#nachtrag zur diskussion (nein, nicht um #gauck , sondern) um die #netzzitate und die darin zum vorschein kommende #zitat (un)kultur, weil ich zwischendurch im g+ urlaub war.

ich fand +Sascha Lobo s SPON-artikel zur dynamik der #netzzitate oberflächlich, verwirrungsfördernd und defaitistisch, weil er m.e. allzu vorschnell einräumte, dass im netz fahrlässig zitiert würde, sich der virtuelle mob schnell hochschaukle usw. das entspricht überhaupt nicht meiner konkreten erfahrung, die ich am sonntag nur mit einem primitiven dumbphone ausschließlich über twitter machte.

innerhalb einer stunde nach gaucks nominierung wusste ich, dass es drei möglicherweise problematische äußerungen gab, die für meine einschätzung wichtig sein würden. es gab eine erste welle von pauschalen gauck-verurteilungen, die ich mit freundlich-kritischer distanz zur kenntnis nahm. ich wartete darauf, was sich daraus ergeben würde.

eine stunde später wusste ich, dass leute, deren urteil ich respektiere, geteilter meinung dazu waren. es kam nun als zweites eine welle von gauck-verteidigungen, mit beigefügten links. (wahrscheinlich waren schon in der ersten welle links dabei, aber die habe ich ignoriert, weil ich die anklagen eher geglaubt habe. ich hatte vorurteile gegen #gauck .)

ich habe also jetzt widerstrebend auf den für mich wichtigsten link geklickt (das sarrazin-interview). widerstrebend, weil ich eigentlich in schreibklausur war, nur mit dem mühsamen dumbphone-internet. ich war aber sofort bei der entsprechenden stelle, konnte sie selbst auf dem mikroschirm lesen und feststellen, dass #gauck (a) kein sarrazinist ist, aber (b) sich bei weitem nicht genug abgestoßen zeigte. er distanzierte sich vom biologismus, aber war nicht darüber empört. er lobte als "mut zum klartext und zur polemischen überspitzung" (ein rechtspopulistisches mantra!) , was dem kontext (sic!) nach wirrköpfige rechtsaußen-äußerungen gewesen waren, die bei jedem selbstrespektierenden humanisten, konservativ oder nicht, sofort zum abbruch jedes verständnisversuchs hätten führen müssen.

ich las den reflektierten, #gauck verteidigenden blogpost von +Patrick Breitenbach (und schickte ihm einen widerspruchstweet, weil ich das interview gelesen hatte), und wenige stunden später, am nächsten morgen, las ich den brillanten antwort-blogpost von +Anatol Stefanowitsch , dem ich bis heute nichts hinzufügen kann. dann trudelten noch ein paar gauck-distanzierungen vorbei, aber auch der eine oder andere breitenbach-link.

kurz gesagt: ich war innerhalb von wenigen stunden supergenau informiert, hatte brillante analysen für und wider gelesen, mit zugang zu allen primärquellen, hatte eine fundierte meinung, teils durch eigenlektüre, teils durch die argumentation von Breitenbach vs. Stefanowitsch, und hatte eine interessante twitter-debatte hinter mir (mit vielen guten anti-gauck witzen gewürzt). währenddessen seierte das fernsehen vor sich hin, völlig vernachlässigbar, und am nächsten morgen hätte ich in den papierzeitungen irgendwelche vagen behauptungen über die zitatunkultur der netzgemeinde lesen können, ohne primärzitate. aber da war ich schon wieder beim schreiben.

wo, verdammt nochmal, ist hier also das problem? wofür muss man sich hier entschuldigen, +Sascha Lobo , und voreilig öffentlich die eigene "netzgemeinde" tadeln, die ja inzwischen den ehrentitel einer #netzöffentlichkeit durchaus verdient hat, ein gefundenes fressen für alle die netzkritischen flachköpfe da draußen, die in derselben zeit #nichts mitbekommen haben? das ist eine mediale offenbarung, unvorstellbar noch vor dem jahr 2009 oder so, bevor die deutsche twitter-gemeinde fahrt aufnahm. natürlich gab und gibt es viele dumme tweets, pro und anti-gauck, so wie es da draußen noch viel mehr dumme kohlenstoff-meinungen gibt, die viel wortreicher sind als 140 zeichen und nicht dazu führen, dass ich mir schnell eine differenzierte meinung bilden kann.

(P.S. Beim Aschermittwoch jubelte vorhin der alte Stoiber im Radio: "Und er hat auch ein freundliches Wort für den Thilo Sarrazin gefunden, und er ist gegen den EU-Beitritt der Türkei eingetreten ... Das sind ja seit jeher unsere Positionen, meine lieben Parteifreunde!")
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