„Baureihe 232“ – Lektüre mit mehr als nur Erinnerungen

Rezension des Heftes „Baureihe 232 – Die berühmte Ludmilla“
ISBN: 978-3-89610-363-5; Autoren: Dr. Franz Rittig / Manfred Weisbrod

Offiziell am 08.11.2012 hat die Verlagsgruppe Bahn GmbH (VGB) eine neue Publikation aus der Reihe „Eisenbahn-Journal Extra“ veröffentlicht. Unter dem nüchternen Titel „Baureihe 232 – Die berühmte Ludmilla“ sind auf 114 Seiten (DIN A4) weit mehr als nur Erinnerungen zusammen gefasst. Der Leser bekommt hier einen umfassenden Überblick über die gesamte Geschichte der „Ludmilla“-Fahrzeugfamilie bei der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Bahn AG. Dem Autor dieser Rezension sind die mächtigen Dieselloks aus dem ukrainischen Lugansk von Sichtungen und Besichtigungen seit seiner Kindheit vertraut; sie waren vor allen Zuggattungen der Deutschen Reichsbahn nicht wegzudenken.

Am 03.08.1970 wurde mit 130 001 die erste Maschine in der DDR abgenommen und dem Bw Halle G zugeteilt. Mit 132 709 kam am 25.07.1982 die letzte „Ludmilla“ zum Bw Neustrelitz. Insgesamt 873 Lokomotiven der Baureihen 130, 131, 132 und 142 lieferte die Lugansker Fabrik innert jener zwölf Jahre an die Deutsche Reichsbahn, wobei eine stete Weiterentwicklung erfolgte. In der DDR galten die Maschinen als robust und bespannten schwerste Güterzüge. Nach der Wende schließlich entdeckten die Verantwortlichen der Deutschen Bundesbahn die Vorzüge der „Großrussen“, die Doppeltraktionen der BR 218 mit nur einer Maschine ersetzen konnten. Vor der Verschmelzung von Reichs- und Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG mietete die „Alt-DB“ Loks an; später wurde aus Mieten einfaches Umbeheimaten. Durch Umbauten entstanden in den 1990er Jahren die Baureihen 233, 234 und 241. Die nach der Bahnreform entstandenen privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen gingen auch noch einen anderen Weg: Sie importierten „Ludmillas“ direkt aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR, die vorher nie bei der Deutschen Reichsbahn gelaufen waren. Umgekehrt sind Vertreter der Fahrzeugfamilie heute auch in Polen zu Hause.

Die vielfältige Einsatzgeschichte – ergänzt um ausführliche technische Informationen – wird in insgesamt 13 Beiträgen („Editorial“ und „Galerie“ nicht mitgezählt) ausführlich dargestellt. Hierbei werden die Vorgeschichte der Beschaffung, der Einsatz in der DDR und die Unterschiede der einzelnen Baureihen genau so behandelt wie die Entwicklung nach der Wende und die Eroberung des „Westens“ durch die „Ludmillas“. Schon bald nach ihrem Erscheinen in der DDR waren diese vor den Transitzügen zwischen Westberlin und der BRD genau so alltäglich im Einsatz wie vor Zügen, welche die DDR und die BRD miteinander verbanden. Damit kamen sie schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs in die Grenzbahnhöfe der Deutschen Bundesbahn (Hof, Helmstedt, Büchen, Lübeck). Diese Einsätze und die Reaktionen der Bundesbahner auf die ungewohnten Maschinen werden zwar an einigen Stellen des Heftes erwähnt, leider jedoch nicht besonders detailliert. Weitaus mehr Raum wird den Einsätzen im Güterzugdienst eingeräumt.

Das Heft ist reich bebildert; die Fotos sind sämtlich in der für derartige Publikationen hochwertigen Qualität. Neben fotografischen Dokumentationen des Alltags, die beim Leser schnell Erinnerungen an eigene Erlebnisse hervor rufen, sind auch Abbildungen eher seltener Varianten der „Ludmilla“ (z.B. in den Regionalbahnfarben von Anfang der 1990er Jahre, mint/türkis) vertreten. Nicht erwähnt wird dagegen der Einsatz der schweren Loks schon vor der Wende auch auf manchen Nebenstrecken wie zwischen Hoyerswerda und Bautzen vor den Schnellzügen der Relation Berlin – Bautzen – Berlin. Nach der Wende wurden einige Maschinen in Personenzugdiensten eingesetzt (teilweise mit nur einem Wagen), was sich anhand einiger weniger Fallbeispiele im Heft wieder findet.

Nichts desto trotz kann das Heft Lesern, die sich für den Betrieb bei der Deutschen Reichsbahn allgemein bzw. für die „Ludmillas“ speziell interessieren, absolut empfohlen werden. Es wurde von kompetenten Autoren verfasst und mit Zeitzeugenberichten von Eisenbahnern (auch hochrangigen der DR) ergänzt, die in ihrer beruflichen Laufbahn mit dieser Fahrzeugfamilie verbunden waren. Zitate solcher Zeitzeugen ziehen sich durch das gesamte Heft und liefern zuweilen interessante Blicke hinter die Kulissen. Der Technik-Beitrag „Robuste Type – die Konstruktion“ enthält nebst ausführlicher Beschreibungen und Fotos von Bauteilen wie den Dieselmotoren auch etliche technische Zeichnungen, die dem Nicht-Lokfachmann das Verständnis erleichtern (und dazu hilfreich für Modellbahner sind).

Als wäre dies alles für EUR 15,00 nicht schon genug, liegt dem Heft noch eine DVD bei, die einen sehr interessanten Film der Hausmarke „Rio Grande“ zum Einsatz der Baureihe 232 vom Werk Oberhausen aus bei. Der Zuschauer kann Lokführer und Rangierer bei der Fahrt auf Werkrbahnen der hiesigen Stahlindustrie begleiten und das Entladen mit verfolgen. Eine mit gefilmte Unterhaltung unter Lokführern (die nicht gestellt wirkt) gibt Einblicke in die Denkweise der örtlichen Lokführer und Werkmitarbeiter über die „Ludmilla“ – und deren Ängste vor dem Bespannen von Reisezügen wegen der (sonst nicht genutzten) Zugheizanlage. Leider beschränkt sich dieser Film ausschließlich auf Oberhausen und Umgebung; dafür werden die Einsätze „im Revier“ ausführlich gewürdigt. Der Film entstand offensichtlich Mitte bis Ende der 1990er Jahre; vor mit aufgenommenen IC-/EC-Zügen ist mehrmals die Baureihe 103 zu sehen. Ein Film, der das gesamte Einsatzspektrum der „Ludmilla“-Familie abdeckt, inklusive der Zeit bis 1989 bei der Deutschen Reichsbahn, hätte bei den drei Betrachtern (in deren Kreis sich der Autor dieser Rezension befand) mehr gepunktet, aber dies ändert dennoch nichts an der Kaufempfehlung für das Heft. Mehr „Ludmilla“ für den Preis, dazu fachlich kompetent, gibt es sonst nicht.

Link: Produktseite des Heftes
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