Eine „Westzeitung“ in Budapest

Die Einfuhr von „Zeitungen und Zeitschriften, die nicht auf der Liste des Postzeitungsvertriebes der DDR stehen“, in den sozialistischen deutschen Staat war verboten. Damit durften also auch keine „Westzeitungen“ (aus der BRD bzw- Westberlin) in die DDR gebracht werden. Für DDR-Bürger (die nicht selbst ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet reisen durften) waren Westzeitungen überwiegend fremd, auf jeden Fall aber exotisch und faszinierend.

In Budapest konnten bestimmte Titel – ich erinnere mich auf jeden Fall an die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und an die Jugendzeitschrift „Bravo“ – an manchen Kiosken der Stadt gekauft werden. Im Gegensatz zu den ungarischen Zeitungen waren diese jedoch sehr teuer. Eine Wochenendausgabe der „FAZ“ war 1987 oder 1988 an einem Kiosk für 20,00 Forint zu haben. Für DDR-Bürger war das – für eine Zeitung – viel Geld, weil sie ja nicht unbegrenzt DDR-Mark in Forint wechseln durften. Es gab bestimmte Tagessätze, die man umtauschen dufte. Ferner konnte auf die Zollerklärung in Ungarn selbst noch ein einmaliger „Notumtausch“ von 100 DDR-Mark vollzogen werden. Bei vielen Reisenden war aber diese für Notfälle vorgesehene Regelung die planmäßige Ergänzung des daheim umtauschbaren Budgets (sofern man die 100 DDR-Mark übrig hatte). Der Wechselkurs betrug konstant 0,1429 – sprich, für 100 Forint mussten 14,29 Mark der DDR bezahlt werden, zuzüglich einer kleinen Umtauschgebühr. Für Reisende mit D-Mark galten andere Sätze, sie mussten deutlich weniger für 100 Forint bezahlen. Die DDR-Mark zählte zu den nicht frei konvertierbaren Währungen – das heißt, ein freier Umtausch nach Marktregeln war nicht erlaubt und die Wechselkurse basierten auf bilateralen Vereinbarungen der jeweiligen Staaten. Für Währungen anderer sozialistischer Länder traf dasselbe zu.

Zum Kurs von 0,1429 umgerechnet, ergaben die 20 Forint für die „FAZ“ einen Gegenwert von 2,86 Mark der DDR. Das war extrem teuer, wenn man bedenkt, dass eine Ausgabe der „Berliner Zeitung“ oder des „Neuen Deutschland“ gerade einmal 0,15 Mark der DDR kostete. Die Zeitungen wurden (wie andere Güter und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs) subventioniert.

Die erste Begegnung mit einer „Westzeitung“ ist jetzt auch in den Roman „Konspirative Liebe“ eingegangen. Die Hauptperson Tino Boczik, damals im jugendlichen Alter, verbringt seinen Sommerurlaub 1987 in der ungarischen Hauptstadt und stößt an einem Kiosk eben auf die Wochenendausgabe der „FAZ“. Ob seine Vorstellungen und Erwartungen, die er mit der Presse westseits des Eisernen Vorhangs bisher verband, erfüllt werden, wird nach Veröffentlichung des Buches im Abschnitt „Die Solo-Fortsetzung“ zu lesen sein. Auf seinen Wegen allein durch Budapest erlebt Tino noch anderes, das er bisher nicht kannte, wie etwa die Begegnung mit einer Familie aus Bayern und die Gedanken an einen Besuch der Botschaft der BRD. Nach einer im Buch bezeichneten Quelle suchten über das gesamte Jahr 1987 hinweg insgesamt 927 DDR-Bürger in der Botschaft oder Konsularabteilungen der BRD in Budapest um Hilfe bei der Ausreise nach Österreich an. Die Antwort auf die Frage, ob Tino dazu gehört, bleibt für den interessierten Leser ebenfalls ungewiss, bis das Buch veröffentlicht ist.

Ein Termin hierfür ist aufgrund der Komplexität des Projekts derzeit nicht abzusehen; auf keinen Fall wird dies vor Mitte bis Ende 2015 geschehen können. „Konspirative Liebe“ wird ausschließlich in der Freizeit verwirklicht. Bis dahin werden auf Google Plus aber weitere Artikel folgen, die schon vorab einen kleinen Einblick in das Leben von Tino Boczik gewähren.

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Schlagwörter:
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