Kein Ort für Kultur im Netz - nirgends

Einen schwer verdaulichen Essay-Happen hat der immer mal wieder heftig umstrittene Dramatiker Botho Strauss da in der NZZ serviert, den man auf ganz unterschiedlichen Ebenen goutieren kann. Er ist zB durchaus als Bestätigung dessen zu lesen, was +Perlentaucher +Thierry Chervel neulich mutmaßte: dass die Autoren das Netz vor allem als Bedrohung sehen, weil sie es nicht verstanden haben (http://www.perlentaucher.de/blog/271_die_schoene_seite_der_kostenlosmentalitaet).

Aber vielleicht wäre das auch ein bisschen sehr schlicht, und vor allem: Was sollte das bringen?

Auf das Internet bezogen - und ich kann da nicht umhin, zwischen den ganzen überbordenden Bildungsmetaphern und -anspielungen eine Kritik an demselben heraus zu lesen - birgt dieses Essay doch vor allem den Vorwurf, dass die Technik und das Wissen "unserer Tage" keinen Raum für Kultur böten und, schlimmer noch, keinen Ort für Kritik oder gar Widerstand.

Ich persönlich glaube an das Gegenteil, zumindest an meinen besseren Tagen. Aber solche Texte wie dieser hier von Strauss zeigen mir halt auch, dass "wir Internet-People" noch lange nicht zum Mainstream vorgedrungen sind, noch immer keine Erzählung anbieten können, um mehr Leute davon zu überzeugen, dass das Netz eben kein Feind des Geistes, der Kultur ist. Ganz und gar nicht.

Noch aber schreibt jemand wie Strauss:

"In der virtuellen Welt kann durch Spiel und Abgleich der Geist ein höheres Risiko sowohl der Entfaltung wie der Verstrickung eingehen als durch irgendeine Form des Widerstands. (...)

Wer sich an technischen Neuerungen berauscht, ist ein Schwachkopf. Wer sich ihrer zu bedienen versteht, ist ein Alltagsmensch, aus dem noch einmal etwas Besonderes werden könnte, wie zu allen Zeiten. Der Bewegungsraum eines Menschen muss zu fünf Achteln anachronistisch sein und darf nur zu drei Achteln aus Unübersehbarem bestehen. (...)

Früher gab's mehr von dem, was war. Heut gibt's zu viel von dem, was wird. (...)

Wissen und Technik unserer Tage haben bisher keinen sprachbildenden Einfluss, scheinen nicht chiffrierfähig. (...)

Die ästhetischen Valeurs sind die bedrängtesten. Was interessiert es, ob millionenweis kommuniziert wird, wenn der Hort des unduldsam Schönen keine chaotischen Schwingungen mehr in die Social-Cloud absetzt?"*
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