Weil er mir gerade in der sehr guten Rede von +Wolfgang Blau (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wolfgang-blau-auch-das-schaerfste-urheberrecht-wuerde-den-verlagen-nicht-helfen/ ) wiederbegegnet ist, eine Anmerkung zu diesem häufig verwendeten Baustein der Technikkritik-Kritik:

"Das Baye­ri­sche Obermediziner-Kollegium schrieb 1838, die schnelle Bewe­gung müsse bei den Rei­sen­den unfehl­bar eine Gehirn­krank­heit erzeu­gen, wes­halb man die — erst drei Jahre zuvor eröff­nete Stre­cke von Nürn­berg nach Fürth — rasch mit einem Bret­ter­zaun ein­fas­sen müsse, um die visu­el­len Reize für Fahr­gäste zu minimieren."

In "Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart" (nebenbei Leseempfehlung) geht Rolf Peter Sieferle ausführlich auf die Probleme ein:

"Die Existenz dieses Gutachtens wurde m.W. zuerst von dem Technikhistoriker Feldhaus angezweifelt (1920, 104 f.; seine Bedenken wurden in der Folge immer wieder bestätigt. 1923 regte der Präsident des Reichsgesundheitsamtes eine intensive Nachforschung an, doch gelang es der Reichsbahndirektion nicht, ein solches Gutachten aufzufinden. Auch die wiederholte Suche in verschiedenen Archiven anläßlich des hundertjährigen Jubiläums der Eisenbahnlinie Nürnberg-Fürth 1935 und auch in der Nachkriegszeit ergab keine positiven Hinweise. Alle Autoren, die sich ernsthaft mit dieser Frage beschäftigt haben, stimmen darin überein, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach nie existierte (Auskunft des Verkehrsarchivs Nürnberg; Nörrenberg 1930; Beckh 1935; Mück 1968). Abgesehen davon, daß dieses Gutachten in den Archiven nicht aufzufinden ist, spricht eine Reihe von Details dagegen, daß es je angefertigt wurde ..."

Es folgen die Details, dann viele Seiten mit interessantem Material zur Entwicklung der Meinungen zur Eisenbahn. (Brockhaus 1838: "Bei Individuen, wie bei Körperschaften, ja ganzen Nationen, sind sich die Stadien der Erkenntniß aufs äußerste rasch gefolgt; Gleichgültigkeit, Ungläubigkeit, Widerstreben, Bedenken, Zugeben, Theilnehmen, eifriges Entbrennen, endlich phantastischer Schwindel waren die Phasen der Meinung hinsichtlich der Eisenbahnen, welche im Laufe kaum zweier Jahre ein großer Theil der Bewohner des gebildeten Europas durchgegangen ist.")

Ich habe das Zitat in "Standardsituationen der Technologiekritik" zum Glück nicht verwendet, allerdings nicht wegen Sieferle, von dem ich damals noch nichts wusste, sondern nur, weil es mir zu allgemein bekannt erschien. Bei einigen der anderen Zitate, die ich verwendet habe, ist die Quellenlage allerdings auch, hust, nicht ganz ideal.

Aber selbst wenn alles wasserdicht zitiert wäre: Dass sich zu jeder Zeit irgendwo einzelne nur mäßig durchdachte Aussagen über die Einführung eines neuen Dings finden lassen, beweist leider nicht mehr als der journalistische "hier zum Beleg zwei empörende Tweets!"-Kurzschluss.
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