Fahrpanwechsel, ungeküsst

Was hat der Fahrplanwechsel, der auch in Deutschland am 09.12.2012 bevor steht, mit Küssen zu tun? Es geht hier nicht um Romantik, ganz im Gegenteil, um ein Trauerspiel, das sich fast zu jedem Fahrplanwechsel wiederholt, an dem eine neue Fahrzeuggeneration bei irgend einem Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) den regulären Dienst aufnehmen soll.

Diesmal heißt das Fahrzeug „KISS“ – als englischer Begriff, ins Deutsche übersetzt, würde es „Kuss“ heißen. Für Leser, die die Praxis der Schienenfahrzeughersteller bei der Vergabe von Namen für ihre Produkte noch nicht kennen: Die Zusammensetzung von Begriffsabkürzungen zu gut merkbaren Namen wie „Talent“, „Flirt“ und jetzt eben auch „Kiss“ ist seit vielen Jahren gängige Praxis. In dem Fall steckt die Firma Stadler Rail hinter dem Begriff und übersetzt „KISS“ mit „ K omfortabler I nnovativer S purtstarker S-Bahn-Zug“. Die Baureihenbezeichnung „ET 445“ (ET = „Elektrischer Triebwagen“) meint denselben Fahrzeugtyp.

Der KISS der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (ODEG, http://odeg.de) sollte das Bild im Regionalverkehr Berlins und dessen (weitläufigem) Umland ab 09.12.2012 beleben. Auf den Linien RE 2 (Cottbus – Lübbenau – Berlin Stadtbahn – Nauen – Wittenberge – Schwerin – Wismar) und RE 4 (Ludwigsfelde – Berlin Nord-Süd-Tunnel – Berlin-Spandau – Rathenow) sollten die neuen Doppelstock-Triebzüge das bekannte Rot von DB Regio ablösen. Daraus wird vorerst nichts, denn – wieder einmal – liegt für die Neufahrzeuge die Zulassung des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) nicht rechtzeitig vor. Das geht also nicht nur der Deutschen Bahn so, die mit ihrem ET 442 des Herstellers Bombardier Ähnliches erlebte, nur in viel größerem Ausmaß.

Die „Eisenbahn-Revue International (ERI, www.minirex.ch/eisenbahn-revue-international.aspx)“ berichtet in ihrer Ausgabe 12/2012 (S. 605), dass nicht alle der bei Stadler bestellten 16 „KISS“ rechtzeitig zur Verfügung stehen werden. ODEG-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann äußerte gegenüber dem Blatt, dass man mit „mindestens sechs verfügbaren Einheiten“ rechne. Es werden Lieferengpässe bei den Stahlgussteilen für die Drehgestelle vermutet. Die bezieht das Herstellerwerk Stadler Pankow (www.stadlerrail.com/de/portrait/standorte/pankow-d/) vom ebenfalls zu Stadler gehörenden Werk Biel in der Schweiz.

So werden auf der langen Linie RE 2 die roten Doppelstock-Wendezüge erhalten bleiben. DB Regio wird den Verkehr hier im Auftrag der ODEG weiter führen, allerdings nicht mit den „Taurussen“ (BR 182), sondern mit Loks der Baureihen 112.1 und 114. Die 182 braucht DB Regio für ihre eigenen Leistungen auf dem RE 1 (Frankfurt/Oder – Berlin Stadtbahn – Potsdam – Brandenburg – Magdeburg). Mit den Baureihen 112.1 und 114 sind keine 160 km/h möglich. Um Fahrzeit zu gewinnen, streicht die ODEG daher auf dem RE 2 bei den meisten Zügen die Verkehrshalte in Brand (Niederlausitz) südlich von Königs Wusterhausen und in Breddin im Norden (zwischen Neustadt/Dosse und Wittenberge). Dies ist heute auf http://odeg.de/liniennetz-und-fahrplaene/bauarbeiten/?line=RE2 nachzulesen. Der Halt in Brand wurde dereinst eingerichtet, um das dortige Erlebnisbad „Tropical Islands“ besser an das Regionalverkehrsnetz anzubinden – vom Bf Brand dorthin gibt es einen Busshuttle. Der wird die Fahrgäste vorerst nur noch von den Regionalbahnen (die im Gegensatz zum schnellen RE überall halten) abholen brauchen. Ein Novum wird es im „ODEG-Ersatzverkehr“ geben: Nicht Kundenbetreuer im Nahverkehr (KiN) von DB Regio werden die roten Züge begleiten, sondern solche der ODEG.

Interessant, vor allem für Freunde historischen Wagenmaterials, dürfte auch das Ersatzkonzept auf der Line RE 4 werden: Laut der ERI fanden bereits Schulungsfahrten für ODEG-Lokführer auf angemieteten Loks des Typs ES 64 U2 von Siemens statt. Solche Triebfahrzeuge sollen vor – ebenfalls gemietete – „CityShuttle“-Garnituren der Österreichischen Bundesbahnen (siehe www.salzburg.com/wiki/index.php/CityShuttle) gespannt werden und zwischen Jüterbog im Süden, dem Berliner Nord-Süd-Tunnel und Rathenow im Nordwesten pendeln. Fallweise kann auch älteres Wagenmaterial privater Vermieter zum Einsatz gelangen, wie auch auf den zum ERI-Artikel veröffentlichten Fotos zu sehen.

Es wird also ein interessantes Intermezzo werden, bis die „KISS“ vollzählig „zum Dienst erschienen“ sind. Ob dann die erste Fahrt im „KISS“ ein ähnlich erhebendes Gefühl auslöst wie ein Kuss, bleibt dann zu testen. Insbesondere im Oberstock der Triebzüge soll es (Berichten von der Bahnmesse „InnoTrans“ zufolge) deutlich weniger Kopffreiheit geben als bei den aktuellen „Dostos“ der DB Regio.

_Foto: Screenshot von der ODEG-Homepage vom 29.11.2012. Das Ersatzkonzept wird mit einem Foto eines „Dosto“ von DB Regio illustriert.
Photo
Shared publiclyView activity