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Bernhard Johannes Blume†

Verehrte, verehrenswürdige Versammlung am Sarge Bernhards – würdig durch den von allen gespürten Verlust; und nach sprichwörtlicher Weisheit werden Menschen nicht so sehr durch das charakterisierbar, worüber sie mit machtbegründendem Mutwillen, also nach Belieben verfügen können, sondern durch die Haltung, mit der sie in Würde zu entbehren wissen, Verluste ertragen und Wirklichkeit anzuerkennen vermögen; denn wirklich ist ja nur das, worauf wir mit aller Macht keinen Einfluss haben, das wir unserem Willen nicht zu unterwerfen vermögen. Denken Sie naheliegenderweise an die vielen Allmachtsphantasten, die glaubten, sie könnten mit gewaltiger Finanzmanipulation die wirtschaftliche Wirklichkeit unserer Gesellschaften ihren Vorstellungen unterwerfen! Jedermann spürte deren Würdelosigkeit im Mutwillen, im Machtwillen! Den Zumutungen so verstandener Wirklichkeit haben Bernhard und Anna viele Werkeinheiten gewidmet.

Der Tod wird seit Menschengedenkenals der Garant unserer unabdingbaren Orientierung auf das einzig Wirkliche gewertet, weil ihm, dem Tod, niemand, auch die machtvollsten Herren der Welt nicht ihren Willen aufzwingen können. Das bekunden alle Menschen bei den Feiern des Todes an Särgen, an den Gräbern. Dabei ist die Totenfeier das Gewissheit stiftende Bekenntnis, dass wir eben nicht dem Belieben ausgeliefert sind, nich tder postmodernen Zyne nachzuplappern haben, dass eben „alles geht“! Am Grabe wird solcher hochmütige Widersinn korrigiert: Alles geht hinweg, wird uns entzogen, müssen wir verlieren! Und wie gibt uns diese Einsicht Würde? Eben durch die Erkenntnis, dass es nun nur noch auf uns ankommt, ob wir das unabdingbar Verlorene, die verlorenen Menschen und ihre Welten lebendig wissen, zu verlebendigen in der Lage sind!

Nach einer Notiz aus dem Jahre 1977, dem Jahr in welchem ich mit Bernhard und Anna das in vielen Katalogbeiträgen dokumentierte Gespräch aufnehmen konnte, hat Blume beiläufig geäußert, wer bei Trauerfeiern nur trauert, traut sich nichts zu – traut sich nicht zu, dem Toten, den Toten ewige Gegenwart zu verschaffen, wenigstens in Erinnerung, in Gedanken und Taten. Darauf kommt es auch heute an: Dass wir uns zutrauen, Bernhard und seine Arbeiten, seine Taten und Tage im Geiste der Zeitgenossen und vor allem in unserem Geiste präsent zu halten.

Das zu bekennen und öffentlich werden zu lassen: „Wir garantieren Dir, Bernhard Johannes Blume, dem Künstler und Lehrer, bleibende Gegenwart, solange wir gegenwärtig sein werden!“ – das zubekunden ist Sinn unserer Versammlung am Sarge. Nicht die Trostlosigkeit endgültigen Abschieds für immer wollen wir beklagen, sondern unsere Kraft und Verlässlichkeit demonstrieren, Bernhard zu vergegenwärtigen, zu gewärtigen, als stünde er weiterhin unter uns. Und liebe Anna, da soviele, Hunderte von Menschen hier am Sarge sich zu solcher Selbstverpflichtung bekennen, dürfen wir annehmen, dass Bernhard seinen Tod überlebt in uns noch Lebenden! Diese Hoffnung habt ihr, die Familie, ja bereits dadurch bekundet, dass ihr den heutigen Tag, den Geburtstag Bernhards zum Tag seiner Grablegung bestimmtet. Das ist nicht nur eine aus der Lebenslogik des Toten sich ergebende Evidenz dafür, dass zu sterben hieße, ein neues Leben zu beginnen; es ist vielmehr das Bekenntnis zum Genius des Toten,dem wir nach antik-römischer Auffassung an Geburtstagen huldigen sollen – eine Feier jener Kräfte, die den Menschen tragen – seiner Beseeltheit, seines Enthusiasmus, seiner Energie und seiner Wirkmächitgkeit – um den Geist und die Seele der Menschen zu stärken, zu vitalisieren, also mit Lebenskraft und Lebensfreude zu fördern!

Das bekunden wir ebenso sehr an Bernhards heutigem Geburtstag, dass er als Künstler und Lehrer unser aller Geist und Seelen zu tüchtigem Lebensgenuss zu stimulieren wusste. Den unmittelbarsten Beweis dafür liefert natürlich die staunenswerte, weil so selten erfolgte Kooperation von Mann und Frau – von Bernhard und Anna –, dann die mit seinen Schülern in Gymnasien und an der Hochschule und schließlich mit allen, die sich im Gespräch mit Bernhard und Anna nicht nur allgemein stimuliert fühlten, sondern am liebsten als Partner, aber wenigstens als Schreiber sich ihnen anzuschließen versuchten.

Die geburtstägliche Feier des Genius von Bernhard ist hier in der Trauerhalle soweit gelungen, dass wir nicht nur die von Sybille geschmückte Tafel des Todes als festlich würdigen können; der Blick auf die Architektur der Halle bietet uns den bestimmten Eindruck, als seien alle Einzelelemente – von der Sängertribüne über die Qualität der Pfeiler, von der Taubenschlagstruktur der Abside bis zum Kreuz – aus Blumes Werk hierher versetzt. Solche verwandelnde, anverwandelnde Kraft des von Blumes Werk bestimmten Blicks nehmen wir als Beweis für seine lebendige Gegenwart – und die gilt es wahrlich feierlich zu bekunden und zu bekennen.

Feierlich, das heißt und hieß für Bernhard immer „mit Ironie, mit romantischer, kabarettistischer, Rawlsscher, affirmationsstrategischer Ironie! Dazu hielten unsere Generation, Bernhards Generation bereits die Dioskuren unserer Welterkundung an: Heinz Erhardt undLudwig Erhard, die Heroen der fünfziger Jahre, zu denen in großer Nähe zu Blumes Geistesgegenwart noch Loriot hinzugestellt werden sollte; von Bülow zeigte ja, dass man als bildender Künstler nicht nur als Wortmeister und Theoriepathetiker – wie Heinz und Ludwig Erhard(t) – Ironie als Erkenntnis stiftendes Verfahren auszuprägen vermochte. Beiseite gesprochen, also salonironisch sei angemerkt, daß sowohl Loriot wie Bernhard und ich gleichermaßen der Hamburger Hochschule am Lechenfeld aufs Engste verbunden sind! Als Bilddenker und Begriffsbildner von erstem Rang in der BRD war Blume gerade vom apokalyptischen Geist seines Namenspatrons Johannes erfüllt; die Ironie ergibt sich als Form der Wertschätzung gerade aus der Tatsache, daß Optimist nur zu sein vermag, wer mit dem Schlimmsten rechnet und es somit auszuhalten lernte. Das Ende muss man apokalyptisch vorwegnehmen, um endlich doch mit Kraft beginnen zu können. Das hob und hebt die Großapokalyptiker weit über den naiven hübschen Optimismus des „es hat noch immer joot jejangen“ hinaus. Wer so denkt, verliert zu Recht sein Gedächtsnis als Stadtarchiv; nur radikaler Pessimismus begründet sachlich haltbaren Optimismus. Das ist ironische Affirmation, also Jasagen können mit Nietzsche zu einer Welt, in der nichts wirklich zustimmungsfähig ist.

In und mit dieser Strategie haben die Blumes entscheidende Erhellungen über das Mirakel der Bekehrung von Millionen Führerverehrern zu Demokraten des BRD-Zuschnitts sichtbar werden lassen. Das „Wahnzimmer“ der 50er Jahre ERP-Bauten als zeitgemäße Ausprägung des Bayreuther Wahnfriedprinzips – die „Ideoplastien“ der Werbung mit Gilb, Miefi, weißer Riese als Geisterbeschwörung des aufgeklärten Europäers –, die Schizzoserien als Gedankenbild der Selbstverachtung in jeder Identitätskrampferei; die „Heilsgebilde“ als Oblaten der Selbstbefriedigung oder des Selbstservice im Funktionieren von neugekauften Maschinen des täglichen Privatlebens (wer selber – ohne Service eben – einen IKEA-Schrank oder einen Computer zum Funktionieren brachte, hat Heilserfahrungen gemacht); Blumes Dynamiken der Transformation von Banalitäten in Heilssignale haben tatsächlich, wenigstens für Kunstinteressierte die Kraft zur Rettung der Dinge vor der Blödheit ihrer Nutzer, vor Stumpfsinn, Engstirnigkeit und Leichtgläubigkeit – das allein sind schon wirkmächtige Beiträge zur allgemeinen Wertschätzung von Nichtverstehen, von Versagen und Scheitern als Voraussetzung für jegliche Welterkenntis und vor allem Selbsterkenntis, die wir den Blumes verdanken.

Allem voran steht aber Blumes geniale Demonstration der gestaltenden, darstellenden Bannung der hohepriesterlichen Selbstgefälligkeiten von Philosophen, Literaten, Technikern, Ökonomen und Politikern, Unternehmern und Privatiers des Kleinbürgertums: Alle glauben ja, besonders seit 1945, dass Verfolgung, Bedrohung, Ausgrenzung ein Zeichen der eigenen Bedeutung sei – nach dem alten Motto „Viel Feind, viel Ehr“. Wenn die Feinde Dummköpfe, Politidioten, Fundamentalisten sind, ist wohl von Ehre nur ironischerweise zu sprechen! Der Impuls der Blumes war und ist es, dieser Selbsttäuschung über die eigene Größe zu entgehen: Wenn ein Narr einen anderen zum Narren hält, wenn ein Mafiot einen anderen Mafioten der kriminellen Praktiken bezichtigt, wenn ein Minderleister einen anderen des Unvermögens bezichtigt, bedeutet das in gar keinem Falle, dass sich jemand als Nichtnazi oder Demokrat erweist, weil er andere als Nazis oder Faschisten bezeichnet. Das Schema entstammt der Logik der Dummheit, der Logik von krankem Menschenverstand, den uns die Evolution aufzwang. Der Verweis auf den „gesunden Menschenverstand“ ist selber ein Zeichenvon dessen Dysfunktion! Ihm ist nur der Satiriker und Ironiker, also der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker gewachsen.

In dieser Avantgarde der Menschheit behauptet Bernhard Johannes Blume sich mit großer Leuchtkraft durch Reibungsenergie. Sie wärmt und erhellt zugleich ihr Umfeld, also uns! Wir danken durch das Versprechen, diese Kraft durch Wirkung auf uns selbst zu beweisen.

Ich nicke in Richtung Sarg, um das Einverständnis mit der Weisheit letztem Schluss, also mit der Weisheit des Todes zu bekennen: Wir haben wirklich nur, was uns fehlt – und uns fehlt, was wir haben! Wie das? Bernhard kam zum Arzt, der ihn fragte: „Na, mein lieber Meister, was fehlt uns denn?“ Darauf Blume: „Herr Doktor, ich habe Schmerzen.“ Also uns fehlt, was wir haben und wir haben, was uns fehlt! Bernhard, wir haben Dich ganz bei uns, seit Du uns fehlst. Oder mit anderen Worten, von Heinz und Ludwig: „Vor dem Tode haben wir keine Angst, denn alle, die bisher gestorben sind, haben davon nicht wieder abgelassen.“

Bazon Brock, 8. September 2011
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5 comments
 
Ich bin erst vor einem Jahr im Dortmunder U auf die Arbeiten von Anna und Bernhard Blume aufmerksam (gemacht) worden. Mea Culpa. Aber dass Erkennen und Lachen sich derartig zueinander fügen können, fand ich großartig.
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dreimal gegrübelt;-) genialer letzter absatz! danke für diesen beitrag und die (unermüdliche) mühe für "das, was bleibt" zu werben!
lg aus wien
ulrike
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Lieber Bazon, mit dieser Grabrede hast Du Bernhard Johannes Blume aus tiefer Zuneigung einen "heiligen Erinnerungsbaum" gepflanzt und diesen mit wertvollsten Gedanken geschmückt.
Dankbare Grüße.
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Erst jetzt, viel zu spät stoße ich auf diese traurige Information. Nun ist es zu spät für ein Wiedersehen in Köln. Es bleibt die Erinnerung an viele schöne Gespräche, Begegnungen und an einen wunderbaren Menschen. Über seine Kunst bleibt er unsterblich.
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