren - bis hin zu veränderten Geschäftsmodellen. Oder er versucht, Zwangsmaßnahmen durchzusetzen, um den illegalen Konsum weniger attraktiv zu machen - bis hin zu gesellschaftlichen Kollateralschäden.

Hier muss sich ein neues Gleichgewicht einspielen, bei dem es weniger um das aktuelle Recht geht, sondern um die Klugheit der Beteiligten. Sobald der Konsument dem Anbieter keine wirtschaftliche Kompensation für dessen Leistung gibt oder ermöglicht (durch welches Geschäftsmodell auch immer), wird er den Zugriff auf attraktive Inhalte verlieren - es entstehen schlicht weniger. Umgekehrt verliert der Anbieter seine Kunden, wenn er ihre Bedürfnisse nicht ausreichend bedient - oder provoziert eine gesellschaftliche Zuspitzung, die ihm letztlich nicht helfen kann.

Ein wenig Gelassenheit steht uns allen gut an - lasst uns weder enteignen noch die Daumenschrauben anziehen, sondern geeignete Stellschrauben suchen. Das können alternative Bezahlmodelle sein (bitte schon einmal fleißig flattern und crowdfunden), ausgeweitete Zitatrechte, Regelungen für verwaiste oder ungenutzte Werke... Der Phantasie sind erst einmal keine Grenzen gesetzt.

Und gleich noch ein umfangreiches Zitat aus einer Rezension des Buches Gutenberg the Geek: History's First Technology Entrepreneur and Silicon Valley's Patron Saint von Jeff Jarvis, die Kevin Bonham auf http://www.downloadtheuniverse.com/dtu/2012/03/the-pioneer-of-print.html veröffentlicht hat:

"To say that the internet is changing the world is so cliché that it's almost meaningless, but reading Gutenberg the Geek made it real for me.

(Jarvis:) Our accepted wisdom today is that the change we are experiencing is pushing us forward at lightning speed. But I'm coming to wonder whether, instead, it is happening very slowly. That is, we are only at the bare beginning of the change we will undergo and we cannot yet fathom its full shape and extent.(/Jarvis)

We're so busy thinking about the death of newspapers and Facebook's huge IPO, it's hard to realize that this is just the beginning. We've only had the internet for 17 years. Jarvis asks us to imagine ourselves 17 years after the invention of the printing press, trying to predict the impact that it would have on humanity and on society over the next 500 years. Early uses of the printing press merely recapitulated the work that scribes would do - early typefaces were modeld on hand written script and the process was even called 'automated writing.' But the speed and efficiency of printing soon enabled new forms of writing, new genres and ultimately, Jarvis says, 'changed not just writing but politics, religion, education, our sense of ourselves, our memories.'"
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