Shared publicly  - 
 
Quo vadis Google?

Lieber Herr +Stefan Keuchel,

vielen Dank für Deine bisherigen Antworten. Ich glaube, fernab vom fulminanten Start von Google+ gibt es einen Punkt, der bisher kaum Beachtung fand und viele Unternehmen als Vorbild nehmen sollten: Google ist auf einmal nicht mehr das anonyme US-Unternehmen, sondern offen und geht in Diskussionen auf die Nutzer ein. Nicht nur Du, sondern auch Deine Kollegen in Mountain View und anderen Standorten.

Kommen wir zu den bisher angesprochenen Punkten:

Anonyme Profile: Deine Aussage macht nicht nur bei mir den Eindruck, als würden (im Moment) Pseudonyme geduldet, man aber immer in Gefahr läuft, dass der Account gelöscht wird. Hat Google denn nicht aus den letzten Jahren gelernt? 2007 hat Yahoo chinesische Dissidenten an das Regime verraten, der arabische Frühling ist noch in unser aller Erinnerung. Don't be evil. Sollte Google hier nicht mit gutem Beispiel voran gehen? Es wäre eine einfache Aussage:

Google akzeptiert Pseudonyme und anonyme Profile.

Akzeptanz gibt es viel zu wenig in unserer Gesellschaft. Mir ist selbstverständlich klar, dass Google hier auf Google+ das Hausrecht inne hat, ohne Frage. Ich sage aber trotzdem: Mit einem weltweiten Social Network in dieser Größe hat Google nicht nur eine Verantwortung gegenüber den eigenen Aktionären, sondern auch und insbesondere gegenüber der Gesellschaft, der Demokratie, gegenüber jedem einzelnen Nutzer. Das mag jetzt hochgegriffen klingen, ich erinnere trotzdem noch einmal an die Bilder aus den arabischen Ländern, die uns über Facebook erreicht haben und an die Bilder aus dem Iran, die über Twitter verteilt wurden. Selbst im Kleinen, bei uns, ist Anonymität oftmals existentiell, wie die Beispiele GuttenPlag Wiki und VroniPlag Wiki zeigen. [1]

Die Aussage Deines Kollegen Klaas Flechsig habe ich ehrlich gesagt mit großem Entsetzen gelesen. Wir verkaufen keine Nutzerdaten oder -profile und werden das auch in Zukunft nicht tun. Diese Aussage ist vorab ohne Einschränkung zu begrüßen. Allerdings steckt die Datenschutzbombe in den weiteren Aussagen. Jede vorhandene Datenbank mit Nutzerdaten ist genau eine Datenbank zu viel. Selbstverständlich bin ich nicht so blauäugig zu glauben, dass es ohne geht, ich bin seit gut 15 Jahren online. Jedoch sollte, wenn schon gespeichert wird, so wenig wie nötig gespeichert werden. Sind Daten vorhanden, wecken sie Begehrlichkeiten. Ein Satz, so simpel, wie richtig.

Nun stellt sich die Frage, wie man auf die Idee kommen kann, bereits vorhandene Datenbanken zu einer zusammenzufassen. Dies ist für jeden Datenschützer eine unvorstellbare Horrorvorstellung. Welche Unternehmen sind beteiligt? Wer hat Zugriff auf diese Daten? Was wird gespeichert? Wie sind die Daten geschützt? Mir schwirren gerade unzählige Fragen durch den Kopf - da braucht es ehrlich gesagt auch keine relativierende Artikel eines ehemaligen Nachrichtenmagazins oder eines Unternehmensberaters, der sein Einkommen unter anderem vom Axel-Springer-Konzern erhält. ;-)

Ich glaube nicht, dass ich beim Thema Datenschutz bei Null anfangen muss, ich empfehle einfach zwei Bücher:

1. Peter Schaar - Das Ende der Privatsphäre: Der Weg in die Überwachungsgesellschaft [2]
2. Heribert Prantl - Der Terrorist als Gesetzgeber: Wie man mit Angst Politik macht [3]

Nun sind die beiden Bücher eher politischer Natur, dennoch zeigen sie den Weg der Gesetzgebung nach 9/11 - womit ich dann eine unbedingte Leseempfehlung zu Patrick Breyer auszusprechen. Patrick zeigt auf, welche Gesetze nach 9/11 von der Politik erlassen wurde - und welche schlussendlich vom Bundesverfassungsgericht kassiert wurden. In Teilen wurden die Gesetze allesamt verworfen. [4]

Selbstverständlich lassen sich diese Begebenheiten auch auf die Speicherwut eines Unternehmens übertragen. Speichert Google nicht, besteht auch keine Gefahr, aufgrund lokaler Gesetze diese Daten herausgeben zu müssen. Last but not Least möchte ich einen Satz zitieren, der aus meiner Sicht schlicht und ergreifend unwahr ist: Es geht NICHT um persönliche Nutzerdaten. Sobald auf Google die IP eines Nutzers gespeichert wird, ist diese selbstverständlich personenbezogen. Diese IP lässt sich meinem Namen zuordnen - und jegliche andere Aktion, die ich im Web ausführe, auf die Google, oder die zukünftig angeschlossenen Unternehmen Zugriff haben.

Die Vorratsdatenspeicherung, die Karlsruhe weitestgehend für verfassungswidrig erklärt hat, ist ein Kindergeburtstag gegenüber dem, was Google und andere hier planen. Nun muss man zwischen Staat und Unternehmen unterscheiden. Zwischen Bürger und Staat besteht ein anderes Verhältnis, als zwischen Bürger und Unternehmen. Google+ hat einen unfassbar guten Start hingelegt - wenn irgendwer am 29.06. dies vorausgesagt hätte, wäre er ausgelacht worden. Google ist gerade auch dafür gelobt worden, wie einfach der Nutzer seine Privacy-Einstellungen verwalten kann.

Don't be evil. Es schien, als hätte sich Google genau darauf besonnen. Nach den unterschiedlichen Ankündigen, Google wurde nur noch reale Namen zulassen, die Interpretation Deiner Aussage, Pseudonyme würden geduldet, ich nenne es einmal salopp Rumgeeiere, und der Ankündigung der Horror-Datenbank DDP, stellt sich immer noch die Frage, ob die Mahner zum Start von Google+ Recht behalten werden. Ich habe es in einem Bild heute Morgen einfach darstellt. [5]

Lieber +Stefan Keuchel, bitte nicht falsch verstehen, Ich bin von Google+ mehr als begeistert - und genau darum mache ich mir solche Gedanken. Für mich stellt sich derzeit die Frage:

Quo vadis Google?

Disclosure für alle neu dazugekommenen Follower: Dies ist die Antwort auf eine lose Diskussion, die hier [6] und hier [7] begonnen hat.

[1] http://www.fixmbr.de/guttenplag-wiki-gewinnt-grimme-online-award/
[2] http://www.amazon.de/Das-Ende-Privatsphäre-Weg-Überwachungsgesellschaft/dp/3442155398/
[3] http://www.amazon.de/Terrorist-als-Gesetzgeber-Angst-Politik/dp/3426274647/
[4] http://www.daten-speicherung.de/index.php/ueberwachungsgesetze/
[5] https://plus.google.com/103530505728523689178/posts/aNTiRUPjCmp
[6] https://plus.google.com/103530505728523689178/posts/55AHiokfNB5
[7] https://plus.google.com/103530505728523689178/posts/ismjWsqJBqt
Translate
15
5
Christian Sickendieck's profile photo
Add a comment...