Food for thought.

Was das Schlimmste an der »Nudeldicken Deern« von +Anke Gröner sein würde, wusste ich, bevor ich das Buch gekauft habe. Ich kann lesen und Ankes Blog lese ich von Anfang an. So in etwa wusste ich also, was auf mich zukommen würde.

Essen. In all seiner Pracht und Vielfalt und Lieblichkeit. Aber mehr so das Bratkartoffelliebliche. Pastinaken und Mangold. Meine Lieblichkeit. Ich wusste auch, dass ich mich durch all das Liebliche hindurchheulen würde. Seitenweise. Und so wars dann auch.

Denn ich esse ja schon immer so, wie Anke es erst seit kurzem tut. Gut. Liebevoll. Respektvoll. Mir selbst und meinem Essen gegenüber. Ich liebe Essen. Ich koche jeden Tag, immer schon. Essen gehen ist was für zwei. Pizza beim Italiener ist noch immer dasselbe Kinderabenteuer wie vor hundert Jahren. Ich träume von Lemon Pie und Schmand, nicht von Kaviar und Austern.

Essen. Selten mehr als sieben Zutaten, kein Wirbel, kein Wind. Ostpreussisch-englisch-skandinavisch, so vielleicht. Essen war immer Heimat. Essen war nie ein Problem. Nicht mal für mein Gewicht.

Bis ich dann krank wurde, und dann noch ein bisschen kränker, und jetzt ist es eben so: All das wunderbare gute Essen ist ein Problem geworden. Das Hauptproblem. Aus vielen Gründen. Wenn ich A vertrage, sagt Krankheit B nein. Und umgekehrt. Und wenn alles gut geht, sagt Krankheit C: Nö. Heute nicht. Da ist viel Spielraum, im Autoimmunen. Und ja, ein paar Pfunde legt man auch drauf, dabei. Auch wenn man zuerst fast alles dabei verliert.

Ein bisschen hatte ich mich also schon gewehrt, innerlich, Ankes Buch zu lesen, und es eigentlich nur »anstandshalber« gekauft. Zum Glück machen E-Books entscheidungsfreudig.

Und es hat sich gelohnt. Es ist ein schönes Buch. Ein ruhiges Buch. Ein freundliches Buch. Ein gutes Geschenkebuch, ein gutes Schenk-ich-mir-selber-Buch.

Es ist ein gutes Buch auch unter dem Aspekt Präsentieren.

Weil es eins von diesen Büchern ist, denen man anmerkt, dass da jemand Sprache liebt. Und an seine Zuhörer und Leserinnen denkt. Mit Tipps zum Weiterleben und Mitnehmen.

Und ich denke, ich werde es noch mal als Papier kaufen und auf den Stapel anderer freundlicher Bücher legen, zu Semesterbeginn, wenn es für fast alle im Seminar darum gehen wird, herauszufinden, was alles in ihnen steckt. Denn wir sind alle so viel mehr als nur eins (dick, krank, klug), wir sind eine kleine munter trommelnde marching band von Talenten und Stärken und Schwächen und so blind dafür, oft, wie charmant dieses bunte Ganze eigentlich ist. Erst im Ganzen.

Und wir bringen ja alle etwas mit nach vorne beim Präsentieren, mit dem wir kämpfen, und fast immer ist es ein What if, ein Was-denken-die-bloß-von-mir, ein Was-sehen-die-in-mir, und fast immer sind es junge Frauen, die glauben, dass ihr Äußeres ihnen dabei im Wege steht.

Die, die man erst mal vor sich selber beschützen will, sind fast immer die ganz jungen Mädchen, die am liebsten unsichtbar wären. Merkwürdigerweise sind es selten die mit ein paar Pfund mehr auf den Rippen (und Anke fragt ganz richtig: mehr als wer?), die sich am schwersten tun.

Speck ist manchmal eben auch Schutzschicht. Seehunde wissen das.

Das Schönste aber an Ankes Buch ist vielleicht, dass es mir wieder einmal klargemacht hat, wie gut ich es habe: Dass ich meine Freude an gutem Essen nicht verloren habe. Dass ich jedes Essen, jede Mahlzeit, die ich mir koche, immer noch genieße, und jedes Stück Gemüse, das nicht innerhalb von 48 Stunden zum Problemkind wird. Es ist nur schwieriger geworden. Und anders. Und eine Geschichte ohne Champagner und ohne dunkle Schokolade mit Meersalz. Aber das gehört nicht hierher. Wir sind hier ja schließlich im öffentlichen Raum. Und nicht in einem Weblog alter Schule.

Lass es dir weiter gut schmecken, Frau Gröner. Besonders die Schokolade!
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