(wirklich sehr schönes interview, hat mir neben vielem anderen, das er schönes über literatur sagt, auch mal wieder klargemacht, was ich an goetz - wie an den ganzen anderen wirklich guten - eigentlich so gut finde, bei der stelle, wo er über den mittleren depp, den mittleren normalo redet, der von den institutionen kaputtruiniert wird, in denen der drinsteckt: so ist goetz einfach nicht, der ist einfach nicht in der lage, halbwegs normal zu sein oder auch nur zu spielen. also nicht nur die art von irgendwie daneben und kaputt sein, die in unseren sozialen kreisen eben so erwartet wird, sondern so richtig krass asozial nicht funktionieren, denen ihr spiel spielen, mitmachen auch nur können, oder nur mit den allergrößten problemen sich so verhalten, dass das nicht auffällt. und der weiß das und findet das auch in keinster weise schlecht oder hat angst davor oder lässt es sich nur so durchgehen, sondern macht das mit voller absicht und schafft es so, seit ca. 30 jahren nur mehr das zu machen, was er gut findet. und weil hier ja neulich die rede davon war, was die besten köpfe irgendwelcher generationen denn so machten und ich da schon schreiben wollte: natürlich das. popstar sein, oder eben goetz oder irgendwas anderes bigger than life (und dabei ist es ja egal, ob das innerlich wirklich stimmt, so lange es nach außen so wirkt), stellvertretend für uns mittlere deppen, die irgendwie zu faul, ängstlich und dumm oder einfach nicht schnell genug sind, um so zu sein wie die und drum irgendwie immer weiterwursteln in diesen furchtbaren organisationen und kleinkramansammlungen, die uns schön langsam immer dümmer, fauler und ängstlicher machen.)
unbedingt lesen: großartiges interview mit Rainald #Goetz  über "Johann Holtrop" (den auch lesen!). wenn er über seine literatur-arbeit redet, ist Goetz erzsympathisch und hat fast immer recht. 

"Johann Holtrop" ist ein großartiges projekt, das stellenweise ganz hervorragend funktioniert (der ganze zweite teil). großartig, wie diese innenlebenlosen figuren - und sind wir das nicht alle? - in ihren reizreaktionsschleifen interagieren, immer versuchend, neue ego-energie herzustellen, die sie die nächsten paar stunden trägt. viel realistischer und interessanter als die psychologisierende innensicht, die die alte kritiker-gilde einfordert, so als ob es den tod des romans in den 1960ern nie gegeben hätte.

[nr manchmal ist es - aus versehen - ein wenig zu nah an eh schon bekannter gesellschafts(selbst)kritik im stil des späten Helmut Dietl oder Hollywood-gesellschaftsromanen und -filmen über die gierigen 10000. wobei auch dieses genre ja trotz "entlarvung" immer die energie des oberflächlichen treibens feiert, aus der sicht der frustrierten zukurzgekommenen. und am anfang fühlt es sich noch ein bisschen zusammenmontiert an aus anzitierten realistischen romanschreibweisen, obwohl das natürlich einen eigenen reiz hat. der text-drive kommt da, wo der text sich immer enger und untergründig sympathisierender an die perspektive des wirren, selbstbetrunkenen und durchgeknallten Holtrop (der an Middelhoff erinnert) anschließt.]
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