Der geschlossene Kreis
Kurzgeschichte von Andreas Eschbach

Ich hatte die Lust am Lesen eigentlich schon verloren. Ich meine: Wer braucht das Zeug, was heute so produziert wird? Von Auftragsschreibern nach den Vorgaben von Marketinganalysten produzierte Texte, die uralte Trends totreiten? Ich nicht. Ich habe mich lange an die Klassiker gehalten, aber irgendwann sind die einem eben dann doch zu alt. Und an die zeitgenössische Literatur – die wirkliche Literatur, meine ich – ist ja kein Herankommen mehr. Also hab ich’s gelassen.

Doch dann hat mich eine gute Freundin einmal etwas aus ihrem Buchkreis lesen lassen. Nicht das ganze Buch, leider – nach den ersten zwei Kapiteln hat sie schließlich Muffensausen gekriegt. „Ich darf das nicht“, hat sie mich beschworen. „Wenn das rauskommt, bin ich ruiniert.“ Es half nichts. Ich musste ihr das Buch angelesen zurückgeben. Es war gut gewesen. Der Gedanke, dass ich nie erfahren werde, wie die Geschichte ausgeht, zerreißt mir das Herz. Aber was will man machen?

Jedenfalls hatte ich Blut geleckt. Jetzt wollte ich auch in einen Buchkreis. Das nötige Geld dafür hatte ich, also schrieb ich meine Bewerbungen.

Eine frustrierende Zeit. Unglaublich, wie viele Leute in Buchkreise drängen. Kein Wunder, dass die Autoren kaum mit dem Schreiben nachkommen. Am liebsten wäre ich ja in einen amerikanischen Kreis gegangen, aber in die kommt man als Europäer praktisch nicht rein. Und was meine alte Liebe zu skandinavischen Krimis anbelangt, hätte ich erst mal Norwegisch lernen müssen. Übersetzungen gibt es ja kaum noch. Nicht in diesen Kreisen.

Und dann, endlich, bekam ich eine Zusage, für „Der geschlossene Kreis“ von Peter Eisenhardt. Meine gute Freundin wurde vor Neid ganz blass, als ich ihr das erzählte, weil der Schwager ihrer Arbeitskollegin beim Vorläufer dabei gewesen war, dem Roman „Der offene Kreis“, und der sei echt toll gewesen. Meinte die Kollegin. Ich fragte mich, woher die das wusste. Wahrscheinlich war ihr Schwager nicht so zimperlich gewesen wie meine Bekannte.

Als der Vertrag kam, ging ich damit zu meinem Anwalt, um ihn durchzuchecken. „Das Übliche“, meinte er. „Abgesehen von den Beitrittsgebühren müssen Sie versichern, dass nur Sie das Werk lesen werden, dass Sie es niemandem zugänglich machen und mit niemandem außerhalb des Kreises darüber sprechen, niemandem etwas vom Inhalt erzählen, und so weiter. Bei Zuwiderhandlung ist eine Vertragsstrafe fällig ... hmm, die ist hier ganz schön happig. Sie müssen den Besitz eines Schließfachs nachweisen. Und eine Bankbürgschaft hinterlegen, damit garantiert ist, dass Sie diese Strafe auch zahlen können.“

Ich muss gestehen, dass mir in dem Moment etwas mulmig wurde. „Muss das denn sein?“, fragte ich, mehr an mich selbst gerichtet.

„Solange Sie sich daran halten, ist es nur eine Formalie“, erklärte er mir. „Ein variiertes Non - Disclosure - Agreement. Das ist nötig, damit die Aushändigung des Werkes an Sie nicht als Veröffentlichung gilt. Formell sind Sie erst ein Testleser. Nach den Buchstaben des Gesetzes befindet sich das Werk damit erst noch in der Entstehung.“

„Aber ich kriege doch ein gedrucktes und gebundenes Exemplar, oder?“

„Die Form, in der Sie das Manuskript erhalten, spielt rechtlich keine Rolle. Worauf es ankommt, ist, dass die Exemplare personalisiert sind. Ihr Name wird drinstehen und eine laufende Nummer.“

„Aber er wird den Roman doch nie wirklich veröffentlichen. Also – im klassischem Sinne, meine ich?“

„Nein. Natürlich nicht. Niemand kann einen Autor dazu zwingen, ein Werk zu veröffentlichen. Und er wäre ja schlecht beraten, seit das Urheberrecht auf fünf Jahre nach Veröffentlichung beschränkt ist. Fünf Jahre sind schnell vorbei, und danach wäre der Text gemeinfrei, jeder könnte damit machen, was er will ...“ Er reichte mir den Buchkreis-Beitrittsvertrag zurück. „Was ja auch passiert. All die Romane, die zu politischen Zwecken umgeschrieben wurden. All die Kürzungen, Verhunzungen, all die unübersehbaren Varianten, unter denen die Originalfassungen verlorengehen. Von den, hmm, pornographischen Varianten ganz zu schweigen. Ich bin froh, dass ich den Rat meines Vaters befolgt und Jura studiert habe. Da weiß man, was man hat.“

Ich unterschrieb natürlich. Bezahlte die Aufnahmegebühr. Und erhielt eine Einladung zu einer Lesung, in deren Rahmen ich mein Exemplar des Romans erhalten würde.

Ich war einer von etwa hundert Leuten, die an jenem Abend kamen. Man musste alle elektronischen Geräte abgeben und einen Metalldetektor passieren. Danach gab es Champagner und Häppchen. Sehr edel alles. Nun, es hatte ja auch genug Geld gekostet.

Ich kam mit einem jungen Mann ins Gespräch, der zu jung war, um die alten Zeiten noch miterlebt zu haben. Reich geerbt habe er, vertraute er mir an, mit einem Lächeln voller Genugtuung. „Nur eintausend Menschen werden dieses Buch zu sehen bekommen“, meinte er dann, nippte an seinem Glas und fügte zufrieden hinzu: „Hat etwas, diese Exklusivität.“

„Wie man’s nimmt“, meinte ich. „Als ich in Ihrem Alter war, konnte jeder jedes Buch kaufen. Einfach so. Manche hatten ganze Sammlungen davon. Bibliothek nannte man das.“

Er musterte mich skeptisch. „Jeder? Jedes Buch?“

„Ja“, sagte ich. „Egal welches. Was nicht da war, konnte bestellt werden, war am nächsten Tag da.“

Er rümpfte die Nase. „Bizarre Vorstellung“, meinte er schnippisch und suchte das Weite. Mir war es recht.

Schließlich kam der Autor. Er begrüßte uns der Reihe nach mit Handschlag, schien sich zu freuen, dass wir gekommen waren. Dann nahm er vorn am Lesepult Platz und begann zu lesen.

Und mehr darf ich nicht verraten. Sorry.


(Dieses Werk steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.)
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