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Martin Gommel
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Martin Gommel

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Ankunft aus Samos oder: Russisch Roulette 

Geflüchtete, die von der Türkei aus mit dem Boot nach Samos übersetzen, begeben sich unberechenbaren Gefahren aus. Ist beispielsweise das Boot in einem schlechten Zustand, weil sie sich kein professionelles leisten können, wird eine erfolgreiche Überfahrt sehr unwahrscheinlich. Auch das Wetter kann sich binnen Minuten von sonnig-ruhig in stürmisch-heftig verändern und alle Insassen in unmittelbare Lebensgefahr bringen. 

Jedoch gibt es auf Samos eine Besonderheit: Steinige Küsten und Klippen. Die Wahrscheinlichkeit, auf Samos einen flachen Strand zu finden, ist extrem niedrig und  wird durch einen Fakt noch verstärkt: Türkische Schmuggler überlassen ein Boot niemals den Geflüchteten, wie es beispielsweise in der Lesbos-Gegend weiter nördlich der Fall ist. Die Schmuggler fahren selbst, denn sie wollen das Boot behalten. 

Somit hat für Schmuggler das Leibeswohl der Geflüchteten keine Priorität, sondern nur das Eigene. Um nicht von der Küstenwache erwischt zu werden, benutzen sie die kürzeste Route und vernachlässigen die Suche nach einem sicheren Ankunftsort. Die Geflüchteten werden dann schnell ausgeladen und der Schmuggler zieht von dannen. 

In vielen Fällen befinden sich die Schutzbedürftigen dann an einem steilen, von scharfen Steinen übersätem Hang. Schwangere Frauen, Alte und Kinder haben es besonders schwer und ziehen sich nicht selten schwerste Verletzungen am ganzen Körper zu. Wenn dann noch die Dunkelheit der Nacht hinzukommt: Russich Roulette. Todesfälle sind an den Stränden der griechischen Insel keine Seltenheit. 

All dies ist für die Europäische Union nichts neues. Statt den Geflüchteten eine legale und sichere Überfahrt zu gewähren, wird süffisant dabei zugesehen, wie ein Kindesleben nach dem Anderen vom Erdboden geschluckt wird. Die Nato schickt stattdessen einsatzfähige Kriegsschiffe in die Ägäis, um die Schmuggler auf dem offenen Meer zu bekämpfen. Das dies zur Sicherheit der Geflüchteten beiträgt, möchte ich stark bezweifeln. 

P.S.: Möchtest Du meine fotojournalistische Arbeit unterstützen? Gerne via Paypal (paypal.me/martingommel) oder Überweisung: DE60 6605 0101 1020 2083 26 | Ich danke Dir! 
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Carola Köhntopp's profile photoOluf Lorenzen (Finkregh)'s profile photo

Martin Gommel

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Samos. Worte können die Schönheit dieser Insel nicht beschreiben.
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Martin Gommel

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Nach ca. 12 Stunden Reisezeit bin ich heute morgen mit Andreas Tichon von Welcome Help hier auf Samos gelandet. Die Nacht war recht anstrengend, da wir zwei mal umsteigen und in Athen 4 Stunden Wartezeit hatten. Es folgen ein paar Impressionen. 

Samos ist gefühlt halb so groß wie Lesbos und wir haben erfahren, dass nach der Ruhe wegen der Unwetter heute morgen schon einige Geflüchtete auf Samos eingetroffen sind. Außerdem sollen diese Woche bis zu acht deutsche Grenzschutzpolizist*innen von Frontex eintreffen. 

Nun sind wir heilfroh, endlich auf Samos eintroffen zu sein und werden uns heute Abend das Camp für Geflüchtete und die Strände ansehen.

Wer meine unabhängige fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann dies gerne via Paypal tun. 

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Benjamin Kix's profile photo

Martin Gommel

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Sparrow: Freund, Bruder, Lebensretter 

30. November, Griechenland. Eigentlich wollte er nur eine Woche auf Lesbos bleiben. Doch dann kam alles anders. Sparrow ist schlank, etwas kleiner als ich und fällt dadurch auf, dass er gar nicht auffällt. Er trägt KEINEN Pulli mit NGO-Logo, trägt KEINE Warnweste und sieht fast erschreckend normal aus. Bei über 75 Hilfsorganisationen, die sich am griechischen Strand tummeln ist er beinahe unsichtbar, und vielleicht ist es das, was mich an ihm fasziniert.

Also treffe ich mich mit ihm auf ein Bier, um ihn besser kennenzulernen. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Sparrow seit zwei Monaten auf Lesbos, möchte nicht mit Klarnamen genannten werden – und lässt sich eigentlich gar nicht fotografieren. Er nennt sich selbst »Sparrow« (= Sperling) und koordiniert in Abstimmung mit Rettungsschwimmer*innen und Speedboatfahrer*innen die Notrettungen. Er ist einer derjenigen, die als allererstes von übersetzenden Booten erfahren. 

Sparrow gehört zu den Anarchisten, einer kleinen, griechischen Gruppe, die vor Monaten (und dem Ansturm der zahlreichen NGOs) damit anfingen, am Strand der Insel feste Strukturen aufzubauen, um die Geflüchteten aufzunehmen: Küche, Medikation, Kleidung. Genau das, was die Ankommenden dringend benötigen. 

»Ich fühle mich nicht wie ein Volunteer oder freiwilliger Helfer. Ich bin hier aus Solidarität«. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. »Ich bin mittlerweile 40 Jahre alt. Und wenn ich hier jemanden aus dem Boot ziehe, dann ziehe ich meinen Vater, meine Mutter, Schwester, Brüder, ja, meine eigene Familie aus dem Boot. Selbst, wenn ich sie nicht einmal kenne.«

Dieses Sich-Identifizieren mit Geflüchteten berührt mich sofort. Denn ich weiß: Beim Helfen von Bedürftigen gibt es immer eine ungewollte Hierarchie. Ich helfe Dir, also bin ich stark und Du schwach. Doch bei Sparrow klingt das anders. »Wir sind hier nicht wegen Charity oder sowas. Wir fühlen uns wie ein Teil der Menschen, die hier ankommen.« Und deshalb tragen die Anarchisten auch keine Pullis mit Logo – und haben Ende November noch nicht einmal ein Spendenkonto. 

Wir wechseln das Thema und ich frage Sparrow, ob es auf der Insel einen Ort gibt, der ihm besonders wichtig ist. Nach langem Zögern blitzen seine Augen kurz auf: »Ah, doch. Da war was.« Ich spitze meine Ohren.

»Vor kurzem sprang eine schwangere Frau aus dem ankommenden Boot und gebar am Strand ihr Kind.« Ich traue meinen Ohren nicht. Wie bitte? Sparrow fährt mich einem Schmunzeln fort: »Doch es war nur ein Helfer da. Als ich mit einigen Ärzte dazukam, war das Kind gerade zur Welt gekommen. Wir bedeckten es mit meiner Jacke und kam auch schon der Krankenwagen, der sie ins Hospital brachte. Soweit ich weiß, geht es beiden gut und sie leben jetzt in Deutschland.«

Gemeinsam fahren wir zum Ort der Geburt, obwohl es schon dunkel ist. Dort angekommen sehe ich: Der Hang ist abschüssig. »Wir mussten eine Mulde graben, um die Mutter und das Kind sicher nach oben zu transportieren«, erklärt Sparrow und positioniert sich an die Stelle. Die Frontlichter des Autos sorgen für genügend Helligkeit, sodass ich eine Aufnahme machen kann. 

Während ich auf Lesbos unterwegs bin, laufen wir uns noch oft über den Weg. Trinken gemeinsam ein Bierchen, plaudern kurz am Strand und freunden uns ein bisschen an. Sparrow ist fast immer auf dem Sprung. Hier ein Anruf, da eine Warnung, dort eine Rettung, die organisiert werden muss. Er ist flink und immer in Bewegung. Wie ein kleiner, unsichtbarer Sperling. 

Mein lieber Freund Sparrow. Welch Glück hatte ich doch, Dich auf Lesbos kennenzulernen. Bleib, wie Du bist, denn Du bist für viele Menschen Freund, Bruder und Lebensretter. 

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Melanie MP's profile photoStef Zen (Zestefanzie)'s profile photo

Martin Gommel

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»Mein Bruder wurde von islamistischen Terroristen geköpft« erklärt mir der große Afghane, den ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) in Karlsruhe kennenlerne.

Ramez* zückt sein Handy und deutet auf das Gesicht eines Mannes, der in Uniform gemütlich Tee trinkt. Es ist sein älterer Bruder. Mit einer eindeutigen Geste imitiert er das Durchtrennen des Halses. 

»Mit einem Messer.«

Ramez ist zwei Köpfe größer als ich, hat glasklare Augen und wunderbar weiße Zähne. Er spricht nur ein paar Worte Englisch, doch Gottseidank kann meine Übersetzungsapp Farsi. 

Während ich über seine Schulter blicke, streicht er über hunderte Fotos aus seiner Heimat, Masar-e Scharif in Afghanistan. Seine Frau ist zu sehen und seine beiden Kinder, von denen er beim Asylverfahren getrennt wurde und die in einer entfernten Unterkunft leben. 

Ramez wird sie garantiert vermissen. 

Dann zieht der schlanke Afghane das rechte Hosenbein hoch und deutet auf eine Narbe am Knöchel seines Fußes: »Die Terroristen haben mit einer Kalaschnikow auf  meinen Fuß eingedroschen.« 

Er habe auch noch weitere Verletzungen am Bauch und seinem linken Arm – all das klingt so, als habe er einen Angriff nur knapp überlebt.

»Finish?« fragt Ramez und reicht mir lächelnd die Hand. Er muss weiter und so trennt sich unser Weg nach dieser kurzen Begegnung. 

Während ich am Schreibtisch diesen Bericht schreibe, erreicht mich die Spiegel-Eilmeldung, dass »Unbekannte eine Handgranate auf das Gelände eines Flüchtlingsheims mit 170 Bewohnern in Baden-Württemberg geworfen« hätten. 

In diesen Momenten wird mir erneut diese surreale Gleichzeitigkeit von den Kriegen in Afghanistan, Syrien und so vielen anderen Ländern dort und rassistischen Übergriffen hier, wo ich zuhause bin, bewusst. Ich habe ein mulmiges Gefühl. 

Ramez, ich wünsche Dir von Herzen, dass Deine inneren und äußeren Wunden heilen werden, Du nicht abgeschoben und niemals Opfer eines rechten Angriffes wirst. Behalte Dein strahlendes Gesicht und verliere niemals den Mut. Friede mit Dir. 

*Name geändert 
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Alex T's profile photoMelanie MP's profile photo

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»Interview? Kein Problem.« Yasser* lächelt erfreut und fragt zurück: »Da, wo ich schlafe? Mein Bett?« Gemeinsam mit einem Übersetzer laufen wir quer durch das für 1000 Menschen ausgelegte Zelt des Campus Ost in Karlsruhe. Der schlanke Algerier trägt nicht viel am Leibe, vielleicht auch, weil es hier angenehm warm ist: Ein enges Oberteil, Jogginghose und Badelatschen. Und natürlich einen Schal. 

Ich frage nicht nach, ob er nicht mehr bekommen hat, denn ich möchte den 19-jährigen nicht gleich auf seine mögliche Armut ansprechen. »Essen bekomme ich genug« führt Yasser aus. »Naja, und manchmal habe ich Milch, aber kein Brot und manchmal Brot, aber keine Milch, hihi«. Verschmitzt schaut er mich an, der wache Kerl bringt mich sofort zum Lachen. 

»Wenn ich morgens verschlafe, bekomme ich aber nichts mehr zu essen…«. Ich nehme an, dass Yasser einfach Langschläfer ist, werde aber flugs eines besseren belehrt: »Weißt Du, hier ist es die ganze Zeit laut im Zelt. Ich muss bis vier Uhr Nachts warten, bis ich schlafen kann.« Jetzt verstehe ich, warum Yasser das Frühstück verschläft. An seiner Stelle wäre ich in diesem Zelt längst depressiv geworden. 

Ich mag Yasser sofort, weil er etwas Spontan-Frohes an sich hat, äußerst kommunikativ ist und ein helles Köpfchen ist. Ein paar Worte Deutsch spricht er immer wieder in sein Arabisch hinein, was den Übersetzer hin und wieder leicht irritiert. 

»Mit dem Boot. Von Algerien direkt nach Spanien, und es war sehr gefährlich« beantwortet er meine Frage nach der Flucht. »Ich bin von einer Wahrscheinlichkeit von 80 % ausgegangen, dass ich auf dem Meer sterbe. Die Wellen waren höher als dieses Zelt.« Ich schaue nach oben. Sechs, sieben Meter? Könnte hinkommen. »18 Stunden waren wir auf dem Meer. Es war ein kleines Boot und wir waren 20 Leute.« 

18 Stunden. Ich erinnere mich an meine Fahrt mit der Fähre von Athen nach Lesbos. Das waren 12 Stunden, die Fähre beheizt, beleuchtet und es gab alles, was ich mir wünschen konnte. Ich schlief zwischendurch und kam ausgeruht am Hafen an. Königlich. Aber 18 Stunden in einem kleinen Boot? Auf dem offenen Meer? Mit Wellen höher als ein 1000-Menschen-Zelt? Meine Hände werden feucht, wenn ich mir all das vorstelle. Es muss der blanke Horror gewesen sein. 

Wir sprechen über die Vorfälle von Köln. Yasser lässt keinen Zweifel übrig, was er davon hält: »Ich möchte damit nichts zu tun haben.  Bei Frauen muss man sich Zeit lassen. Ein, zwei, drei Jahre, mindestens. Dann kann alles andere kommen.« 

Während ich Yasser fotografiere, hält er sich schnell den Schal und die Hände vors Gesicht. Ganz automatisch – und ich respektiere seinen Wunsch. Doch durch diese Posen wirkt er ganz anders. Verletzlich. Traurig. Ja, ganz und gar nicht mehr lustig.  Und das, was Yasser bisher erlebt hat, ist auch nicht zum Lachen.

Mensch, Yasser. Danke, dass Du mir einen kleinen Einblick in Dein Leben gewährt hast. Ich beneide Dich um Deine Resilienz, Offenheit und Lebensfreude. Ich wünsche ich Dir von Herzen, dass Dein Antrag auf Asyl genehmigt wird, auch, wenn die Chancen nicht die besten sind. Du hast doch schon so vieles aufgegeben. Friede mit Dir. 

*Name geändert 
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Ihr lieben Leser*innen. Wie Ihr wisst, arbeite ich unabhängig von Medien- und Nachrichtenhäusern. Wenn Ihr das, was ich tue, unterstützen wollt, könnt Ihr das sehr gerne über Paypal tun oder mir etwas überweisen. Ich danke Euch von Herzen. 

Paypal -> paypal.me/martingommel / Überweisung -> IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC: KARSDE66XXX
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Martin Gommel

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Preview: Eines der irakischen Kinder, die am Mittwoch von MSF Paris (Ärzte ohne Grenzen) in der 8-stündigen Rettungsaktion gerettet wurden. Die ganze Geschichte gibt es bald.
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Martin Gommel

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Die Fake-Rettungswesten von Yamaha

Gestern haben wir uns die Rettungswesten, mit denen Geflüchtete hier in Griechenland ankommen etwas genauer angesehen. Insbesondere das Firmenlogo Yamaha ist auf den Dingern recht häufig abgedruckt und da lohnt sich durchaus ein prüfender Blick. 

Denn: Diese Westen sind ein Fake. Alle, ja ALLE sind mit Plastikschaum (nicht: Styropor) ausgestopft, der sich im Ernstfall mit Wasser vollsaugt, schwer wird, und ums Leben kämpfende zusätzlich nach unten zieht. Eine große Verarsche, würde ich sagen, die nicht nur einzeln verkauft, sondern in vielen Fällen auch mit dem Leben bezahlt werden.


An den meist sehr steinigen Stränden der Insel Samos liegen davon hunderte und wer eine frisch Benutze in die Hand genommen hat, weiß, dass die Westen superschwer sind. Das alles fucking Sauerei seitens der Firma Yamaha und der Schmuggler. Natürlich gibt es diese Fake-Westen auch in Kindergröße (siehe letztes Bild). 


Dies ist nur ein kleines Detail in einem Universum von Unmöglichkeiten, die so vielen Helfer*innen täglich begegnen, die nicht nur Helfen, sondern auch Hinschauen. 

Ich kann mittlerweile nur noch mit dem Kopf schütteln und ich werde mich nie damit anfreunden, dass Geflüchtete auf 1000 verschiedenen Wegen gedemütigt werden: Nicht einmal die Rettungswesten sind echt. 
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Michael Buchberger (lefty1963)'s profile photoFranny schneider's profile photo

Martin Gommel

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Bevor ich morgen nach Samos aufbreche, liegt es mir auf dem Herzen, hier ein paar (sehr) persönliche Worte verlieren. Ich möchte heute offenlegen, welche Motivation hinter meiner fotojournalistischen Arbeit im Themenkomplex Flucht liegt und mich zu einem Grad öffnen, wie ich es hier im Internet bisher strikt vermieden haben. 

Wer meinen bisherigen Werdegang beobachtet hat, könnte meinen, dass ich ein Mensch bin, der eine überaus glückliche Kindheit erlebt hat und deshalb seinen Weg entschieden gehen kann. 

Das ist: falsch. Ich habe als Kind und heranwachsender Jugendlicher sehr darunter gelitten, von anderen Mitschülern gehänselt (so wurde das in den 90ern genannt) zu werden. Erst später sprachen man von…

Mobbing

Meine ehemaligen Schulkamerad*innen werden sich noch gut daran erinnern, dass ich lange Zeit so etwas wie der »Depp der Schule« war. Meist verging keine Stunde, in der sich nicht irgendjemand über mein Äußeres (ich habe rote Haare), meine weiße Haut (ich bekomme Sonnenbrand, werde aber kein bisschen braun) oder meinen Nachnamen lustig machte. 

Ein Beispiel:  Schmerzvoll war für mich die Erfahrung, als (ich war ca. 14) alle Schüler*innen in der Turnhalle versammelt, über eine Stadt in Weißrussland mit Namen »Gomel« berichtet und aufgerufen wurde, dorthin zu spenden. 

Nach der Veranstaltung riefen mir Schüler*innen nach: »Spendet für Gommel! Hahahahah! Spendet für ihn!«. Sie druckten Blätter mit dem Spruch aus und hingen sie in der Schule auf.  Kein Lehrer sagte etwas. Kein*e Mitschüler*in ergriff für mich Partei. 
Einsamkeit

In meinem Innern wurde ich jedes Mal sehr traurig, wenn mir so etwas widerfuhr. Es schmerzte und ich fühlte mich einsam. Ich hasste die Menschen nicht, die sich über sie lustig machten, sondern war darüber traurig, von ihnen nicht gemocht zu werden. Ihren Ansprüchen nicht zu genügen erzeugte ein dauerhaftes Gefühl von Scham. 

Ich hatte den Eindruck, der »letzte Dreck« zu sein. Alle waren besser als ich und niemand schien meine Trauer wahrzunehmen. Das Schlimmste war für mich, in meiner Einsamkeit nicht gesehen zu werden. 

Natürlich trug ich meinen Teil dazu bei. Ich hatte kaum soziale Kompetenzen und versuchte, durch ein unglücklich provozierendes Auftreten meine Unsicherheit zu kaschieren. Ich war schnell zu verunsichern, schlecht im Sprüche-Kontern und mir meiner selbst
peinlich. Und so zog ich wohl automatisch Häme auf mich.  

Veränderung

Mit 15 Jahren kam dann eine große Veränderung. Irgendetwas in mir sagte: »Martin, Du bist genauso viel wert, wie die Anderen.« Ich weiß nicht, was es war, doch dieser Satz war auf einmal da. 

Es hatte Klick gemacht. Ab diesem Zeitpunkt ging es in meinen
Beziehungen zu anderen bergauf. Ich konnte langsam aber sicher echte Freundschaften schließen und wurde immer weniger gehänselt. Ich verließ nach einer üblen Aktion der Dorf-Nazis den Handball-Verein, fand eine großartige Band, ich der ich E-Bass spielte und erfreute langsam daran, ein Mensch zu sein. 

Das Leben schien (wieder) einen Sinn zu haben. Ich begann, innerlich aufzuatmen und guckte mir bei anderen Leuten Selbstbewusstsein ab. So gewöhnte ich mir beispielsweise an, in Gesprächen meinem Gegenüber direkt in die Augen zu sehen. Das hatte ich bisher nicht gekonnt.

Solidarität

Während es also mit mir bergauf ging, machte ich eine interessante Entdeckung: Ich fühlte mich mit denen, die nun – statt mir – gehänselt wurden, tief verbunden. Dann, wenn wieder fünf Jungs einem einzelnen hinterherliefen, um ihn zu verprügeln, tat es wieder weh.

Dieses Gefühl des Mit-Leidens sollte mich fortan nicht mehr verlassen. Bis heute schmerzt es, wenn ich mitbekomme, wie Schwächere von Stärkeren unterdrückt werden. Sei es nun, dass Kinder ein anderes Kind niedermachen, Polizist*innen bei einer Demo auf Demonstrant*innen eindreschen, Muslim*innen unter Rassismus leiden oder Menschen vor Krieg (den die Mächtigen führen) flüchten müssen. 

Ich habe gelernt, meinem Mitleiden Raum zu geben und es direkt in Taten umzuleiten. Deshalb solidarisiere ich mich mit Menschen, die unter der Gesellschaft leiden. 

Als Kind hatte ich das Gefühl, mit meinem Anderssein und meiner Scham alleine zu sein. Deshalb möchte ich mich dafür einsetzen, das Leiden von Menschen sichtbar zu machen. Mit Kamera und Tastatur. Und als Martin, der einfach da ist und zuhört. Der einen Moment lang Freund ist. Und dann davon erzählt. Im Netz, im Gespräch, auf Vorträgen und auch an Schulen. 
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Wer mich dabei unterstützen möchte, kann das gerne via Paypal tun. Ich danke Euch sehr. 
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Markus Be's profile photoCarmen Schmidt's profile photo

Martin Gommel

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„If a person, who is a refugee steals something, that person is a criminal. But that doesn’t mean, that ALL refugees are criminals.“ – Keba aus Gambia, März 2015 
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[ 10tacleBoy ]'s profile photoMelanie MP's profile photo

Martin Gommel

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Mein »Friede mit Dir«-Shop startet

Liebe Freund*innen! Endlich ist es soweit: Ich habe einen Shop mit Hoodies, T-Shirts und anderen Sachen. Ich habe etwas feuchte Hände, denn ich bin wirklich sehr aufgeregt.

Dabei ist die Idee dahinter einfach: Ich suche schon lange nach schönem Klamotten-Kram, der refugeefreundlich, feministisch, antirassistisch (usw.) sind und mir selber gefallen. Und weil es die richtig guten Sachen oft nicht lokal gibt, habe ich gedacht: Hey, das mache ich einfach selbst.

http://shop.spreadshirt.de/martingommel/

Und ich hatte auch schon eine Idee: Ich wollte unbedingt einen Kapuzenpulli haben, der vorne drauf einen arabischen Schriftzug hat, der sagt: »Friede sei mit Dir/Euch«.

Warum? Da ich mit vielen Geflüchteten Menschen zu tun habe, kann so ein Pulli einen großen Unterschied machen, weil so gleich meine wichtigste Message kommuniziert wird.

Außerdem habe ich heute von einer Islamwissenschaftlerin erfahren: As-salamu aleikum, wie es da jetzt steht, ist in der gesamten arabischen Welt gebräuchlich und so gut wie 100% der Muslime aus dieser Region verwenden das. Ist das nicht super?

So startet heute meine erste nunja, Kollektion. Weitere sollen folgen. Übrigens: Falls Du Grafikdesign studiert hast oder Ilustrator*in bist und mich unterstützen magst, würde ich mich sehr über eine Nachricht von Dir freuen.

Außerdem: Für jedes Produkt, das ihr im »Friede mit Dir«-Shop kauft, bekomme ich 5 €. So könnt Ihr also auch auf diesem Weg meine fotojournalistische Arbeit unterstützen. :)

http://shop.spreadshirt.de/martingommel/
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Tobias Müller (Paulus di Roma)'s profile photoXaver M.'s profile photo

Martin Gommel

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Als ich heute morgen erfuhr, dass heute morgen zwei Boote auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland untergegangen waren, traf es mich wie ein Stich ins Innere. 

Das Magazin Neues Deutschland schrieb »Die griechische Küstenwache entdeckte vor der Insel Farmakonisi bisher sieben Leichen. Darunter waren auch sechs Kinder.«

Laut dem Twitter-Account der Ärzte Ohne Grenzen sind heute mindestens 42 Menschen auf dem Meer ertrunken. Und um mir und vielleicht auch Euch ein bisschen näher zu bringe, was diese leisen, abstrakten Zahlen, die doch alle so weit weg sind, in Wahrheit (dieses Wort benutze ich selten) bedeuten, ein kleiner Einblick. 

42 Menschenleben. Das bedeutet: 42 mal riechen, schmecken, fühlen, lachen, hoffen, lieben. Es bedeutet, zweiundvierzig mal fliehen, Angst haben, Heimat verlassen. Und es bedeutet 42 mal Todeskampf gegen das Ertrinken. Vielleicht sogar im Anblick der Geliebten. Der Kinder oder Mütter. 

Es bedeutet sich klar werden: Jetzt ist es vorbei. Mein Leben endet hier. Oder eben nicht klar werden. Überrascht sein vom Verlieren der Kraft. Vom Hereinfließen des Wassers in die Lungen. Zweiundvierzig mal Blick in den Tod.

Das Schlimme an der Sache ist: Von der Türkei nach Griechenland fährt eine Fähre. Jeden Tag. Doch die Geflüchteten dürfen sie nicht benutzen. Es wäre ein Klacks, diese Menschen nach Griechenland zu befördern. Und 99% von allen würden sogar gut und gerne dafür bezahlen. 

Warum dürfen sie nicht? Weil die EU das genau so will. »Außengrenzen sichern« ist der politisch saubere Begriff dafür. Das Problem: Es funktioniert nicht. Die Geflüchteten hält die Todesgefahr kein bisschen davon ab, es zu riskieren. So verzweifelt sind sie. 

Diese 42 Menschen (die Dunkelziffer kennen wir nicht) könnten jetzt noch leben. Jetzt noch riechen, schmecken, fühlen, hoffen und ja, lieben. Es ist Zeit, öffentlich gegen die EU-Flüchtlingspolitik aufzustehen. Zu demonstrieren. Aktiv zu werden. Jetzt.
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Robert Oppel (Grimsey)'s profile photoFranny schneider's profile photo
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