Bahnhofsgebäude Bautzen geschlossen und vor Verkauf

Der „Bahn-Report“ (www.bahn-report.de) berichtet in einer Kurzmeldung seiner jüngsten Ausgabe [1], dass das Bahnhofsgebäude von Bautzen zum Verkauf steht und der Stadt „zu einem Vorzugspreis“ angeboten wurde. Man sei mit potentiellen Investoren im Gespräch, da für solch einen Kauf ein Nutzungskonzept vorliegen müsse. Dennoch stimmt diese Meldung nachdenklich.

Die „Sächsische Zeitung“ berichtete am 27.02.2014, dass die DB Station und Service AG (StuS) als Eignerin des Gebäudes die Bahnhofshalle ohne jede Vorankündigung gesperrt hatte. Hierzu wurde auf der Webseite der Zeitung ein Video des Mitteldeutschen Rundfunks eingebunden. Darin ist ein Schild zu sehen: „Bahnhofshalle geschlossen. Bitte nutzen Sie den Nachtzugang!“.  Von dieser Schließung überrascht wurde nicht nur die Stadtverwaltung, sondern auch der Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (ZVON). Gesachäftsfüher Hans-Jürgen Pfeiffer stellt fest, dass dazu „keine Kommunikation stattgefunden“ hat und er die Kommunikation für „stark verbesserungswürdig“ hält. Erst im Nachhinein erhielt er Informationen über die Ursache: Herab fallender Putz von der Hallendecke stellt eine Unfallgefahr für Passanten dar und erfordert diese Maßnahme. In einer Pressemitteilung erklärte die StuS: „Wir sind bestrebt, das Empfangsgebäude noch in diesem Jahr zu verkaufen. [...]“ An eine Beseitigung der Unfallgefahr ist offenbar nicht gedacht. [2]

Dass Bahnhofsgebäude kleinerer Stationen verkauft und einer bahnfremden Nutzung (oder im schlimmsten Fall dem Abriss) zugeführt werden, ist nichts neues. Dass sich aber das imposante Bauwerk eines einstigen Eisenbahnknotens und einer Stadt mit heute knapp 40.000 Einwohnern (und einer Fläche von 66,62 km2) in die Liste der von der Bahn nicht mehr benötigter Bauten einreihen muss, ist traurig. Das Gebäude am Rathenauplatz 1, 02625 Bautzen, wurde am 23.06.1846 eröffnet – zeitgleich mit der Eröffnung der Teilstrecke Bischofswerda – Bautzen an der heutigen Strecke 6212 (Görlitz – Dresden-Neustadt). Ab 01.09.1847 fuhren von Bautzen auch nach Görlitz Züge. Mit der Inbetriebnahme der Strecke 6216  Bautzen – Großpostwitz – Wilthen – Neukirch (Lausitz) – Neustadt (Sachsen) – Sebnitz – Bad Schandau im Abschnitt Bautzen – Neustadt am 01.09.1877  wurde auch das Empfangsgebäude erweitert. Im Jahr 1921 erhielt es in etwa seine heutige Gestalt. Ende April 1945, als es kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zur Schlacht um Bautzen kam, brannte das Empfangsgebäude vollständig aus und wurde später vereinfacht wieder aufgebaut. In den Fenstern der Oberlichter im Foyer befinden sich ach Sgraffiti, welche acht Industriezweige der Region darstellen (Gießerei, Weberei, 2x Waggonbau Lowa; auf der gegenüber liegenden Seite Steinbruch, Fischzucht, Ackerbau, Töpferei). Geschaffen wurden diese im Jahr 1951 vom Künstler Künstler Alfred Herzog. [3]

In Bautzen hielten einst zahlreiche Schnellzüge der Relation Görlitz – Dresden, aber auch die D-Zug-Paare 581/586 als Tagesverbindung von Berlin nach Bautzen und 580/587 als Tagesverbindung von Bautzen nach Berlin. Der 581/586 wurde zwischen Mai 1982 und September 1985 – jeweils in den Sommermonaten – sogar mit dem Schnellverbrennungstriebwagen (SVT) der Bauart „Görlitz“ (BR 175 der Deutschen Reichsbahn, heute BR 675) gefahren. Auf der DR-Kursbuchstrecke 240 von Görlitz nach Dreden-Neustadt finden sich im Jahresfahrplan 1986/87 (01.06.1986 –30.05.05.1987)  insgesamt 11 D-Züge pro Tag (inklusive Saisonzüge) mit Halt in Bautzen. Darunter sind Züge nach Meiningen (D 950, zurück D 957 ab Erfurt), von und nach Warschau (D 486/487), nach und von München (D 466/467) sowie nach und von Frankfurt (Main) (D 454/455). [4]

Die Nebenbahnen nach Großostwitz  – Wilthen und nach Radibor – Knappenrode Süd sind längst Geschichte. Bautzen kann man heute nur noch über die ehemalige Kursbuchstrecke 240 – jetzt 230 – von Dresden oder Görlitz her erreichen. Im Jahresfahrplan 2014 verkehrt hier zweistündlich der Regionalexpress der DB Regio AG von Dresden Hbf nach Görlitz, der dreimal am Tag bis ins polnische  Wrocław verlängert wird. Dazwischen verkehren die Regionalzüge der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH von Dresden-Neustadt bzw. Bischofswerda nach Görlitz mit Halt auf allen Unterwegsbahnhöfen. [5] Fernzüge gibt es in Bautzen seit dem 11. Dezember 2004 schon nicht mehr. Damals wurden die letzten Interrego-Verbindungen eingestellt. [6]

Die „moderne Bahn“ kommt mit immer weniger Anlagen und Gebäuden aus. Dass dabei Reisende selbst in größeren Städten schon nur noch „durch den Seiteneingang“ die Bahnsteige erreichen können wie jetzt in Bautzen, stimmt jedoch sehr bedenklich. Der Verkauf von Bahnhofsgebäuden hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, dass diese nur noch von bestimmten Personengruppen (wie etwa Mitarbeitern und Besuchern dort angesiedelter Firmen oder gastronomischer Einrichtungen) betreten werden können. Ein Bau wie das Bautzener Gebäude nur noch für eine „geschlossene Gesellschaft“, die Öffentlichkeit ausgesperrt? Es bleibt zu hoffen, dass es nicht so kommt und eine Nutzung zu Eisenbahnzwecken wenigstens teilweise erhalten bleibt.

Nicht zuletzt trennt sich DB StuS mit dem Verkauf ihrer Bahnhofsgebäude auch von einem Teil Eisenbahngeschichte in Deutschland. Über 150 Jahre alte Gebäude wie in Bautzen haben zwei Weltkriege überlebt und ihre Funktion als Empfangsgebäude eines bedeutenden Bahnhofes dabei nicht eingebüßt. Dies geschieht erst jetzt, in einer Zeit, da alles nur noch billig sein muss. Bei Dorfbahnhöfen mögen Verkauf und Privatisierung der Stationsgebäude noch nachvollziehbar sein, aber in einer Stadt wie Bautzen? Der Autor hofft, dass nicht weitere Städte dieser Größenordnung auch ihre einstigen Visitenkarten der Eisenbahn auf diese Art verlieren!


Literatur:

[1] „Bahn-Report“, Heft 2/2014 (März/April), Artikel „Bahnhöfe in Sachsen“, S. 62

[2] Webseite der „Sächsischen Zeitung“, Artikel „Bahnhof Bautzen ohne Bahnhofshalle“ vom 27.02.2014 (inklusive des eingebundenen MDR-Filmberichtes), http://www.sz-online.de/nachrichten/bahnhof-bautzen-ohne-bahnhofshalle-v696.html?StoryId=2784519, abgerufen am 02.203.2014.

[3] Wikipedia-Artikel „Bahnhof Bautzen“, http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnhof_Bautzen, abgerufen am 02.03.2014.

[4] Kursbuch der Deutschen Reichsbahn, Jahresfahrplan 1986/87 (gültig vom 01.06.1986 bis 30.05.05.1987), KBS 240.

[5] Elektronisches Kursbuch der Deutschen Bahn AG, Jahresfahrplan 2014 (gültig vom 15.12.2013 bis 13.12.2014), PDF der KBS 230, abgerufen am 02.03.2014.

[6] Wikipedia-Artikel „Bahnstrecke Görlitz – Dresden, http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_G%C3%B6rlitz%E2%80%93Dresden, abgerufen am 02.03.2014.
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