Hobbyinteresse – erwünscht oder Betriebsgefahr?

In den Berliner Medien und in einigen überregionalen Publikationen wird in diesen Tagen von dem 16jährigen Praktikanten Kevin berichtet, der am Abend des 16.12.2012 vom BVG-Betriebshof Indira-Gandhi-Straße (betriebsintern als „Hof I“ bezeichnet) einen Bus entwendet und damit eine Fahrt durch das östliche Berlin unternommen hatte. Dabei kam es zu drei Unfällen, die zum Glück keinen Personenschaden, dafür aber erheblichen Sachschaden nach sich zogen. Der Fall wirft erneut Diskussionen darüber auf, wie weit Hobbyinteressenten Einblick in Technik und Betriebsabläufe nehmen dürfen, ohne dass daraus die Gefahr erwächst, dass diese Personen anschließend aus „übertriebener Faszination“ zu Straftätern werden. Diese Frage ist gerade auch für Unternehmen des Schienenverkehrs relevant.

Nach Äußerungen der BVG-Pressestelle, die sich in allen diesem Artikel zugrunde liegenden Medienberichten [1, 2, 3, 4, 5] decken, erschien Kevin am 16.12.2012 zwischen 21 und 22 Uhr auf dem Hof I. Da er ein Schülerpraktikum absolvierte, war er im Besitz eines entsprechenden Berechtigungsausweises zum Betreten des Geländes. Ob er damit an der personalbesetzten Pforte um diese späte Uhrzeit Einlass begehrte oder durch ein automatisches Drehkreuz (das mit einem Dienstausweis-Lesegerät ausgestattet ist und ohne menschliche Aufsicht beim Einschieben eines gültigen Ausweises den Durchgang frei gibt) auf den Hof gelangte, geht aus keinem der Berichte hervor. Auf dem Hof I gibt es beide Varianten der Einlasskontrolle. Das Drehkreuz ermöglicht Mitarbeitern, ohne Umweg über die personalbesetzte Pforte auf kurzem Weg zu ihren Dienstposten bzw. zur Meldestelle für die Fahrer („Rangierer“) zu gelangen.

Nachdem Kevin das Gelände erreicht hatte, bestieg er den Bus des Typs „Citaro EN 06“ (EN = Eindecker Niederflur; 06 = Baujahr 2006) mit der Wagennummer 1670. An welcher Position (denkbar wäre z.B. vor der Reinigung) er das Fahrzeug „abgriff“ bzw. wie er an den Zündschlüssel gelangen konnte, wurde offiziell bisher nicht mitgeteilt. Fahrer, die zum Dienst erscheinen, müssen sich beim Rangierer (einem mit dem Disponent vergleichbarer Dienstposten) unter Angabe von Linien- und Umlaufnummer anmelden; dann bekommen sie ihren Wagen zugeteilt und den Schlüssel ausgehändigt. Dass Kevin den Schlüssel aus dem Dienstraum des Rangierers geholt (oder entwendet) hat, scheint dem Autor – der als Mitarbeiter des Verkehrsunternehmens die örtlichen Verhältnisse dort halbwegs kennt – sehr unrealistisch; die Ausführung in [4] scheint dies zu bestätigen. Zitat: „»Der Zündschlüssel hing noch im Fahrdienstraum des Betriebshofes, als die Polizei ihn bereits gestellt hatte«, sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak.“ Mit „Fahrdienstraum“ ist der Dienstraum des Rangierers gemeint.

Da gegen 22 Uhr zahlreiche Nachtwagen vom Hof ausrücken (und andere von den Tageslinien einrücken), sei es den Pförtnern nicht möglich, jeden ausrückenden Wagen und dessen Fahrer zu überprüfen, wie Pressespechrerin Petra Reetz in [2] verlauten ließ: „Es fahren täglich hunderte Busse ein und aus. Das Wachpersonal hat keine Möglichkeit, das zu überprüfen, zumal es keinen Grund gebe, anzunehmen, dass Unberechtigte vom Gelände herunter führen“. Nach der Ausfahrt vom Hof I rammte Kevin in der Plauener Straße ein PKW „Nissan“ und im Arendsweg einen „VW Polo“, schließlich an der Ecke Rhinstraße / Pyramidenring einen Ampelmast. Danach war der Wagen nicht mehr fahrbereit, wodurch die Polizei erst eine Zugriffsmöglichkeit erlangte. Die genaue Höhe des Sachschadens am Bus konnte die BVG noch nicht beziffern; den Neupreis eines vergleichbaren „Citaro“ gibt Wazlak in [3] mit 250.000 EUR an. Hinzu kommen die Schäden an der Ampelanlage sowie an den geparkten und beschädigten PKW, für den möglicherweise die BVG als Fahrzeughalter ebenfalls aufkommen muss. Wazlak kündigte – so berichten alle Medien – Schadensersatzforderungen Kevin bzw. seiner Mutter gegenüber an. Ob die Familie diese je begleichen kann, scheint fragwürdig.

Das Praktikum ist für den Jungen mit sofortiger Wirkung beendet. Auch seinen angestrebten Traumberuf, „Fachkraft im Fahrbetrieb“ (FiF), wird sich Kevin nunmehr nie erfüllen können. Seine Chance auf eine Lehre bei den Berliner Verkehrsbetrieben – die er mit dem Praktikum hätte signifikant verbessern können – hat er definitiv verspielt. Dass andere Verkehrsunternehmen ihn mit dieser Vorgeschichte einstellen, scheint sehr unrealistisch.

Wieviel darf ein Hobbyist wissen – wo beginnen die Betriebsinterna?

Praktika wie das von Kevin sind dazu vorgesehen, dass die Jugendlichen eine realistische Vorstellung von den Tätigkeiten und Berufsbildern bei den Verkehrsbetrieben erlangen. Damit ist der Einblick in Betriebsabläufe nun einmal untrennbar verbunden. Durch die bis zum Tattag zurück gelegte Praktikumszeit – und wahrscheinlich auch außerhalb derer durch Kontakt zum Fahr- und anderen Betriebspersonal – erhielt er Einblicke in Abläufe, die normalen Fahrgästen verborgen bleiben. Solche Einblicke helfen nicht nur, besseres Verständnis für die Situation der Mitarbeiter eines Verkehrsunternehmens bei allfälligen Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf zu gewissen, sondern auch Interesse an einem Beruf in der Branche zu wecken. Die Notwendigkeit, Nachwuchs zu rekrutieren, der den Beruf später auch „mit Leib und Seele“ ausübt, ist derzeit wohl bei allen Verkehrsunternehmen (egal ob Schiene oder Straße) größer denn je. Der demografische Wandel hat vielerorts inzwischen zur „Überalterung“ der Belegschaft geführt; Einstellungsstopps in den 1990er Jahren haben das ihrige dazu beigetragen.

Die Grenzen zwischen den Informationen, die man Hobbyfreunden zugänglich machen sollte, um in ihnen nicht das Interesse am Unternehmen bzw. an dem jeweiligen Beruf zu vergraulen, und der Preisgabe von Betriebsinterna sind oft sehr fließend. Auch der Autor hätte seine heutigen Fachkenntnisse über den Eisenbahnbetrieb nie erlangen können, gäbe es nicht umfangreiche einschlägige Literatur, Fachinformationen im Internet und – nicht zuletzt – immer wieder freundliche Eisenbahner, die Einblicke in Führerräume und betriebliche bzw. technische Details geben. Desto mehr Fachwissen der besuchsweise anwesende Gesprächspartner erkennen lässt, desto detaillierter und mitunter interner werden die Gespräche mit den Mitarbeitern oft auch. Für eine fachlich qualifizierte Berichterstattung über entsprechende Themen sind solche Gespräche auch wichtig und unverzichtbar.

Nur einige Wenige – meist Jugendliche – missbrauchen Informationen aus fachlichen Einblicken, die ihnen gewährt wurden, weil sie ihren Drang, einmal in die Rolle eines Mitarbeiters bzw. eines Führers von großen Fahrzeugen schlüpfen zu wollen, nicht zügeln können. Manch einer ist in einer früheren Berufsausbildung gescheitert (wie der „falsche Lokführer“, der am 25.08.1999 in München Ost einen echten Kollegen ablöste, als die planmäßige Ablösung sich verspätet hatte) und hat von daher noch Teile der Unternehmensbekleidung. Andere – auch in der Regel Jugendliche – beschaffen sich gebrauchte Kleidungsstück von befreundeten Mitarbeitern des Wunschunternehmens, um sich so nach und nach einen kompletten Satz Unternehmensbekleidung in ihrer Konfektionsgröße zusammen zu sammeln und eines Tages als „Mitarbeiter“ in perfekter Dienstkleidung auf Bahnhöfen oder in Fahrzeugen zu erscheinen. Werden diese „Kollegen“ von echten Mitarbeitern angesprochen oder von Fahrgästen um Auskünfte oder gar Hilfeleistungen gebeten, bekommen sie (Berichten zufolge) meist Panik und verlassen das Fahrzeug bzw. Gelände fluchtartig. Bleiben sie unbehelligt, versuchen sie, sich so beim Fahrpersonal eine Mit- oder gar Selbstfahrgelegenheit im Führerraum von Schienenfahrzeugen bzw. auch am Steuer von Bussen zu verschaffen. Aus langer beruflicher Praxis und der Lektüre von Fachzeitschriften wurden dem Autor über Jahre hinweg mehrere derartige Fälle bekannt.

Bei „Tagen der offenen Tür“ oder ähnlichen Publikums-Fachveranstaltungen können Hobbyfreunde oft Einblicke insbesondere in Führerräume bzw. Fahrzeugtechnik nehmen, die ihnen im Regelbetrieb verwehrt bleiben. Oft wird hier erklärt, wie etwa ein Triebzug gefahren und gebremst wird; gerade junge Begeisterte merken sich sehr schnell, wo die einzelnen Bedieneinrichtungen sind. Mittels ergänzender Informationen aus dem Internet wissen sogar manche 12jährigen schon genau, wie eine Fahrsperre bei der U-Bahn funktioniert oder die Indusi bei der Eisenbahn prinzipiell wirkt. Während der Fahrdiensttätigkeit auf der „Touristenlinie“ U 55 in Berlin passiert es von Zeit zu Zeit, dass das örtliche Personal von solchen Hobbyinteressenten angesprochen und um Mitfahrgelegenheiten im Führerraum gebeten wird. Aber auch, wenn diese verwehrt werden (wie es die Vorschriften verlangen), können Interessierte durch gläserne Türen zwischen Führer- und Fahrgastraum (bzw. beim Bus durch einfaches „Über-die-Schulter-Schauen“ auf dem Platz in der ersten Reihe gegenüber dem Fahrer) sehr schnell sehen und sich merken, welche Handgriffe getätigt bzw. Pedale getreten werden müssen, um die Türen zu betätigen, zu fahren und zu bremsen. Die Mehrheit – geschätzte 99,9% – der Beobachter wird aufgrund dieser Erkenntnisse jedoch nicht zum Fahrzeugentführer. Es erscheint wenig zweckmäßig, wegen Einzelner, die die Folgen ihres Tuns bei einer Fahrzeugentführung nicht abschätzen können, generell jedwede Einblicke für alle Betriebsfremden zu verwehren. Dies wäre vermutlich auch der Entscheidung bei Jugendlichen für eine Berufsausbildung beim jeweiligen Verkehrsunternehmen äußerst abträglich.

Legale Fahrmöglichkeiten für „Fans“

Die erste Regel, um einen neuen „Fall Kevin“ zu verhindern, muss sein, den Zugang zu den Fahrerplätzen bzw. Führerräumen für solche Personen – noch dazu ohne Aufsicht – weitestgehend unmöglich zu machen. Ein 16jähriger abends um 22 Uhr auf einem Betriebshof sollte Kollegen, denen dieser begegnet, zu denken geben – kein deutsches Arbeitsgesetz sieht nächtliche Dienstzeiten für derart junge Kollegen (in spe) vor. Soweit Fahrzeuge von ihren Führern im öffentlichen Bereich verlassen werden, müssen die Führerräume verschlossen bzw. Zündschlüssel abgezogen werden. Dies alles geschieht auch in der Regel. Eine hundertprozentige Sicherheit, solche „Geisterfahrten“ auszuschhließen, wird es vermutlich gleichwohl nie geben, will man nicht das Prinzip der absoluten Abschottung gegen „Fans“ betreiben.

Minimieren ließe sich das Risiko, dass Personen, die unbedingt einmal ein Großfahrzeug selbst steuern möchten, zu übereifrig werden und womöglich die Kontrolle über sich selbst verlieren, durch Schaffen von „legalen Fahrmöglichkeiten“. Diese gibt es bereits, aber entweder sind sie zu rar oder zu teuer für die Interessenten oder beides. Auf dem Betriebshof I beispielsweise wurde vor geraumer Zeit eine Aktion „Bus selber fahren“ für Mitarbeiter (anderer Betriebsbereiche und der Verwaltung) angeboten. An dieser Veranstaltung war es Kollegen und deren Angehörigen – darunter dem Autor nebst dessen Freund, der heute selbst Fahrer auf diesem Hof ist – möglich, unter Anleitung und Aufsicht eines Fahrlehrers einen Doppeldecker oder Gelenkbus einmal selbst einige Runden über das Hofgelände zu steueren. Der Autor konnte dadurch „hautnah“ erleben, wie viel Erfahrung, Umsicht und Fingerspitzengefühl erforderlich ist, um ein derartiges Fahrzeug unfallfrei durch den Verkehr zu bewegen und dabei auch noch „fahrgastfreundlich“ zu fahren. Dies vermittelt ein ganz anderes Gefühl als „nur zuschauen“ vom Platz vis-a-vis des Fahrers. Hätte man der Praktikantengruppe, in der Kevin war, in den ersten Tagen des Praktikums auch eine solche Gelegenheit zum „legalen Fahren“ über den Hof gegeben, wäre damit sicher auch bei diesen Personen ein ganz neuer Eindruck des Busfahrer-Jobs entstanden, der ihnen bewusst werden ließe, dass Busfahren nicht mit dem Führen eines PKW oder gar Mopeds verglichen werden kann. Sicher wäre dieses – für den Autor seinerzeit äußerst eindrückliche – Erlebnis für Kevin und seine Mitstreiter noch mehr Anlass gewesen, im Zusamnmenspiel von Praktikumserfahrungen und bestmöglichen Schulnoten sich größtmögliche Chancen auf einen der begehrten „FiF“-Ausbildungsplätze zu sichern. Es ist in den Augen des Autors wichtig, den jungen Leuten auch zu vermitteln, welche Verantwortung mit dem Führen eines Großfahrzeugs einher geht.

Auch bei einigen Eisenbahnverkehrsunternehmen gibt es die Möglichkeit, das Gefühl kennen zu lernen, ein Schienenfahrzeug selbst zu führen. Ohne Eisenbahnführerschein geht dies in den Simulatoren, den es für verschiedene Baureihen gibt. Zur Lokführerausbildung (und u.a. auch zum Absolvieren der „Überwachungsfahrten“) werden heute hochmodere Simulatoren eingesetzt, deren Kabinen realistische Bewegungen absolvieren und damit das Gefühl des originalen Fahr- und Bremsverhaltens widerspiegeln. Solche Simulatoren haben nichts mit den Software-Simulatoren für den heimischen Rechner zu tun, die von „Fans“ gern benutzt werden. Letztere stellen die Bedienung des jeweiligen Fahrzeugs in groben Zügen nach, können aber insbesondere das Bremsverhalten eines Zuges nicht realitätsnah abbilden. Aus fachlicher Sicht ist solche Simulator-Software lediglich unter die Rubrik „Computerspiele“ einzusortieren. Bus-Simulatoren („Omsi“) können daneben auch ein Andenken an vergangene Fahrzeuggenerationen sein, indem sie deren „Sound“, deren Linien- und Zielbeschilderung sowie andere Details nachstellen.

Bekanntester Vertreter echter Eisenbahn-Simulatoren ist der ICE-Simulator in Fulda. Auf der Seite www.zug-simulator-event.de wird dieser von DB Training, Learning & Consulting sogar aktiv „vermarktet“. Zielgruppe sind jene „Fans“, die sonst nie die Gelegenheit haben würden, je einen ICE-Führerraum zu betreten. Die 60minütge Alleinfahrt im Simulator der BR 401/402 dürfte mit (am heutigen Tage) 498,00 EUR (zuzüglich individueller An- und Abreise sowie ggf. Übernachtung) allerdings das Budget jedes Durchschnittsverdieners sprengen. Die Teilnahme an einer Gruppenveranstaltung schlägt immer noch mit 198,00 EUR zu Buche, darin enthalten sind allerdings nur 20 Minuten Simulator-Fahrzeit je Person. [6]

Darüber hinaus werden in Hamburg Simulatorfahren in den Baureihen 101, 145 (mit Güterzug) und 143 angeboten; die Preise unterscheiden sich nicht von denen in Fulda. Dass viele Menschen diese Preise offenbar bezahlen können (bzw. entsprechend lange dafür sparen) zeigen die langen Buchungszeiten: Der nächste freie Termin in Hamburg (bei Buchung heute, am 18.12.2012) ist erst der 14. September 2013 – ein dreiviertel Jahr Wartezeit! Die vollwertigen Simulatoren sind in Anschaffung und Unterhalt (inklusive Gestellung des Ausbildungspersonals zu ihrem Betrieb) sehr teuer. Sie können für Besichtigungen und virtuelle Fahrten durch Hobbyfreunde oft nur an den Wochenenden genutzt werden, da sie an Arbeitstagen für die Schulung von „echten“ Lokführern benötigt werden. Wie angedeutet, dienen sie keinesfalls nur der Ausbildung neuer Kollegen, sondern auch ein großer Teil des Fortbildungsprogramms für „Alt-Kollegen“ wird inzwischen über Simulatoren abgewickelt. Somit lässt sich an den Wartezeiten vermutlich kaum etwas ändern. Die Preise sind allerdings ein Ergebnis des starken Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage. Ohne die zahlungskräftigen „Fans“ würde die Technik an den Wochenenden ungenutzt sein; an Zusatzkosten für die Betreiber fallen im Wesentlichen Lohnkosten für das Ausbildungspersonal an, das natürlich auch für die Gäste an den Wochenenden  vor Ort sein und entlohnt werden muss. Ob das allerdings Preise von bis zu knapp 500 EUR pro Person rechtfertigt, darf bezweifelt werden – hier wird vermutlich versucht, das maximal Mögliche von den Interessenten abzuschöpfen.

Wesentlich erschwinglicher, aber eben auch nicht gerade preiswert ist dagegen eine Fahrt im Straßenbahnsimulator der Berliner Verkehrsbetriebe. Für 13,00 EUR ist eine sechsminütige Fahrt (pro Person, in einer Gruppe von fünf Personen) möglich. Die 30minütige Alleinfahrt kostet bereits 65,00 EUR – im Vergleich zu den DB-Preisen aber immer noch ein „Schnäppchen“. [7] Auch hier wird in einer Kabine „gefahren“, welche die Bewegungen des echten Fahrzeugs realitätsnah nachstellt.

Der Simulator in der Berliner U-Bahn-Schule an der Turmstraße kann dies leider nicht. Bei ihm handelt es sich nur um ein Mock-Up eines Kleinprofil-Triebzuges der Baureihe HK. Der Ausbilder kann verschiedene Wettersituationen auf dem Übertage-Abschnitt der virtuellen Linie U 10 einstellen, mit entsprechendem geringer Haftreibung zwischen Rad und Schiene bei Regen und Schnee. Ferner ist auch eine Tunnelfahrt möglich. Aus Kostengründen hatte man sich bei der Beschaffung jedoch nur für diese „halbherzige“ Lösung entschieden, welche keinerlei Fahrzeugbewegungen nachahmen kann. Die virtuelle Fahrt in diesem Simulator ist deshalb gewöhnungsbedürftig. Nichts desto trotz kann auch diese Anlage viel vom Beruf des Zugfahrers vermitteln und ist in der Aus- und Weiterbildung eine große Stütze. Im Dienstunterricht üben auch jahrzehntelang erfahrene „alte Hasen“ unter den Kollegen hier immer wieder Verhaltensweisen in kritischen Situationen. Im Gegensatz zum Straßenbahn-Simulator steht der U-Bahn-Simulator derzeit jedoch leider nicht für Hobby-Interessenten offen – eine Google-Suche fördert zum Stichwort ausschließlich Simulator-Software diverser Berliner U-Bahn-Linien für Windows zutage; die Suche auf der BVG-Homepage blieb komplett erfolglos.

Fazit

Aus der persönlichen Sicht des Autors (die nicht zwangsläufig auch die Meinung seines Arbeitgebers verkörpern muss) ist das grundsätzliche „Abweisen“ von Hobbyfreunden, um einen weiteren „Fall Kevin“ zu verhindern, der falsche Weg. Sollte örtliches Fahr- und Betriebspersonal mit der Frage von Interessenten nach spontanen Mitfahrmöglichkeiten im Führerraum konfrontiert werden, treffen bestehende Dienstvorschriften eindeutige Regelungen dazu. Wenn einige Personen aus dem Kreis der Hobbyisten dann angeben, dass sie schon selbst Bedienhandlungen an Fahrzeugen während des Regeleinsatzes (also außerhalb von „Tagen der offenen Tür“ und ähnlichen Veranstaltungen) vornehmen durften, so wäre es wünschenswert, wenn der damit konfrontierte Kollege Zeit und Nerven für ein aufklärendes Gespräch hätte, welches dem Hobbyfreund die Gefahren solchen Tuns für sich selbst, für die Kollegen (die das „erlauben“) und ggf. für Dritte wie im „Fall Kevin“ bewusst machen. Am häufigsten wird naturgemäß das Fahrpersonal mit derartigen Fragen bzw. Bemerkungen konfrontiert. In Anbetracht knapper Wendezeiten – dies fallweise auch in Verbindung mit der fehlenden Eignung und Lust, als „Aufklärer“ zu wirken – sind diesen Kollegen aber in der Regel „die Hände gebunden“; sie können die Fragesteller nur abweisen.

Eine Möglichkeit wäre vielleicht, für mit entsprechenden Anfragen häufig konfrontierte Kollegen aus dem Fahrdienst Handzettel vorzuhalten, die Interessenten Anlaufpunkte vermitteln, an denen sie weitere Informationen und idealenfalls auch persönliche Gesprächspartner im jeweiligen Unternehmen finden. Das Eingehen auf die Interessen von Hobbyfreunden und die Bereitstellung legaler Möglichkeiten zur Befriedigung fahrzeugtechnischer Interessen sind aus Sicht des Unternehmens vermutlich nicht immer kostendeckend durchzuführen, da die Interessenten nichts (wie bei Praktikanten) oder nur nur einen verhältnismäßig geringen Obolus (wie auf Veranstaltungen üblich) dafür zahlen können. Hobbyfreunde, deren Wünsche nicht komplett abgewiesen werden, dürften dem Unternehmen – nicht zuletzt – aber auch auf lange Sicht als treue Kunden erhalten bleiben oder später als motivierte und wertvolle Mitarbeiter nützlich sein. Einzelfälle, die wie Kevin gründlich über das normale Hobbyinteresse hinaus schießen, können durch die dargestellten Möglichkeiten reduziert, aber vermutlich leider nie ganz vermieden werden.


Literatur:

[1] Bericht „16-Jähriger mit geklautem BVG-Bus unterwegs“ in „Berliner Zeitung“ vom 17.12.2012.

[2] Bericht „16-Jähriger baut Unfälle mit geklautem BVG-Bus“ in „Der Tagesspiegel“ online, Update vom 17.12.2012, 09:57 Uhr.

[3] Bericht „16 Jahre alter BVG-Praktikant klaut Bus und beschädigt Autos“ in „Berliner Morgenpost“ online, Update vom 17.12.2012.

[4] Bericht „Dieser Bubi (16) hat den BVG-Bus geklaut“ in „BZ Berlin“ online, Update vom 17.12.2012, 20:44 Uhr.

[5] Bericht „Autos und Bus demoliert: Praktikant Kevin (16) klaut Linienbus“ auf express.de, Update vom 17.12.2012, 22:05 Uhr

[6] Webseite http://www.zug-simulator-event.de/html/preise_und_termine.html, abgerufen am 18.12.2012

[7] Webseite http://www.bvg.de > Das Unternehmen > Die Straßenbahn > Straßenbahn Spezial > Straßenbahnfahren für Jedermann, abgerufen am 18.12.2012

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