Zum Fall der Ministerin Schavan.
Da die Unkenntnis darüber, wie vor über 30 Jahren gearbeitet wurde, weit verbreitet ist, schreib ichs hier mal auf. Es gab mal eine sogenannte Schreibmaschine. Das war unser Arbeitsmittel. Ich habe meine erste Staatsexamensarbeit 1982/83 noch auf einer rein mechanischen Schreimaschine geschrieben, manche hatten schon elektrische, die konnten sich ein paar Zeilen oder sogar Seiten zwischenspeichern und man konnte sogar etwas korrigieren. Meistens aber musste man korrigieren mit flüssigem Tipp-Ex oder Tipp-Ex-Streifen. Oder man schrieb Zeilen oder Absätze, schnitt sie aus und klebte sie dann auf.
Erste Freaks hatten schon Apple-Computer, darauf (geliehen) entstand mein zweites Staatsexamen 1985. Die Literatur kopierte man auf Papier im Copy-Shop. Man hatte also zu Hause oder in der Uni-Bibliothek Stapel von Büchern und Kopien liegen. Wie kamen nun die Zitate in den Text?
Sie wurden abgeschrieben, von Hand aus den Büchern oder Kopien abgetippt. Und da fing man an mit den Anführungszeichen, hörte auf mit Anführungzeichen und setzte gleich die Quelle und den Autor in Klammern rein oder setzte die Fußnote. In der aktuellen Debatte scheint es oft so, als ob man nicht mehr habe wissen können, was Zitat und was eigener Gedanke gewesen sei. Ganz im Gegenteil, im Prozess der Niederschrift musste man es wissen. Mit heutigen Produktionprozessen am Computer hat das nichts zu tun.
Wenn Frau Schavan sich verteidigt mit dem Argument, sie habe "Flüchtigkeitsfehler" gemacht, dann ist das in meinen Augen eine Selbstanklage. Es gehört zu einer wissenschaftlichen Arbeit, dass man sorgfältig arbeitet. Flüchtigkeitsfehler in der Menge wie in Frau Schavans Arbeit sind insdiskutabel. Im übrigen haben sich die Maßstäbe gegenüber heute nicht geändert.
Wenn der Entzug der Doktorwürde jetzt verglichen wird mit straf- oder zivilrechtlichen Verjährungsfristen, dann klingt das plausibel, es handelt sich aber um verschiedene Rechtssysteme. Zum einen wird nur korrigiert, dass ihr der Doktorgrad zuerkannt wurde, obwohl sie die entsprechende Leistung nicht erbracht hat. Zum anderen ist der Doktorgrad ein Ehrentitel, nichts was man kauft. Sie hat die Ehre nicht verdient, den Doktortitel tragen zu dürfen.
Letzter Punkt: Ich persönlich könnte viel gnädiger über sie denken, hätte sie sich nicht so pointiert und abfällig über den von und zu Guttenberg geäußert. Trotzdem tut sie mir ein bißchen leid.
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