Ich habe Dieter E. Zimmers Die Elektrifizierung der Sprache wiedergefunden, das ich 2009 gern in "Standardsituationen der Technologiekritik" zitiert hätte, aber damals nicht finden konnte. (Was passenderweise daran lag, dass ich damals noch etwa dreimal so viele Bücher hatte; erst die verschiedenen Loswerdewellen haben es wieder zum Vorschein gebracht.) Jetzt stellt sich heraus, dass ich dem Autor unrecht getan habe: Das 1991 erschienene Buch ist gar nicht - wie in meiner Erinnerung - eine miesepetrige Klage über die Nachteile dieser Elektrifizierung, sondern dem Computer ganz freundlich zugewandt. Ich schrieb: "Die NZZ ist in diesem Punkt ein Nachzügler, eigentlich waren diese Vorwürfe an den Computer bereits in den achtziger und frühen neunziger Jahren erschöpfend behandelt worden, unter anderem in Dieter E. Zimmers Die Elektrifizierung der Sprache." Das ist zum Glück wenigstens nicht ganz falsch, denn der Autor zitiert einige dieser Vorwürfe.

Es stehen ein paar Zukunftsprognosen drin, die sich als nur so halb richtig erwiesen haben, zum Beispiel: "Der andere Punkt: das Netzwerk. Technisch machbar wäre es. Aus dem Autor und Leser von heute könnte eines Tages der Teilnehmer in einem unentwegten elektronischen Austausch von Informationspartikeln werden. (...) Trotzdem glaube ich vorläufig nicht an das Netzwerk der vollelektrifizierten Autoren und Leser; ich glaube noch nicht einmal an den vollelektronischen Autoren-Arbeitsplatz. Es ist wahr, in einem Computernetz können ungeheure Datenmengen hin- und herbewegt und automatisch durchgekämmt werden. Es ist aber ebenfalls wahr, daß sie an diesen Endstationen immer auf einen Engpaß treffen: die Aufnahmefähigkeit des einzelnen Menschen. (...) Daß auf Knopfdruck 'ganze Bibliotheken' zur Verfügung stünden, mag schön und gut sein und ein nettes Versprechen in einer Zeit, da man in einer real existierenden Bibliothek selten findet, was man sucht. Nur braucht man in den seltensten Fällen 'ganze Bibliotheken', würde man unter den Fundstellen aus 'ganzen Bibliotheken' hoffnungslos erdrückt." (S. 40 f.)

"Der Lyriker oder Miniaturist, der nur gelegentlich ein paar Zeilen zu Papier bringt, müßte geradezu ein Narr sein, ein Computer-Narr, die aufwendigen Dienste der Symbolmaschine in Anspruch zu nehmen. Er wird mit dem Bleistift bestens bedient bleiben. Die Gefahr, daß ihm je ein Verlag das maschinenlesbare Gedicht, den digital abgespeicherten Aphorismus abverlangt, droht in aller voraussehbaren Zeit wahrhaftig nicht. Und sollte ein Verlag es je verlangen, so täte der Dichter gut daran, ihn schleunigst zu wechseln - denn es wäre dies ein Beweis dafür, daß der Verlag den Namen eines solchen nicht verdient, sondern eine bloße Vertriebsstation ist und mit den Inhalten seiner Bücher nicht das mindeste zu schaffen haben will." (S. 26)

"Auch in zehn Jahren wird die teuerste automatische Schrifterkennung nicht viel weniger Fehler machen als heute." (S. 9, aber wer weiß, vielleicht ist ja Handschrifterkennung gemeint.)

Sonst aber, wie gesagt, alle Ideen noch gut in Schuss (auf den ersten 50 Seiten jedenfalls). Entschuldigung, Herr Zimmer.
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