Zwischenbilanz zu Spitzers  #DigitaleDemenz  , das ich gottseidank gerade durch habe.

[Eingangs: Auch die Gegner von Spitzers Thesen knicken in der Regel vorher vor der "Hirnforscher"-Pose ein: "Die Ergebnisse Ihrer Forschungen  bestreite ich ja gar nicht, aber ..." Es ist aber so, dass es hier keine (!) klaren wissenschaftlichen Ergebnisse gibt, die als bewiesen gelten dürfen. Sehr viele Aussagen halten schon auf den ersten Blick keiner Überprüfung auf wissenschaftliche Seriosität stand. Und ausnahmsweise lege ich Wert auf die Feststellung, dass ich hier als Dr.phil.habil. (Literaturwissenschaft, Semiotik, Medienwissenschaft) schon beurteilen kann, was "wissenschaftlich" ist. Ich gehöre quasi zum anderen Zweig der "Hirnforschung": Wir analysieren, wie Menschen sich ihre Welten aus Zeichen aufbauen und dann bewohnen.]

Es gibt keine saubere Begriffsbildung und Argumentation, nirgends. Beginnend mit "digitale Demenz" selbst: Erst ganz am Ende versteht man, dass seine harte naturwissenschaftliche These ist, dass die jugendliche Hirnschädigung am Ende des Lebens dazu führen wird, dass signifikant mehr Leute ein paar Jahre früher Alzheimer bekommen. (Was unbeweisbar ist.)

Dazu nennt er, den Südkoreanern folgend, auch alles "digitale Demenz", was er als Folge von "Internet- und Computerspielsucht" beschreibt: also schwere Depression, sozial dysfunktionales Verhalten, Steuerungsverlust usw. Er suggeriert, das sei eine Art erworbene Hirnkrankheit, aber es bleibt unklar.

[Nachtrag: es ist schlimmer als ich dachte. die krankheit "Digitale Demenz" ist schlicht Spitzers erfindung. gerade eben nach der südkoreanischen quelle gegoogelt (er beruft sich auf südkoreanische ärzte, aber ohne fußnote): das war keine medizinische studie, sondern eine umfrage zur vergesslichkeit junger werktätiger mit smartphones. DD ist ein südkoreanisches mode- und medienwort seit 2004, niemand betrachtet das dort als ernsthafte krankheit. ein zitierter arzt, den die zeitung daraufhin anruft, sagt: es ist nur reversible vergesslichkeit, kein grund sich sorgen zu machen. http://www.koreatimes.co.kr/www/news/nation/2008/04/117_4432.html -- beste zusammenfassung bei Telepolis 2007, via +Sandra Schön http://www.heise.de/tp/artikel/25/25483/1.html]

Weiterhin wird nicht klar definiert: "Medien", "digital", "Intelligenz"  und "geistige Leistung" (meistens IQ, oft aber auch normalsprachlich).

Die erste, alles verbindende Schicht des Buchs ist die Suada eines vor sich hin räsonnierenden, oft schwafelnden Bildungsbürgers, der seine eigene Epoche/Kultur völlig kritiklos glorifiziert und seine Erfahrungen zum positiven Maßstab erklärt. 

Eine Suada im alarmistischen Ton, in der ständig zwischen zersplitterten Gedanken und Argumenten hin- und hergesprungen wird, nie auf einer Ebene geblieben wird ("multitasking"), keine Generalisierung zu blöd ist.

Das Positivste: Mitten zwischen z.T. grotesken Behauptungen sagt er ab und zu Sachen über "Lernen", die man gern unterschreiben kann. (Apriori, nicht irgendwie argumentativ, aber immerhin.) Allerdings versteht er dann wieder an vielen Stellen unter "Lernen"  soviel wie "dem Gedächtnis einprägen". Er diskutiert diese Diskrepanz nicht. 

Dazwischen werden immer wieder Allgemeinplätze eingestreut, die zum Nicken zwingen, um dann gleich wieder extrem gewagte bis abstruse Behauptungen als "bewiesen" zu präsentieren. 

Auf der nächsten Schicht akkumuliert er vermeintliche empirische Beweise für digitale Verblödung: Wieder sehr sprunghaft werden Anekdoten, Medienberichte und mehr oder weniger seriöse Medien- und Bildungs-"Studien" gemixt, völlig unsystematisch und beliebig mal Folgerungen gezogen, viele in seinem Argumentationszusammenhang offensichtliche Folgerungen aber auch gerade nicht. Sehr viele offene Fragen werden einfach ignoriert, fast nie wird zwischen mehreren möglichen Deutungen abgewägt.

Eingebettet in diese Suada sind dann etwas konsistentere Passagen:
Ein paar cognitive science-Experimente aus seinem eigenen Fachgebiet werden brauchbar dargestellt. (Beweisen aber überhaupt nicht, was er daraus folgern will.)
Ein paar psycholinguistische Laborexperimente dito. (Der Sprung zu den digitalen Medien ist dann viel zu groß und nicht seriös begründbar.)

Brauchbar bzw. diskutierbar sind Refererate zu zwei Themen:
- Die Probleme des OLPC-Projekts (da greift er auf einen serösen Aufsatz zurück).
- Die Widersprüche der realen elektronischen Mediennutzung in den deutschen Klassenzimmern seit ca. 2000, insbesondere Smartboards, die Integration von Laptops in konventionellen Unterricht und der Gebrauch konventioneller E-Books in den USA. 
- Zustimmungsfähig ist seine Skepsis gegenüber "Bildschirmmedien" im Kindergartenalter.

Seine eigene "wissenschaftliche" These muss man sich aus Bruchstücken zusammensuchen. Er behauptet u.a.

dass Kinder und Jugendliche mit viel "Mediengebrauch" (TV und Telefon gehören dazu) früher und öfter im Alter an Alzheimer erkranken werden.

dass Intelligenz und geistige Leistungsfähigkeit mit der messbaren Größe von Hirnarealen korreliert sind (eine in dieser Allgemeinheit überhaupt nicht wissenschaftlich bewiesene These), und - angedeutet - dass größere Hirne dann auch bessere Leistungen ermöglichen. Die Begründungen sind hier extrem fadenscheinig und unwissenschaftlich.

dass es "Internet- und Computerspielsucht" gibt, die nicht einfach Folge einer depressiv-gestörten psychischen Disposition ist, sondern eine eigendynamische Krankheit, initiiert vom Mediengebrauch, mit Merkmalen und Folgen wie  Alkohol- und Zigarettenabhängigkeit.

dass Kinder und Jugendliche durch Mediengebrauch dümmer werden (oberflächlicher, unkonzentrierter, mangelnde Selbstkontrolle usw.).

dass Kinder und Jugendliche bei starkem privatem Mediengebrauch schlechtere Noten haben und später schlechtere "Bildungskarrieren". (Zwischendurch beweist er mit Studien, dass digitale Medien Schul- und Studienleistungen unter bestimmten Umständen "nicht verbessern", in denen Verschlechterungen aber gerade nicht festgestellt werden. Das thematisiert er dann nicht.)

dass die unmittelbar negativen Auswirkungen der Medien (Schulnoten) nicht reduzierbar sind auf Bildungsferne und sonstige Problematik des Elternhauses und auch nicht auf "Begabung" (die er im Übrigen als objektive Größe betrachtet). Das könne man herausrechnen. Wie genau, wird nicht gezeigt.

dass Mediengebrauch mit schlechten Gefühlen und Depressivität nicht nur einhergeht, sondern sie verursacht.

Bis auf die Alzheimer- und die Hirnmessungs-These lassen sich alle Thesen Spitzers auch ohne "Hirnforschung" aufstellen. Wie auch sonst dient die "Hirnforschung" primär zur Immunisierung bildungsbürgerlicher Ideale und Ressentiments gegen eine vernünftige Diskussion. 

Dazu kommen riesige "weiße Flecken":

Er nimmt die seriöse Argumentation seiner Gegner auch da gar nicht zur Kenntnis, wo sie in bekannten Büchern niedergelegt ist: Weinberger, Shirky und v.a. Jenkins kommen nicht vor, Boyd wird einmal mit einem Satz aus einer Zeitungsumfrage erwähnt (die Aufsätze kennt er nicht). Steven Johnsons Everything Bad-Buch wird offenbar ungelesen als "reißerische amerikanische Schrift" denunziert (dabei ist es wesentlich weniger oberflächlich als sein Buch), usw. usw.
 
Gelesen hat er (anscheinend, er zitiert sehr oberflächlich) Nick Carr und Douglas Rushkoff.

Er hat überhaupt keine Ahnung vom Web 2.0 als komplexem Raum der Kollaboration und des Wissens. Er thematisiert das nirgends. Als ob es das alles nicht gäbe. Was er erwähnt (auch extrem oberflächlich) sind Facebook und Google Search.

[Nachtrag/Ergänzung:

Seine Lern- und Bildungs-Studien zur Wirkung von "digitalen Medien" auf Jugendliche bis ca. 20 werden nie differenziert:
- nach Land/Kultur (Deutschland, USA, Südkorea haben völlig verschiedene soziokulturelle und soziopsychische Situationen, von Binnendifferenzierung ganz zu schweigen);
- nach Jahr: er zitiert viele Studien von ca. 1998 (!), von ca. 2002/03 und eher wenige ganz neue. Der technologische und mediale Stand ist dabei nicht vergleichbar.
- nach Alter: mal redet er von Kindergartenkindern und überträgt das im nächsten Satz auf Jugendliche, bei denen er wieder nicht unterscheidet zwischen 8-10jährigen, 12jährigen, 15jährigen ... alles eins.
- nach Inhalten: In seiner Perspektive ist es völlig wurscht, ob ein Jugendlicher via "digitale Medien" kommuniziert, diskutiert, programmiert, mashups und remixes macht, pornos sieht, WoW spielt, Wikipedia aufruft, googelt, bloß liest, selber schreibt usw. usw.]
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