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Martin Gommel
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Martin Gommel

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Es ist kein guter Tag für Baden-Württemberg. Über Twitter bekomme ich gegen 11 Uhr eine Direktnachricht eines Freundes: „In Remchingen hat anscheinend auch eine Unterkunft gebrannt.“ Ich antworte mit „Fuck :(“. 

Ich finde heraus, dass ein Heim, in das Geflüchtete aufgenommen werden sollten, von Freitag auf Samstag Nacht (heute) abgebrannt wurde. Zum Glück waren noch keine Flüchtlinge untergebracht und niemand wurde verletzt. 

Remchingen im Enzkreis ist keine 20 km von Karlsruhe entfernt und so packe ich meine Kamera ein und fahre los. Dort angekommen, frage ich mich durch und bekomme kuriose Antworten. 

Nachdem ich schon herausgefunden habe, dass das Heim nicht in Remchingen-Wilferdingen, sondern in Remchingen-Singen steht, halte ich kurz an und frage durchs Fenster einen Mann, der gerade mit seinem Sohn das Auto wäscht. 

„Können Sie mir sagen, wo hier das Asylheim ist, das abgebrannt ist?“ Der Mann lächelt und gibt mir mit breitem Grinsen Anweisungen, wie ich zu fahren habe. Etwas irritiert versuche ich das Heim zu finden und halte in der Nähe der Brücke, von der mir der Mann erzählt hat und öffne die Türe eines Ladens. 

„Asylheim? Hier gibt es ein Heim für Asyl?“ antwortet ein Mann in Arbeitskleidung und schickt mich zur einer Werkstatt gegenüber. Der Werkstattleiter weiß mehr: „Ja, schauen sie, dort, hinter diesem Bau.“ Keine 200 Meter sind es noch. 

Ich fahre um eine Kurve und schon stehe ich davor. Hinter Absperrbändern stehen unterschiedliche Autos und Polizisten schwirren um ein Haus, dem sofort anzusehen ist, was passiert ist. 

„Was wollen Sie?“ werde ich von unfreundlich von einer Polizistin angeraunt. „In Deutschland gibt es eine Pressefreiheit“ antworte ich und werde durchgelassen. 

Ich stehe vor diesem Gebäude, und – wie immer – funktioniere ich. Mache ein paar Aufnahmen aus unterschiedlichen Positionen und verabschiede mich freundlich von den Polizisten (und bekomme dieses Mal eine höflichere Antwort). 

Während ich meine Kameratasche im Auto verstaue, läuft ein Mann mit seinem Sohn vor das Absperrband. Ich spreche ich an: „Was halten Sie davon?“ und er antwortet besorgt: „Das macht mir Angst.“ 

Ein kleines Gespräch entwickelt sich mit einem Mann, dessen Sohn zwischendurch immer wieder Fragen stellt wie: Warum haben die Polizisten Schutzkleidung an? 

Er wäre nachts gegen 12 Uhr hierhergekommen, nachdem er gehört hätte, wie viele Feuerwehrautos durchs Dorf gefahren wären. „Ich war hier. Ich habe Angst.“

Dieser Mann erklärt mir deutlich und sicher: „Ja, ich kann mir schon vorstellen, dass das Leute hier aus dem Dorf waren.“ Es gebe einige hier, denen es nicht passt, dass sich Helfer für die engagieren wollten, „die gar nichts haben.“

„Ich habe auch Angst davor, dass jetzt Leute sagen, das wäre ja nicht so schlimm, weil ja keine drin waren.“ Wir schütteln beide mit dem Kopf. Ich verabschiede mich und wünsche „dennoch ein gutes Wochenende“. 

Es ist ein mulmiges Gefühl, das ich dabei habe, denn ich weiß: Kein gutes Wochenende für Baden-Württemberg und erst recht keines für Remchingen.
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Patrice Brenner's profile photoFlora Pennacchia's profile photo

Martin Gommel

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Kosovo: Wir fahren nach Mitrovicë (einer Stadt im Norden die in zwei Teile geteilt ist, in denen jeweils Serben oder Albaner leben), treffen dort einen Mitarbeiter von der Caritas Kosova, der in ein Auto steigt und uns an einen Ort lotst, den ich nie vergessen werde.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Armut gesehen, doch dieser Anblick erschüttert mich zutiefst. Vor heruntergekommenen Häusern, die von Müll umgeben sind, sitzen Frauen, Mädchen, Opas und Kinder. Die desolate Situation ist nicht zu übersehen. 

Der Mitarbeiter der Caritas sagt nicht viel außer: „Mach Dir selbst ein Bild. Ich denke, ich muss das hier nicht erklären.“ Und er hat recht. Wir laufen an den Menschen vorbei und ich traue mich fast nicht, jemanden anzusprechen, so sprachlos bin ich. 

Doch dann kommt ein Kind zu uns und lächelt uns an. „Oh nein“ platzt es aus mir heraus, denn das Mitleid ergreift mein ganzes Sein. Das Kind läuft ein Stückchen weiter zu einer alten Baracke und öffnet die Tür. Ich mache ein Foto. 

Ich kann es nicht fassen, dass hier Menschen leben müssen. Ich stelle mir vor, wie es hier im Winter sein muss, wenn es regnet, schneit und kalt ist. Wie soll man hier überleben? Kann man hier überleben?  

Kleines Kind aus Mitrovicë, Friede mit Dir. Ich hoffe für Dich, dass Du eines Tages gesättigt wirst und ein sicheres, festes und warmes Dach über dem Kopf hast. Ich traue mich fast nicht, das zu schreiben, aber: Ich hoffe, dass Du überlebst.

 
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Jens “der Katzbrocken” Unterkötter's profile photo

Martin Gommel

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Wir wussten eigentlich die ganze Zeit, dass die Anzeige für den Benzinstand kaputt war und wir somit jederzeit stehenbleiben konnten. Immer wieder hatte ich Sara gefragt, ob es reichen würde.
Auf dem Rückweg unseres Besuches bei Elmase machte unser Jeep dann irgendwann seltsame, ratternde Geräusche. Wir ahnten es. Das Benzin war leer.
Doch Violetta, Sarah und ich lachten laut auf, stiegen aus dem Auto und tanzten los. Warum? Das Auto war keine 300 Meter vor dem Kinderheim, in dem wir untergebracht waren, stehen geblieben.
Wir hatten also Glück gehabt.
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Martin Gommel

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Irgendwo in Kosovo

Da meine Begleiter und ich die ganze Zeit über kreuz und quer durch Kosovo fuhren, fotografierte ich sehr viel aus dem Jeep heraus.

Dabei gelang mir diese Aufnahme, auf der ein alter Volkswagen zu sehen ist - diese sind in Deutschland (dank der Abwrackprämie) längst von der Straße verschwunden.

Mit Bildern wie diesem verbinde ich, obwohl keine Menschen darauf zu sehen sind, sehr viel.

Ich erinnere mich an den Fahrtwind, den ich spürte, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielt. An die langen Gespräche mit Sara und Zef, die mir Hintergründe der armen Familien erklärten.

An meine Fragen, meine Wut und Trauer. Und ich erinnere mich an die Minuten, in denen ich gedankenversunken aus dem Fenster schaute und wusste, dass es gut und wichtig ist, hier zu sein.
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Eine wichtige Aktion. Sehr wichtig. Danke.
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Melanie MP's profile photoFrank Gainsford's profile photo

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Moscheen in Kosovo

Während wir eine Woche lang quer durch Kosovo fuhren, fielen sie mir auf: Die Moscheen. In den meisten Dörfern, Kommunen und Städten sind sie zahlreich zu sehen. Für mich, der aus Deutschland eigentlich nur Kirchen gewohnt ist, war dieser Anblick von besonderem Interesse. 

Da wir es uns zur Aufgabe gemacht hatten, so viele Familien wie möglich zu besuchen, war unser Zeitplan recht eng. Zu gerne hätte ich eine Moschee von innnen besucht, doch dafür war keine Zeit. 

So versuchte ich, aus dem Auto heraus hier und da zu fotografieren, um mir die Erinnerung an diese (in meinen Augen) schönen Orte des Gebetes zu erhalten.
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Have him in circles
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Martin Gommel

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Wie schon erwäht, fotografierte ich auf unseren Fahrten durch Kosovo viel aus dem Fenster unseres Jeeps. Ich genoss diese Zeiten „zwischendurch“, nach dem einen und vor dem nächsten Besuch armer Familien. 

So konnte ich ein bisschen abschalten und die Schönheit des Landes auf mich wirken lassen. Auch im Nachhinein bin ich froh, diese Aufnahmen gemacht zu haben, denn sie geben mir das Gefühl, noch einmal dort zu sein. 

Ich hoffe, denen, die noch nie in Kosovo waren, mit diesen Fotos ein weiteres Gefühl für das Land geben zu können – und denen, die dort wohnen, oder es aus ihrer Kindheit kennen, durch meine Brille zu zeigen. 
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Martin Gommel

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Heute bin ich mit Bersat, der in Kosovo viele arme Familien betreut und Sara unterwegs. Wir fahren zu Familie Morina, die in der Nähe von Kline wohnt. Dort hat die Caritas vor fünf Jahren begonnen, nach und nach ein Haus zu bauen – ein Stall für eine Kuh soll noch folgen.

Vor Ort werden wir freundlich begrüßt – im Hof des Hauses schwirren einige Küken hin und her und ein kleiner Junge hat ein Hundebaby auf dem Arm, mit dem er spielt. Sofort wird uns von Frau Morina türkischer Kaffee angeboten der besser schmeckt, als jeder Nescafè, den wir in Cafès zu trinken bekommen.

Das ganze Haus, Hof und Garten machen einen sehr gepflegten und ordentlichen Eindruck. Zur Zeit unseres Eintreffens ist der Vater (Hasan) noch mit seinen zwei Töchtern unterwegs, sie sammeln Holz und kommen dazu, während wir im Wohnzimmer der Familie sitzen.

Die beiden Eltern haben fünf Kinder. Drei Töchter, und zwei Söhne, von denen ein Sohn mit 17 Jahren nach Italien geflohen ist. Dort bei einem Priester eine Unterkunft gefunden, italienisch gelernt und einen kleinen Job bekommen hat.

Ich frage nach, wovon diese Familie lebt und erfahre, dass der Vater psychisch krank ist und viele teure Medikamente braucht. Während des Krieges floh die junge Familie mit zwei Kindern in einen Wald – jedoch fand sie dort die serbische Polizei und schlug den Vater auf übelste Weise.

Heute hat der Vater einen Behinderten-Status und sechs Operationen hinter sich, für die er Kredite aufnahm, um sie zu bezahlen. Weil er ein Mensch mit Behinderung ist, bekommt die Familie eine Pension von 120 € im Monat, von denen 70 € direkt an Bank gehen, um den Kredit abzubezahlen Und: Weil Hasan eine Pension bekommt, gibt es vom Staat keine Sozialhilfe.

Das bedeutet: 50 € im Monat.

Hier leben alle von Tag zu Tag – Mitarbeiter der Caritas versorgen die Familie mit Nahrungsmitteln und Medikamenten, die der depressive Vater sich nie leisten könnte. Hasan ist nervös und hat Schlafstörungen. Vor kurzem wurde hier der Strom abgestellt, ohne den die Wasserpumpe nicht funktioniert. So müssen Hasan und seine Familie das Wasser aus dem Brunnen im Hof schöpfen.

Während ich der Familie zuhöre, im Kopf die Informationen ordne und versuche, mir daraus einen Reim zu machen, drücke ich ab und zu den Auslöser, um die Kinder zu fotografieren. Weil sie aber sehr schüchtern sind und sich lachend verstecken, entschließe ich mich, die Gesprächsrunde zu verlassen und gehe in den Hof.

Mein Plan geht auf, die Mädchen und der Junge folgen mir. Sie kichern, wir hampeln herum, ziehen Grimassen und das älteste Mädchen kann einen Satz deutsch: „Halt die Klappe“. So, wie sie den Satz sagt, weiß ich, dass sie nicht versteht, was sie da sagt und ich kann nicht anders, als loszulachen.

Wir gehen in den Garten und die Mädchen pflücken Kirschen vom Baum, die nicht wirklich reif sind, aber die sie dennoch essen. Wir albern herum und nach ein paar Minuten gebe ich ihnen die Kamera. Jedes Kind macht ein paar Fotos, schaut aufs Display und lacht sich schief.

Es sind Momente der Freiheit. Trotz der Armut haben die Kinder einen Weg gefunden, damit umzugehen. Keine Träne fließt, im Gegenteil. Sie wirken wach, etwas verunsichert, aber offen. 

Zum Abschluss mache ich von der gesamten Familie noch ein Foto und wir verabschieden uns. Dieser Besuch dauerte über eine Stunde, doch er verging wie im Flug.

Liebe Familie Morina, lieber Hasan. Hier in Deutschland denke ich oft an Euch, an Eure Not, aber auch an die kurzen Freuden. Ich wünsche Euch so sehr, dass ihr eine gute Zukunft findet. Und ihr die Vergangenheit bewältigen könnt, die doch immer noch in die Gegenwart hineinragt. Friede mit Euch allen.
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Gar Nix's profile photo

Martin Gommel

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Kosovo. Wir fahren zu einer Frau, Elmase, die zwischen Klina und Prishtina wohnt und sechs Kinder hat. Wir (Sara und Violetta) parken den Jeep vor dem Haus und klopfen am Tor. Es öffnet uns eine dünne Frau, die nicht wusste, dass wir kommen würden. Sie freut sich sehr über unseren Besuch und bittet uns herein. Sofort setzen sich ihre beiden Söhne (8 und 6 Jahre alt) zu uns auf die Couch und hören zu.
Heute werden wir Elmase (ich bin nicht sicher, ob ich ihren Namen richtig aufgeschrieben habe) ins Krankenhaus zur Untersuchung bringen. Sie könnte sich eine Fahrt dorthin nicht leisten und so bezahlt die Caritas. Elmase macht sich schick und auf der Fahrt erzählt sie uns, wie es um sie und ihre Familie steht.
Gemeinsam mit ihrem Mann und ihreren Kindern lebt Elmase von 100 € Sozialhilfe. Früher schlug ihr Mann sie, wenn er betrunken war, doch weil seine Frau nun krank ist, hat er damit aufgehört. Was sie hat, ist nicht wirklich klar, was auch der Grund für den Krankenhausbesuch ist.
„Es gibt keinen besseren Platz zum Leben, als dort, wo man geboren wurden“, sagt sie. Ich bein erstaunt über eine solche Aussage von ihr. Dieser Satz wirkt wie ein Lichtstrahl im Dunkeln. „Aber es ist auch wahr, dass man besser leben will. Alle haben das Recht auf ein besseres Leben.“
Wie recht sie doch hat. Elmases Stimme ist dünn und gebrochen, aber bestimmt. Ich vergesse, was um uns herum ist und höre nur noch, was sie sagt. Stelle Fragen und denke über ihre Antworten nach.
„Wir sind eine Familie mit sechs Kindern. Mein Mann ist immer zuhause, weil er keine Arbeit hat. Und wenn es draussen regnet, dann regnet es auch drinnen. Unsere Heizung ist kaputt. Es ist schwer, so zu leben.“
Ja, das muss schwer sein. Ich nicke, schaue sie an. Denke nach.
„Wenn Du Deinen Kindern nichts zu essen geben kannst, dann ist es normal, dass sie ständig draussen sind und und etwas suchen. Ich kann nicht kontrollieren wass sie machen. Und es ist auch normal, dass mein Mann dann trinkt.“
Alkohol ist in Kosovo spottbillig, das weiß ich. Und weil es so billig ist, greifen viele Menschen, inbesondere die, die unter Arbeitslosigkeit leiden, dazu. Ich frage an dieser Stelle nicht weiter nach, es ist nicht meine Aufgabe hier zu urteilen. Elmase erzählt auch, dass es schon besser geworden ist und er sich Mühe geben würde.
Einer ihrere Söhne, so erzählt sie, möchte nicht mehr zur Schule. Er ist 13, doch weil seine Familie arm ist, wird er ständig ausgelacht.
„Wenn ich meine Kinder sehe, die so traurig sind, bin ich mehr als traurig. Wir haben oft nichts zu essen. Das ist so traurig.“
Ich kann sie verstehen. Ihre Worte gehen in diesen Momenten an mir vorrüber, doch im Nachhinein wirken sie umso stärker.
Doch im nächsten Moment meint sie: „Ich bin sehr stark. Ich habe so viel schlechtes erlebt. So viel Blut verloren. Es ist wie, als ob ich 100 Seelen hätte.“
Am Krankenhaus angekommen parken wir ein. Violetta, die selbst Kosovarin ist und bei der Caritas arbeitet, hakt sich bei Elmase unter den Arm und spaziert mit ihr voran.
Doch nach kurzer Wartezeit vor einem Zimmer stellt sich schon das erste Problem heraus. Nachdem wir schon bezahlt haben, treffen wir Elmases Mann, der einen Zettel dabei hat, der bescheinigt, dass Elmase Sozialhilfeempfängerin ist und deshalb nicht bezahlen muss.
Doch die Dame an der Krankenhausinformation lässt nicht mit sich reden. Geld gibt es keines zurück, sowas könne man nicht so einfach machen. Violetta ärgert sich und wir schütteln alle mit dem Kopf. Und mir wird klar: Elmase hätte hier keine Chance, wenn sie nicht jemand bei sich hätte, der für sie streitet und für sie argumentiert. Sie steht völlig überfordert neben uns.
Das ganze Krankenhaus ist ein einziges Chaos. Wir treffen zufällig Elmases Mann mit ihrem Sohn, der seit drei Tagen auf einen Gips wartet, aber keinen bekommt - seine Hand ist dick und wir bekommen die Röntgenbilder zu sehen (hinterher stellt sich heraus, dass Vater und Sohn nach Prishtina müssen und hier keinen Gips bekommen werden). Ein einziges Hin und Her.
Weil wir schon da sind, darf Elmase direkt zu einem Allgemeinmediziner, doch alles dauert seine Zeit. Fotografieren darf ich nicht, das möchte der zuständige Arzt nicht. Also gehe ich mit Sara einen Kaffee trinken und abwarten.
Auf dem Heimweg erzählt uns Violetta, wie der Besuch beim Allgemeinmediziner war, der sie schon 15 Jahre kennt: Er wusste nicht mehr, wer Elmase war. Nicht, weil der Arzt vergesslich ist, sondern weil Elmase so sehr abgenommen hat.
Zuhause angekommen zeigt uns Elmase Fotos, die vor 14 Jahren gemacht wurden. Zu sehen ist sie selbst. Und ja, auf diesen Bildern ist beinahe eine andere Frau, das fällt auch mir auf. Jetzt weiß ich, warum sie es so bedauert, nicht mehr so hübsch zu sein, wie früher.
Beim Verabschieden schaue ich ihr in die Augen und sage etwas, was ich normalerweise nicht sage: Dass ich finde, dass sie schön ist. Ihr Lächeln im Auto und im Krankenhaus hat mir so gut gefallen und manchmal strahlte regelrecht aus sich heraus.
Elmase sagt: „Das freut mich sehr, auch wenn ich weiß, dass das nicht stimmt.“ Ich versichere ihr, dass ich das genau so meine, wie ich es gesagt habe. Eigentlich sage ich fremden Frauen überhaupt nicht, dass ich sie schön finde. Warum auch? Aber jetzt und hier, da passt es.
Liebe Elmase. Danke für die Zeit, die ich Dein Leben begleiten durfte. Du hast mir gezeigt, dass Trauer und Hoffnung oft so nah beineinander liegen und ich wünsche Dir und Deiner Familie Kraft, Mut und Freunde, die Euch unterstützen. Dass Du gesund wirst, Deinen Tränen getrocknet werden und Du trost findest. Friede mit Dir, Elmase.
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Martin Gommel

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Gjakove. Ich besuche mit Zef und Sara eine kleine Commune für Roma, Ashkali und Ägypter – die Caritas hat hier einige Häuser für die Ärmsten gebaut. Nach einer kleinen Einführung mit er Leiterin führt uns der Sozialarbeiter, der hier Angebote für Kinder macht, zum Haus einer Familie.

Wir werden ins Wohnzimmer gebeten, und setzen uns auf eine Couch. Gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar, dessen Sohn mit seiner Frau und deren einjährigem Sohn hier leben. Der Großvater, so werde ich informiert, putzt für 3 € (!) im Monat Wohnungen.

Nach kurzer Zeit spricht mich die junge Frau des Sohnes auf Hochdeutsch an. Ich bin etwas verwirrt und frage nach. Emine ist 19 Jahre alt, war vier Jahre in Österreich und ging dort zur Schule. Doch als ihre Mutter starb, kam sie zurück nach Kosovo.

Nun lebt sie hier mit ihrem Mann, dem gemeinsamen Sohn und den Schwiegereltern. Liebend gerne, würde sie nach Deutschland fliehen, doch sie hat kein Geld dafür. Und das packt sie in deutliche Worte, die mich im innersten erschüttern.

„Für mich ist das Leben hier scheiße. Ich habe kein Leben hier.“

In mir dreht sich alles. Ich höre ihr zu, schaue sie an, und, weil diesmal kein Übersetzer dazwischen ist, trifft mich das, was sie sagt, um ein zehnfaches.

„Mein Mann arbeitet mit Plastikmüll. Aber er kann so nicht arbeiten. Fuß ist krank.“

„Manchmal essen wir, wenn wir etwas zum Essen haben.“ Und manchmal auch nicht.

Ich höre zu, mache ab und an ein Foto und spiele in bisschen mit dem Kind. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo ich wohne“. Erst jetzt verstehe ich, dass sie nicht zusammen mit den Schwiegereltern wohnt, sondern neben deren Haus in einer kleinen Baracke.

Emine zeigt mir, wie sie wohnt und hebt eine dünne Matratze an. „Im Winter kommt Wasser rein. Wenn ich hier schlafe, wird alles nass. Ist für mich scheiße. Wenn Sie mir helfen können, bitte.“

Kopfschüttelnd und traurig mache ich ein paar Aufnahmen, laufe raus ins Feld und fotografiere die Baracke. Ich kann das alles gar nicht fassen und fühle mich wie in einem Albtraum gefangen.

Dann setze ich mich mit Sara, der Aktivistin noch einmal zu Emine. Sie weint. Ich lege meinen Arm um sie und verspreche ihr, über ihre Situation zu schreiben und die Fotos zu zeigen.

Als wir uns verabschieden, kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich laufe schnell weiter. In mir ist alles still und schwer.

Liebe Familie, liebe Emine. Es ist nun einige Wochen her, dass ich Euch kennengelernt habe und noch immer bin ich innerlich bestürzt, wenn ich an Euch denke. Ich bin noch immer sprachlos. Ich wünsche Euch Kraft, die kommenden Jahre durchzustehen. Friede mit Euch.
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Carmen Schmidt's profile photoFlorine Calleen's profile photo

Martin Gommel

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Spiderman 

An einem herrlichen Sommertag sind wir zu Besuch in einer von der Caritas aufgebauten Commune für Roma, Ashkali und Ägypter In Gjakove. Für die ärmsten der Armen wurden hier Häuser gebaut und die Menschen werden von Mitarbeitern der Caritas betreut.

Das Ganze wirkt auf mich wie eine deutsche Neubausiedlung, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Siedlung von Müll umgeben ist und in den Häusern nicht der Mittelstand, sondern der unterste Rand der Gesellschaft lebt.

Nachdem wir eine Familie besucht haben (deren Geschichte ich bald erzählen werde), treffen wir zwei Jungs, die zu uns gelaufen kommen. Einer der Beiden trägt ein altes Spiderman-Kostüm.

Ich frage den Jugendarbeiter der Commune, ob er den Jungen bitten möchte, einmal kurz über einen Kies-Hügel zu springen. Er freut sich sichtlich und nach zwei Anläufen gelingt mir diese Aufnahme.

Spiderman ist in der Luft.

Das Foto ist nach außen hin fast perfekt. Die Löcher des Kostüms sind aus dieser Perspektive nicht zu sehen, und damit auch die Armut nicht. Doch die Sandalen von Spiderman geben einen kleinen Hinweis auf die Umstände des Jungen.

Der kleine Spiderman kommt zu mir gerannt und auf einmal bin ich umzingelt von vielen Kindern, die alle das Foto sehen wollen. Ich zeige es ihnen und alle wollen mir mit spielen, lachen und reichen mir die Hand. Leider müssen wir weiter, verabschieden uns und steigen wieder ins Auto.

Während wir losfahren, öffne ich die Fensterscheibe und sehe Spiderman am Auto lehnen. Ich mache schnell ein Foto und sehe es erst jetzt: Er ist stolz, glücklich und strahlt übers ganze Gesicht.

Kleiner Spiderman, ich hätte Dich gern näher kennengelernt. Ich wünsche Dir, dass Du Dich eines Tages über die Armut, in der Du leben musst, erheben kannst. Ich wünsche Dir, dass Du niemals Dein Lächeln verlierst und alle Kraft hast, um den widrigen Umständen zu trotzen. Friede mit Dir, Deiner Familie und Deinen Freunden. 
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Martin Gommel

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Es ist heiß, während Sara (Übersetzerin und Aktivistin, die mein Projekt begleitet) und ich im Golf des Caritas-Mitarbeiters Zef nach Ferizaj, der drittgrößten Stadt Kosovos fahren. Nach einem kurzen Besuch bei der Zentrale der Caritas fahren wir in ein Armenviertel, in dem Gani mit seinem Sohn lebt.

Am Haus angekommen, öffnet uns Gani das Tor und ich sehe sofort, dass hier nicht viel Raum zum Leben ist. Nachdem er uns die Wohnräume seines Bruders gezeigt hat, der gerade aus psychischen Gründen im Krankenhaus ist, betreten wir ein ca. 10 Quadratmeter kleines Zimmer. Dort schlafen, essen und wohnen Gani uns ein Sohn.

Was ich sofort erkenne ist: Verwahrlosung. Der Vater ist so arm, dass er auch den Glauben an sich verloren hat. Die Wäsche liegt überall verteilt herum und das ganze Zimmer ist sehr schmutzig. Der kleine Raum ist feucht - obwohl es in den letzten Tagen nicht geregnet hat.

Gani erzählt uns, dass sich seine Ex-Frau vor Jahren von ihm trennte und nun mit seinem ältesten Bruder zusammenlebt. Nach der Trennung entschied ein Richter, dass die Ex-Frau das Zweite von beiden Kindern in die neue Ehe nehmen würde, und so wurden auch die Kinder getrennt.

Gani bekommt vom Staat 40 € für seinen Sohn und weil er selbst krank und somit arbeitsunfähig ist, kommen 80 dazu. Die beiden leben also 120 € im Monat – und werden immer wieder von der Caritas mit Nahrungsmitteln versorgt.

Weil der Vater unter Rheuma leidet, hat er insbesondere Nachts starke Schmerzen. Um diese zu lindern, lässt er sich sehr selten vom Arzt ein Schmerzmittel injizieren, das mit 5,50 € teuer ist und ihm 10 Tage gönnt, in denen die Pein nicht allzu schlimm ist.

Erneut sehe ich einen Menschen, der direkt darunter leidet, dass er nicht versichert ist. Dieser Mann hat körperliche Schmerzen, die deswegen nicht gelindert werden können, weil er es nicht bezahlen kann. Ich schlucke. Er tut mir sehr leid.

Gani hat Verwandte, die mittlerweile in Amerika leben, ihm aber nicht helfen. Im Verlauf des Besuches deutet er auf ein paar Fotos an der Wand, auf denen seine Verwandtschaft und Vorfahren zu sehen sind. Einen Moment lang habe ich den Eindruck, dass diese Foto-Kollektion ein Schatz ist, auf den er stolz ist.

Doch während er mir ein Foto zeigt, das in der Mitte durchgerissen ist, frage ich, wer auf der anderen Seite des Bildes zu sehen war. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Seine Frau. Gani lacht in diesem Moment, doch ich weiß, dass sein Schmerz tief sitzen muss.

Ganis Sohn geht zur Schule, wie ich herausfinde. In die zweite Klasse. Doch er hat ein Problem mit den Augen, das über die Jahre immer schlimmer geworden ist. Auf einem alten Bild ist er mit ganz normalem Blick zu sehen.

Weil wir weiter müssen, verabschieden wir uns. Gani begleitet uns noch bis zum Auto und gibt jedem von uns lächelnd und dankend die Hand. Ich steige ins Auto und versinke in Gedanken. 

Lieber Gani. Es war gut, dass ich Dich und Deinen Sohn kennengelernt habe. Ich wünsche Dir Kraft und Mut, mit Eurer Armut umzugehen. Mögen Deine Schmerzen gelindert werden - sowohl Deine körperlichen, als auch Deine seelischen. Ich wünsche Euch das Beste. Friede mit Euch, Gani, Friede mit Euch.
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