Der Ausverkauf des Journalismus

Ich habe gerade Zapp gesehen, unter anderem den Bericht von +Daniel Bröckerhoff zum Urheberrecht (http://lallus.net/8tc). Kurz zusammengefasst: (Freie) Journalisten werden immer mehr genötigt, einen Artikel zu schreiben, dieser wird von Verlagen und Medienhäuser genau einmal bezahlt, er darf in allen zugehörigen Medien der Verlage erscheinen. So kann es sein, dass ein Artikel in der WELT erscheint, in anderen Blättern des Axel Springer Konzerns und auch online. Neu ist das Alles nicht. Im Gegenteil. Im TV-Journalismus begann dieser Buy-Out schon vor über 10 Jahren.

2001 wechselte ich aus dem beschaulichen Osnabrück in das wunderschöne Hamburg. Ich wurde Assistent der Geschäftsführung der damals größten TV-Nachrichtenagentur Europas. Wer die +dpa kennt - es ist das gleiche Geschäft, nur eben mit Bewegtbildern. Kein TV-Sender hat die Zeit und Ressourcen rund um die Uhr Kameraleute auf die Straße zu schicken um eventuelle Ereignisse zu dokumentieren. (TV-) Nachrichtenagenturen dokumentieren und verkaufen die Bilder an die unterschiedlichen Sender und stellen dann jeweils eine Rechnung.

Wenn ich im privaten Kreis das Geschäft erkläre, dann nenne ich immer gerne das ICE-Unglück von Eschede als Beispiel. Wir waren als erste vor Ort, lieferten so die Bilder, die den ganzen Tag in den Nachrichten liefen. Es waren immer die gleichen Bilder, ob nun Tagesschau, RTL Aktuell oder auch in den SAT.1 News. Ein Kollege von uns hatte den wahrscheinlich besten Job: Der tat den ganzen Tag nichts anderes, als Fernsehen zu schauen. Sah er unsere Bilder in einer Sendung von der wir nicht wussten, dass diese explizit angefordert wurden, wurde eine Rechnung gestellt.

Funfact am Rande: Unser CvD hatte damals innerhalb von wenigen Minuten entschieden, dass wir einen Hubschreiber mieten, so gab es am ersten Tag des Unglücks diesen einen Überflug, der auch heute noch immer wieder gezeigt wird. Nach dieser einen Runde über den Unglücksort wurde unser Hubschrauber von einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes zur Seite gedrängt und aufgefordert, zu landen.

Damals gab es neben den Öffentlich-Rechtlichen Bertelsmann und Kirch. Die Verhandlungen über Preise und Konditionen wurden von Monat zu Monat härter geführt. Zu Beginn war es noch so, dass wir pro gesendete Minute 650,- Euro (1.200,- DM) in Rechnung gestellt haben. Und das für jede Sendung, sei es Punkt 12 auf RTL, RTL Aktuell - jede angefangene Minute wurde in Rechnung gestellt und auch bezahlt.

Im ersten Schritt drängten uns Bertelsmann und Kirch als Großkunden, Hauptkunden, pro Fernsehsender nur noch eine Rechnung zu stellen. Das heißt, wir konnten die Bilder nicht mehr zwei-, drei-, viermal RTL in Rechnung stellen, sondern nur noch einmal. Später liefen die Verhandlungen darauf hinaus, dass nur noch eine Rechnung an Bertelsmann (n-tv) und ein Rechnung an Kirch (N24) gestellt werden sollte. Die Bilder sollten dann auf allen zugehörigen Sender den ganzen Tag laufen dürfen. Am Ende des Weges stand dann eine Pauschalvereinbarung.

Die TV-Nachrichtenagentur gibt es heute nicht mehr, erst wurde sie durch eine Tochter von RTL übernommen, bevor dann ein kleiner Teil von einem der ehemaligen Geschäftsführer wieder zurückgekauft wurde. Ein großes Unternehmen, welches vielen festen und freien Mitarbeitern und deren Familien die Existenz gesichert hat, existiert heute nur noch zu einem kleinen Teil.

Was ich damit aussagen möchte: Die Krise des Journalismus begann nicht erst mit dem Internet, sondern zu dem Zeitpunkt als Kaufleute und Controller die Macht in den Medienunternehmen übernommen haben. Ich habe es schon oft wie folgt ausgedrückt:

Die Krise ist schlicht und ergreifend hausgemacht.

Doch es waren und sind nicht nur die Dienstleister, die ausgeblutet wurden - es waren und sind auch die eigenen Mitarbeiter. Zuerst wurden Redaktionen ausgedünnt - und als freie Mitarbeiter outgesourct, ich weiß noch, wie heiß das Thema Scheinselbstständigkeit die Medienhäuser damals beschäftigt hat, mittlerweile hat die Politik nachgebessert und die Regelungen gelockert. Dann schlugen wieder die Controller Alarm, die Kosten für externe Dienstleistungen nahmen exorbitant zu, die Redaktionen sollen doch bitte darauf achten, ihren Job zu tun und nicht alle Aufgaben extern zu vergeben. Ich kann auch heute noch nicht darüber lachen, es ist schlicht und ergreifend perfide.

Wir sehen heute im Printjournalismus/Online die gleiche Situation, nur dass man das Internet als Ausrede hat, die Politik so vor sich hertreiben und das Leistungsschutzrecht fordern kann. Geschichte wiederholt sich.

Der Journalismus ist nicht durch das Internet gefährdet. Er hat vielleicht schon in dem Moment aufgehört zu existieren als Kaufleute und Controller die Macht in den Verlagen und Medienhäusern übernommen haben. Zahlen und Dividende sind heute wichtiger als jede exklusive Geschichte. Dazu gehört erfolgreicher Lobbyismus ebenso, wie eine klare politische Ausrichtung der Verlage. Nur mit Journalismus hat das alles nichts zu tun. Ich wiederhole mich gerne:

Die Krise ist schlicht und ergreifend hausgemacht.
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