Korrektur (alter Eintrag weiter unten):

Hier muss ich mich korrigieren (ja: digitale Oberflächlichkeit). Ich habe die Ergebnisse aus dem Kommentar, der weiter unten zitiert wird, unbesehen übernommen. Tatsächlich ist aber die maßgebliche Taxifahrer-Studie aus dem Jahr 2006 (Maguire et al.), und die scheint valide zu sein. Offenbar wurde die erste Studie schon 1999 gemacht, auf die bezog sich mein Kommentator, aber eben nur als Vorspiel. Spitzer ist also in diesem Punkt rehabilitiert, ich muss mich entschuldigen. [Der Kommentator hält allerdings an seinem Vorwurf fest, dass eine Gruppe von 16 bzw. 19 Taxifahrern kaum statistisch brauchbare und für weitreichende Thesen belastbare Resultate ergeben könne (s.u.). Ich muss das dahingestellt lassen und glaube es einfach, weil es die Cognitive Science-Community akzeptiert.]

Daraus folgt aber gar nicht, was Spitzer für Schule, Lernen und Demenz ableitet: Von Anfang an gestört haben   mich daran vor allem diese zwei Dinge:

(a) dass er "Vergößerung des Hirns" durch Gedächtnisspeicherung von Raum-Informationen im Hippocampus von Londoner Taxifahrern (im Gegensatz zu Busfahrern) umstandslos auf Intelligenz-Vermehrung überträgt, wozu m.E. nichts berechtigt, und

(b) dass er nirgendwo erwähnt oder gar diskutiert, dass zur "Plastizität" des Hirns als neuer Schlüsselerkenntnis ja gehört, dass die eben weiter gilt: "Hirnvergrößerungen" (= Spezialisierungen) können sich wieder zurückbilden, übrigens auch bei lebenslang übenden Musikern. Anderes kann auch im Alter noch gelernt werden usw. Das hat nichts mit alzheimerartigen Langzeitschäden zu tun.

Dazu ein sehr gutes Interview des Hirnforschers Jähncke, dass genau diese Argumentationsart kritisiert: http://www.innovativ-in.de/lutz-jaencke-tieruntersuchungen-beispiel-aktivitaet-raser-_id1834.html
und ein sehr guter Blogpost eines hirnforschenden Postdoktoranden zu "Neuroscience Reductionism", d.h. zur Fragwürdigkeit der Behauptung, man könne mit bestimmten komplizierten Methoden die Gedankentätigkeit selbst ablesen: http://www.creativitypost.com/science/controversial_science_of_brain_imaging

Beide Links aus den Kommentar-Threads, wie auch die Warnung davor, dass sich Spitzer nicht auf die alte Studie (von 1999) sondern auf die neuere (von 2006) bezieht. Den Link zur O-Studie (pdf) habe ich in G+ eingestellt.


------------------------Alter Eintrag: -------------------------------------------

Weil ich es zum Zitieren für #Carta   brauche, wo meine Spitzer-Notizen jetzt noch mal veröffentlicht werden, hier die Kommentare zu den Londonoer Taxifahrern:

+Detlef Borchers :
"Also wenn man Google Scholar anwirft, kommen Hunderte von wissenschaftlichen Zitationen des Artikels, ich selbst habe die Taxifahrer bei Nicholas Carrs Shallows gefunden (den Spitzer wohl ausschlachtete), bei James Harkin und bei Sherry Turkle.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC18253/"

+Wolfgang Ksoll [Das bezieht sich auf eine andere, frühere Studie!]

"Ich habe den Taxifahrerartikel mir durchgelesen. Das ist ja ein erlesenes Schätzchen :-)

Erkenntnisse aus den 1990er Jahren, also dem vorigen Jahrhundert. 16 (sechzehn) tapfere Taxifahrer (und eine Kontrollgruppe) wurden in den Scanner gelegt: Männer, keine Linkshänder, keine über 62 Jahre alt. Und denen schwillt der Kamm, wenn sie lange in Lonodn Taxi fahren.

Die Regressions-Statistik wurde graphisch mit Excel gemacht. Korrelationskoeffizienten r 05, und 0,6. Also viel unerklärte Varianz. Sieht man sich die Diagramme an, streut es heftig. Ich halte diese singulaäre Messung mit einer so kleinen Stichprobe für wenig erkenntnisreich.

Zudem würde man vielleicht heute andere Parameter hinzunehmen, z.B. eine dritte Gruppe mit Navi, Unfallhäufigkeit, Verteilung der Probanden stochastisch richtig aus der Gesamttaxifahrer-Population also auch über 62-jährige (hier Berlin fahren auch 70- und 80-jährige) und nicht nur Reduktion, wie es medizinisch schön passt. Schon das Taxifahrer-Experiment ist statistisch gruselig.

Zu dem Datenmüll mit dem Medienkonsum und dem Bildungserfolg, wo einfach ein ursächlicher Zusammenhang postuliert wird ohne Beweis, will ich mich lieber nicht äußern, sonst echauffiere ich mich noch. Spitzer arbeitet genauso methodensschwach wie Sarrazin."

+Wolfgang Ksoll [neuer Kommentar, jetzt auf die 2006-Studie Bezug nehmend, aus einem anderen Thread hierher kopiert:]

"Die Wissenschaftlerin mit den Londoner Taxis ist immer die gleiche 1999, 2006, 2009: Eleanor A. Maguire. Z.B. 2009
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2677577/
Sie hatte erst 16 Taxifahrer, dann auch mal 19. Und auch mal verrentete (bietet sich nach zwanzig Jahren auch an :-)
Die Schwellung  hat sie nur bei den Taxifahrer gefunden. Z,B. bei 33 Jungärzten nicht. Da hat sie vermutet, dass ein trainiertes Hirn nicht anschwillt :-)

Frau Maguire sagt, dass essinnvoll wäre eine Längsschnittstudie zu macehn, um die (mageren) Ergebnisse auf zuverlässige Beine zu stellen.  Ja.

Bei Excel hat sie gelernt. Mittlerweile nutzt sie statt einfacher linearer Regression auch MANOVA (Multivaraite Varianzanalyse) gibt es seit 40 Jahren oder so bei SPSS und SAS sogar schon in der Lochkartenzeit.
http://en.wikipedia.org/wiki/Multivariate_analysis_of_variance

Da hat sie dann auch rausgefunden, dass es machmal nichts herauszufinden gab (auf verlässlichem Signifikanzniveau im t-Test).
Für mich hören sich die zwanzige Jahre von Frau Maguire mit ihrer Londoner Boygroup von weniger als 20 Jahren so an wie Shakespeare: Viel Lärm um nichts. Much Ado about Nothing.

Aber es ist faszinierned wie sich viele durch wissenschaftlichen Formalismus blenden lassen. Dabei stehen alle Artikel online für jeden im Internet."
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