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Martin Gommel
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Auf dem Boden

»Ibrahim. 36. Aus Syrien. Seit einem Jahr. In Deutschland.« In der Küche von Moabit Hilft am Berliner LAGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) steht ein schlanker, gepflegter Mann in schwarzer Winterjacke und antwortet mir in kurzen, präzisen Sätzen auf deutsch.

Ibrahims Heimat ist »al-Hasaka« in der nordöstlichen Region Syriens. Als er dort vor mehr als einem Jahr über den Irak in Richtung Europa floh, verließ er Eltern, Geschwister und einen gelähmten Bruder. Als Taxi-Fahrer hatte er in der Region sein Geld verdient – ein Beruf, den ihm das BAMF ein Jahr später nicht abnehmen würde.

Doch weil er nicht für die Assad-Regierung in den Krieg ziehen wollte, floh er. 18 Tage ingesamt 3000 € kostete ihn der harte Weg, den er nicht selten zu Fuß und meist mit Fluchthelfern bestritt.


Erst in Hamburg, dann in Berlin angekommen fand er sich mit über 1000 Menschen in einem Camp wieder. »Frauen auf der einen, Männer auf der anderen Seite« erzählt er mit müdem Blick. Das Camp in der Turnhalle sei nur mit vier Toiletten und vier Duschen ausgestattet. Ganze neun Monate harrte Ibrahim aus.

Doch als dann zusätzlich 140 kranke Geflüchtete förmlich in die Halle gedrückt wurden, konnte er nicht mehr. Mit sieben Leidensgenoss*innen entschloss er sich, vor der dem Camp, das eine umfunktionierte Turnhalle war, für bessere Bedingungen zu demonstrieren.

»Dann sind wir hierher gegangen, zum LAGeSo, um beim Amt um Rat zu bitten.« Ohne Erfolg, denn ihnen wurde empfohlen, in einer ähnlich großen Halle in Berlin-Tempelhof Obdach zu suchen.

Ibrahim und seine Freund*innen reichte es. Sie entschieden sich, 12 Tage vor dem LAGeSo auf dem nackten Boden zu nächtigen und starteten einen 3-tägigen Hungerstreik. Wiederum ohne Erfolg. Stattdessen wurden sie von aggressiven Securities drangsaliert und täglich von Polizist*innen aufgefordert, zu gehen.

Bis heute lebt Ibrahim nun mit seinen Freund*innen und 400 weiteren Geflüchteten in einer Notunterkunft in Tempelhof. In ganz Berlin sind es laut Deutschlandfunk immer noch über 21.000 Geflüchtete, die wie er in Notunterkünften leben müssen – und der Frust steigt bei allen.

Ibrahim klagt über quälende Rückenschmerzen, die ihn mittlerweile dazu zwingen, nicht auf einer Matratze zu schlafen, sondern auf dem Boden der Unterkunft. Als ich ihm die Hand zur Verabschiedung reiche, sitzt er längst auf einem Stuhl, da er nicht lange stehen kann. Ich schaue ihm in die Augen und hoffe, dass er bald in eine bessere Zukunft blicken kann.

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Wenn Du willst, dass ich weiterhin über das Thema Flucht schreibe und das Leben von Geflüchteten dokumentiere, kannst Du mich gerne via http://paypal.me/martingommel oder Überweisung (IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 –BIC KARSDE66XXX dabei unterstützen). Ich danke Dir für Dein Vertrauen.
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Bleib stark, Ibrahim

Endlich. Nach zähen Verhandlungen gestattet mir der Koordinator einer besetzten (ehemaligen) Schule, Aufnahmen zu machen. Die Sonne brennt auf die griechische Hauptstadt, doch im Schatten des gewaltigen Gebäudes durchzieht eine angenehme Kühle die Räume. Kinder flitzen singend über den langen Flur und jedes Geräusch erhallt bis in den dritten Stock.

Es ist Anfang Juni 2016 und ich bin in Exarcheia, dem anarchistischen Viertel Athens in Griechenland.


Auf dem Weg zum Schulhof tippt mich ein kleines Kind von der Seite an und möchte mit mir sprechen. Kugelrunde, leicht gläserne Augen schauen mir ins Gesicht und der etwas abgewetzte Pyjama deutet an, dass das Kind hier zumindest vorübergehend zuhause ist. Ibrahim ist 9 Jahre alt.

Ich versuche es auf Englisch und erkundige mich nach der Herkunft. »I’m from Halab, Syria«, erklärt Ibrahim. Halab bedeutet in einer Transliteration der arabischen in die lateinische Schrift »Aleppo«. Eine Stadt, deren Namen ich in den letzten Monaten immer wieder gehört habe. Nein, nicht, weil Reisecenter Aleppo als Urlaubsziel anpreisen, sondern weil Geflüchtete die Stadt ob des tötenden Krieges verlassen mussten.

»My father is… Netherlands« berichtet Ibrahim in abgehacktem Englisch und ich gehe davon aus, dass der Vater schmerzlich vermisst wird. »Mother…«, erklärt mir das Kind in und zeigt nach oben. Die Schwester, 30 Jahre alt, sei noch in Syrien – und die Mutter habe bei der Geburt ein Baby verloren.

Ich denke nach. Der Vater – schon am Ziel. Ein Baby – tot. Die Schwester – vielleicht in großer Lebensgefahr und möglicherweise auch… bald… tot. Was machen diese Umstände wohl mit Ibahim?
Der Horror des Krieges dem Kind tiefe Wunden geschnitten haben, innen drin. Wovon träumt es nachts? Wenn dieser kleine Mensch auf sein Leben zurückblickt, was erwartet er dann von der Zukunft?

Moment mal. Welche Zukunft? Europa hat sich auch diesem Schutzsuchenden verschlossen. Kein Erbarmen, stattdessen Stacheldraht, Polizei und mazedonisches Militär im Norden Griechenlands. Dass Ibrahim hier nicht lange bleiben kann, ist klar, denn die Athener Einsatzkräfte werden bald damit beginnen, besetzte Häuser mit Gewalt zu räumen.

Nach ein paar Aufnahmen verabschiede ich mich von dem kleinen Menschen, packe meine Sachen und schlendere zum Schulhof. Ab und an spickt Ibrahim nach draußen und winkt mir zu.

Mach es gut, kleines Wesen. Ich werde Dich und Deine Geschichte nicht vergessen. Und ich wünsche Dir von ganzem Herzen eine Zukunft ohne den Verlust weiterer geliebter Menschen an Deiner Seite. Mögest Du stark sein, wo auch immer Du jetzt bist. Ich hoffe, es geht Dir gut, Ibrahim.

Wenn Ihr mich dabei unterstützen wollt, dass ich weiterhin Menschen auf der Flucht wie Ibrahim dokumentiere, könnt Ihr das gerne über paypal.me/martingommel tun. Ich danke euch von Herzen.
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2016-08-17
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»Seht mich an«

April 2016, griechisch-mazedonische Grenze. Eine angenehm kühle Brise fegte über den angebrochenen Abend, als ich über das Camp Idomeni schlenderte. Es roch nach frisch entzündetem Holz und die Geflüchteten saßen an lodernden Lagerfeuern, um darauf zu kochen.

Einen Steinwurf von den zur Grenze reichenden Gleisen entfernt sprang eine Hand voll Kinder umher, lachend, und kreischend. Natürlich blieb meine Kamera nicht unentdeckt und keine zwei Sekunden später bildete sich eine Traube hüpfender Glitzeraugen um mich herum.

Sie posierten wie weltberühmte Rockstars, sprangen mit gierigen Augen auf und ab, um einen Blick auf mein Display zu ergattern.
Eines der Kinder war anders. Es stellte sich vor mir auf, verschränkte beide Arme hinter dem Kopf und schaute mich an.

In diesem Moment funktionierte ich einfach und machte ein Foto – doch der Stolz und das Selbstbewusstsein des kleinen Geflüchteten imponierten mir.

Wir konnten nicht miteinander sprechen. Nicht mit unseren Lippen. Doch heute, wenn ich mir dieses Foto ansehe, dann spricht dieses Kind so viel. Denn sein Aufrecht-Bleiben empfinde ich wie einen unscheinbaren Triumph – und in den Augen des Kindes finde ich so einige Fragen.

Die geliebte Heimat zu verlassen, um in ein fernes Land zu reisen, musste Angst einflößend sein – und die Gründe für die Flucht waren bestimmt nicht an ihm vorbeigegangen. Und nun war der tägliche Anblick dieses Kindes allerschärfster Stacheldraht, bewaffnete Männer und Dreck. Doch all das hatte den Blick des Kindes nicht auf den Boden zwingen können.

Was dieses Kind mir heute auch sagt ist:

»Seht mich an, ich bin auf der Flucht. Ich bin genauso viel wert, wie ihr. Könnt ihr das nicht sehen? Wovor habt ihr solche Angst, dass ihr mich mit Stacheldraht aufhalten wollt?«

Nach ein, zwei Fotos war der Kleine in der von der Abendsonne umhüllten Staubwolke spielender Kinder verschwunden Eine kurze Begegnung, über die ich noch lange nachdenken würde. Mach es gut, kleiner Mensch. Wo auch immer Du jetzt bist, bleibe aufrecht.

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Ich möchte, dass Du versuchst, Dich zu erinnern: Was hast Du im Alter von 16 Jahren gemacht? Ich jedenfalls war in einer Band, habe gekifft und die meiste Zeit mit meinen Freunden im Proberaum abgehangen. Die Schule war mir egal und ich war verliebt in drei verschiedene Mädchen.
Ahmadyari ist auch 16, doch er ist nicht zuhause bei seinen Eltern und fünf Geschwistern. Der junge Iraki floh auf eigene Faust, sein Vater hatte ihm erlaubt, das Land zu verlassen.
»Ich musste weg, denn ich hätte zum Kriegsdienst eingezogen werden sollen. Ich wollte aber nicht und deshalb war mein Leben in Gefahr«. So zog der Junge los und gelangte über Pakistan, Iran nach Izmir (Türkei) und setzte dort über.
In von seiner Muttersprache eingefärbten Englisch holt er weiter aus: »Das Boot von Izmir nach Lesbos war viel zu voll und wir hätten auf dem offenen Meer alle sterben können. Doch zurück ging nicht mehr, zuhause ist doch Krieg.«
Krieg. Sterben. Meer. Das alles klingt in meinen Ohren so weit weg, so abstrakt, so unnahbar. Und doch treffen mich die Worte Ahmadyaris direkt ins Herz – und je mehr er mir erzählt, desto klarer wird mir erneut, was es bedeutet, zu flüchten.
Dann fällt ein Wort, das mich sofort in die Vergangenheit zurückversetzt: Idomeni. Dort hielt sich Ahmadyari zwei Monate lang auf und wurde ob des üblen Wetters eine Woche lang krank – wie so viele Geflüchtete.
Seit ein paar Wochen darf er nun im besetzten »City Plaza Hotel« in Athen wohnen, gemeinsam mit drei anderen Jungs aus Afghanistan. Ahmadyari sehnt sich nach Deutschland, will hier nicht bleiben.
»Meine Tante leibt in Dortmund, zwei Cousins in Berlin und einer in Frankfurt.« Ob er jemals Asyl bei seinen Verwandten gewährt bekommt? Wieder erinnere ich mich an sein Alter.
Alleine auf der Flucht zu sein, das ganze Leben noch vor ihm muss unfassbar angsteinflößend sein. Mach es gut, Ahmadyari. Falls Deine Reise nach Deutschland führt, hoffe ich, dass Du nicht abgeschoben wirst. Dein Leben wäre wieder in Gefahr.
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»Ich habe die Leichen gewaschen«

Es war mein letzter Tag in Athen und ich wollte nur noch ausruhen. Mit einem frischen Milchkaffee entspannte ich vor dem autonomen Cafè am Exarcheia-Square und streckte beide Füße von mir.

Neben mir saßen Sparrow, seine Freundin und Anarchist*innen des
Viertels, die sich energisch auf Englisch über politische Themen unterhielten und immer wieder ins Griechische abdrifteten.

Die lauwarme Abendsommerluft stieß trocken über die Straßen und streichelte unsere Beine, als ein bärtiger Kollege mit umgedrehtem Cap einen Stuhl an den Tisch zog und mitdiskutierte Er sah mich an. »Hey, ich bin Dimitri. Warst Du nicht auch auf Lesbos? Ich habe Dich gesehen«.

Ich blinzelte kurz, schüttelte meinen Kopf und blickte Dimitri irritiert an, so wie Kühe gucken, wenn ein Raumschiff auf der Weide gegenüber eine Herde Schafe einsaugt. »Du warst auf Lesbos? Ich hab Dich nicht einmal bemerkt!« reagierte ich über schlug mit ihm ein (ihr wisst schon, Ghettofaust).

»Ja. Eigentlich wollte ich im Campbau-Bereich was machen, aber dann…« Ich hätte mich wohl besser festhalten sollen, denn in den nächsten Minuten sank ich förmlich in das Cafèstühlchen und ein tiefer Stich durchbohrte meine Seele.

»Ich habe die Leichen gewaschen und begraben« fuhr Dimitri fort. »Das Krankenhaus in auf Lesbos weigerte sich, die Ertrunkenen zu versorgen, die die Überfahrt nicht geschafft hatten. Also habe ich es gemacht.«

Mir wurde etwas schwindelig. »Oh fuck.« Mehr kam aus meinem Mund nicht heraus, alles andere kam mir wie ein Tritt in die tausenden Fettnäpfchen vor, die wie ein Minenfeld nano-sekündlich aufploppten.

»Ja. Ich habe Eltern, die ihre Kinder bei der Überfahrt verloren haben, dann zu ihren toten Kindern geführt. Schauen sie, das ist ihre Tochter.« Oh nein. Oh nein. Oh. Nein. Das konnte und musste doch ein Traum, ein Film, irgendwas sein. Ich fühlte, wie mir Kälte in die Beine fuhr und eine bittere Übelkeit meinen Hals erfüllte.

Dimitris Blick war gerade und konzentriert. Er setzte an: »Wenn Leichen lange im Wasser liegen, dann saugen sie sich voll und werden sehr groß. Einmal wollten wir einen toten Menschen aus dem Meer ziehen, da hatte ich den ganzen Arm abgerissen.«

Ich beschloss, einfach nichts mehr zu sagen. Jedes Wort kam mir so falsch vor. »Als ich zurückkam und in einer Küche jobbte, gab mir der Koch ein Hähnchen in die Hand. Ich hatte ein Déjà-vu und ließ das Hähnchen sofort fallen, denn es erinnerte mich an eines der toten Babies.«
Ich schwieg.

»Ich bin mit perversen Depressionen von Lesbos nach Hause gekommen. Ich kämpfe noch immer. Albträume. Furchtbare Albträume.«

Die umsitzenden Anarchistinnen bestätigten mir die Worte des schmalen Aktivisten. Er wäre der erste gewesen, der die Verantwortung übernommen hatte. Dimitri ergänzte, dass er aufgehört hatte, die Leichen zu zählen, die er versorgt hatte.

Bis in den Abend hinein sprach ich mit Dimtri über Politiker*innen, Polizeigewalt und die Asylpolitik der EU. Der junge Mensch mit dem funkelnden Blick hatte mir den Atem geraubt. Nur selten fielen mir passende Worte und ich konnte nicht anders, als ihm zu danken.

Auch jetzt, während ich diese Zeilen tippe, fühlen sich die Tasten wie Stolpersteine an, meine Finger frieren schier ein und mein Puls ist beinahe hörbar. Ich denke an Dimitri, wie er lächelnd vor mir saß und diese unfassbar klare Entschlossenheit, die er ausstrahlte. Bleib stark, mein Dimitri, Du bist ein Held für mich.


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»Dedicated to the Poor and Homeless here & around the globe«, Exarcheia, Athens, Greece
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Und sie strahlte

Athen vor 4 Wochen. Nach ewigem Hin-und Her hatte ich endlich die offizielle Erlaubnis bekommen, in einem der besetzten Häuser für Geflüchtete zu fotografieren. »Squats« nennen die Anarchist*innen die Häuser, und diesmal handelte es sich um eine ehemalige Schule, die jahrelang leergestanden hatte.

Im Squat lebten mehrere hundert Geflüchtete, die bisher obdachlos gewesen waren. Im ehemaligen Schulhof sprangenen Kinder Bällen hinterher und tobten sich in der Nachmittagssonne aus. Die trockene Sommerluft bließ ab und zu Kühle unter meine Arme. Ich warf mir die Kamera über die Schulter und spielte mit zwei Jungs ein paar Runden Basketball, mit einem ovalen Ding, das nur mit viel Phantasie an einen echten Ball erinnerte.

Als ich mich auf die Treppe setzte, um einwenig durchzuschnaufen, bildete sich eine kleine Traube um mich. Mädchen und Jungen wuselten auf und ab, wollten durch den Sucher der Kamera sehen und mich fotografieren. Unter den Kindern war auch das oben abgebildete Mädchen. Es guckte mir in die Augen und… lächelte.

Sie sagte nichts, und doch so viel. Ich konnte in ihren Augen ablesen, dass sie glücklich war, hier zu sein. Hier, in Sicherheit. Nicht auf der Straße. Mit anderen Kindern. Und sie strahlte eine Art Unbeschwertheit aus, die ich so häufig bei Kindern auf der Flucht entdecke.

Das Mädchen mit den quirligen Locken erinnerte mich an meine eigene Tochter und ich spürte, wie wichtig ein Schutzraum für die Kleinsten, die Verletzlichsten, die Schwächsten doch ist.

Als ich gerade nach ihrem Namen fragen wollte, war sie schon wieder verwunden und hüpfte kreuz und quer über den Pausenhof.
Mach es gut, kleines Mädchen. Mögest Du in Sicherheit und Geborgenheit aufwachsen und der Hölle der Flucht niemals wieder begegnen.



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Bejfar musste fliehen. Weil er ein DJ ist.

Athen. Im Treppenhaus des von den Anarchist*innen besetzten City Plaza Hotels gebe ich einem Mann mit femininen Gesichtszügen und tiefschwarzen Augen spontan die Hand. »How are you, my friend?« werde ich gefragt und innerhalb von Sekunden habe ich das Gefühl, mich mit einem langjährigen Verbündeten zu unterhalten. Wir sprechen Englisch.

Und Bejfar ist Iraner. Zuhause in Teheran liebte er es, andere Menschen mit Musik zu beglücken und das wurde ihm zum Fallstrick. »Weil ich ein DJ bin«. Der junge Mann bekommt diesen Satz nur schwer über die Lippen und spüre, wie es ihn erneut trifft, sich daran zu erinnern.

»Ich habe Nachts in den Parks aufgelegt. Trance und so. Irgendwann kam die Polizei und hat alles mitgenommen. Mein komplettes Equipment im Wert von 10.000.« Die Augen Bejfars weichen mir jetzt aus, sie sind traurig, so wie eine Mutter traurig ist, die ihr Kind verliert, das gekidnappt wird. »Oh nein. Das tut mir leid«. Das Auflegen war »sein Baby«. Sein alles.

»Aber warum?« Ich wollte jetzt wissen, was so schlimm daran ist. In mir stellt sich alles quer, das zu akzeptieren und mir war klar, dass meine Frage in seinen Ohren sehr naiv klingen musste.

»Wegen der Musik. Im Iran ist Party machen und Tanzen etwas Schlechtes.« Ich konnte es nicht fassen. »Und deshalb musstest Du fliehen?« »Ja. Mit meinen Eltern und meinem Bruder. Wir waren nicht mehr sicher.«

Später treffe ich Bejfar erneut, unten in der Kantine des Hotels. Er fotografiert mich, wie ich Kinder fotografiere und bastelt an seinem Handy ein kleines Kunstwerk aus dem Portrait. Bejfar hat eine musische Begabung. Und die ist nicht zu übersehen.

Während ich nun zuhause an meinem Rechner diese Zeilen tippe und erinnere, wie Pegida, AfD und Nazis gebetsmühlenartig Ängste von »jungen, aggressiven Männern« schüren, fällt mir erneut auf, dass all das so fies, bösartig und oberflächlich ist.

Denn Menschen wie Bejfar sind eine Bereicherung – für jeden Ort dieser Welt. Ihre Stille, Sensibilität und Kreativität sind natürlich nicht sofort sichtbar, dafür ist schon echtes Interesse notwendig. Ich hoffe so sehr, dass er niemals ein Opfer fremdenfeindlicher Gewalt wird.

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Abendstimmung in Athen
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Bettelnd in Athen

Ich hatte sie schon von weitem mit ausgeleiertem Kinderwagen langsam durch den Pedion tou Areos, einen der größten Parks in Athen krakseln gesehen, als sie nun an der spitzen Straßenecke in Exarcheia vor mir stand.

Tiefblaue Augen schauten mich hilfesuchend an. Eine Frau, nicht ungepflegt und in gepunktetem T-Shirt öffnete ihre Hände. Sie bettelte. Ich wollte – und konnte – nicht wortlos vorbeigehen.

»Baby, Baby« flüsterte sie mit schwacher Stimme, streckte drei Finger vor ihr Gesicht und stammelte einige Sätze auf Griechisch, die ich nicht verstand. Ich kramte in meinem Geldbeutel und hinterließ ihr ein paar Euro. Mit schlechtem Gewissen durchaus, denn ich wusste überhaupt nicht, was angemessen ist, und was nicht.

Mit ihren großen Händen zog die Bettelnde ihr Oberteil leicht nach oben, sodass eine Narbe im Abendlicht zu sehen war, die ich für einen Kaiserschnitt hielt. Über dem Schnitt erkannte ich schwarze Zahlen und rätselte einen Moment, wer sie wohl dorthin gefunden hatten.

Diese Mutter, deren Namen ich nicht erfuhr, sah vom Leben gezeichnet und gebeutelt aus. »Sind sie müde?« fragte ich auf englisch und legte meinen Kopf zur Seite, beide Hände darunter, wie ein Kissen; um gleich darauf 1:1 von der Frau mit den tiefblauen Augen gespiegelt zu werden.

Diesen Moment hielt ich mit der Kamera fest, die Griechin hatte zuvor mit einem Nicken zugestimmt, dass ich sie fotografieren durfte.

Nachdem ich mich verabschiedet hatte, dachte ich noch eine Weile über die Armut dieses Landes nach, dessen Arbeitslosenquote sich zwischen 2008 und 2012 verdreifacht hatte und das heute auf Rang 2 der höchst verschuldeten Länder weltweit ist.

Nun hatte ich ein Gesicht, ein Gefühl, einen Menschen zu dieser Statistik. Eine Frau, die wohl zu den Ärmsten gehört und die mit großer Sicherheit müde vom Leben war. Friede mit Dir, gute Frau. Mit Dir und Deinen drei Kindern.

P.S. Da ich ganz bewusst nicht im Auftrag großer Medienhäuser arbeite, kann meine Arbeit unabhängig bleiben. Wenn Ihr mich dabei unterstützen wollt, könnt Ihr das gerne via paypal.me/martingommel oder Übweisung (IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC KARSDE66XXX) tun. Ich danke Euch von Herzen.
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