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Kann bitte jemand, der nicht ich ist, was dazu sagen, auf wie viele verschiedene Arten Helge Malchow hier im dunklen Walde pfeift? +Leander Wattig? +Marcel Weiß? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,793198,00.html
Ich kriege immer solche Angst um die Verlage, wenn Verleger sagen, sie hätten keineswegs Angst. Ach, ach, ach.
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152 Kommentare
 
So selbstbewusst haben die Buchhandlungen bzgl. Amazon zu Beginn auch argumentiert. Naja, was soll er auch sagen ...

Ansonsten hat ja der Börsenvereins-Vorsteher bekanntlich immer Recht:
„Doch was gibt es Neues, was wir nicht können? Kommunikations- und Distributionsmöglichkeiten in neuer Weise nutzen? Ganz ohne Verlag? Ganz ohne Buchhandlung“, fragte Honnefelder.
http://leanderwattig.de/index.php/2011/06/10/im-internet-gibt-es-nichts-was-die-buchbranche-nicht-kann/
 
Ich bin gerade unterwegs aber das ist interessant. Ich werde evtl. morgen was dazu auf neunetz.com schreiben. Danke für den Hinweis!
 
Deutschsprachige Literatur unterhalb der durchdesignten Bestseller wird es schon in sehr kurzer Zeit nur noch als E-Book geben. In fünf Jahren, schätze ich mal.
 
Amazon hat recht … und eine Rose ist eine Rose ist eine Rose … aber solange der Börsenverein an "Errungenschaften" wie der Buchpreisbindung auch für E-Books festhält … na ja, dass Internet ist euer Untergang!!!! Und mich stört das Null!
 
Die Verlage werden bspw. auf datengetriebenen Feldern Probleme bekommen. Bis auf einige Fachverlage sind die meisten da ganz schlecht aufgestellt. Die Verlage und Verleger denken natürlich zuerst ihr Geschäft, wie sie es kennen, weiter und übertragen das Bild auf neue Marktteilnehmer. Was aber ist mit neuen Ansätzen. Die haben viele nicht im Blick.
 
Wenn ich als Buchhändler zum Verleger werden, kann ich Bücher natürlich gezielt konstruieren. Im Groschenroman-Bereich werden ja auch Beststeller gemacht. Vielleicht sind Verkaufserfolge gar nicht so unvorhersagbar, wie immer behauptet wird. Vor allem in einer Zeit, da nicht nur Verkäufe, sondern das Leseverhalten gemessen werden kann.
 
Hab ich was verschlafen? Online gibt's höhere Honorare - dachte, die bezahlen nicht viel...?
 
Sehr schöner Text. Wie war das mit dem Bullshit-Bingo?
Schön ist auch: "Das gedruckte Buch als etwas, mit dem man Signale aussenden kann" Dumm nur, dass kaum ein großer Verlag sowas auf Lager hat. Dann greife ich jetzt mal zu meinem E-reader. Der sendet auch Signale aus.
 
Punkt 1
...wieviele Handschriften haben wir denn noch? Nach der Erfindung des Buchdruckes verschwand diese jahrhundertlang entwickelte und sehr verbreitete Kulturtechnik des händischen Kopierens von Büchern in den Klosterbibliotheken. Man brauchte plötzlich die professionelle Auswahl, Veredelung und den Vertrieb durch die gut vernetzten Äbte der Klöster nicht mehr.

Punkt 2
... was für einen direkten Kontakt haben die klassischen Verlage denn zu ihren Lesern? Wiviele Bücher habe ich denn bereits gefunden, in denen Sätze markiert sind, mit dem Hinweis "xx andere haben das auch markiert"? In welcher Buchhandlung kann ich alle meine jemals bestellten Bücher durchblättern, bei welchem Verlag kann ich eine Wunschliste anlegen und mit meinen Bekannten "teilen". Wo bekomme ich algorithmische Empfehlungen, basierend auf meinen historischen Einkäufen. Es ist nicht auszudrücken, auf wie vielen Feldern Amazon durch den Daten getriebenen Ansatz Vorteile und intensivere Kontakte zu seinen Nutzern, Kunden und Lesern hat.

Punkt 3
... der Verlag in seiner Funktion als kulturelle Instanz. OK, hier muss man ein wenig durchatmen. Aber welche kulturelle Instanz haben denn die Verlage bei der mit iPad & Co aufwachsenden Generation noch? Ich beobachte bei mir, wie Plattformen und Persönlichkeiten im Netz zunehmend diese Funktion ersetzen, die Intensität der Diskussion, die Ausführlichkeit der Empfehlung trägt doch viel maßgeblicher zu meiner Bewertung eines Autors bei, als der Verlag an den er sich gebunden hat. Dieser rückt mehr und mehr in den Hintergrund, wird überlagert durch die Qualität und Anzahl der Tweets, Rezensionen, Kommentare - vor allem, wenn diese aus meinem Umfeld oder von den von mir "abbonnierten" Bloggern/Autoren stammen.

Das mal so ganz spontan dahin geklimpert... beim Durchlesen des Interviews.
 
Einige Bullshit-Bingo-Punkte auch hier: "Das Problem ist doch: Je komplexer und pluralistischer das Angebot an Manuskripten wird, desto mehr braucht es Instanzen, die erstens professionell auswählen, zweitens professionell veredeln und drittens professionell vertreiben. Das gilt sowohl für die analoge wie für die digitale Welt."

Erstens war das Angebot an Manuskripten schon sehr lange vor dem Internet "komplex und pluralistisch".
Zweitens geht es, wie die Netzentwicklung zeigt, auch sehr gut ohne Instanzen, die "professionell auswählen" (im Sinne von: gegebenenfalls nicht veröffentlichen); wenn genug Platz da ist, braucht man keine Gatekeeper, sondern nur Filter, die nach der Veröffentlichung ansetzen.
Drittens, "professionelle Veredelung": Man braucht sie weiterhin, aber traditionelle Verlage bieten diese Dienstleistung zu einem sehr hohen Preis für den Autor an und sind daher anfällig für Konkurrenz durch flinke Kleinsäuger.
Viertens, "professionell vertreiben": Ja. So wie Amazon.
 
+Arne Krueger hat ja mit seinem Punkt 3 schon auf das Zitat hingewiesen.
Die kulturelle Kompetenz eines Verlags schlägt für den Autor an einem bestimmten Punkt aber auch in einen materiellen Faktor um: Wenn er mit einem Verlag verbunden ist, der in der Öffentlichkeit eine solche Autorität und Ausstrahlung hat, dass das wiederum zurückschlägt auf seine eigene Arbeit.
Schön gesagt, aber wie reagiert der Leser?
Name des Autors ist wichtig, das ist fakt.
Name des Verlages ist meist absolut unwichtig, es sei denn er ist in Nischen für bestimmte Reihen bekannt. Oder für niedrige Preise. Ich rede hier natürlich vom "Massenmarkt".
Name der "Buchhandlung ist schon wichtiger als der des Verlages.
Die Bewertung bei Amazon ...haben auch gekauft: betrachten viele schon heute als weitaus wichtiger, als den herausgebenden Verlag.
Wo ist da der "materielle Faktor" zu finden? Und wo die Öffentlichkeit?
 
Ich bin nicht ganz sicher, ob das Interview echt ist - vielleicht hat da versehentlich jemand ein Interview mit einem Musikmanager aus den späten 90ern wiederverwertet? 
 
Aus Autorensicht: Ohne Vorschuss würde ich kein Buch schreiben, ob der Kulturlandschaft dann was fehlte, ach je, in meinem konkreten Fall wahrscheinlich nicht, persönlich/egoistisch fände ich es schade. Vom Vorschuss zweige ich für Lektorat ohnehin was ab und beauftrage fähige Freunde als Dienstleister, weil ich dem Verlagslektorat keinen Vertrauensvorschuss gebe. Ich wünsche mir, dass es weiterhin sowas wie Verlegerpersönlichkeiten gibt, die bereit sind, für Buchprojekte Risiken einzugehen. Wie das aussehen soll? Keine Ahnung.
 
+Pia Ziefle "Interessanterweise" ist das gar nicht so "wirklich spannend", dass man dieselben Zahlen kriegt, wenn man die eine Zahl (Buchpreis) mit acht malnimmt und dafuer die andere Zahl (Tantiemen) durch acht teilt. Du kriegst wirklich 9% Tantiemen? Verdammt. Zum Rest sage ich eventuell spaeter was, wenn ich nicht mehr an mich halten kann.
 
+Pia Ziefle Bekommst du deine Tantiemen tatsächlich vom Ladenverkaufspreis und nicht vom Nettoladenpreis? Ich kann deine Rechnung noch nicht ganz nachvollziehen, wieso sind 70% von 9,99 USD 2,14 Euro, und wie kommst du von dort auf 1,50 Gewinn?

Update, mir dämmert, dass du vom niedrigstmöglichen Preis ausgehst. Dann müsste man aber begründen, warum man ein Buch für 2,99 USD mit einem für 16,80 Euro vergleicht, das erschließt sich mir nicht auf Anhieb.
 
Moment, E-Books kann man sehr wohl lesen, last time I checked. Viele Leute halten das fuer den Haupteinsatzzweck von so Buechern.
 
+Prinz v. Sinnen Ein E-Book kann man binnen Sekunden probelesen und binnen Sekunden kaufen, man kann es als Autor leichter korrigieren als ein gedrucktes Buch, man kann darin suchen, man kann beliebig viele davon mit in den Urlaub nehmen, man hat es immer und überall dabei (wenn man z.B. einen E-Reader auf seinem Handy hat), und es braucht keinen Platz im Bücherregal. Und natürlich kann man es lesen und verschenken. Bleiben Stiften, Verbrennen und Werfen, ok, klare Vorteile für das Papierbuch, ich überdenke meine Einstellung noch mal. Verbrennen, stimmt eigentlich.
 
Das mit dem Verbrennen stimmt - macht irgendwie ja auch mehr her als eine "öffentliche 7x mit Zufallszahlen Überschreibung". 
 
Okay, ich versuche das jetzt nochmal zu sagen. Diese Diskussion hier fuehrt in die falsche Richtung. Es ist vollkommen egal, welches Modell des Buch- oder sonstigen Medienverkaufs fuer einzelne Beteiligte besser oder schlechter ist, wo man als Autor mehr oder weniger verdient, usw. - das sind die Befindlichkeiten, die keinen interessieren (abgesehen von der einen Person). Und zwar ist es deshalb egal, weil man (auf andere Weise) zu dem Ergebnis kommt, dass eines der beiden Modelle in Zukunft nur noch stark eingeschraenkt existieren wird (z.B. als Brennstoffhandel - Scherz!).

Worueber man stattdessen reden kann: Wie entwickeln sich die Umsaetze fuer Papier- und E-Buecher, wie entwickelt sich die Zahl der Buchhandlungen, und wie koennten die aktuell am konventionellen Buchhandel Beteiligten sich in der neuen Welt eingliedern, aber darueber hoert man leider sehr wenig. Was, nehme ich an, kein Zufall ist.
 
+Pia Ziefle Zu den 7000 Buchhandlungen bitte hier Tim Renners Zahlen zur Entwicklung der Musikverkaufsstellen vergleichen: http://carta.info/16980/charts-what-are-they-good-for/ (21.000 im Jahr 1986, unter 2000 zur Entstehungszeit des Beitrags). Wenn du der Meinung bist, dass es den Buchhandlungen in Folge der Digitalisierung ganz anders ergehen wird als den Plattenläden, bin ich gespannt auf die Begründung.
 
Das mit dem brennen habe ich letztens erst als alleinstellungsmerkmal festgestellt. Dazu kommt manchmal noch sieht schöner aus. Ach ja und riecht besser. Spätestens zur nächsten eiszeit werden wir E-leser uns ärgern 
 
Habe dazu einen längeren Beitrag im Deutschlandfunk anlässlich der jüngsten Buchmesse gehört - auch da hat der selbe Typ neben anderen Verlagskollegen laut und vernehmlich im Walde gepfiffen.

Diese Leute haben das Netz und seine Auswirkungen einfach nicht verstanden. Dabei geht es nicht um technische Machbarkeit oder irgendwelche Formate - es geht darum dass der Kunde sich stark verändert.

In Zeiten wo ich direkt bei Amazon.co.uk das englisch-sprachige Original eines Buches um 5-6 Euro bestellen kann, gebe ich nicht mehr 19.99 preisgebunden im deutschen Buchhandel aus. Bei e-books geht das noch einen Schritt weiter.

Und ja, in den USA gibt es sehr wohl einige erfolgreiche, große Autoren die zu Amazon oder gleich in den Online-Selbstverlag wechseln, weil sie mehr verdienen. Eine Autorin gab in obiger Sendung im Interview sinngemäß zum Besten: Warum soll ich bei einer Auflage von 20.000 und einem Preis von $ 12 pro Buch mit $ 18.000 zufrieden sein, wenn ich das gleiche Buch 50.000 mal zu einem Preis von $ 6 verkaufen kann, und dabei $ 1,50 pro Buch einnehme. (Die absoluten Zahlen mögen daneben liegen, die Größenordnungen stimmen aber auf jeden Fall)

Sagte ich schon dass Barnes & Nobles zum Verkauf steht? Wo bleiben denn die klassischen Verlage, wenn ihnen das Geschäft mit den Buchketten wegbricht, weil die Leute entweder bei Amazon oder gleich beim Autor elektronisch kaufen?

Und ich würde gerne zum Buchhändler um die Ecke gehen, mich beraten lassen und dann den e-book-reader gegen irgendeine Säule halten, um das Angebotene zu einem deutlich unter dem der Buchpreisbindung liegenden Preis zu kopieren. Dann wären auch wieder Spontankäufe drin. ;-)
 
Amazon wird da sicher einen Deal anbieten ;-)
Neue Autoren kriegen keinen (so wie heute auch schon), erfolgreiche Autoren geben ein bissl beim Stückpreis nach und bekommen dafür enien ordentlichen Vorschuss. Nix Neues eigentlich.
 
+Pia Ziefle Und wo verkaufen diese Plattenfirmen ihre Platten und ihre CDs? Im, na, ich komm gleich drauf, wie heißt dieses elektronische Ding mit den gar nicht so kompliziert zu betätigenden Vertriebswegen ...
 
Verlage und Marketing? Davon bekommt man als Normal-sterblicher aber nur selten etwas mit. Wäre für mich jetzt kein pro Argument
 
Im ebook Bereich wäre amazon ja beides...
 
Aber wenn amazon kein Verleger ist was dann? Und macht es überhaupt in dem Fall Sinn das zu trennen?
Auf dem Handy tippen ist wirklich müßig. Sonst würde ich jetzt mehr schreiben.
 
+Prinz v. Sinnen und +Kathrin Passig
Ich sehe beides Co-existieren, es gibt auch heute noch Menschen, die mit Stiften schreiben, ins Kino gehen, auf Pferden reiten... etc.

Die Erfindung von etwas Neuem, wie hier diskutiert zB. das eBook, verändert zwangsläufig die Sicht auf das bisherige - hier Papierbuch - mit. Und die Adaption an das Neue findet so oder so statt.

Ich streite dem Papierbuch seine Vorteile nicht ab, ich kann nur einfach die Statik der Verlage nicht verstehen, die das Undenkbare einfach nicht denken (um mal +Clay Shirky von 2009 zu zitieren).

Es gibt jetzt einfach neue Technologien, neue (Kultur)Techniken, neue Geschäftsmodelle: passt Euch an oder werdet mit Eurem vermutlich schrumpfendem Bestandsgeschäft einfach in Würde alt.

Aber versucht doch bitte nicht, Eure Papier- und Druckpressen (also auf Mangel und hohen Transaktionskosten) basierenden Geschäftsmodelle auf das Internet zu übertragen, das wird scheitern!
 
Mittlerweile ist es in der Tat keine revolutionär neue Erkenntnis mehr, aber da es so wundervoll in die Diskussion passt und es noch niemand eingeworfen hat:


The Long Tail

Forget squeezing millions from a few megahits at the top of the charts. The future of entertainment is in the millions of niche markets at the shallow end of the bitstream.

http://www.wired.com/wired/archive/12.10/tail.html
 
Herr Malchow hat ja auch auf der Buchmesse zusammen mit Herrn Schirrmacher und Herrn Salat in einer Podiumsdiskussion zu verstehen gegeben, dass er dem Papier und Verlagsgeschäft nicht nur eine lange Zeit wünscht, sondern auch zutraut. Ebenfalls auf demselben Podium waren Ranga Yogeshwar und Gunter Dueck, beide vertraten eine deutlich technisch affinere Linie. Bei Yogeshwar hörte sich die Prognose so an: Ich wette dass in 7 Jahren 80% dieses Buchmarktes digitalisiert sind.
Ich weiß auch nicht, ob die Buchbranche Angst haben muß - es reicht möglicherweise auch, sich in die Situation eines Autors zu versetzen, der das Angebot Amazons annimmt.
Dueck erwähnte auf eben jenem Podium vor ein paar Tagen, dass er vor 10 Jahren auch auf der Messe auf einem Podium war und Amazon belächelt wurde, weil man ja mit dem Geschäftsmodell, Bücher über das Internet ohne Porto zu verkaufen, kein Geld verdienen können.

Eventuell sieht das neue Geschäftsmodell für Verlage ganz anders aus: Der Scout, der aus dem eBookspam der Selfpublication den Rohdiamanten herausfindet und ihm den Feinschliff des Lektors und die werbliche und vertriebliche Betreuung anbietet.

Pfeifen im Walde? Zumindest hören sich auch in dem Spiegelinterview bei einem Verleger, der immerhin auch Apps publiziert, einige Passagen zum Buch so an, als dürfe und werde sich nicht so viel ändern.
Spannender als diese Beschwörung des Status Quo, die es bei Einführung von Telefon, Computer und digitalisierter Musik auch schon gab, finde ich allemal die Gegenpositionen der Visionäre; selbst wenn nicht jede Idee ihren Markt und Erfolg findet.
 
Nun das eBook-Amazon-Thema ist schon so eine Sache und ist aktuell auch etwas schwierig zu beleuchten, da wir uns, so erscheint es mir, in einer Umbruchphase befinden.
Klar sollte sein, das die Verlage nicht den Fehler der Musikbranche wiederholen sollten, wenn sie nicht das gleiche Schicksal erleiden wollen. Die Musikbranche ist gleichzeitig aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie Künstler (Autoren) zukünftig ihre Kunst vermarkten können. Zwar ist der Vergleich nur grob zu betrachten, aber ich denke im Bereich des Vertriebs und des Marketings lassen sich da ruhig Parallelen ziehen.
eBooks werden nicht aufzuhalten sein. Im Zuge des Erfolges von iPad oder Smartphone ist es nur eine Frage der Zeit, das sich eBooks durchsetzen werden. Ich denke nicht, das das klassische Buch vollständig verschwinden wird, aber mit zunehmender Vernetzung aller Informationskanäle miteinander ist es eine logische Weiterführung auch die Literatur hier mit einzubeziehen.
Das Amazon nun beginnt hier ein Pforte aufzutun ist ein großer Schritt in diese Richtung, denn die Marktmacht steht ... Inwieweit dies nun Auswirkungen hat, lässt sich heute kaum sagen, das muss die Zeit zeigen.
Für die, die schreiben, die ihre ganze Kraft und Zeit in ihre Bücher stecken, wird sich mit dem eBook sicher einiges, vieles, vielleicht alles ändern, aber eines sollte doch jedem klar sein, die Entwicklung lässt sich weder aufhalten noch verhindern ...
 
+Prinz v. Sinnen das ist ein wenig so, als würde ich sagen Bücher mit farbigen Abbildungen lese ich nicht, da ist der Inhalt langweilig.
 
Wenigstens sind die zukünftigen Zombies gut gekleidet!
 
Stelle den bei +Frank Krings abgegebenen Comment hier auch noch mal rein:
Mich erstaunt in dieser Diskussion die fast totale Unterschätzung der inhaltlichen Komponente von Büchern - wie sie ja z.B. bei Onlinenews auch besteht. Büchermachen bedeutet schließlich nicht nur, irgend ein Tor aufmachen, sondern sie zu bearbeiten, konzipieren, zu gestalten, zu korrigieren usw. Also all das, was bisher Lektoren, Literaturagenten und Gestalter in der Verlagssphäre gemacht haben. Was hat sich geändert, dass man glaubt, dass das ein riesiger Konzern und Autoren allein könnten, der seitens Amazon bisher nur Bücher vertrieben, also sie lediglich transportiert hat. Das Ende der Verlage würde den weitgehenden bis völligen Übergang all dieser in unzähligen kleinen und größeren Verlagen verteilten Spezialkompetenzen in ein Riesenkombinat bedeuten. Kann ich mir nicht vorstellen, dass das funktioniert, geschweige denn gut funktioniert. Hier scheint mir der digitale Optimismus der "Netpeople" etwas durchzugehen.
 
+Michael Pitty Nicht alle Aspekte, die hier noch nicht zur Sprache kamen, tun das, weil sie unterschätzt werden. Aber wie hier und anderswo schon gesagt: Für Lektorat und Gestaltung ist ein Verlag ein sehr teurer Dienstleister. Beides sind Leistungen, die leicht von Einzelpersonen erbracht werden können, was man auch daran sieht, dass Verlage sie gern outsourcen. Sich als Verlag darauf auszuruhen, dass man deshalb unentbehrlich ist, halte ich für fahrlässig.
 
Zumal bei e-Publishing die Druckkosten un der damit verbundene Aufwand/Kosten wegfallen. Das ist in der Kausalkette das Einzige, für was Verlage gut sind. das Drucken der Bücher für den Autor. Da macht das auch mit dem Kostenvorschuss/Risiko Sinn. Den Satz und das Lektorat können andere, teilweise bestimmt sogar besser. Zumindest was ich mir so anschaue, haben im Bereich E-Publishing Verlagsfremde wesentlich mehr auf dem Kasten. Un so wird sich das Bild des Publishers eben ändern, auch wenn die Verlage das noch nicht einsehen können und wollen.
 
Nun ja, Verlage sind ja nicht nur dazu da, einzelne Bücher herauszugeben. Das scheint mir einer der wesentlichen Irrtümer in dieser Diskussion. Ihr Sinn besteht insbesondere in regelrechten Verlagsprogrammen, also der Organisation und Bündelung bestimmter ähnlicher, artverwandter Bücher und Autoren in einzelnen Verlagsorganisationen - insbesondere zu renommierten fachlich betreuten Buchreihen wie denen von piper, rororo Bildmonographien, Wissen leicht gemacht von Trautwein usw. usf. . Verlage geben nicht nur einzelne Bücher heraus, sondern organsieren sie. Verlage sind hochprofessionelle, hochspezialisierte Formen von Wissensorganisation, die ein riesiger alleiniger Bücherschubser wie Amazon schon mangels fachlicher Einzelspezialisierungen garnicht leisten kann. Zu unterschätzen auch nicht die Synergiewirkungen von Programmverlagen bei der Promotion, Werbung von Büchern zu einzelnen gebündelten Themenbereichen. Ein Verlag wie der Links-Verlag hat sich z.B. auf DDR-Geschichte spezialisiert - dann die unzähligen Fachverlage wie zu Tourismus, Aquarien, Informationstechnik usw. usf. Kann ich mir niemals vorstellen, dass deren fachlich-inhaltlichen organisatorischen Spezialkompetenzen im Amazon-Loch untergehen sollten und zu einem einzigen formlosen, nur noch systematisch geordneten Buchbrei verschmelzen sollten. Die inhaltliche Betreuung von Büchern durch mehr und weniger renommierte Fachverlage bedeutet auch, dass Leser Büchern des einen Verlages besonders, anderen weniger vertrauen. Verlage bedeuten also auch ein Stück inhaltliche Kompetenz und Ansehen. Wieso sollte das untergehen, nur weil es fortan digital vertrieben wird? Das ist bisher im Journalismus nicht passiert (siehe SPON usw.) und wird auch in den Verlagen genausowenig passieren. Was eine Menge an einzeln und in Privatregie publizierten Büchern ja nicht ausschließen muß. Große und kleinere angesehene Verlage wird es aber auch im Netz weiter geben - weil schlicht ein Bedarf an ihren fachlich-inhaltlichen Organisationskompetenzen besteht.
 
Hier noch ein Fundstück, das zum Thema "Ohne Verlage kein Lektorat und keine Gestaltung" passt:

"In Vergessenheit geraten wird auf dem Wege jene Kunst, die einst die heute berühmten Bilder der großen Mode- und Nachkriegsfotografen erst ans Licht gebracht hat: die der Fotolaboranten. Denn viele der Meister beherrschten nicht die entscheidende Arbeit nach dem Schuss: die Metamorphose der Bilder in Bädern komplexer Chemie.

Für die Stars der Fotografie zogen die Männer und Frauen der Dunkelkammern die Negative ab. Die von Henri Cartier-Bresson zum Beispiel, der nicht einmal wusste, wann man weiches und wann hartes Fotopapier nimmt. Die Laboranten entschieden über Korn und Detail, darüber, wann die Linien sanft und die Schatten scharf zu sein hatten. Im Dunkeln, unterm Lichtkegel des Vergrößerers waren es ihre bleich angestrahlten Hände, die der Idee des Fotografen Gestalt verliehen und Atem. Sie wählten Bildausschnitte und rückten so Lippen, Gesichter näher, drehten hier den Horizont um ein paar Grad, um den Schritt leicht werden, das Objekt schweben zu lassen, wedelten dort Düsteres heller und schälten feine Zeichnung aus Grellem.

All dies und noch viel mehr geht heute leichter, schneller, exakter - klick, klick, klick."
(Spiegel, 2002, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21662529.html)
 
Auch diesen Comment könnte man beantworten mit und fokussieren auf:
Neue Medientechnologien erübrigen nicht den Bedarf an der spezialisierten Organisation von Medien.
Das ist ja insbesondere auch die Schwäche der Google-Suche, dass Millionen von Stecknadeln völlig unsortiert und unsichtbar auf einem Riesenberg herumliegen
Dann könnte man im Prinzip genauso auch gleich das Fernsehen, Radio und die großen Onlinenews-Anbieter auflösen. Weil: Kann ja jeder selbst Videos und Texte usw. ins Netz stellen. Das kann sicher jeder - aber eben nicht so gut und so gut inhaltlich organisiert und gebündelt wie größere Medieneinheiten.
 
"Das ist ja insbesondere auch die Schwäche der Google-Suche, dass Millionen von Stecknadeln völlig unsortiert und unsichtbar auf einem Riesenberg herumliegen." Nein. Das ist nicht die Schwäche der Google-Suche, das ist das Problem, das die Google-Suche lösen hilft.
 
Ich habe noch NIE, ein Buch gekauft, weil es in einem bestimmten Verlag erschienen ist. Nie. Und kennen auch keinen der einen kennt der das schon mal gemacht hätte. Selbst im Bereich der Wissenschaft bin ich NIE nach dem Verlag gegangen.
Bündeln kann man auch über Keywords. Dazu brauche ich dann keinen Verlag
 
+Kathrin Passig Sicher auch ein Problem, das die Google-Suche löst. Aber m.M. nicht ausreichend zufriedenstellend. Im Prinzip ein anderes, weiteres auch interessantes Thema, das als Beispiel jetzt aber nicht soo viel zum hier besprochenen Thema tut und damit eine Nebensache ist. Aber im Prinzip mangelt es im Internet neben der reinen Stichwortsuche m.M. an einer stärkeren auch systematischen Ordnung von Wissen und Informationen. Will ich jetzt aber möglichst nicht weiter vertiefen, weil es nochmal eine etwas andere Baustelle als die hier besprochenen Verlage ist.
 
Ich glaube hier wird das eBook noch viel zu sehr als digitale Kopie eines PapierdruckBuches verstanden. Dabei bieten sich beim eBook viele interaktive Möglichkeiten, die hier noch gar nicht angesprochen worden sind. Auch das Buch wird letztlich multimedial und das klingt für mich höchst spannend, interaktive Karten, Diagramme, Exceltabellen. Gerade im Wissenschaftsbereich tun sich da Welten auf, die so kaum zur Sprache kommen.
Ein wenig wie ein Glaubenskrieg klingt das hier, wenn man die Kommentare liest, Amazon als Verleger wird verteufelt und das Ende der Verlage herbeigerufen, dabei hat doch die Vergangenheit doch gezeigt, das Extreme selten eintreffen.
Amazon als Verleger und eBook im Allgemeinen, ist auch eine Chance, das Medium Literatur neu zu beleben, neue Verknüpfungen zu finden, eine neue Art des Lesens zu schaffen.
 
Ich möchte nochmal auf einen Punkt eingehen: Verlage als kulturelle Instanz (dies schließt die Gatekeeper-Funktion mit ein). Das klingt erst mal sehr hochtrabend, ist aber doch ein Punkt, der für mich nicht einfach so zur Seite zu wischen ist. Es gibt sie - immer noch -, die Verleger, die in Anlehnung an Kurt Wolff Bücher verlegen, von denen sie meinen, die Leute sollen sie lesen. Und von diesen Verlegern/diesen Verlagen (von Hanser über Matthes & Seitz bis KOOKbooks) lasse ich gern eine Art Vorauswahl treffen, die Veröffentlichungen haben eben einen Filter durchlaufen. Sie stehen für eine Verlässlichkeit bezüglich eigener Qualitätskriterien, die sie sich über die Zeit "geschaffen" haben. Ein solcher Verlag definiert sich eben nicht über das Veröffentlichen einzelner Bücher oder Autoren, sondern über ein Gesamtprogramm, das wiedererkennbar ist, +Michael Pitty hat darauf ja eben hingewiesen. Und diese Verlage erfüllen sehr wohl eine kulturelle Funktion, die nicht unterschätzt werden sollte. +Kathrin Passig schrieb: "wenn genug Platz da ist, braucht man keine Gatekeeper, sondern nur Filter, die nach der Veröffentlichung ansetzen."
Dadurch stellt man in Abrede, dass Verlage tatsächlich noch irgendeine Funktion jenseits vom "Bücher verkaufen" haben. Diese Einschätzung (so ich sie richtig interpretiert habe) kann ich nicht teilen, obwohl es natürlich auf einige zutrifft.
Amazon wird (Spekulation) wohl zu dieser Art Verlagen gehören, wird eher in die zweite von Kurt Wolff genannte Kategorie von Verlegern fallen, die Bücher verlegen, von denen sie meinen, die Leute wollen sie lesen. Insofern gleube ich, dass Verlage aus dieser zweiten Kategorie eher beunruhigt sein könnten von Amazons Vorstoß.
 
+Michael Pitty "Neue Medientechnologien erübrigen nicht den Bedarf an der Organisation von Medien." - Schon klar, ich glaube, das hat hier auch niemand behauptet. Ich habe nur noch keine überzeugenden Argumente dafür gesehen, warum diese Aufgabe der Medienorganisation in Zukunft bei den Printverlagen liegen wird. Dass Leser in der Regel wissen, in welchem Verlag ein Buch erschienen ist, ist ein Gerücht, wie jeder bei der Buchhändlerin seines Vertrauens erfragen kann. Und die Orientierung am Namen des Verlags auf dem Buch war ein Notbehelf in Zeiten, in denen es keine besseren Möglichkeiten gab, vor dem Kauf zu ermitteln, wie wahrscheinlich es ist, dass man das Buch tatsächlich interessant findet. Da beim E-Book-Kauf zumindest bei Amazon das Herunterladen einer Leseprobe praktisch ein Teil des Kaufvorgangs ist, lässt die relative Wichtigkeit anderer Anhaltspunkte nach.
 
Jetzt wo ich das hier lese - früher habe ich schon Bücher aus bestimmten Verlagsreihen gekauft. Science Fiction zum Beispiel aus der Edition Jeschke im Heyne Verlag. Das ist aber schon ewig her. Heutzutage ist der herausgebende Verlag kein Kriterium mehr für mich. Ich glaube dass diejenigen Verlage die überleben wollen auch hier andere Strategien finden müssen, um an ihre Kunden heran zu kommen.
 
+Stefan Möller Ich verstehe das Argument nicht. Was wäre der Vorteil eines Filters, der vor der Veröffentlichung ansetzt, im Vergleich zu einem Kuratierungsangebot (nennen wir es "Stefan Möllers Bücherempfehlinstanz"), das erst nach der Veröffentlichung filtert? Dass es dadurch statt 129.864.880 Büchern auf der Welt nur 129.864.879 gibt? (Quelle: http://googleblog.blogspot.com/2010/08/you-can-count-number-of-books-in-world.html) Gut, das macht die Lage natürlich viel übersichtlicher.
 
Allgemeine Feststellungen zum Buchsituation (Schwerpunkt: Belletristik, Sachbücher etwas anders gelagert)

1. Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Niemand weiss, wie lange diese Übergangszeit noch dauern wird, weil es von vielen ineinander verzopften Faktoren abhängt, man kann höchstens raten. Solange können Leute das Gegenteil voneinander sagen und beide Recht haben. Nur am Ende gewinnt das Ebook.

2. Der Buchmarkt richtet sich nicht nach dem, was Autoren, Verlage oder Medien wollen. Er richtet sich noch nichteinmal besonders nach dem, was in Gesetzen geschrieben steht. Er ist ein Markt und richtet sich zu allererst und beinahe ausschliesslich nach den Kunden, selbst wenn in Deutschland mit Buchpreisbindung und Zwischenhändlern starke Strukturen gegen den Markt vorhanden sind (note to Marktverächter: so sieht das dann aus, übrigens). Die sind in Deutschland derzeit ausgesprochen ebookfaul – was sich aber über Nacht ändern könnte, und zwar schon zu Weihnachten diesen Jahres. Dann werden Ebooks vielleicht sogar mehr als 0,5% des Buchmarkts ausmachen.

3. Die deutsche Buchlandschaft - die ich sehr mag, samt Verlagen - hat leider die kaum vielversprechende Strategie, das 20. Jahrhundert digital nachspielen zu wollen. Was bei der Musikindustrie nicht funktioniert hat, wird bei den Verlagen wegen der völlig anderen Kundenstruktur ebenfalls nicht funktionieren, es dauert bloß noch länger, bis sie es merken.

4. Verlage sind wunderbar, jedenfalls einige. Da arbeiten Menschen, die Bücher lieben, jedenfalls einige. Verlage sind der Garant für Querfinanzierung, ohne die in meinen Augen ein Kulturmarkt und damit die Kultur nicht denkbar wäre. Querfinanzierung bedeutet, dass eine Charlotte Roche fünfzig vielversprechende Autoren ernährt – bis vielleicht ihr Buch groß wird.

5. Was aber die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke. Das Argument, man habe doch von einem Buch viel länger Freude ist erstens genau berechnet völlig falsch. Und zweitens entspricht es der bekloppten Vorstellung, Autokäufer würden Autos nach Kosten je Kilometer kaufen und nicht nach dem Preisschild, was dranhängt.

6. Die heutigen Ebook-Reader sind bei allem Fortschritt noch immer grauenvoll. Das ipad ist zu schwer, der Kindle ist der Gaddafi der Usability, nirgends gibt es alle Bücher wegen DRM, dem Senfgas des Internet, und alle anderen Geräte kriegen ja noch nicht mal richtige PR hin. Aber: der Fortschritt. Heute zu sagen: Ebook setzen sich nicht durch, die Geräte taugen nichts, ist, als würde man 1991 gesagt haben: Handys setzen sich nicht durch, wer soll denn den großen Koffer mit sich rumtragen.

7. Die Zukunft der Verlage liegt im Ebook und damit in folgenden Leistungen (und jetzt rate ich, natürlich, aber es ist eine Art educated guess):
- Scouting guter Inhalte/Autoren
- Vorfinanzierung
- Qualitätssicherung
- Strategieberatung für Autoren (Welches Buch wann, wie, wo)
- Produktberatung (es wird viel mehr als nur ein Ebook geben, zB auch Serien, Abonnements, etc.)
- technische Plattform-Dienstleistungen (damit das Ebook auch überall erscheint, Apple, Amazon, Googlebuchmarkt etc.)
- PR und Kommunikation
- Vertriebsunterstützung (grenzt an Kommunikation, ist aber sehr wichtig, schon heute bei Apps)
- Quervermarktung (international, Filme, allgemeine Zweitverwertungen)

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie einen guten Teil dieser Funktionen ausgelagert haben an Literaturagenturen und in den anderen Bereichen nicht wissbegierig lernen, sondern die digitale Realität verleugnen, sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. Das bedeutet: es wird weiter Verlage geben, auch große – aber es werden nur zu einem mittelgroßen Prozentteil die Verlage sein, die wir heute kennen. Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht - aus weitgehend romantischen Gründen. Und das passt dann doch ganz gut zur Buchbranche.
 
Beim Verfolgen der Diskssion hier, kam mir vorhin folgender Gedanke:
Vielleicht ist ja das eBook nur ein Übergang, nämlich der Versuch das Konzept "Buch" eines Autors in eine Welt zu retten, in der es für dieses Konzept eigentlich keine Notwendigkeit mehr gibt. +Kathrin Passig's Beiträge hier sind kein Buch im eigentlichen Sinne mehr, aber in der Diskussion mit Ihren Lesern entsteht doch ebenso Ihr ganz eigentliches Werk - hier und genau jetzt. Ein Werk, für das es in der Vergangenheit keine Entsprechnung gab, keine Beispiele, keine Technologien, welches einfach unmöglich war... aber welches mich doch konzeptionell an ein Buch erinnert, Herausgeber/Verleger wäre in diesem Fall der Toolhersteller und Betreiber Google, der die Plattform schafft, die Regeln setzt und die Mechanismen für die Kommunikation bestimmt. Genau das, was in Zeiten der nur analogen Kommunikation eben Verleger, Lektoren, Drucker und Händler übernommen haben und für die sich in der Gesellschaft Kompensationsmodelle etabliert hatten... das Werk hier wird aber in einem gemeinsamen Prozess mit uns, den den Lesern und Co-Autoren vervollständigt, erzeugt, beeinflusst.

Ebenso geht es mir nämlich manchmal mit eBooks, zB bei der Problematik des Seitenkonzeptes, welches sich so schwer übertragen lässt auf einen Kindle aufgrund der möglichen Skalierung, welches damit Zitate in der herkömmlichen Form obsolet werden lässt - und welche ja schon seit 20+ Jahren eigentlich durch Links (besser nat. URI) ersetzt worden sind. Also, das eBook als Übergangsform im beginnenden digitalen Zeitalter der globalen Vernetzung... bei dieser These würden doch einige der Argumentationen überflüssig, oder?
 
Vielleicht fehlt es mir ja an Vorstellungskraft, wie ein Filter nach der Veröffentlichung beschaffen sein muss. Der Vorteil eines Vorabfilters, um mal das Beispiel Ch. Links Verlag aufzugreifen: Unter den unzähligen Büchern, die sich mit DDR-Geschichte auseinandersetzen, "garantieren" mir diejenigen, die den Gatekeeper Verlag passiert haben, ein gewisses Maß an Qualität. Das ist durchaus ein Entscheidungs- oder Auswahlkriterium pro Kauf, auch wenn das nicht ausschließlich auf den genannten Verlag zutrifft. Aber die Auswahl reduziert sich von Tausenden auf sagen wir mal 50-60, immer noch zu viel, um sich mit allen zu beschäftigen, aber doch irgendwie übersichtlicher als wenn ich keinerlei Ausschlusskriterien habe. Es ist doch gerade die unüberblickbare Masse an Büchern, die für mich einen Vorabfilter sinnvoll erscheinen lassen. Natürlich lasse ich mich da lenken und beeinflussen, natürlich ist es auch ein wenig "Bequemlichkeit", aber, wie eingangs geschrieben, mir fehlt es an der Vorstellung, wie "Stefan Möllers Bücherempfehlungsinstanz" gestaltet werden müsste, um zu einer Instanz zu werden.
 
Ich stimme +Sascha Lobo zu, außer was die angebliche grottigkeit der E-Reader angeht. Aber das ist vielleicht einfach nur Geschmacksache. Gottig dabei ist eigentlich nur das herumgewurstel mit dem DRM. Ohne DRM wären viele gute E-Reader viel leichter zu befüllen.
 
+Pia Ziefle Weiß noch nicht, ich hab mir noch nichts ausgedacht. Die Einladung ging ja ungefähr so "Frau Passig, sagen Sie doch was zur Zukunft der Buchhandlung" - "Wie lange?" - "So 20 Minuten." - "Da brauch ich aber nur 20 Sekunden." (Man einigte sich dann doch irgendwie.)
 
@Sascha Lobo Sehr guter Beitrag aber was nutzt es uns das alles zu verschriftlichen? Ich sage mal, wir können uns zurück lehnen und den Verlagen beim sterben zusehen. Dann werde ich mir eine schöne Tasse Kakao trinken und darüber nachdenken ob Intelligenz tatsächlich ein Faktor ist der die Evolution aushebelt.
Aber insgeheim ärgert mich das verhalten der Verlage schon, da ich nie ihr Feind war und es doch so viele Möglichkeiten gibt wie sie mit dem Netz etwas krass gutes auf die Beine stellen könnten. Na ja, sie wollen nicht … auch gut.
 
+Stefan Möller die Instanz würde genau die gleiche Funktion erfüllen, wie ein Verlag heute! Nur ohne die Firma, die Organisation, das Management, die Ineffizienz, die Hierarchien, den Wasserkopf, das Sekretariat, etc. Eben ohne all das, was heute zu Firma, zum Geschäft "Verlag" dazu gehört und dazu gebaut worden ist in den vergangenen 200 Jahren des Quasi Monopols der Bücherveröffentlchung...
 
Ich plädiere ja für etwas mehr Geduld und weniger Aufregung. Hier wird über noch weitgehend ungelegte Eier gesprochen. Die Printverlage wollen halt ihr Printgeschäft noch ordentlich abgreifen und auskosten. Sobald absehbar immer weniger Papierbücher gekauft werden, wird ihnen auch im Netz beizeiten schon was einfallen. Also schön ruhig mit die Pferde, die Probleme sind derzeit ohnehin noch nicht akut. ;-) Jedenfalls heute noch nicht.
 
Michael Pitty - Warum dürfen wir uns nicht jetzt schon über Verlegerinterviews lustig machen die vor Ignoranz strotzen?
 
+Michael Pitty Stimmt, wir haben ja bei den Musik-, Video- und Zeitungsverlagen schon gesehen dass sie sich fuers Netz kreative Loesungen einfallen lassen wenn's drauf ankommt. Bekannt geworden sind jetzt leider nur die kreativen juristischen und politischen Loesungen, aber das ist ja sicher nur ein Wahrnehmungsproblem gewesen.
Und ueberstuerzen sollte man wirklich nichts, geht ja alles nicht so schnell mit dieser Technik, und diese jungen Leute mit ihren StartApps oder wie das heisst muessen sich schliesslich auch erstmal die jahrhundertealte Erfahrung der gestandenen Verlage erarbeiten bevor sie gefaehrlich werden koennen. Da kann man das wirlich ganz ruhig angehen :)
 
+Arne Krueger Zum Einen darf man nicht davon ausgehen, dass jeder Verlag über entsprechend große, ineffiziente Strukturen verfügt. Ein Verlag wie Matthes & Seitz beschäftigt sicher nicht mehr als eine Handvoll Mitarbeiter und auch ein Verlag wie Suhrkamp wäre mit seinen reichlich 100 Mitarbeitern als Konzern doch unzutreffend beschrieben. Zum Anderen bleibt immer noch die Frage, wer die Stelle der Verlage als Instanz einnehmen soll und wie sich eine derartige Instanz organisiert.
 
+Insi Dex Hier darf man natürlich alles. Sich lustig machen oder wie ich für etwas mehr Geduld plädieren. Jeder nach seiner Facon. Wir stehen bei Büchern erst ganz am Anfang des Übergangs. Es ist in dem "Ungewißheits-Medium" Internet schlechthin auch im Buchbereich relativ bis völlig ungewiss, was überhaupt "abgehen" wird.
Soviel läßt sich wohl verallgemeinern - das Internet eignet sich wenig für Prognosen. Und das, wo es doch so großen Spaß macht. Weil das Internet dafür viel zu chaotisch und unvorhersehbar ist. Meine ungefähre Vermutung ist jedenfalls wie gesagt, dass die fachlichen Organisationskompetenzen von Buchverlagen nicht überflüssig werden, nur weil Bücher in einem neuen Medienkanal vertrieben werden. Der Nutzen von Verlagen besteht in weit mehr als nur der Medientechnik Druck+Papier oder Internet.
Ich finde nach kurzem Überfliegen auch garnicht, dass das Interview vor Ignoranz strotzt - ich lese da viel besonnene realistische Diagnose.
 
+Insi Dex - was mich wirklich wahnsinnig stört, ist dieses arrogante und schlicht unfreundliche Gehabe, "lasst uns ihnen beim Sterben zusehen!". Das ist antiintellektuell, weil Du damit jedes soziale und historische Argument völlig ausblendest. Aber solche Argumente zählen in der nichttechnischen Welt sehr wohl. Diese Leute, die Verlagslandschaft, die haben einen guten und wichtigen Teil der Kultur bisher ermöglicht. Sie laufen in die falsche Richtung, aus Unwissen und Nostalgie, sie sind nicht böse, fast keiner davon.

Und Du sitzt da, hähähä, geht sterben. Du hast keine Ahnung, was Du da sagst, und wieviel Deine überhebliche Nerd-Häme zerstört. Diese Häme vermindert unter anderem die Chance, dass die Verlage sich auf eine Diskussion einlassen – weil die Hardliner in den Verlagen den Progressiven damit zeigen, wie feindlich die digitale Umwelt ist und dass man sich davon fernhalten soll. Nebenbei vermindert es die Chance der Piraten auf substanzielle Unterstützung durch intellektuelle Kräfte, ist also für Dich als Piratenfunktionär auch politisch unklug. Mich ärgert Deine undurchdachte Einstellung und ich bitte Dich, sie zu überdenken.
 
+Sascha Lobo ich hab das oben ähnlich formuliert... hoffentlich nicht so hart, nicht so unfreundlich, aber im Kern doch gleich. ich habe es "in Würde altern" genannt. +Stefan Möller eben schrieb noch, dass es doch effiziente kleinegrosse Verlage gibt, für die sich noch keine Entsprechnung im Netz abzeichnet bzw. die es absolut wert sind, als Instanz in der Form auch zu erhalten, hier stimme ich ihm und auch dir zu!

PS: +Insi Dex habe ich bis eben für einen Troll gehalten.
 
+Sascha Lobo Wenn du dir die Aktionen und Aussagen des Börsenvereins des deutschen Buchhandel in den letzten Wochen mal angeschaut hast, sehe ich mich nicht als Aggressor in dieser Debatte und Angebote haben wir dem Börsenverein auch schon gemacht die samt und sonders abgelehnt worden sind.
Natürlich ärgere ich die Verlage mit der Aussage "das Internet ist euer Untergang" - aber wie ich schon sagte:
"Aber insgeheim ärgert mich das verhalten der Verlage schon, da ich nie ihr Feind war und es doch so viele Möglichkeiten gibt wie sie mit dem Netz etwas krass gutes auf die Beine stellen könnten. Na ja, sie wollen nicht … auch gut."

Die zerstörende Nerd-Häme von der du redest ist vielleicht nichts anderes als Wut über die Arroganz der Verlage die sich nicht nur positiv in unsere Kultur eingebracht haben. Wie Klug oder Unklug das ist kannst auch du mit deiner Glaskugel nicht absehen aber es rüttelt sie auf und sie fangen an ihren Arsch zu bewegen. Denn, auch ich habe nichts gegen die Verlage an sich !
 
+Sascha Lobo Bei "Sie laufen in die falsche Richtung" bin ich mir nicht ganz sicher. Das ist jetzt noch mal ein ganz neues Fass, das man da aufmachen müsste, aber mir kommt es mindestens genauso plausibel vor, dass Verlagsmitarbeiter gar nichts für ihre nicht-so-rosige Zukunft können. Es fühlt sich besser an, wenn wir uns vorstellen, dass sie "selber schuld" sind, weil das Gerechtigkeit im Universum impliziert, und der Gedanke unerfreulich ist, dass man manchmal alles richtig macht und es trotzdem nichts hilft. (Auch weil das bedeutet, dass es einen als Nächstes selbst treffen kann.) Was hätten die Weber noch richtig oder falsch machen können, als die Industrialisierung erst mal da war?
 
über Trolle lohnt es sich nicht zu diskutieren, zudem ist diese Diskussion bis hierhin so erfrischend, das wir uns von sowas nicht vom Thema ablenken lassen sollten! ^^
 
Verlage haben Grund zur Angst, weil Technologiekonzerne den Herstellungsprozess digitaler Produkte besser beherrschen und die Distribution schneller, verläßlicher und kostengünstiger bewerkstelligen. Dadurch bricht ein Teil der bisherigen Verlagswertschöpfungskette weg.
Deswegen würde ich aber keine Angst haben, weil sich durch solche tektonischen Verschiebungen auch neue Chancen und Richtungen ergeben:
(1. Co-Optition, dh Kooperation UND Wettbewerb in technologischen Fragen mit den grossen vom Typ Amazon. Es ist ja nicht so, dass die 100-200 Mio, die ein G+ gekostet hat, Grossverlage umbringen würden. Man muss es nur TUN. Das gilt fuer Endgeräte, Patente, Payment etc.... Aber das habe ich schon aufgegeben... Denn die Richtigkeit ändert sich auch nicht dadurch, dass es seit Jahren nicht getan wird.)
2. Der Verlag muss sich als Dienstleister begreifen (die Services hat Sascha oben ja schon ganz gut aufgezählt), diese vervollkommnen, die Abwicklung straffen (Ja, es geht um Kosten!), Bausteine extern einkaufen und mit anderen Verlagen zusammenarbeiten.
3. Das Risiko von Fehlentscheidungen mindert sich, wenn Einstiegskosten sinken und Preise variabler werden (Ja, Hallo Autoren, aufwachen!)
4. Die Dokumenttypen "Buch" und "Artikel" zerfallen. Es entstehen neue Formen, in Länge und Partizipation etc. - neue Chancen, YEAH! Re-Packaging etc. YUPPIIEEEH!
5. Ein (kleiner) Premium-Markt wird wieder erwachen, der in höchstem Masse qualitätsorientiert ist.
6. Zusatzgeschäfte, die im wesentlichen auf der Verlagsmarke aufbauen, werden zum Kerngeschäft. Warum auch nicht? Was haben Verlage bisher verkauft? Identität, Orientierung, Sicherheit, Unterhaltung..... NICHT das Material, auf dem es gedruckt war! Also werden sie auf Basis dieser doch zum Teil sehr starken Marken ihr Geschäftsmodell verschieben. Sie müssen es nur TUN.
7. Der Verlag der Zukunft wird seine Kunden bessser kennen und wird hieraus Nutzen stiften, zB Cross-Selling.
8. Bei der Beurteilung bitte beachten: Die Margen der Amazons werden fallen, weil der Wettbewerb stärker wird.

(Falls ich entnervt klinge: Ja, das bin ich. Das Verständnis von 1. Innovation ist ungefähr so ausgereift wie in der Rückversicherungsbranche seit den Florentiner Tomben, 2. innere Konflikte sind wesentlich stärker als in anderen Branchen und ein Zeichen dafür, dass hier etwas kaufmännisch gebündelt wurde, was gar nicht zusammenarbeiten will, 3. die Bereitschaft zur Kooperation ist in der neuen Welt essentiell, aber durch historisch gewachsene Animositäten blockiert. Ich würde daraus 4. schliessen, dass es, wenn meine Beobachtungen richtig sind, der Branche noch zu gut geht.)
 
Schau, +Insi Dex - wenn ein Haufen nicht völlig verblödeter Leute auf einer Plattform wie Google Plus (und also mit einer gewissen Digitalkompetenz ausgerüstet) Dich aufgrund Deiner Kommentare mit einem Troll verwechselt - müsstest Du Dir dann nicht Sorgen machen? Oder zumindest Gedanken? Völlig unabhängig von irgendwelchen sensationell dummen Äußerungen des Börsenvereins, der nebenbei gesagt nicht identisch ist mit der Buchkultur in Deutschland?
 
Das Problem mit Trollen / trollähnlichen Beiträgen ist ja nicht nur der Troll selbst, sondern vor allem die dadurch entstehende Trolldiskussion. Ich werde ab hier alle Metakommentare zum Thema +Insi Dex löschen.
 
Kathrin, die Weber hätten sich besinnen können auf ihr Produkt, den Stoff und die Kleidung, und sich in die Bedienung der Maschinen einarbeiten können. Nicht alle, natürlich, und vermutlich sogar ganz andere Weber, aber das ist der Unbrauchbarkeit der Metapher geschuldet, von der übrigens auch meine dieswöchige Mensch-Maschine handelt, die ich jetzt endlich schreiben muss, verdammt nochmal, anstatt hier rumzudiskutieren.
 
+Sascha Lobo Es ist, abgesehen davon, auch schlicht unhöflich.

Ich glaube aber auch, dass es unterschwellig einen gewissen Ärger gegenüber "den Verlagen" gibt, berechtigt oder nicht, der sich jetzt entlädt. Von außen wirkt das System auf einige Leute offenbar so, wie sie auch die Musikindustrie sehen: Unnötig teuer (Buchpreisbindung), geschlossen (der Vorwurf eines Jugendkults bei der Auswahl der Autoren) und Innovationsfeindlich (Haltung zu elektronischen Medien).

Ob die Vorwürfe berechtigt sind, lassen wir mal dahingestellt. Ich kann mir aber vorstellen, dass dieser Ärger gerade bei Leuten größer ist, die viel Zeit im Internet verbringen und damit eher mitbekommen, wie das in anderen Staaten aussieht, die zum Beispiel keine Buchpreisbindung haben und wo man für das gleiche Geld deswegen mehr Bücher bekommen.

Hier müssten die Verlage dann deutlicher argumentieren, warum ihre "Ware" besonders ist -- es gibt ja gute Argumente für die Buchpreisbindung.
 
+Sascha Lobo Aber genau um "vermutlich sogar ganz andere Weber" geht es doch in der ganzen Diskussion. Nicht darum, dass Verlage ausschließlich Unnützes leisten, sondern darum, dass das, was sie leisten, mit eher geringer Wahrscheinlichkeit weiter von denselben Leuten und Institutionen erbracht werden wird.
 
+Scot Stevenson das Problem ist die aktuelle Geld-, Aufmerksamkeits- und damit auch Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft, die zu einem Ungleichgewicht zu Gunsten der etablierten Verlage (und damit u.a. zur Buchpreisbindung hier) und zu Lasten alternativer Publikationswege führt. Ungleichgewichte = Ungerechtigkeit versucht Ärger bei vielen Menschen, unabhängig davon, ob Sie im Internet sind oder nicht.
 
Die Metapher ist defekt. Natürlich könnten es die selben Leute sein, weil sich ein Teil der Arbeit - kein winzig kleiner - nur wenig verändert. Zum Beispiel die Abschätzung der Markttauglichkeit und entsprechend der Vorinvestitionen.
 
"Gute Argumente für die Buchpreisbindung"?? Hmm ... Mir fallen nur die Autoren ein, die eine sichere Einnahmequelle haben, aber darüber hinaus?
 
+Sascha Lobo Bzgl. des Trollvorwurfs von +Arne Krueger erinnere ich dich da an deinen Vortrag über Mircoöffentlichkeiten und Shitstorms auf der Republica. Ich mache mir da keine Sorgen und aktuell auch keine Gedanken drüber.
Natürlich ist der Börsenverein nicht die Buchkultur in Deutschland aber er ist ihr Aushängeschild, ihr Repräsentant und ihre Lobbymaschine und nicht gerade ohne Macht oder sehe ich das falsch?
 
Ein gutes Argument für die Buchpreisbindung ist die von +Sascha Lobo angeführte Querfinanzierung. Die Aufhebung der Buchpreisbindung würde dazu führen, dass der Käufer vermutlich weniger für den neuen Roche, Grisham oder Eco zahlen müsste. Das geht erst mal zulasten der Gewinne, die die entsprechenden Verlage mit diesen Autoren machen können. Und dementsprechend wird weniger Geld vorhanden sein, andere Autoren ins Verlagsprogramm aufzunehmen, da sich zum Beispiel ein Lyrikband von Durs Grünbein nur mit sehr viel Glück finanziell selber tragen kann. Oder aber im Umkehrschluss würden sich die Verkaufspreise für schwerer Verkäufliches deutlich erhöhen, da die Zahl der Exemplare, die vom Handel abgenommen wird, sich nicht erhöht. Wenn man sich die Buchpreise in Ländern ohne Preisbindung - Schweden oder England - anschaut, dann ist festzustellen, dass die Verkaufspreise für vieles, was eben nicht in fünf- oder gar sechsstelliger Zahl verkauft wird, zum Teil deutlich über den Preisen in Deutschland liegen.
 
+Sven Bartels interessanter finde ich ob sich das Thema Buchpreisbindung inzwischen eigentlich noch objektiv betrachten laesst oder ob es nicht inzwischen schon zwangslaeufig mit "Herausforderung des Digitalen" in einen Eimer geworfen wird. Buchpreisbindung, haha, damit versucht ihr doch nur den Geldfluss irgendwie gewaltsam aufrecht zu halten nachdem (...) ihr schon die Digitalisierung verpennt habt. Aber die Buchpreisbindung ist eben nicht das gleiche wie das Leistungsschutzrecht.
 
Kann mir jemand erklären, inwiefern die Buchpreisbindung der Querfinanzierung hilft? Ernstgemeinte Frage.
 
Etablierte Institutionen, wie die Verlage und deren Interessenvertreter, haben einfach ab einer gewissen Größe und Lebensalters eine entsprechende Trägheit, die ihnen Adaption an neue oder veränderte Kulturtechniken und Geschäftsmodelle erschwert. Wie eine Behinderung des Denkens, ein Nichtdenken von Möglichkeiten - ein "es kann nicht sein, was nicht sein darf".

Das liegt einfach im Wesen der Organsiationsform "Verlag" begründet und nicht im Wesen der einzelnen Mitglieder (ja, denn eines besteht aus vielen und vieles wird zu einem" sagen die Zen Buddhisten, trotzdem!). Denn dies trifft übrigens auf alle Unternehmen zu, ich muss hier unbedingt noch einmal auf +Clay Shirky hinweisen, der sich ausführlich mit den Ursachen für die Bildung von Unternehmen beschäftigt hat (nämlich die Schwierigkeiten/der Komplexität bei der Organisation der Zusammenarbeit von mehr als x Personen, wie sie bei der Herstellung von klassischen Büchern eben nötig sind und zu deren Management/Orchestrierung Verlage sich bestens eignen).

"Wenn 16jährige die Grundlage Deines Geschäftsmodell zerstören, weil sie Dein Produkt (und das Lesen) lieben und nicht hassen", dann muss man einfach anfangen, sich Gedanken zu machen. Das gleiche Problem hatten die Weber, die mit der Veränderung und der gesteigerten Produktivität durch die Maschinen nicht umgehen konnten. Das gleiche Problem hat die Musikindustrie, Zeitungsverlage, CD-Presswerke, hat auch meine Firma, hat eigentlich jede Unternehmung, in der mehr als - sagen wir - 5 Menschen zusammen arbeiten. Es geht um die mangelnde Fähigkeit von Organsiationsformen, mit Veränderungen ihrer Umwelt um zu gehen.
 
+Kathrin Passig Buchpreisbindung und Subventionen sind ähnlich: eine staatlich verordnete/kontrollierte Verschiebung von Geld, wird meist etabliert, um ein scheinbares Marktversagen auszugleichen oder (soziale) Ungleichgewichte im Markt auszugleichen. Deshalb auch die Begründung mit "Bestseller finanzieren - die kulturell ebenfalls wertvollen - Nachwuchsautoren - eben die kommenden Bestseller". Dies wird durch die Manager der Verlage aber nur vorgeschoben, denn niemand kontrolliert ob die Gewinne der Besteller tatsächlich in der Förderung von Nachwuchsautoren landen. Meine These wäre: Verlage würde auch ohne Buchpreisbindung so handeln, einfach um sich einen grossen Pool an potentiellen Nachwuchsautoren leisten zu können...
 
Die Buchpreisbindung ist der missratene Versuch, die Kosten einer Marktregulierung auf den Konsumenten umzulegen. Das ist für mich eine andere Diskussion als die Konvergenz. Marktregulierung ist es, weil man sonst bestimmte Titel hätte fördern oder steuerlich begünstigen müssen - das wäre systematisch richtig, nämlich eine gesellschaftlich erwünschte Umverteilung; so ist es falsch, weil die falschen bezahlen, nämlich die Leser anderer (!) Bücher. Missraten ist die Buchpreisregulierung, weil Verlage sehr wohl trotzdem Preisdifferenzierung vornehmen, siehe Taschenbuchausgaben und Clubausgaben. Für mich ist der Mechanismus ein Versuch, per Selbstregulierung ein schützenswertes Gut zu schützen. Aber warum das klappen sollte? Das wichtigste Gegenargument ist ja, dass der gewünschte Mehrabsatz aufgrund der Preis-Absatz-Funktion ja gar nicht eintreten kann, solange eine Preisbindung besteht. Top-Kultur gehört im Grund verramscht, damit sie wahrgenommen werden kann.
Ergo: Eine Mindestpreispolitik klingt fuer mich systemwidrig, a) in systematischer Hinsicht, wer was zu fördern hat und b) hinsichtlich des Zieles der maximalen Verbreitung von Kulturgut.
Hab ich mich verrannt?
 
+Arne Krueger Richtig, nur an solchen Problemen ist auch garnichts verwunderlich, m.M. auch wenig aufhebenswert. Wenn ein altes auf ein neues Medium stößt, kriegt es zwangsläufig Probleme dabei: Insbesondere natürlich schlicht das Problem, das eigene alte Medium aufs neue zu übertragen. Solcher Strukturwandel ist natürlich ein ungeheuer aufwändiges Problem, bei dem allenfalls verwunderlich ist, dass man sich über Probleme dabei wundert und aufregt. Mir scheint hierbei ein hoher Läster- und Unfallguckerfaktor mitzuspielen. Da haben Leute, die tatsächlich was machen und nicht nur reden, Probleme mit dem großen neuen Internet, hihi. Da stellen wir uns doch mal dazu und lästern bißchen ab. Das gleiche Lied wie schon bei den Zeitungen jetzt bei den Verlagen. Find ich bißchen armselig, sich an solch naheliegenden Problemen zu weiden. Wir befinden uns bei Zeitungen vielleicht ca. im ersten Viertel des Übergangs ins Netz, bei Büchern frühestens im ersten Zehntel. Also soll man doch, finde ich, die eigentlichen Macher einfach ihre Arbeit machen lassen. Einige werden's packen, andere eben nicht. Wie überall sonst auch.
 
+Michael Pitty Über das "Lustig machen" hat sich der +Sascha Lobo ja schon bei mir beschwert und ich denke aktuell tatsächlich über einen versöhnlichen Artikel mit einer Einladung zur Debatte in der Fußnote nach.
Aber die Ignoranz: Wenn Herr Malchow sagt das "Am Ende werden sich auch im Netz Drehscheiben entwickeln, die mit einem Branding verbunden sein müssen, also mit einem Vertrauensnamen, der bewiesen hat, dass er in der Lage ist, diese Arbeiten, die auf ihn zukommen, zu bewältigen." dann outed er sich als wahrer Netzexperte der mehr Ahnung zu haben scheint als alle anderen zusammen </Sarkasmus> . - Meine bescheidene Realität ist, ich kaufe Bücher nach Empfehlung von anderen Lesern, dann nach Autor und noch nie hat mich der Verlag interessiert. Hier hätte das Netz durch die vielen User/Buchempfehler sicher die Nase ganz weit vorne. Bei Fachliteratur sieht das schon wieder anders aus aber auch hier ist für mich der Verlag nicht entscheidend außer und das ist sicher das wichtigste, dass es ihn überhaupt gibt.

Noch eine Beispiel: Malchow sagt: "Viele Autoren betrachten den Verlag nicht nur als ökonomischen Partner, sondern auch als Partner in seiner Funktion als kulturelle Instanz." - Das trifft sicher auf einige Autoren/Verlage zu ist aber sicherlich nicht der Normalfall und ich mag diese pathetische Darstellung der segensreichen Verlage auch nicht. Auch widerspreche ich das die Verlage uns eine blühende Kultur haben angedeihen lassen. Ich behaupte das die Autoren das sind und waren.
 
Ich gehe mal von meiner Lebenserfahrung aus. Alle meine Freunde sind im Internet, die Hälfte von ihnen hat ein Smartphone, und nur ungefähr ein Viertel von ihnen lehnt Smartphones grundsätzlich ab. Einer hat ein iPad, keiner hat ein Kindle. Alle haben hunderte von Büchern. Das sinnliche Vergnügen, ein gedrucktes Medium in der Hand zu haben, wird offenbar bei vielen Menschen stärker bewertet, als es sich die digitale Bohéme vorstellen kann. Diejenigen von euch, die noch nie einen Plattenspieler besessen haben, kennen nicht die Aura, die von einem Stück Vinyl ausgeht, dennoch ist hier die bereitschaft, den Switch in die digitale Welt zu machen, weit größer. In den Augen der meisten "Normalos" hat ein gedrucktes Buch etwas mit "Kultur" zu tun, nicht nur mit "Entertainment". Nicht umsonst befinden sich in den meisten Wohnungen mehr oder weniger große Bücherregale. Insofern gehe ich davon aus, dass das deutsche Verlagswesen weniger Angst vor Amazon haben muss als der deutsche Buchhandel. Ein Buch aus Papier im Internet aussuchen und bestellen, das geht für viele Menschen leichter, als es sich im Buchhandel zu beschaffen, obwohl der auch schnell sein kann. Aber ein Buch auf einem Bildschirm lesen, das wollen die meisten Menschen noch nicht. Außerdem mag man ein E-Book zwar verschenken können, aber es gibt kein repräsentatives Geschenkpaket auf dem Gabentisch. Und eine Liege am Pool kann man mit einem Kindle auch nicht reservieren...
 
+Frank Kemper Interesshalber: Wieviele Stueck Vinyl (die mit der Aura) haben denn die Freunde noch in den Wohnungen zur Ansicht stehen und wieviele von denen erneuern ihren Bestand noch?
Daneben bezweifle ich, dass Buecher als Dekorationselemente und zur Demonstration von kulturellem Selbstverstaendnis wirklich eine fuer Buecherproduzenten zukunftssichernde Basis ist. Vielleicht lohnt es sich doch sich auch weiterfuehrende Gedanken zu machen...
 
Vermutlich ist für die Verlage alles viel komplizierter, als man es von hier aus ahnt. Und bewährte Prozesse und Verhaltensweisen abzulegen ist auch nicht gerade einfach. Was mich immer wieder wundert, ist eher der Punkt, dass man nicht von ähnlichen Branchen (Musik, Video, Zeitungsverlage) lernt und sich seiner eigenen Kernkompentenzen bewusst wird.
Lernen aus der Historie und Abstraktionsfähigkeiten, scheinen inzwischen Kompetenzen zu sein, die im Alltagsbetrieb entweder wenig gelernt werden oder bei solchen Interviews einfach wieder vergessen werden.
 
+Stefan Schwardt Es geht ja hier um die Frage, ob ein Weltkonzern wie Amazon die Verlage "essen", erübrigen, verdrängen könnte. Da wäre ich als Verlagsmensch genauso gelassen wie der Kiepenheuer-Chef, eigentlich sogar belustigt. Das wird Amazon nicht gelingen, weil das Buchgeschäft dafür viel zu groß, spezialisiert und vielfältig ist, als dass es von einem einzigen Konzern vereinnahmt werden könnte. Diese ganzen vielen Verlage, noch dazu aus diesen vielen um die 200 Nationen. Halte ich schlicht für ein Phantasten-Thema.
 
Für das Überleben immer schon wichtig: sich auf die ureigenen Fähigkeiten verlassen zu können bei der Anpassung an Veränderungen. (Darwins Survival of the fittest war ja eigentlich das Überleben nicht des physisch Stärksten, sondern des Anpassungsfähigsten.)
Wo können Verlage Mehrwert bieten, wo können sie besser sein als andere, beispielsweise Amazon?
Da gab es weiter oben das herrliche Bild von den flinken Kleinsäugern. Hier könnte es sich nun rächen, dass -- nur ein Beispiel -- nach dem Motto "Text ist Grauwert" schon seit vielen Jahren die wichtige Funktion der "professionellen Veredelung" gern (zu Tarifen unterhalb derzeit diskutierter Mindestlöhne) an freiberuflich tätige "Kleinsäuger" gegeben wurde.
Die Verlage werden intensiv, kreativ und innovativ nachdenken müssen. Und gut daran tun, Augen und Ohren zu öffnen und auf die Menschen zu achten. Consumer Market gilt auch in diesem Bereich.
 
So lange solchen Themen so heftig diskutiert werden, habe ich keine Angst um die Verlage. Schnell mal die Hand heben, wer von den Kommentierenden in diesem Jahr mehr als 5 Bücher (Print!) gekauft und gelesen hat. Ich tippe mal es haben soeben 90% die Hand gehoben, willkommen im Club der Vielleser. Soviel dazu wie lange es noch Verlage gibt.

Bei den Argumenten der Verleger gegen eBooks im Allgemeinen und Amazon im besonderen, bekommt man recht leicht den Eindruck, als würden die Verlage Bücher in der Hauptsache wegen des kulturellen Auftrages herstellen. Wenn dann noch eine schwarze Null in der Jahresabrechnung übrig bleibt ist man schon zufrieden (Hüstel). Ja, es gibt sicher die vielen Verlegerpersönlichkeiten denen der Inhalt der Bücher und des Verlagsprogramms am Herzen liegt, aber auch einen nicht kleinen Teil an Controllern/CFOs Vertriebsleitern denen es quasi egal ist was in den Büchern steht, hauptsache die Zahlen stimmen. Das Bild von den Verlagen als Kulturinstitutionen auf der einen und Amazon als böses profitorientiertes Unternehmen auf der anderen Seite stimmt einfach nicht.

Amazon wid sicher eine Chance für Autoren sein sich zu verwirklichen und ja viele werden dabei keinen Pfennig verdienen. Aber viele von diesen Autoren hätten auch keine Bücher über einen Verlag verkauft, schlicht weil sie Müll produzieren. Okay schlecht geschriebene Bücher müssen nicht unbedingt ein Verkaufshindernis sein, wie die Spiegelbestsellerliste eindrucksvoll zeigt.
 
Die Diskussion um die zukünftige Funktion von Verlagen hat so viel Fahrt angenommen, dass sogar der Börsenvereinsvorsteher dazu Stellung bezogen hat (vor Jahren wegen des schlechtes Images der sog. Zuschussverlage noch undenkbar). Unstrittig ist, dass der klassische Publikationsweg Verlag-Buchhandel immer weniger das veröffentlichen kann, was Autoren publizieren (und das in allen Segmenten: Belletristik, Fachpublizistik, Wissenschaft). Immer weniger, weil der Schrumpfungsprozess in der Verkaufsfläche dramatische Formen annimmt und die Buchhandlungen weiter konsequent die Zahl der Lieferanten (sprich Verlage) reduzieren werden (müssen, um zu überlegen) - die Auswahl wird immer rigider. Viele Verlage reagieren schon und fahren ihre Programme zurück auf jene Titel, die sie wirklich machen müssen / wollen. Zudem konzenrtieren sich Verlage immer mehr auf wenige Spitzentitel, die breite Masse wird oft mehr oder weniger im Standardverfahren in die Buchhandlungen gepumpt und bleibt dort sich selbst überlassen.

Mit anderen Worten: Einem wachsenden Bedarf am Publizieren steht eine schrumpfende Abnahme durch Verlage gegenüber. Für diese Entwicklung braucht es ein Ventil - und das ist die Existenzberechtigung von Self Publishing-Angeboten. Dieser Entwicklung kommt zugute, dass die meisten Verlagstätigkeiten mittlerweile entweder technisch einfach zu haben sind (Satz, Digitalisierung, Vertrieb, Abrechnung) oder bei Dienstleistern eingekauft werden können (Lektorat, Herstellung, PR, Marketing).

Zugespitzt lässt sich sagen: Verlage haben eine Existenzberechtigung, wie sie eine bessere Vertriebsleistung für den Autor erbringen, als dieser das selbst könnte. Beleg: Das Pottermore-Projekt - Frau Rowling braucht dafür weder einen Verlag noch eine E-Commerce-Plattform, sie ist selbst bekannt genug, die Presse arbeitet für sie. Im Übrigen ist Verkauf nicht das einzige Motiv von Autoren (siehe dazu mein Blogposting http://publishing-business.blogspot.com/2011/06/self-publishing-neue-freiheiten-fur.html).

Verlage müssen sich zukünftig also noch besser als starke marken gegenüber den Autoren positionieren, um nach wie vor die besten anzuziehen. Nur so können sie gegen Amazon, Google, Lulu etc. bestehen. Tim O'Reilly hat in einem TOC-Vortrag (http://www.toccon.com/toc2010/public/schedule/detail/11234) fünf Punkte genannt, in denen Verlage besser sein müssen, um weiter für Autoren interessant zu sein:

- Things that require special expertise
- Things that require scale
- Things that are expensive
- Things that require marketplace leverage
- Things that are boring and time-consuming

Service eben. Wenn dazu eine "kulturelle Aura" (betriebswirtschaftlich gewendet: Marke) kommt - um so besser.
 
Da ich dem Börsenverein eher durch kritische Fragen bekannt bin, kann ich hier ohne den Verdacht auf Gefälligkeit auf eine Klarstellung hinwirken: Während die eingesessenen Verbandsfunktionäre infolge historisch gewachsener Verflechtungen tendenziell rückwärtsgewandte Politik betreiben, hat sich eine junge Gruppe (namentlich Dorothee Werner, Alexander Vieß, Mette Noack, Kaspar Pflaum und andere) daran gemacht, mit wirklich innovativen, freien, sozialen und konstruktiven Ideen und Veranstaltungsformaten aufzuwarten. Diese agile Schicht schafft Querdenkern, die eine gute Entwicklung unterstützen wollen, die nötigen Freiräume und Schnittstellen (z.B. Vortragsmöglichkeiten). "Börsenverein" ist eine Fiktion. Er besteht aus Menschen. Diese lassen sich einzeln beurteilen.

Die Vertreter (insb. größerer) Fachverlage sind nach meinen Erfahrungen bzgl. Know How und Verständnis inzwischen flächendeckend außerordentlich gut aufgestellt. Die Vermutung, dass hier Nachhilfebedarf größeren Umfangs bestünde, bewahrheitet sich - auch wenn ich ihr zunächst selbst unterlegen bin - bei genauem Hinsehen nicht.

Schwieriger ist die Lage bei den Publikumsverlagen. Diese bekommen durch mehrdimensionale Texte, die verschiedene Sichten ermöglichen, neue Produktionsmittel an die Hand, deren ertragreiche Benutzung ihnen beizubringen vielleicht eine der Aufgaben der hier so eifrig diskutierenden Mitstreiter ist.
 
Warte eigentlich auf die amazon-ebook-Leseecke in kleinen Buchläden, daraus werden dann irgendwann amazon-partner-shops, die aber dann als Begegnungstätten konzipiert werden. Begegnungsstätten mit der Literatur. Will sagen ich mache mir eigentlich mehr um den zukünftigen "Buchladen" als Ort im öffentlichen Raum einer Stadt Gedanken als wie jetzt die Literatur-bewanderten Betreiber einer solchen physischen Location jetzt genau Geld verdienen.
Alternativ zur "amazon-leseecke" hätte es auch die "libreka-leseecke" sein können, aber dafür hätte man beim Börsenverein bzw. in Deutschland generell mal ein wenig offener und kulturinnovativer in die Zukunft wag-schauen müssen.
 
+Jens Best Das Argument mit den "Begegnungsstätten" kommt auch im Zusammenhang mit Bibliotheken häufig. Bisher will es mir aus Mangel an Beispielen für parallele Entwicklungen nicht so richtig einleuchten: Wo sind die Begegnungsstätten rund um den Musikkauf, rund um das Kaufen, Ausleihen oder Ansehen von Filmen? Ins Kino gehe ich ja nicht primär, weil dort so viele andere nette Menschen sind. Man kann argumentieren, dass Livekonzerte eine Form des bezahlten Musikkonsums sind, die gerade durch die Anwesenheit anderer Menschen besser funktioniert - aber das wäre ja auf Texte übersetzt eher die Lesung und nicht so sehr die Buchhandlung, oder?

(Mal davon abgesehen, dass wir nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren darauf angewiesen sind, bestimmte physische Orte aufzusuchen, um dort Menschen mit ähnlichen Interessen zu finden und uns mit ihnen auszutauschen. Wenn man "Bücher" als Interessengebiet einstufen will.)
 
+Kathrin Passig Bedingt durch die beliebte Form des gemeinsamen Musikkonsumes auf Konzerten u.ä. ist der Vergleich hinsichtlich in die Zukunft gezogener Parallelen schwierig. Ich sehe hier auch die Lesung als passenderen Vergleich. Inwieweit aber Räume, die Lesungen offerieren einen Begegnungs-Buchladen als Ergänzung erhalten will ich nicht spekulieren.

Sehe den Begegnungs-Buchladen schon noch schwerpunktmässig als "Laden", den man individuell in freier Zeitpunktwahl besucht, um inspiriert zu werden. Ich gehe ab und an einfach so in den Buchladen, aber oft ist es ja die Intention sich EIN spezielles Buch zu kaufen - obwohl es dann meist nicht bei einem (und ab und an nicht bei dem ursprünglichen) Buch bleibt.

All das kann man auch online erledigen (Kauf, Reinlesen, Inspirations-Schlendern) - deswegen ist meine Annäherung an die Zukunft des Buchladens auch eher über die Frage nach der Gestaltung des gesamten öffentlichen (physischen) Raumes einer Siedlung. Die Begriffs- und Aufgabenerweiterung der Bibliothek wird hier sicher in Bereiche des heute unter Buchladen subsumierten Lebensbereich hineinreichen.
Dementsprechend werden sich Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten gestalten.
 
+Kathrin Passig Knirschen wird es zunächst beim stationären Buchhandel. Das haben wir beim Musikmarkt gelernt. Bei digitalen Medien müssen wir uns fragen, welchen Stellenwert Grossisten, besser Logistiker (ja, auch Amazon) langfristig noch einnehmen werden. Das Direktgeschäft hat ja noch gar nicht begonnen. Verlegerische Arbeit (und das bedeutet mehr, als nur Qualifizierung von Inhalten), insbesondere der Zugang (Plattform) zu den Kommunikatoren, Zielgruppen, Käufern, Nutzern, wird immer relevanter. Im Hinterkopf habe ich Buzzwords wie Content on demand, Hyperdistribution, etc..
Kann das eine Leistung von amazon sein? Ich glaube es nicht. Solange wir von hochautomatisierten und standardisierten Prozessen sprechen, vielleicht, nicht aber, wenn es um Relevanz geht, die wir beim Nutzer erzielen wollen. Preisführerschaft ist ein Geschäftsmodell, Qualität und individuelle Zielgruppenansprache ein Zweites.
Oder glauben Sie an den juristischen Kommentar bei amazon, der seinen Weg in die großen Kanzleien und Gerichte finden soll? Das Pilzbestimmungsbuch (als App, Bilderkennung, mit Link auf Kochrezepte oder Notfallärzte), dass jenseits von iTunes, Androidmarket und F-Commerce weitere Absatzkanäle braucht? Ein verbreiteter Fehler: Wir projezieren immer die Märkte der Zukunft auf die Produkte und Protagonisten der Gegenwart. Heute reift langsam der Markt für digitale Mediennutzung. Die Reader sind soweit. Die Verlage ziehen (und das schon seit 15 Jahren) mehr oder minder beherzt nach. Der Nutzer ist es aber (zum Teil noch lange) nicht.
 
Nach so viel Theorie und Meinungen muss die Phrase platziert werden:

Der Leser wird es entscheiden!

Oder gemessen an der Wirklichkeit der Lesenden:

Die Leserin wird es entscheiden!

Und welche Bücher liest die Leserin? Es gibt eigentlich nur zwei wirklich wichtige Kanäle:

a) Bücher, die ihr im Bekannten und Freundeskreis empfohlen werden und
b) Bücher, von denen sie in den Medien mitbekommt

Punkt b) ist derzeit klar in der Hand der Verlage und deren Domäne. Entweder, indem man für ein Buch einen Promi nimmt (oder für einen Promi ein Buch) oder mediale Windmaschinen inszeniert, sei es, weil die Sarrazin-Debatte oder Charlotte Roche an den Stammtischen gut ankommt. Oder man macht es im kleinen wie Schwarzkopf & Schwarzkopf, indem man nur Autorinnen auswählt, die auf dem Foto was hermachen und über die sich auch die Bildredaktion des SPIEGEL Online für die Klickstrecke freut.

Die Wirklichkeit und Selbstwahrnehmung der Verlage bewegt sich in der medialen Welt, in der sie ihre Autoren inszenieren und akribisch Belegexemplare für die Presseschau sammeln.

Literarische Verlage oder andere Kleinverlage, die hier nicht präsent sind, weil ihnen die Kompetenz oder die Ressourcen für dieses Spiel fehlen, haben so gut wie keine Chance, da es immer wichtig geworden ist, laut und grell zu sein und selbst das Laute und Grelle rasch durch die nächste Welle abgelöst wird.

Das allein ist die Welt der großen Verlage, alles andere baut sich darum herum auf und erfindet Argumente, was für ach so wichtige Funktionen man als Verlag erfülle (Kulturauftrag!). Doch nur diese Medienverbindungsmaschinerie ist es, die für Autoren das Interessante an Verlagen ist. Sie haben halt »die richtigen Verbindungen«.

Denn eines ist seit jeher bei den großen Verlagen Gesetz: Beworben wird nur das, was ohnehin erfolgreich wird. Daher jammern die kleinen Autoren in diesen Verlagen, dass für sie nichts getan wird. Man nimmt sie mit und hofft auf den Zufall.

Auf Punkt a) hingegen haben Verlage wenig Einfluss, so sie nicht mit b) gewisse Themen setzen. Das bringt für a) aber nichts, wenn das Buch schlecht ist.

Die Mechanismen von a) sind übertragbar in die digitalen Kanäle und sie werden immer mehr über Facebook, Twitter und auch Amazon laufen. Und hier stehen schon jetzt Verlagsautoren in einem härteren Wettbewerb mit Selbstverlegern, die jetzt ja etwas hipper »Self-Publisher« heißen. Schon jetzt findet man bei den Amazon Kindle-Bestsellern Bücher für 99 Cent oder 2,99 Euro, die den gleichen Unterhaltungswert wie »Verlagsbücher« für 16,99 aufweisen.

Ich war am Freitag bei einer Lesung von Thommie Bayer auf dem Lande. Ein guter Autor von gehobenen Unterhaltungsromanen, der aber nicht über b) verkauft, sondern über a). Ungefähr 100 Zuhörer waren anwesend: 97 Frauen und 3 Männer. Wenn diese 97 Frauen künftig alle gut bedienbare E-Reader haben, ob sie dann auch zur Lesung des 99-Cent-Amazon-Autors kommen, der schon seit Monaten in den Top100 steht und den jede gelesen hat?
 
Und noch eine Ergänzung aus meiner medialen Wirklichkeit:

Gerade schickt mir Amazon das Geld für meine Kindle-Verkäufe im August: 598,70 Euro habe ich verdient. Das erste Mal in meinem Leben, dass es sich gelohnt hat, ein Sachbuch zu schreiben.
 
Am überraschendsten finde ich allerdings nach jedem derartig realitätsfernen Interview/Artikel die allgemeine Überraschung, dass immer noch keine Lehren gezogen wurden – sie werden von den existierenden Playern auch nicht mehr gezogen werden, sondern nur von neuen Marktteilnehmern, die von den Altlasten der Dinosaurier unbelastet sind.

Eigentlich abschließend bereits von Clay Shirky zusammengefasst:
http://www.shirky.com/weblog/2010/04/the-collapse-of-complex-business-models/

oder bereits 1995 von Esther Dyson:
http://www.wired.com/wired/archive/3.07/dyson_pr.html

oder O’Reilly 2002:
http://openp2p.com/lpt/a/3015

Absolute must-reads zu dem Thema, die auch nach z.T. über 16 Jahren wesentlich aktueller sind, als jegliches Pfeifen im Walde aus den Verlagsetagen.

Ein paar eigene Gedanken zu Lösungsansätzen:
http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2009/03/23/spezialisten-fuer-aggregation-und-auswahl.htm
 
+Alexander Braun Der letzte Link ist "ein Auszug aus einem Beitrag von Alexander Braun für die Studie: Clement, Michel / Blömeke, Eva / Sambeth, Frank (Hrsg.) Ökonomie der Buchindustrie - Herausforderungen in der Buchbranche erfolgreich managen, Gabler-Verlag 2009", E-Book für 59,90. Ich wüsste ja schon gern, was da so über E-Books und ihre Preisgestaltung drinstehen mag. Aber so gern dann auch wieder nicht.
 
+Kathrin Passig Keine Sorge, musst Du Dir auch nicht kaufen - ist ein gedrucktes Fachbuch und somit veraltet, bevor es auf dem Markt erscheint... ;)
 
eine interessante Diskussion. Wie die Zukunft aussieht können Buchverleger schon mal bei Fachzeitschriftenverlegern erfragen. Da sind wir einen großen Schritt weiter. Aber "Das sind komplizierte Prozesse, die über eine lange Zeitspanne ablaufen", um mal Herrn Malchow zu zitieren.
 
Sehr spannende Diskussion und für mich - aus der Perspektive eines Lesers - hat das Taschenbuch eindeutig gegen das eBook verloren. Bisher habe ich bei Belletristik hauptsächlich zum Taschenbuch gegriffen, inzwischen allerdings bevorzugt zum eBook. Insbesondere weil das beim Amazon/Kindle-Gespann so schön schnell und bequem geht. Die Datei wird ja nach Abschluss der Bestellung direkt auf den Kindle übertragen und man kann loslegen ohne noch 2 Tage auf die Lieferung zu warten.
Bei Hardcover sieht das nochmal anders aus. Bücher, die für mich einen besonderen Wert haben, werde ich auch weiterhin als Hardcover kaufen.
Ansonsten hat der Verlag nur bei Fachbüchern eine Bedeutung. Bei Belletristik geht es mir primär um den Autor, egal bei welchem Verlag er gerade ist.
 
Wir hatten auf der TOC Frankfurt ein Panel zum Themas Pricing (mit Cora Stephan/ Anne Chaplet als Autorin, sowie Verlagsleuten von Planeta (Spanien), GeMS (Italien) und Gallimard (Frankreich). War recht spannend. Eine der Kernaussagen: AutorInnen werden in Zukunft nicht alles mit den Verlagen machen (wollen/können), sondern einiges selbst tun, wie auch Verlage nicht alles von ihren AutorInnen machen (werden wollen), zB Backlist betreuung. Ich hoffe, ich krieg noch einen Podcast und schicke dann den Link her. Eine breite Studie über Global ebook markets haben wir da auch vorgestellt - kostenfrei unter http://shop.oreilly.com/product/0636920022954.do zum Download
 
Es gibt einige Dinge, die können die Verlage gut, andere, die können sie nicht so gut. Einige der Dinge, die Verlage hierzulande gut können, können sie so gut, dass, gäbe es die Verlage nicht, unsere deutsche Buch- und damit Lese- und Schreibkultur deutlich ärmer wäre. Helge Malchow und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch belegen dies in diesem Jahrzehnt auf herausragende Weise, Suhrkamp tat dies in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts...
Die richtigen Autoren zur richtigen Zeit zu erkennen, die richtigen Übersetzungen einzukaufen, zögernde Autoren zu emutigen, gute Stoffe auch zu guten Büchern zu machen, Autoren zusammenzubringen und sich gegenseitig befruchten zu lassen, Autoren mit Material und Zugängen zu besonderem Wissen zu versorgen, Autoren mit Übersetzern zu verbinden, Förderungen für Autoren zu finden, um Preise zu kämpfen, Autoren im Ausland bekannt zu machen... Verlage leisten im besten Falle hochkarätigste Dienst am Autor und an der Literatur und Kultur.
Dies tun zu können, braucht eine langlebig ausgerichtete Unternehmenskultur, einen langen Atem. Man muss Autoren eine Weile kennen, um mit ihren Sorgen und Nöten adäquat umgehen zu können. Man braucht langjährige Erfahrung mit den Pressekollegen, um sensible Stoffe in sensibe Hände zu geben. Man muss ein Gespür für den richtigen Übersetzer finden, braucht ein Händchen für die geeignete Buchgestalterin, für Einbandmaterialien usw.
Diese Langlebigkeit, diese Langatmigkeit, ist ein Grund für die Langsamkeit, mit der der Transformationsprozeß in der Verlagsbranche vonstatten geht. Im Gegensatz zu vielen schlauen Kommentieren, die auf die Musikbranche verweisen und fordern, dass die Verlage den Schalter umlegen, wissen gerade die besten KollegInnen in den Verlagen um die damit verbundenen Transferleistungen. Sie wissen um Schreibprozesse, Schreibblockaden, um materielle und immaterielle Autorenbefindlichkeiten und müssen nicht nur das Neue schaffen, sondern auch das Alte mitnehmen und verwandeln.
All die damit verbundenen Gedanken, Einwände - aber auch das Selbstbewußtsein, dass Helge Malchow ausstrahlt, verdienen absoluten Respekt.

Andere Dinge, die Verlage nicht so gut können, müssen nicht so zartfühlend kommentiert werden. Während im letzten Jahrhundert eine zentrale Kompetenz der Verlags auch Kenntnis und Beherrschung der Verfahren war, Bücher herzustellen, und eine intime Verflechtung mit dem Buchhandel ein zentraler Baustein eines Verlags- und damit Bucherfolgs war, verloren die Verlage mit dem eCommerce, der Globalisierung der Vertriebswege und nun der Digitalisierung auf zentralen Feldern der Verlagsarbeit den Anschluß. Die Mißachtung aller Signale zur Weiterentwicklung und Weiterbildung haben nun zu einer aus Verlags- und Buchhandelssicht verfahrenen Situation geführt. Wüßte man, wie man auf den digitalen Schlachtfeldern der Gegenwart zu agieren hat, so könnte man die beste Verlagsarbeit aller Zeiten abliefern. Allein - man weiß es nicht.

Und so können wir im Moment einem spannenden Schauspiel beiwohnen: Schaffen es die Verlage, sich auf das 21. Jahrhundert einzulassen, bevor sie weg vom Fenster sind? Vielleicht dann, wenn sie den Zeitverlust, den sie durch digitale Untätigkeit in den letzten Jahren in Kauf genommen haben, durch konzentrierte Weiterentwicklung aufholen. Das digitale Wissen ist nur ein paar Jahre alt und schneller zu erlernen und zu erwerben als das verlegerische Wissen - man muß es allerdings und nur wollen.
 
+Kohl René "Die richtigen Autoren zur richtigen Zeit zu erkennen, die richtigen Übersetzungen einzukaufen" - Woran können wir erkennen, dass die Verlage das getan haben? Ich will das nicht grundsätzlich anzweifeln, mich interessiert nur, wie man das misst. Genau wie bei "dass, gäbe es die Verlage nicht, unsere deutsche Buch- und damit Lese- und Schreibkultur deutlich ärmer wäre". Woran werden wir das merken?
 
+Kathrin Passig Erste Gegenfrage: Wer wird künftig einen Foster Wallace übersetzen und auf den Markt bringen? Vielleicht Crowdsourcing? Mal sehen...

Aber eine erste Antwort: Solange auf der Buchmesse der Frieling Verlag ("Verlag sucht Autoren!") präsentiert, wie sich Bücher anhören, die von Laien für Laien geschrieben werden (sogar mit einer Lesung, auf der ein Siebzigjähriger zwanzig anderen Siebzigjährigen aus der Geschichte seines Lebens vorliest), glaube ich an meine These.
Auch Autoren-Webringe, bei denen sich AutorInnen gegenseitig ihre Texte (mit-)teilen, zwingen mich, vieles zu lesen, was ich nicht lesen will, um ab und zu (mehr ab als zu) mal eine Perle zu entdecken.
Interessant sind neue Online-Plattformen wie NeoBooks von Droemer Knaur, auf denen dem Lektorat die Arbeit zunächst durch das Publikum abgenommen wird. Statt prekäre Praktikanten-Gehälter für das Vorsichten von eingegangenen Manuskripten auszugebene, läßt man dies nun kostenlos die Community erledigen. Wenn Funde dabei sind, kann dann das Lektorat immer noch zugreifen.
 
+Kohl René Das ist beides keine Antwort auf meine Frage. Es sagt nur, dass KiWi mit Foster Wallace einmal "den richtigen Autor zur richtigen Zeit" erkannt hat - ich setze wohlwollend voraus, dass Foster Wallace sich zum Zeitpunkt des Rechteeinkaufs, offenbar ungefähr 2001, in den USA nicht gut verkauft hat und KiWi daher mit der Entscheidung etwas geleistet hat, was ein Amazon-Algorithmus nicht hätte leisten können. (Amazon kauft inzwischen auch Auslandsrechte und gibt Übersetzungen in Auftrag; siehe http://www.amazon.com/gp/feature.html?ie=UTF8&docId=1000653901). Die Richtigkeit des Autors wird hier vermutlich durch den mit "Unendlicher Spaß" dann doch noch erbrachten Umsatz bewiesen, mit derselben Argumentation führt +Sascha Lobo Wolfgang Herrndorf als Beispiel ins Feld. Mal abgesehen von dieser zweifelhaften, weil zirkulären Erfolgsdefinition kann das Foster-Wallace-Beispiel nicht als Beleg dafür dienen, dass Verlage nicht gleichzeitig eine große Anzahl ebenso "richtiger" Autoren links liegen lassen. Ich weiß selbst nicht, wie man herausfinden könnte, ob Verlage eine nach ökonomischen oder - dann näher zu begründenden - Qualitätskriterien eine "richtige" Auswahl treffen. Aber deshalb frage ich ja.
 
+Kohl René Hm, tatsächlich könnte sein, dass die deutsche Verlagswelt nicht an ihrer Blindheit für digitale Entwicklungen, sondern an den schlechten Büchern, die sie veröffentlicht, scheitert. So viele Bücher, die der von dir beschriebenen liebevollen Verlagsarbeit gar nicht bedürfen, sie brauchen meist nur einen prominenten Namen und einen Ghostwriter. Aber offensichtlich glauben Verlage, dass es diese Art Bücher sind, die sie retten werden - auch vor allem digitalen Ungemach.
 
Sein Vertrauen in die Leser, selber das Beste zu finden ist ja nicht sehr groß...
 
Aber ist es nicht nach wie vor so, dass der gemeine Kunde in 80% der Fälle in die Buchhandlung tappt, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, was er kaufen wird. Denn er will ein GESCHENK, aber er weiß nicht welches. (Ein bunt&hübsch eingepacktes Geschenk).
Und da der Marktanteil der Belletristik hoch ist, hoch sein wird, ist mir um Buchhandlung (Teufel, dein Name ist Thalia) und Verlag nicht gar so bange.
Es wird doch - denke ich - eher darauf hinaus laufen, dass der Fachbuchbereich ins E-Paper (et al) träufeln wird, Belletristik hingegen noch billiger produziert werden wird (PULP mit goldenen Covern), damit es ein Taschenbuch um die 3-4 Euro zu kaufen geben wird. Bei den Preisen würden sich auch nur noch die wenigsten die Mühe machen, Buchdateien zu saugen.
Im Hochpreissegment wiederum werden sicher die Kaffeetisch-Bücher bestehen bleiben (nebst Manet, Monet, Minet ...)

Das Beispiel der Laboranten, das Kathrin Passig brachte, hat das schon verdeutlicht, insbesondere wenn man es auf den früheren Buchmarkt (PräWK2) umbricht: Silberdruck auf schwerem Karton, so wie es in Photobänden in den 10er und 20er Jahren üblich war, ist eine schöne Sache, wurde späterhin nie wieder erreicht. Aber: guter Druck ist Luxus, da verlangen wenig Leute nach.

Stattdessen wird es bald Kafka als Groschenroman geben (gibt es ja schon: Parkland-Verlag), und zeitgleich eben als e-book.

Und was die Bezahlung von gehobener Literatur anbelangt, die BASIS des kulturellen Gedächtnis (kicher) - die wird auch jetzt schon NICHT bezahlt. Dichter leben von Stipendien.
 
Wenn mit "sein Vertrauen" mein Vertrauen gemeint ist:
Doch, ich habe großes Vertrauen in die Leser, ich bin ja selbst einer.
Aber es geht ja nicht unbedingt darum, dass man irgendwie das beste finden würde - es geht auch darum, es nicht unnötig lange suchen zu müssen.
Und als Leser bin ich dankbar dafür, wenn ich die Zahl der Fehlkäufe klein halte, wenn ich nicht tagelang durch Leseprobe schnüffeln muß, um was Brauchbares zu finden usw.
Ich würde mich beim Bücherkauf weiterhin weniger auf Leserstimmen von Amazon-Kunden verlassen wollen als auf Rezensenten-Kritiken aus dem Feuilleton - die kann ich besser einordnen.

+Kathrin Passig Ich fand Foster Wallace schon vor dem Verkaufserfolg richtig. So weit ich weiß, übertraf der Erfolg die finanziellen Erwartungen des Verlags (wenn auch nicht deren Hoffnungen).
Wollen wir uns den Amazon-Algorithmus mal vorstellen? Er erkennt zunächst Bücher bzw. Autoren, die sich in USA gut verkaufen, aber in Europa auch gehen müssten. Solange schon Erfahrungen mit etablierten Autoren vorliegen, scheint die Vorhersage etwas leichter zu sein... Die Frage, zu welchem Preis Amazon dieses Geschäft vorschlägt, hängt davon ab, für wie riskant der Amazon-Algorithmus eingestellt ist. Die Maschine hätte bei Foster Wallace vielleicht einen vermutlichen Bedarf von 5.000 Exemplaren errechnet - mit einem kleinen Erfolgs-Faktor 5 (die Maschine gibt ihm die Wahrscheinlichkeit 10%), falls das Buch aus irgendwelchen Gründen den Feuilleton-Lieblings-Platz an der Sonne gewinnt. Während der Verlag mit zwei oder drei Journalisten darüber sprechen kann, ob dem so sein wird, muss die Amazon Maschine das anders herausfinden. Vielleicht leitet sie etwas aus vergangenen Besprechungen ab...
Mit dieser Perspektive hätte Amazon dann um die Lizenzen bieten müssen. Werden sie so mutig sein, wie es vielleicht Kiepenheuer & Witsch war?

Noch schwieriger wird dies sicherlich bei neuen Autoren. Hier müßte ein Amazon-Algotrithmus vielleicht passen bzw. auf allgemeine Erfahrungen (Autoren aus Frankfurt unter 35 Jahren verkaufen sich im Durchschnitt so und so oft) zurückgreifen.

Vielleicht hilft aber noch ein anderer Gedanke weiter: Wie viele "falsche" Entscheidungen wurden denn getroffen? Wie viele Bücher wurden erst dann ein großer Erfolg, nachdem der Autor schon von zig Häusern eine Absage erhalten hatte... Wie viele Paul Potts-Talente harren ihrer Entdeckung?

Ich kenne aus den letzten 20 Jahren so ungefähr 5 Geschichten, die so gehen; alle 4 Jahre ein Erfolg, der zunächst von Verlagshäusern nicht erkannt worden war und dann - "Zum Glück!", "wenn XYZ nicht noch einmal hingesehen hätte" usw. - doch noch entdeckt wurde. Keine große Quote...
 
Foster-Wallace ist ein gutes Beispiel, aber nicht, weil seine Texte so herausragend wären (eher das Gegenteil - kaum ein Autor wird zur Zeit so überschätzt m.M.), sondern weil dieser Verkaufserfolg dann doch die Marktmacht von PRINT (Verlage und Feuilleton) sehr gut illustriert.
Insbesondere wenn man als gehobener Publikumsverlag wie KIWI seinen Tribut an Thalia und Hugendubel zahlen kann (Buch des Monats = 50.000 Euro Abgabe an die Handelskette... oder vielleicht eine neue Rolltreppe spendieren).

Das ist natürlich genauso eine Schiebung, wie die sog. Leserempfehlungen auf Amazon. Zumindest in der - nennen wir es mal - gehobenen Literatur sind die Bewertungen dort zu einem großen Teil Auftragsarbeiten - also gekauft.

Allerdings: solange selbst - nennen wir es - kritische Leser sich auf diese Amazon-Bewertung verlassen, sind sie natürlich, bzw generieren sie - ja, eben - Marktmacht.

Und nota bene: Es hat noch kein Medium ein anderes verdrängt, nur marginalisiert. Und es gibt auch immer eine Schicht von Konsumenten, die ein bisschen aus der Reihe tanzt, die KINDLE und LPs zu Hause rumstehen hat (me).
 
Ja, Amazon ist eine ernste Bedrohung für Verlage, aber nicht in der Vormachtstellung, wie in den USA. Gerade in Deutschland, mit einem sehr breitgefächertenHandel (online wie offline) sehe ich die Präsenz auf verschiedenen Vertriebskanälen als sehr wichtig an.

Die m.E. entscheidende Fragestellung kommt in der Debatte meistens zu kurz: Welche Autoren haben heutzutage noch die Möglichkeit, in einem Verlag zuveröffentlichen und für welche Autoren liegt überhaupt ein Mehrwert in der Veröffentlichung über einen Verlag?

Die Chance, heutzutage in einem Verlag veröffentlicht zu werden, ist äußerst gering. Die Konzentration auf Verlagsseite nimmt zu. Während große Häuser zunehmend auf Sure Shots setzen (z.B. Lizenzen von internationalen Spitzentiteln), ist es für kleine Verlegerpersönlichkeiten immer schwieriger, am Markt zu bestehen. Der Versuch, das eigene Manuskript ohne einen Agenten einem Verlag zuzutragen ist in >99% aller Fälle zum Scheitern verurteilt.

Die Veröffentlichung in einem Verlag mag dem Ego des Autors schmeicheln, bedeutet aber keinen automatischen Erfolg. Anders ausgedrückt: der Name eines großen Verlags ist kein Garant, ein Stück vom knappen Regalmeter im stationären Handel zu erhaschen (hierzu muss Geld fließen). Dieser wird zusätzlich zugunsten von Non-Book-Artikeln weiter verknappt, wodurch insgesamt immer weniger unterschiedliche Titel angeboten werden. Auch die Marketingressourcen eines Verlags werden nicht für einen kleinen Autor verbraucht, wenn es doch gilt, die finanziellen Aufwendungen für einen Star wieder einzuspielen.

Wenn ich als Autor also keinen mittleren fünfstelligen Vorschuss bekomme, würde ich mich ernsthaft mit Self-Publishing als Option beschäftigen (für Barry Eisler waren selbst $ 500.000 Vorschuss nicht genug…).

Dass Self-Publishing (sowohl eBooks als auch im Print-on-Demand) keine Notlösung sondern für immer mehr Autoren eine bewusste Entscheidung ist,erscheint mir angesichts der Umstände mehr als logisch:

Weiß der Geier, woher Herr Honnefelder die Gewissheit nimmt, dass der Anteil vom klassischen Buchhandel nicht weiter sinken wird (aktuell ca. 50%) – der Buchhandel ist die erste (!) Handelsbranche in Deutschland, in der der größte Offlineplayer vom größten Onlineplayer überholt wurde. Online werde ich als Self-Publishing-Autor gleichberechtigt neben großen Verlagen angeboten (Auffindbarkeit durch Metadaten, Vernetzung des Autors etc. sind hier der Schlüssel) – im stationären Handel ist das Buch (wie die meisten Verlagstitel) zwar oft nicht ausgestellt aber regulär bestellbar.

Die Zeiten, in denen die große Anzeige im Feuilleton einer national verbreiteten Zeitung das bestimmende Marketinginstrument war, sind vorbei (wenn es sie überhaupt gegeben hat). Nicht umsonst werden in den USA (zunehmend auch in Deutschland) die Autoren reihenweise von ihren Verlagen in Social Media Marketing geschult (sofern Einsicht und Know-how im Unternehmen vorhanden sind...). Sprich: Autoren müssen auch im Verlag zunehmend aktiv werden – bei gleichbleibenden Autorenhonoraren

Das gute Geld: ein Taschenbuch kann im Self-Publishing 25% Autorenhonorar einspielen (durch Print-on-Demand ohne wirtschaftliches Risiko). Bei zusätzlicher Veröffentlichung als eBook sind sogar bis zu 80% möglich.

Auch die Flexibilität bietet für viele Autoren große Vorteile: neben kurzen Vorlaufzeiten bis zur Veröffentlichung ist vor allem die komplette Gestaltungsfreiheit für viele Autoren entscheidend.
 
+Max Franke Die ausgiebigst ausgewalzte Frage, ob jeder Autor, der veröffentlicht werden möchte, auch tatsächlich von Verlagen veröffentlicht wird, würde ich nicht als entscheidend für die hier besprochene Zukunft der Verlage ansehen. Die Funktion von Verlagen ist ja gerade auch die der (Qualitäts-) Auswahl. Insofern ist mit neuen Publishing-Plattformen wie auf Amazon sicher auch eine weitere neue Publikations- und Informationslawine zu befürchten, weil da dann auch Hinz und Kunz "Bücher" veröffentlichen können.
 
Kann man sich nicht auch folgendes Szenerario vorstellen: der Bestsellermarkt - Schätzing, Roche, Bohlen, Imy Lorentz nicht zu vergessen - lohnt immer weniger, je mehr diese Bücher als e-books gesaugt werden, bzw je billiger sie deswegen von den Verlagen als e-books verkauft werden müssen... und somit werden Programmplätze und PR für die wesentlichen, literarischen Werke frei.
Gut, Bastei und Randomhouse werden dann ein Problem bekommen, Hanser und Suhrkamp schon weniger, und Kookbooks, Luxbooks und Verlagshaus J. Frank gar keine.
Und die kleinen Buchhandlungen, ja, die kleinen Buchhandlungen. Die versuchen jetzt schon Thalia mit einem Thalia-Schaufenster-Programm konkurrenz zu machen. Da habe ich leider kein Mitleid. Und vielleicht haben sie dann ja doch ein Einsehen, und stellen wieder den neuen Gedichtband von Daniel Falb ins Regal, oder den neuen Roman von mir...
 
Ich verstehe das (mit Verlaub) elitäre Gehabe nicht. Zum einen führt die Liberalisierung des Buchmarktes dazu, dass auch Nischentitel ihren Weg an die Öffentlichkeit finden, sodass die Buchlandschaft insgesamt bereichert wird. Zudem ist die Liste derer, die durch die herkömmlichen Maschen gefallen sind und später trotzdem große Erfolge feierten und vom Literaturbetrieb akzeptiert wurden, lang genug (und wird aufgrund der zuvor beschriebenen Umstände in Zukunft noch deutlich länger).

Ich schreibe hier nicht gegen Verlage und bin überzeugt, dass die meisten einen sehr guten Job machen. Nichtsdestotrotz führt die derzeitige Entwicklung dazu, dass sich unternehmerisch denkenden Autoren auch links und rechts der etablierten Wege neue Möglichkeiten bieten.

Ja, auch Hinz und Kunz können nun ihre Sammelwerke über Buchsbaumschnitt in Delfinform veröffentlichen, die sich dann vielleicht nur 20-30 mal verkaufen - na und?

 
"Na und" heißt, dass diese neuen Publishing-Methoden m.M. keine sonderlich große Bedrohung für die Existenz von Verlagen sind - weil weiterhin Bedarf an ihren Auswahl-, Bündelungs- und Promotionfunktionen besteht.
Zu starken Verschiebungen in den Verwertungsweisen kann so ein Umbruch in der Medientechnik natürlich führen, erst recht mit dem Rationalisierungsmedium Internet - "z.B." auch in der Art, dass dann vielleicht bis wahrscheinlich weniger bis viel weniger Beschäftigte in Verlagen ihr Brot verdienen können. Das Internet rasiert vermutlich auch im Verlagsbereich Arbeitsplätze. Verlage - egal wie sie dann heißen, ob "Plattformen" o.ä. - wird es aber auch mit E-Books und Internet m.M. weiter geben.
 
Ich habe gerade zum ersten Mal seit 1999 in meine Magisterarbeit reingesehen, "Tendenzen in der Forschung zu populären Lesestoffen seit 1965 - Untersuchung zu einem Kapitel Wissenschaftsgeschichte der Germanistik", und zumindest 1999 war der Stand der Dinge noch der, dass man sich als Germanist erheblich verrenken musste, um zu erklären, wie genau man jetzt Literatur und Massenmarkt-Ramsch zuverlässig voneinander unterscheiden kann. (Die Erklärungen der vorangegangenen Jahre sahen jeweils schon aus kurzem Abstand sehr lustig aus.) Wenn die Literaturwissenschaft da nicht in den letzten zwölf Jahren wesentliche Fortschritte gemacht hat, wäre ich vorsichtig mit dem Begriff "Qualität". Könnten die, die ihn in dieser Diskussion weiterhin verwenden möchten, jeweils dazusagen, was sie damit meinen?
 
+Michael Pitty Es besteht auch weiterhin Bedarf an Energieerzeugung, und doch profitieren die ehemals im deutschen Kohlebergbau Beschäftigten gar nicht alle davon. Wofür sich Verleger, Verlagsmitarbeiter, Vertreter, Buchhändler etc. derzeit interessieren, ist vermutlich nicht in erster Linie die Frage, ob es in Zukunft Bedarf an vergleichbaren Dienstleistungen geben wird, sondern die, ob es ihre Personen oder wenigstens Institutionen sein werden, die an diesem Geschäft noch irgendwie beteiligt sind.
 
Ich kann überhaupt nicht erkennen, wo Amazon Verlegerarbeit leistet. Malchow pflegt seine Autoren, seine Lektoren, liest und liebt (seine) Bücher. Nicht nur Frank Schätzing ist dort im Programm, sondern ganz bewußt auch eine Menge hervorragende Autoren, die von blockbustermäßigen Umsätzen nur träumen können. Eine wirtschaftlich und künstlerisch vernünftige Mischkalkulation also nach 'normalem' Ermessen. Dass auch bei Amazon das Börsengeschrei groß ist, wenn mal nicht nur Gewinn ausgeschüttet, sondern reinvestiert wird, sieht man ja dieser Tage deutlich.
Nichtsdestoweniger steht uns allen das Pfeifen im Wald doch gut zu Gesichte, wo auf einmal ganze Staaten börsengetrieben am Abgrund stehen.
 
Gerade rief das Börsenblatt an, sie wollen diese Diskussion noch mal nachstellen, mit <Zusage fehlt noch>, <Zusage fehlt noch> und mir. "Vielleicht einfach wieder schriftlich?", schlug ich vor, denn nicht alle Beteiligten wohnen in Berlin. Nein, das sei "leblos". Die Leblosigkeit des geschriebenen Worts, gut, dass auf die auch mal jemand hinweist in dieser Buchdebatte.
 
+Kathrin Passig
Thema Qualität und Qualitätskriterien für Bücher:
Verlage sind Wirtschaftsunternehmen im Buch- also einem wichtigen Öffentlichkeits-, Medien- und Kulturbereich. Wenn Verlage die Qualität von Manuskripten und Buchprojekten beurteilen, beurteilen sie natürlich in erster Linie die Verkaufschancen eines Buches und damit seinen Wert und seine Relevanz für Leser, Öffentlichkeit, Medien und Kultur in einem bestimmten Segment, insbesondere in bestimmten Niveausegmenten dieser vier Bereiche. Da es sich bei diesen Qualitätswertkriterien um ziemlich subjektive handelt, lassen sie sich auch so schwer beschreiben. Das hat man, wie es so schön heißt nach einiger Betrachtung im Blut, im Urin, im Bauch, im Gefühl - man könnte es etwas gehoben auch Gespür und Intuition nennen. Ähnlich vielleicht, wie man z.B. nach mehr oder weniger langem Hören spürt, ob ein Song Hitpotential hat oder nicht. Was verdeutlicht, dass Verlage Qualitätsorte zur Bündelung bestimmter Qualitäten von Büchern zu bestimmten mehr oder weniger speziellen Themenbereichen sind. Als solche Orte zur Bündelung von Qualitäten haben sie nicht nur spezielle qualitative Produktions -kompetenzen im Buchbereich, sondern auch eminente Ordnungsfunktionen für den Buchmarkt zur Sammlung von bestimmten Buchqualitäten und Autoren bestimmter Qualität (auch Niveau genannt). In einem Verlag x erwartet man dann eben vor allem Bücher zu den Themen a, b, d, f, h usw. auf dem Niveau von 1, 3-4 o.ä..
Auch begründen Verlage mit ihren Verlagsprogrammen eigene Programmqualitäten. Beispiel: Ich habe mir ein, wie ich finde, qualitativ gutes Buch zur Stadt Rostock gekauft. Lese ich im Werbeeinband noch etliche weitere Bücher des Verlages zu weiteren Orten und Regionen, insbesondere Norddeutschlands. Wenn ich vom einen Buch zu Rostock qualitativ überzeugt bin, bin ich schon viel eher geneigt, mir ggf. auch andere Bücher des Verlages zu kaufen. Geht mir persönlich z.B. insbesondere mit Büchern der PIPER-Taschenbuchreihe zu wohl sämtlichen Wissensgebieten, den rororo-Bildmonographien oder der sehr übersichtlich-kompakten Allgemeinwissen-Reihe "Wissen leicht gemacht" einer Edition Trautwein in kleinen schmalen Taschenbüchlein in durchgehend dunkelblauen Hochglanz-Einbänden mit gelber Schrift, die ich insbesondere immer in Bahnhofsbuchhandlungen sehe. Davon kann man sicher etliche andere Beispiele aufzählen. Wie sich neue Medien entwickeln, läßt sich wie gesagt ohnehin schwer vorhersehen. Aber ich kann mir schwer vorstellen, dass diese Qualitätsordnungs-Funktionen von Verlagen in E-Books und Internet mit einmal völlig untergehen und wegfallen sollten. Dazu sind Bücher viel zu geistige Produkte, dass diese geistigen Qualitäten allein von einer primären Vertriebsmaschine wie Amazon entwickelt und produziert werden könnten. Ich würde sogar soweit gehen, dass das, wenn nicht das Ende, so doch eine radikale Beschneidung und Verarmung des Buchmarktes um diese bisher in Verlagen segmentierten, gebündelten und koordinierten Einzelqualitäten von Büchern und Buchsparten bedeuten würde. Darauf wird sich m.M. auch die Mehrheit der Leser nicht einlassen. Sie werden auch mit eBooks in der Vorauswahl und Entwicklung von Büchern weiter auf die Qualitätskompetenzen von Verlagen vertrauen - weil es ohne die nämlich viel weniger gute Bücher gibt. Daran ändern auch neue Medientechniken nicht allzu viel. Bücher sind hochspezielle Kultur- und Wissensgüter, für die es auch im Internet entsprechend hoch spezialisierte Produktionsorte wie Verlage braucht.
 
+Michael Pitty Verlage beurteilen also "die Verkaufschancen eines Buches und damit seinen Wert und seine Relevanz ...", und die Qualitätskriterien sind "ziemlich subjektive"? Habe ich das richtig verstanden?
 
Ganz genau, der Wert eines Produktes äußert sich letztlich in seinem Absatz bei Käufern. Und die Kaufentscheidung für ein bestimmtes Produkt ist von Einzelfall zu Einzelfall völlig subjektiv, weil jeder einzelne Kunde ein Subjekt und damit jede Kaufentscheidung eine völlig subjektive Qualitätsentscheidung ist. Die Qualtitätsbeurteilung von Buchprojekten ist damit im Prinzip auch eine Quantitätsbeurteilung - von Qualitäten: Wieviele "Subjekte" könnten sich schätzungsweise für den Kauf der Qualität eines bestimmten Buches entscheiden.
Im Buchbereich gibt es dafür dann wie wohl in sämtlichen anderen Branchen bestimmten Orte aka Unternehmen aka hier Verlage zur Produktion bestimmter Arten von (hier Buch-) Qualitäten. Unternehmen sind Organisationen mit Spezialkompetenzen zur Produktion von Gütern in bestimmten speziellen Qualitäten und Bereichen - auch im Buchbereich.
 
+Michael Pitty Diese Entscheidung, was man veröffentlicht und was nicht, wird aber doch dadurch notwendig, dass auf Papier nicht alles veröffentlicht werden kann - die Geldmittel des Verlages sind so begrenzt wie die Regalmeter der Buchhandlungen. Beim (direkt vom Autor veröffentlichten) E-Book fallen beide Beschränkungen weg. Man braucht dann nicht mehr aus Vogeleingeweiden zu lesen, wie viele Subjekte sich schätzungsweise für den Kauf eines bestimmten Buches entscheiden werden. Ich freue mich, dass jemand meine Meinung teilt, dass Qualitätskriterien subjektiv und zeitgebunden sind - aber warum das ein Argument für die Notwendigkeit von Verlagen ist, erschließt sich mir noch nicht ganz.
 
Verlage braucht es auch im Internet weiterhin, weil der Wert von Büchern gerade nicht wesentlich im Wert von Medienträgern wie Papier oder Speicherplatz gesehen wird. Dann könnte man auch säckeweise weißes Papier oder leere Sticks als Bücher verkaufen. Nein, Produktionsgegenstand von Verlagen sind wesentlich originelle, interessante und interessant zusammengestellte Texte, Informationen, Wissensinhalte und Bilder dazu. Zur Entwicklung, Produktion, Ordnung, Auswahl und Bündelung dieser hochspeziellen, geistigen Produkte braucht es nach meiner Einschätzung auch im Netz entsprechend kompetente und spezialisierte Unternehmen. Das können ein "Kombinat" wie Amazon und die "Schwarmintelligenz" der Leser m.M. niemals allein bewältigen. Dafür braucht es Fachleute, und zwar fachlich, konzeptionell entsprechend angesehen und rennomiert in Verlagen organisierte Fachleute. Verlage sind auch Orte zur Organisation, Bündelung und Entwicklung von übergreifenden Wissenskompetenzen, die mit Autoren als im Netz weitverstreuten Einzelkämpfern verloren gingen.
 
+Max Franke Ach diese Mär' des immer wieder verkannten Autors und der Verlage, die lieber auf die großen und bekannten Autoren aus den USA und dem dortigen Lizenzkauf setzen.

Jetzt warte ich nur noch auf das Argument, dass Frau Rowling von vielen Verlagen abgelehnt wurde, was ja eindeutig belege, dass Verlage nicht dazu in der Lage seien, das Potenzial und die Qualität eines Textes zu erkennen. Und dann bitte auch noch dieses Experiment anführen, bei dem man Texte bekannter Autoren an Verlage schickte und diese mit einer Standardabsage reagierten.

Das sind alles so Argumente aus dem Fundus der Zuschussverlagsabzocker, um einem Autor die 1.000er aus dem Rücken zu leiern.

Und es sind - mit Verlaub - auch die Argumente der vielen Self-Publishing-Plattformen, die derzeit an jeder Ecke und an jedem Ende des Webs hervor sprießen - wenngleich hier mit weniger finanzieller Beteiligung des Autors. Aber auch diese Branche lebt vom Honig-ums-Maul-Schmieren: »Wenn die Verlage dein Talent nicht erkennen und vor dir eine Mauer bauen, musst du sie einreißen und dich selbst auf den Weg zum Literaturnobelpreis machen!«

Tatsächlich sind 99% der Texte Müll, den niemand lesen will. Nur die Teilnehmer in den Communtities loben den Müll, weil 99% davon selbst Texte eingestellte haben und im Gegenzug auch mal gelobt werden wollen.

Ich habe solche Bücher hier, die von der Communities ausgewählt wurden. Literarischer Schott - selbst nach den Maßstäben der Unterhaltungsliteratur gemessen. Jeder Lektor würde nach dem ersten Absatz aufhören.

+Kathrin Passig Natürlich müssen die Verlage die Verkaufschancen beurteilen und sie sind darin meiner Meinung nach immer noch kompetenter als jede Community - wenn sie nicht mit "Me-Too-Titeln" den anderen Hinterherlaufen ("Lass uns mal so einen blutigen Krimi von einem Autor mit einem nordisch klingenden Namen machen und einem Titel mit nur einem Wort, das verkauft sich gerade super."). Vielleicht sind Verlage ja die Einäugigen unter den Blinden.

Die Verkaufschancen liegen aber nicht nur am Text, sondern auch an der möglichen medialen Inszenierung (siehe mein Kommentar oben) und des setzen eines Trends oder Themas. Ein guter Verlag entwickelt das zusammen mit dem Autor.

Und ein guter Verlag arbeitet am Text des Autors, erkennt Schwachstellen und arbeitet zusammen mit dem Autor daran.
Das Gejammere, das Verlage das nicht mehr leisten und nicht mehr können, höre ich eigentlich nur von erfolglosen Autoren. Noch nie habe ich einen Leser erlebt der sagt, dass es keine guten Bücher mehr gibt. Aber es gibt Leser, die sagen, dass »bei dem Buch etwas mehr Lektorierung nicht schlecht gewesen wäre«.

Natürlich ist auch das kein Argument für die Notwendigkeit von Verlagen. Eine Notwendigkeit von Verlagen gibt es doch gar nicht. Es gibt nur gute und schlechte Verlage. Es gibt Verlage, bei denen ich mir tatsächlich anschaue, was für neue Autoren die im Programm haben, weil ich aus meiner Erfahrung weiß, dass diese Bücher oft meinen Geschmack getroffen haben. Für mich persönlich ist dieser Verlag wichtig, weil er für mich persönlich den passenden Filter bietet. Und da ist es egal, ob gedruckt oder digital.

Wir reden ja hier hauptsächlich über Belletristik. Und das ist ja Handwerk und Kunst. Und Kunst ist immer subjektiv.

Denn dann gibt es auch Verlage, deren Vorschauen interessieren mich nicht, weil ich darin für mich keinen Filter sehe. Da mag es dann gute Bücher geben, aber die kann ich nicht auf die Verlagsauswahl zurückführen.

Bücher sind leider nicht unbedingt Castingshow kompatibel. OK, es gibt den Bachmannpreis, aber der wird es nicht ins Hauptabendprogramm schaffen. Die literarische Castingshow würde viele Autorenträume entsorgen und Schrott öffentlich machen.
 
+Wolfgang Tischer Es geht hier nicht um eine Mär des unfähigen Verlags,sondern – wie z.B. auch von Ihnen erwähnt – um (berechtigte) wirtschaftliche Entscheidungen im Verlagswesen. Der Druck, Spitzentitel zu veröffentlichen, nimmt zu. Die Ressourcen sind begrenzt, sodass der Aufwand für kleinere Autoren und Titel entsprechend überschaubarer ist. Es ist auch nicht selten, dass Folgepublikationenvon Autoren im Verlagsprogramm keinen Platz mehr finden (oder erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt).

Mein Anliegen ist es nicht, die Debatte ideologisch aufzuheizen oder mit platten Floskeln um mich zu schmeißen. Ich stelle einfach nur fest,dass es auch Abseits von Kätzchengedichten immer mehr Autoren gibt, für die Self-Publishing Sinn macht. Ihre Aussage diskreditiert m.E. all die Autoren, die sich bewusst für diesen Weg entscheiden.

Spannend könnte in Zukunft auch noch sein, wenn Autoren beide Wege gehen. Thorsten Nesch beispielsweise veröffentlicht regulär über Rowohlt und realisiert zusätzlich kleine Beiboote über unsere Plattform - why not?
 
+Max Franke Ich empfehle jedem Autor, der - aus welchen Gründen auch immer - nicht bei einem richtigen Verlage unterkommt oder unterkommen will, der aber dennoch Freunden und Bekannten sein Werk gedruckt schenken will, den Weg zu epubli, BoD oder anderen seriösen Anbietern auf diesem Gebiet. Und ich weiß, dass auch "seriös" für viele hier ein dehnbarer Begriff ist, denn auch hier stellt sich z.B. die Frage, wie seriös es ist, wenn sich ein POD-Anbieter vom Autor pauschal alle Nutzungsrechte über Jahre sichert. Das muss jede(r) für sich entscheiden.

Und es gibt ja auch immer wieder diese echten oder medial gemachten Erfolgsgeschichten eines Autors, der es auch auf diesem Wege geschafft hat. Ich kann mich ja selbst dazu zählen. Hey, über mein selbst verlegtes Buch haben schon SPIEGEL Online, Focus und ZDF berichtet! Da klebe ich mir mal rasch deren Logos auf die Website. Ich bin toll, ich bin erfolgreich, ich bin der Prototyp des neuen Autors, der ohne Verlag bereits mehrere Tausend Euro verdient hat und Tausende Bücher verkauft hat (Ich bitte darum, aus diesen Sätzen den ironischen Unterton herauszuhören).

Nur: Der Erfolg oder Misserfolg eines Verlagsautors oder eines Self-Publishers steht für sich und kann nicht als Beleg für eine ganze Branche oder einen Weg der Veröffentlichung gesehen werden.

Warum können wir hier so lange Diskussionen lesen? Weil es DEN Verlag einfach nicht gibt. Und auch wenn es einen Verein der Verlage gibt, dann vertritt der nicht unbedingt die Meinung der einzelnen. Und beim Börsenverein kommt noch erschwerend hinzu, dass es kein Verein der Verlage, sondern der »Gesamtbranche Buchhandel« ist.
 
+Kathrin Passig +Michael Pitty Die Entwicklung, das Schreiben und das Publizieren eines Romans oder eines umfangreicheren Sachbuchs verursacht, ob es am Ende gedruckt wird oder digital verlegt, einen Aufwand, der groß genug ist, um sich über die Absatzchancen schon frühzeitig Gedanken zu machen. Auch wenn ich mein Buch als POD oder eBook selbst verlege, entstehen mir Kosten, deren Risiko ich dann übernehme (wenn ich nicht meinen Lektor, meinen Korrekturleser, meinen Setzer - wenn ich es nicht selbst kann -, meinen Cover-Grafiker, meinen Presse-Kontakter, meinen Rechtsanwalt, meinen PR-Berater, meinen... am Erfolg oder Mißerfolg beteilige). Wenn ich diese Aufgaben selbst übernehme, spare ich Kosten, kann aber anderswo kein Geld verdienen...

Ein lebensfähiger Verlag hat für sich Verfahren erarbeitet, diese Risiken zu kalkulieren. Er pflegt Hausautoren, weil er deren Verkaufsperformance kennt, interessiert sich für bestimmte fachliche Themen, weil er die dazu passende Presselandschaft einschätzen kann usw.

Die Entscheidung für oder gegen ein Buch ist meistens eine Entscheidung darüber, ob der Verlag sich zutraut, mit seiner Infrastruktur, seinem Presse- und PR-Netzwerk, mit seiner Vertriebslandschaft, seinen Personal- und Finazressourcen aus einem Manuskript oder einem Exposé einen erfolgreichen Titel zu machen oder nicht. Diese Entscheidung kann nicht als Qualitätsentscheidung per se verstanden werden, sondern immer nur als Antwort auf die Frage: »Paßt das Buch zu uns?«.

Das heißt, wenn wir den Verlag (auch in Form seiner Lektoren, Vertriebs- und Presseleute) als Subjekt betrachten, dann sind Qualitätskriterien natürlich subjektiv.

Für einen Verlag könnte sich ein Autor dann entscheiden, wenn er das größere unternehmerische Risiko des Selbstverlags scheut, wenn er an das Optimierungspotential in der Zusammenarbeit mit dem Verlag glaubt (in allen Bereichen: Lektorat, PR, Marketing, Gestaltung, Vertrieb...), wenn er sich zwar für seinen Inhalt, aber für einige oder alle anderen Bereiche nicht kompetent genug hält...

Vielleicht lohnt noch einmal ein Gedanke, warum ein Autor der Ansicht sein könnte, dass Amazon als Verleger nicht der richtige Partner sein könnte. Die Amazon-Philosophie als Händler ist 100%ig kundenorientiert. Wenn man Amazon-Managern zuhört, ist dies unüberhörbar: http://youtu.be/6Xi3xNaWzb8 Dies ist sicherlich auch ein Geheimnis des Erfolgs.

Nun wird es interessant sein zu sehen, ob sich diese Kundenperspektive auch in der Autorenarbeit bemerkbar macht. Ich könnte mir da ein Autoren-Lektoren-Gespräch vorstellen, das sich so ähnlich anhört wie ein Quoten-Gespräch mit Kerner und SAT1.
»Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kunden mehr Multiple Choice wünschen, Frau Passig. Und bitte weniger Fremdworte. Und bloß keine Ironie...«

Und ist und bleibt Amazon als Verkaufsplattform wirklich so neutral, wie hoffnungsvolle Autoren aller Welt meinen? Kann jeder Titel in seiner kleinen Amazon-Datenbank-Blase entdeckt werden? Wie Amazon vielleicht auch wieder filtert und platziert, deutet dieser interessant Artikel von Joachim Leser an: http://www.buchreport.de/blog.htm?p=1774
 
Es ist schon erstaunlich, wie lang der Thread hier wird. Hab's nur mal kurz überflogen - komischerweise sind in den beiden letzten Kommentaren von +Wolfgang Tischer und +Kohl René für mich einige Kernansätze vorhanden, die man zur Kenntnis nehmen soll.

Abseits des allgemeinen Bashings der blöden Buchindustrie und der tollen Amazon-Erfolge: Gibt ein paar Sprichwörter "wie die Bäume wachsen auch bei Amazon nicht in den Himmel" oder "je größer der Amazon-Tanker wird, umso schwieriger wird er zu steuern". Unterm Strich: Es mag sein, dass viele one-shot-Autoren jetzt ihr Heil in dieser medial nett gepushten Amazon-Welt sehen. Meine Prognose: 99,9999% werden von dieser netten Welt wenig haben - einige Wenige werden richtig Geld verdienen und medial gehyped werden. Und in der öffentlichen Wahrnehmung wird "Amazon als Verlag, der kann's" bestehen bleiben.

Zur Ausgangsfrage von +Kathrin Passig: Ich habe den Spiegel Online-Artikel jetzt nur kurz überflogen - bin vielleicht auch nicht so geschliffen in der Denke, wie manch Intellektueller. Aber mein Bauchgefühl sagt mir "der Mann hat in der gegenwärtigen Situation das gesagt, was er nach gegenwärtiger Erfahrung und in seiner Position vertreten kann". Ich traue mich jedenfalls nicht, Prognosen zu machen, wie, womit und mit wem wir in 3, 5 oder 10 Jahren Kommunikation betreiben und wie viele Einwohner in D, Europa oder weltweit da Teilhabe üben - und wie dann die Verteilung eBook/gedrucktes Buch im Segment xyz wirklich ist.
 
+Kohl René Zum Artikel von Joachim Leser steht unter diesem Beitrag Kritik von mir und eine Antwort darauf vom Autor: https://plus.google.com/100262177042388587849/posts/VMWyJZ8S6aR

Davon unabhängig halte ich es für falsch, implizit davon auszugehen, dass Amazon neben seiner Buchhändlerfunktion die einzige oder wichtigste Möglichkeit bieten wird, wie Leser auf Bücher aufmerksam werden. Zum einen gibt es bei Filmen und Musik - wo individuell generierte Empfehlungen qualitativ weiter fortgeschritten [1] und verbreiteter sind als bei Büchern - inzwischen ein relativ breites Sortiment an Anbietern, die nur die Empfehlungen liefern und denen mehr an der Kundenzufriedenheit mit diesen Empfehlungen gelegen sein dürfte als daran, bestimmte Produkte verstärkt unters Volk zu bringen. Spricht etwas dagegen, dass sich ein solches Ökosystem auch für Bücher entwickelt? Zum anderen gibt es schon jetzt eine Fülle von Wegen zum Buch, von der Privatempfehlung zum Buchtipp in Zeitungen, in Blogs, in Social Media. Spricht etwas dagegen, dass diese Wege auch in einer hypothetischen Zukunft ohne klassische Verlage erhalten bleiben?

[1] Lesetipp dazu wie immer: http://www.nytimes.com/2008/11/23/magazine/23Netflix-t.html?pagewanted=all
 
+Kohl René +Michael Pitty
Danke für diese Beiträge. Wie ich auch in meinem Kommentar geschrieben habe: Das E-Book bitte nicht Amazon oder der "Weisheit der Kundenmasse" alleine überlassen. Reine Kundenorientierung ist in einem Feld, das wenigstens auch noch ein bisschen "Kunst" zulassen will, ein Grauen. Ab und an braucht es ein paar Menschen, die Mut haben, etwas durchzusetzen, worauf der Markt nicht schon längst gewartet hat. Dass diese Texte heute auch schon in den Verlagen häufig runterfallen, klar, ist eine Binse. Die Großverlage (mit Betonung auf "Groß) verkaufen nur noch, was sich eben gut verkauft. In der Tat könnte das E-Book hier dem einen oder anderen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Bei Amazon aber ist das E-Book ein Produkt neben - na ja mittlerweile eigentlich allen anderen. Ich weiß nicht, wie das in irgendeiner Weise weiterhelfen soll. Ich komme aus dem Theaterbereich und muss immer wieder mitansehen, was den Mittelbau-Stadttheatern passiert, die ständig irgendwelchen Erwartungen ihrer überalternden Abonnenten hinterherrennen, statt selbst Neues auch gegen Widerstände erstmal zu setzen und wirken zu lassen: Sie schaffen sich nach und nach selber ab. Woran aber auch die Politik Schuld ist, die eben nicht begreift, dass soetwas Zeit braucht und künstlerischer Erfolg nicht allein an Zuschauerzahlen zu messen ist. Aber das ist ein anderes, weites Feld, das auch noch in den Bildungsbereich hineinragt, wo auch recht viel im Argen liegt. Zurück zur Belletristik: Ich stimme folgendem Beitrag zu, der Hoffnung macht, es könnte auch eine Renaissance der Kleinverlage anbrechen: http://www.netzfundbuero.de/2011/10/27/kambrium-oder-kollaps/ Was nach wie vor gebraucht wird: Haltungen!
 
+Kathrin Passig Nur kurz, weil auf dem Sprung: Auf jeden Fall wird es noch viele wunderbare Empfehlungssysteme für Buchleser geben - ich arbeite gerade an tollen Konzepten dazu... ;).
Nur: Wir sind noch bei der Frage, ob der Autor erst die Risiken eingeht zu schreiben, zu layouten, Cover zu machen undundund - also in die komplette Vorleistung zu gehen -, und dann auf die tollen alten und neuen Empfehlungssysteme zu hoffen, oder ob er sich einige Schritte vorher vom Verlag entweder ausbremsen oder ermuntern läßt, oder?

Vielleicht brauchen wir in der Diskussion etwas weniger entweder/oder und etwas mehr sowohl/als auch.

Ein Beispiel: Wenn ich heute AutorIn eines klugen ambitionierten Sachbuches wäre, würde ich mit einem Verlag einen Autorenvertrag abschließen, in dem ich eine Provision für die Dinge, die ich besonders gut und vielleicht besser als Verlagsleute kann (Webkommunikation, eigene Homepage mit Mini-Shop, Pressearbeit usw.), mitvereinbaren. Also zum Beispiel 100 Autorenexemplare für die vom Autor selbst gepflegte Homepage (oder am besten gleich Cash...), da deren Ausstrahlung ja auch dem Verlagsmarketing zu Gute kommt (die Freiexemplare sind dann die ersten Exemplare, die bei Signierstunden verkauft werden müssen...)...
 
Kam gerade via @hughmcguire bei Twitter rein:
"Book: A Futurist's Manifesto"
E-Book: http://shop.oreilly.com/product/0636920020325.do
und gratis hier:
http://book.pressbooks.com/

(Ich habe noch nicht reingesehen, das ist nur ein Hinweis ohne Empfehlungscharakter.)

Spannend jedenfalls dieser Aspekt, erst vor wenigen Wochen fragte ich herum, ob es so was schon gibt, und niemand wusste etwas davon:

"With Book: A Futurist's Manifesto, we at O’Reilly Media are actively practicing what we preach. Written and edited on PressBooks.com, a new web-based book-production system, this book also invites reader feedback throughout its development. Read the initial chapters and tell us where you’d like to go next. Are there topics you would like us to explore? Are there areas you want to go more in-depth? Let us know!
The first release of this ebook is priced at $7.99; subsequent releases will be priced higher. Buy the initial ebook release now and you’ll receive all updates at no additional cost. Naturally, it will be available in multiple formats, including a print edition when the book is complete."
Übersetzen
 
Ich habe bei +Frank Krings noch bißchen was zum Unterschied von Medienproduktion und Medienzugang geschrieben, zwischen denen bei diesem Thema natürlich naheliegend "streng" unterschieden werden muß.
https://plus.google.com/103430501547466007141/posts/8UyQmAzaJFY

Die Gatekeeper-Funktion haben Zeitungsverlage mit ihren verschiedenen Onlineportalen ja nach wie vor. Bei Musik ist diese Funktion nicht soo wichtig, weil Musik halt Musik ist und hier jeder Künstler viel mehr für sich selbst steht und deshalb nicht ganz soviel Ordnung braucht. Labels gibt es im Musikbereich aber nichtsdestotrotz weiterhin auch. Was zeigt, man muß bei Medien im Internet zwischen Produktion von Medien und dem Zugang zu ihnen unterscheiden. Auch bei News und Musik braucht es also weiterhin einzelne Verlage und Labels zu deren Produktion. Bei hochspeziellen geistigen Gütern wie Büchern wird es anzunehmenderweise nicht anders sein. Den Zukunftsglauben an die alleinige oder auch nur vorwiegende Produktion von Büchern bei großen Vertriebsplattformen wie Amazon halte ich deshalb für (r)eine "digital übergeschnappte" Fantasterei.
 
Barry Eislers Text ist eindeutig in seiner Kritik am Verhältnis Autoren <-> Verlage. Ist das wirklich so mit den Verlagen? Dann ist es natürlich schrecklich. Wie können die sich das leisten? Ich habe ehrlich gesagt weder als Autor noch als Vertriebler in Verlagen diese Situation so erlebt, diese Verträge so wahrgenommen.
Aber ich kann es mir vorstellen - so wie ich mir Rechteabteilungen von Verlagen vorstellen kann (ich habe vor 20 Jahren mal einen Freund in der Rechteabteilung von Rowohlt besucht, das letzte Büro, lange Flure, verschlossene Türen: Glamour sieht anders aus, und Phantasie auch).
Also definitiv: Vertragsverhandlungen müssen anders gehen, Verträge ebenfalls, sie sollten das Ergebnis heißer Verhandlungen sein zwischen AutorIn und Verlag. Es geht um viel, und man kann viel vereinbaren, wenn man offen ist. Was wird da unter anderem an Marketing-Kreativität verschenkt? Gut also, wenn hier Druck von Seiten Amazons kommt

Aber trotzdem: Warum kann Amazon etwas anbieten, was die Verlage nicht anbieten? OK, man muß die Frage nicht stellen - vielleicht geht auch "Take the money and run".

Ich stelle sie trotzdem und versuche ein paar Antworten - Amazon gibt da ja nicht viel Auskunft.

1.) Amazon wünscht Exklusivitäten: Je mehr Content "nur" sie unter Vertrag haben desto besser - auf jeden Fall für Amazon, nicht unbedingt für den Autor. Für diese Exklusivität läßt Amazon schon mal was springen.
2.) 70% sind nicht gleich 70%. Die 70% von Amazon repräsentieren nicht den ganzen Markt, sondern nur den Abholer-Markt. Für Amazon mag es egal sein - bei ihnen sind alle Kunden Abholer; Amazon verkauft nur das, was abgeholt wird. Vermarktet wird woanders. Die AutorIn muß sich aber klarmachen, wie viel 70% eines Teilmarktes in Bezug auf den Gesamtmarkt sind.
3.) Amazon macht nicht mehr für die 70%. OK, vielleicht jetzt, vielleicht nächstes Jahr noch pickt man sich ein paar Glückspilze raus und promotet sie. Aber früher oder später ist der Autor alleine mit seinem Glück. Wie groß wird also die verkaufte Auflage eines Titels werden, um den sich keiner kümmert als der Autor selbst? Wenn ein Buch in der Amazon-Datenbank liegt, neben Millionen anderen Titeln?

Die 70% von Amazon stehen auch für die Übernahme des Geschäftsrisikos durch den Autor. Amazon hat kein Risiko, der Autor das ganze. Ist der Text gut genug? Stimmt der Titel, die Verpackung, die PR usw.? Ist der Autor sich nicht sicher, zahlt er seine Mitarbeiter von den 70%.

Ich denke, klar muß nur eins sein: Für Amazon ist es wurscht, was derjenige, der vor dem Rechner sitzt, kauft. Solange dort im Sekunden-Takt für Downloads Geld auf die Konten von Amazon gespült wird, stimmt deren Geschäft. Für die AutorIn, die zwei Jahre an einem Manuskript gearbeitet hat, kann es um die ganz große Hilfe gehen, die ein Verlag (oder ein sonstwie professionelles Netzwerk) zur Präsentation, Vermarktung und Verbreitung bieten kann. Oder um ein ganz großes Nichts, wenn nichts passiert.

Meine These wäre: Wenn alles nur noch Amazon wäre, würde das Buchfinden, -kaufen und -wertschätzen verflachen.
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