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Martin Gommel
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Martin Gommel

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Mein Whatsapp-Kanal

Wusstest Du, dass ich einen Whatsapp-Kanal habe, über den ich auf Reisen Hintergrund-Informationen teile? Nein? Dann wird es höchste Zeit.

Mittels Audionachrichten, Videos und Fotos werde ich auch auf meiner Athen-Reise Zwischenberichte geben und einwenig erzählen, wie es mir im Augenblick gerade geht.

Außerdem möchte ich versuchen, den Flair der Stadt Athens und seinen Geflüchteten über Soundaufnahmen einzufangen, die ich dann über den Kanal teile.

Der Vorteil des Kanals ist, dass es kein nerviges Gruppenchat-Geblinke auf Deinem Smartphone gibt, sondern Du nur meine Nachrichten empfangen wirst.

Wenn Du nun Lust bekommen hast, dann schicke die Nachricht »Ich freue mich, dabei zu sein« an diese Nummer:

00491733452794

Mit ein wenig Geduld wirst Du dann eine Bestätigung incl. Bedienungsanleitung bekommen.

Na dann mal los. :)
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Martin Gommel

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»Fotto?« Fast wäre ich an ihr vorbeigelaufen. Dort, an den Gleisen Idomenis, stand ein Mädchen, aufrecht, wie der Hals eines Schwanes. Selbstbewusst wie eine junge Schülerin, die gerade bei einem Sportwettbewerb einen neuen Rekord im Weitsprung aufgestellt hat.

Ihre Mutter durchkämmte sitzend das lange braune Haar und band einen Zopf, der in der Morgensonne schimmerte. Ich konnte gar nicht schnell genug reagieren, da stand die kleine Syrerin vor mir und strahlte mich herausfordernd an: »Fotto?«

»Yes!« Diana setzte sich mit ihrer Puppe auf einem alten Pfosten, im Hintergrund die weltbekannten Güterzüge. Ich setzte mich zu ihr. Durch den Sucher sah ich ein Mädchen, das diesen Moment auskostete, wie keine Zweite.

Doch dann winkte sie ab und deutete an, dass ich nun genug Fotos von ihr gemacht hätte. Stattdessen zog sie ihr rechtes Hosenbein nach oben, woraufhin ich mir vor Erschütterung die Hand vor den Mund hielt. Oh nein.

Von der Mutter erfuhr ich, dass die magentafarbenen Wunden durch das lange Laufen in Wäldern und Gräsern entstanden sei.

Diana rannte zu ihrer Mutter, setzte das Püppchen dazwischen und erbat ein weiteres Bild. Die beiden strahlten eine unbezwingbare Stärke aus, die mich an den Blick gelassen ruhender Löwen aus Doku-Filmen erinnerte, die ich kleiner Knirps in den 90ern gesehen hatte.

Eine kurzen Augenblick vergas ich den Grund dieser Begegnung – doch Dianas Mutter erläuterte mir, dass die Beiden nun seit einem Monat hier auf den Gleisen lebten.
Doch was für ein Leben war das? Vor verschlossenen Türen, Verzeihung, beißendem Stacheldraht, bei Wind, Hagel, Sturm, Regen und brennender Sonne?

Und immer, wenn ich heute von Auseinandersetzungen mit Polizeikräften an den Gleisen lese, davon, dass Militärhubschrauber über das Camp kreisen, dann denke ich an sie.
Diana war gerade mal 10 Jahre alt.


Wer meine von Medienhäusern unabhängige Arbeit unterstützen möchte, kann das gerne via paypal.me/martingommel oder Überweisung (IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26
– BIC KARSDE66XXX) tun. Ich danke Euch von Herzen.
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Griechische Landschaft, nähe Kilkis

Immer dann, wenn ich menschlichem Leid ausgesetzt bin, zieht es mich in meinen Pausen in die Natur.

Vielleicht ist es die Stille, oder das grenzenlos Weite, das meiner Seele guttut.

Dann blicke ich auf und lasse das Erlebte zu. Irritierte Blicke, Verletztungen, die Schwere und Verzweiflung, Terror und Ohnmacht.

All das, wofür ich in den Camps keine Zeit habe, lasse ich aufkommen, nachwirken und atme durch.

Diese Zeiten der Reflexion brauche ich und ohne sie würde ich keine zwei Tage an solchen Orten wie Idomeni durchhalten.

Und dabei hilft mir die Natur ganz ungemein. Die intensiven Farben, mächtigen Berge, das stille Wehen der Gräser im Wind.

Manchmal schließe ich die Augen und genieße ein letztes Mal, bevor ich mich wieder aufmache und erneut in die Augen von Geflüchteten sehe.
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Ich hatte sie gefunden. Die Tankstelle »EKO«, um die herum seit Monaten hunderte Geflüchtete in Zelten wohnten. Und das direkt an der Autobahn. 

Ich schlenderte über das Camp und stellte mir immerzu die Frage, wie es sein konnte, das bis heute noch keine Unfälle an dieser gefährlichen Stelle passieren konnte.

EKO war ursprünglich dafür angelegt worden, Menschen hier zur Überbrückung zu stationieren, damit diese nachrücken konnten, wenn an der Grenze Geflüchtete durchgelassen wurden. 

Als ich diese Frau am Boden sitzen sah, hielt ich kurz inne. Ich kniff die Augen zusammen und entdeckte, dass zwei Füßchen unter ihren herausschauten und ging auf sie zu. Da sie kein Englisch sprach und ich kein Arabisch, tauschten wir Blicke und Handbewegungen aus. 

Ich beugte mir über ihre Schulter und durfte ein Bild ihres kleinen Kindes machen, das in aller Seelenruhe vor sich hin schlief. 

Nein, dieser Moment war nicht erfüllt von dramatischer Stimmung oder herzzerreißender Erkenntnis. Nur von der stillen Beobachtung, dass sie auch auf der Flucht sind: Kinder. 

Klein. Wehrlos. Verletzlich. Unscheinbar. Schutzlos. Und in diesem Fall ist eine Tankstelle an der Autobahn ihr zuhause geworden. 

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P.S. Wer meine Arbeit unterstützen möchte, kann das gerne über http://paypal.me/martingommel tun. Ich danke Euch von Herzen.
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Sie stand auf einmal vor mir und pustete durch die kleine Öffnung des Seifenblasen-Röhrchens. Das kleine Mädchen mit den tiefbraunen Augen bot mir ihr Röhrchen an, kicherte vergnügt und tanzte hin und her. Dann rannte sie zu ihrem Vater, der gerade vor dem Zelt ein Feuer entzündete und mir freundlich zuwinkte, als er mich entdeckte.

Ich winkte zurück, drehte mich um und musste innehalten. Hier an der griechisch-mazedonischen Grenze, umgeben von Stacheldraht und bewaffneten Soldaten und einer gefährlichen Flucht im Nacken strahlte sie, wie so viele Kinder, echte Freude aus. Die Gegensätze konnten nicht größer sein.

Bis heute frage ich mich, was es ist, das manchen Kindern Kraft und Antrieb gibt, inmitten widrigster Umstände all dies zu vergessen und sich ganz dem gemeinsamen Spiel hinzugeben. Auch als ausgebildeter Jungend-und-Heimerzieher und zweifacher Vater ist mir dies bis heute ein Rätsel, das ich wohl nie vollständig lösen werde.

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Liebes Mädchen. Ich hoffe, dass Du eines Tages Deine spielerische Freude in neuen, sicheren Heimat erleben darfst. Und dass Du in Zeiten der Trauer stets Menschen um Dich hast, die Dich halten und trösten.

P.S. Da ich ganz bewusst nicht im Auftrag großer Medienhäuser arbeite, kann meine Arbeit unabhängig bleiben. Wenn Du mich dabei unterstützen möchtest, kannst Du das gerne via http://paypal.me/martingommel oder Übweisung (IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC KARSDE66XXX) tun. Ich danke Dir von Herzen.
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Warum ich nach Athen fliege

Ich bin etwas aufgeregt. Nach langem Überlegen steht mein neues Reiseziel fest: Athen. Abflug in einer Woche.

Nun passt mal auf: Schätzungsweise 14.500 Menschen halten sich der Region auf, ein Viertel davon am ehemaligen Flughafen Athen-Ellinikon. Dort kam es kürzlich ob der katastrophalen Lebensbedingungen zu Hungerstreiks.

Und viele der fast 1000 Kinder in Ellinikon sind meinen Informationen nach unterernährt, dreieinhalb tausend Menschen teilen sich ca. 40 Toiletten. Willkommen in Europa.

All das sind jedoch Informationen, die ich mir übers Netz zusammengesucht habe. Mir geht es da wie Euch: Ich bin darauf angewiesen, dass diese Angaben stimmen, und deshalb grundsätzlich skeptisch.

Außerdem weiß ich, dass sich private wie öffentlich-rechtliche Medien stets durch apokalyptisch-anmutende Drama-Meldungen in den Vordergrund zu drängen ersuchen (hallo N-TV, Springer-Verlag, Spiegel).

Deshalb fliege ich selbst nach Athen. Ich will mit eigenen Augen in die Augen der Menschen sehen, die (scheinbar) vor der Hölle ihres Lebens geflohen sind und in der Hauptstadt Griechenlands festsitzen. Fragen stellen, Fotos machen und vor allem: Zuhören.

Und aus erster Hand erfahren, wie diese Kinder, Schwangeren, Brüder, Verletzten, Großväter und Geschwister mit ihrer Situation umgehen. Was das Abschotten Europas konkret mit dem Leben dieser Menschen macht, die genauso fühlen, wie wir. Das sichtbar zu machen, ist mein Anliegen.

Wer mein Anliegen unterstützen möchte, kann das gerne tun: Über http://paypal.me/martingommel oder Überweisung: IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC KARSDE66XXX (Stichwort: Athen).

Ich danke Euch für Euer Vertrauen.
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Wer schweigt, mordet mit – Eine kurze Zusammenfassung europäischer Asylpolitik

Es vergeht kein Tag, an dem nicht türkische Grenzsoldaten Geflüchtete mit Gewalt angehen oder gar erschießen. Und ich frage mich: Wie lange will unsere Regierung noch vor Erdogan knien?

Dieser Pakt mit Erdogan erfordert ein Schweigen zu aktivem, bewussten und gewollten Morden. Einem Ermorden von Menschen, die vor dem Tode fliehen.

Mich macht das Schweigen wütend. Denn es ist kein Schweigen, das neu oder gar zufällig ist. In Idomeni nehmen sich Geflüchtete vor lauter Hoffnungslosigkeit das Leben, im Mittelmeer ersaufen jeden Tag Kinder und an der türkischen Grenze werden sie erschossen.

In Sizilien werden sie eingesperrt, obdachlos oder versklavt, und das Mittelmeer ist voll mit Kriegsschiffen, bis zu den Zähnen bewaffnet. Auf griechischen Inseln kommen sie in sogenannte Hotspots, die ohne zu Übertreiben Gefängnisse genannt werden können.

Wer nach Europa kommt, um vor dem Krieg zu fliehen, fällt einem rassistischen und kapitalistischen System in die Arme, das schweigend dabei zusieht, wie die Schwächsten sterben.

Und sollten sie das nicht von alleine tun, gibt es einen Befehl zum Gebrauch der Schusswaffe, dem kein Mensch in der oberen Riege widerspricht – und dem die fucking AfD noch tosenden Beifall leistet.

Solange unsere Persönlichkeiten ganz oben, sogenannte Poltiker*innen dazu schweigen, werden unsere ach so »christlichen« Werte sind Alibiwerte bleiben, die wir getrost in die Tonne treten können.

Wer schweigt, mordet mit.
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Ich drehte mich um und sah ihm in die Augen. Etwa halb so groß wie ich und eingemummelt in eine Winterjacke musste er mich minutenlang beobachtet haben. Ich reichte ihm die Hand. Der kleine Junge bewegte den Mund und bekam gerade so seinen Namen heraus: Amir.

Ich lud ihn ein, mit mir ein paar Schritte über das Idomeni-Camp zu gehen und mich bei meiner Arbeit zu begleiten. Still trottete er neben mir her und schaute auf. Ab und zu reichte ich ihm die Kamera und zeigte ihm, wo der Auslöser sitzt. Klick. Klicklick.

Kein Wort ging über die Lippen des kleinen Menschen. Da er jedoch nicht davonlief oder wie die anderen Kinder lachend umhersprang, ließ ich ihn meinen Begleiter sein. Wir waren ein Team. Ich fotografierte, er fotografierte. Ohne Worte.

Doch das Schweigen des Kindes endete, als wir auf den Schienen nahe der griechisch-mazedonischen Grenze ein Mädchen und dessen Eltern trafen, die ich interviewen wollte. Die Kleine sprach nur Arabisch. Und Amir begann, einfach so, zu übersetzen. Arabisch-Englisch und Englisch-Arabisch. Ihr könnt mir glauben: Ich hatte das breiteste Grinsen im ganzen Camp.

Nachdem wir die Familie verlassen hatten, erzählte Amir von seiner Herkunft. Er sei 10 Jahre alt, aus Palästina, lebte jedoch in Syrien. »Damasssskus, yes, Damasssskus.« Er hob den Finger in Richtung Norden und zeigte mir das Zelt, das er sich mit seinem Onkel teilte. Dieser begrüßte mich freundlich, wuschelte Amir über die Kopf und meinte: »His father is in Germany«.

Und die beiden saßen hier fest. Ich schluckte. Stellte keine weiteren Fragen, auch nicht nach der Mutter. Amir reichte mir die Hand und ich verabschiedete mich. Ich wünschte ihm das Beste. Und wusste: Das beste kann nur sein, möglichst bald nach Deutschland zu kommen. Was nicht passieren würde.
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P.S. Möchtest Du meine Berichterstattung unterstützen? Das geht ganz leicht über http://paypal.me/martingommel oder per Überweisung: IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 |BIC KARSDE66XXX. Ich danke Dir von Herzen.
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Suizidversuch einer Geflüchteten

Idomeni, Griechenland. Das tiefe Schwarz überdeckte das Camp an der BP-Tankstelle und es roch nach frischem Lagerfeuer, als eine Menge aufgebrachter Menschen auf uns zurannten. Das, was in den folgenden Minuten geschehen sollte, brannte sich in mein Gedächtnis ein, wie kaum eine andere Begegnung.

Ich war an diesem Tag mit dem Arzt Joost Rot, Matthias Wiedenlübbert (Krankenpfleger) und Katja (Hebamme) unterwegs. Joost und Matthias hatten gerade eine langwierige Behandlung vollendet und tauschten Kontaktdaten mit den Verwandten des Patienten aus, als wir von der oben genannten Gruppe unterbrochen wurden. Ein Arzt werde gebraucht. Jetzt. SOFORT!

Die Gruppe lotste uns zu einem Zelt, wo eine Frau zusammengekauert und kaum atmend auf dem Boden lag. Neben ihr reihten sich leere Blister diverser Schmerztabletten. Suizidversuch.

Um uns eine Traube von Geflüchteten, die erwartungsvoll, aber besonnen wissen wollte, was passiert sei. Katja, die Hebamme, rief sofort einen Krankenwagen.

Ich atmete tief durch. Die Kamera hatte ich in der Eile im Auto gelassen – und ich wollte jetzt auch keine Fotos machen. Mit einem Fuß im Zelt übersetzte ich zwischen Joost und den konsternierten Geflüchteten hin- und her, gab Stimmungsbilder und Neuigkeiten, die ich über die Frau erfuhr, an die Behandelnden weiter.

Es stellte sich heraus, dass die Geflüchtete ein gebrochenes Bein und Epilepsie hatte. Da sie keine Syrerin war und es für chronische Krankheiten in Idomeni keine medizinische Versorgung gibt, habe sie sich aus lauter Verzweiflung das Leben nehmen wollen. Während ich ins Zelt schaute, hörte sie auf, zu atmen. Ihr Mann stand neben mir. Offene Augen. Besorgte Blicke. Die Zeit blieb stehen.

Als sie krampfend wieder Luft holte, spürte ich Erleichterung, doch ich wusste, dass die Gefahr nicht gebannt war. Wo blieb der verdammte Krankenwagen? Joost und Matthias taten ihr bestes, die Frau emotional und körperlich zu versorgen, jedoch waren auch ihre Mittel begrenzt. Und die Frauen und Männer um uns herum wurden langsam ungeduldig.

Als nach geschlagenen 45 (!) Minuten die fahrende Ambulanz endlich auf das BP-Gelände fuhr und die etwas verunsicherten Sanitäter die Frau in den Krankenwagen trugen, rannte ich schnell zum Auto und holte meine Kamera. Ich wusste, dass ich nur ein Foto bräuchte, damit ich hinterher glaubhaft darüber berichten konnte. Dabei achtete ich darauf, dass die Frau nicht zu erkennen war.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie überlebt hatte. »Das war knapp«, dachte ich und war froh, dass sie es geschafft hatte. Und gleichzeitig spürte ich erneut eine Wut auf die fahrlässige Asylpolitik Europas. Ich spürte plötzlich eine neue Abscheu gegen das sogenannte »Außengrenzen schützen«, das hier beinahe einer Geflüchteten das Leben gekostet hätte. Mir war klar: Dieser Suizidversuch war kein Einzelfall, sondern nur die Spitze von der Spitze des Eisberges.

P.S. Möchtest Du meine unabhängige Arbeit unterstützen? Das geht ganz einfach via http://paypal.me/martingommel oder Überweisung: IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC KARSDE66XXX. Ich danke Dir sehr.
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Das ist Wajd (gesprochen: Wuahschd) und ich traf sie eines Nachts, als ich mich auf den Schienen, die das Camp Idomeni durchziehen, kurz ausruhte.

»My friend!« wurde ich von zwei jungen Männern gerufen, »Come over here!«. Keine zwei Minuten später befand ich mich, umgeben von einer syrischen Großfamilie aus Idlib, in einem Gespräch über Heimat, Flucht und Tod.
Die 17-jährige, sympathische und schlaue Wajd übersetzte vom Englischen ins Arabische und konnte zu meinem Erstauen auch etwas Deutsch – ihre beiden Eltern unterrichten verschiedene Sprachen an einer Universität.
»Die Grenze muss sich öffnen. Dringend. Und hoffentlich vor Ramadan«, eröffnete mir Wajd's Mutter, die anlässlich ihrer prekären Lage vor mir in Tränen ausbrach. Denn wie alle anderen 1,6 Milliarden Muslime der Welt werden auch sie zu Beginn des Monats Juni 2016 tagsüber weder essen noch trinken.

»Wir können nicht anders. Das ist unsere Religion.« Die gesamte Familie zeigte sich sehr besorgt, denn in der schwelenden Hitze Griechenlands und den nicht vorhandenen Möglichkeiten, in den Schatten zu gelangen, würde dies für viele Geflüchteten in Idomeni enorme gesundheitliche und psychische Folgen haben.

Ich versuchte, mir auszumalen, was passieren würde, wenn ein Großteil von 12.000 Menschen in der brennenden Sommerhitze von heute auf morgen aufhört, tagsüber jegliche Nahrung zu verwehren. Mir wurde sofort klar, dass die Anzahl medizinischer Notfälle rapide in die Höhe steigen würde.

Alternative (und gefährlichere Routen) nach Deutschland waren für die Familie keine realistische Lösung. Unser Gespräch nahm eine Wendung, als Wajd, die während des Gespräches immer wieder zu einem großen Topf über dem Feuer gehüpft war, alle Anwesenden zum Essen einlud. Mich mit eingeschlossen.
Ich lehnte stickt ab. Ich wollte die Situation der Syrer*innen unter keinen Umständen ausnutzen. Doch als mir verdeutlicht wurde, dass dies in ihrer Kultur unfreundlich wäre und ich annehmen musste, willigte ich zögernd ein. Es gab Spaghetti, die in der Nacht zuvor von Helfer*innen verteilt wurde – mit einer wunderbar würzigen Gemüse-Sauce auf Plastiktellern.

Wir genossen das Essen und lachten lauthals gemeinsam über die Ulkigkeit diverser Bräuche in unterschiedlichen Kulturen Ich machte noch ein Gruppenfoto und tanzte zum Abschied mit der gesamten Familie zu arabischer Musik, die aus ihren Smartphones ertönte.

Als ich die lachenden Gesichter sah, empfand ich einen tiefen Frieden: Dieser Moment war wein kleiner Sieg über die Unbarmherzigkeit europäischer Asylpolitik. Doch der große Kampf stand den Menschen, die ich hier zurückließ, noch bevor.

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Sein Blick durchbohrte mich, vielleicht, weil er nur ein Auge hatte. Naijib, einer der 12000 Geflüchteten in Idomeni, schaute schnurstracks in die Kamera, als ich den Auslöser durchdrückte.


Der hübsche Mann mit schwarzem, vollem Haar verlor ein Auge bei einem Bombenabwurf in seiner Heimat, der Millionenstadt Homs im Süden Homs. 


Ein Splitter durchbohrte seinen Hinterkopf und drückte sein rechtes Auge auf der anderen Seite mit hinaus. Najib bekam im syrischen Krankenhaus ein Ersatzauge, das er lange tragen konnte. 


Doch bei den Auseinandersetzungen mit der mazedonischen Armee hier in Griechenland wurde auch er mit Pfefferspray beschossen – und musste das künstliche Auge herausnehmen, da sich die Haut darunter entzündet hatte. 


Als ich ihm bekundete, dass es mir leid tat, was ihm widerfahren sei, drückte er meine Hand fest und versicherte, dass alles in Ordnung sei. 


Erst hinterher fand ich in meinen Notizen die kurze Anmerkung, dass Najib bei dem Bombenbwurf seine Schwester verloren hatte. Sie wurde acht Jahre alt.
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