Profile

Cover photo
Martin Gommel
Works at kwerfeldein.de
Attends Life
Lives in Karlsruhe
15,884 followers|1,488,399 views
AboutPostsPhotos

Stream

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
„Ich habe zu Vater gesagt: Ich möchte gehen.“

Das ist Elmi, ein kosovarischer Flüchtling. Ich treffe ihn in einem Zimmer, das er sich mit 3 anderen Flüchtlingen (u. A. Alban) teilt. 

Ich betrete das Zimmer und Elmi liegt in seinem Bett, scheinbar ist er gerade aufgewacht. Nachdem wir vereinbart haben, dass ich seine Geschichte erzählen und ihn fotografieren darf, setzt er sich an den Rand seines Bettes. 

Elmi hat einen athletischen Körper, ein feines Gesicht und tiefblaue Augen. Seine Arme sind durchzogen mit deutlichen erkennbaren Adern. 

Aus der kosovarischen Stadt Suharek stamme er, erzählt Elmi auf Deutsch und Englisch. Die Situation dort wäre unerträglich. Er habe weder Geld noch Arbeit besessen, die Korruption des Landes sei nicht zu übersehen. 

Eines Tages habe er es nicht mehr ausgehalten, beschreibt er mit tiefer, melancholischer Stimme. „Ich habe zu Vater gesagt: Ich möchte gehen.“ So zog der schöne Junge los. Und wusste nicht, dass er in Deutschland keine Chance haben werde.

Die Flucht bewältigte er mit Bussen, Taxen, Zug und zu Fuß. Unterwegs gab es Stress mit zwei anderen Flüchtlingen und Elmi hatte immer wieder nichts zu essen. 950 Euro habe er dafür bezahlt. „Alles.“ 

Nun ist Elmi seit einem Monat in Deutschland und weiß, dass er wieder zurück muss. Er hat keine Angst vor der Abschiebung, doch er verdrängt es auch nicht. Wenn er bleiben dürfe, würde er natürlich bleiben, aber das ist nicht realistisch. Das weiß er - und das weiß auch ich. 

Unter anderem erzählt er mir, dass er den christlichen Glauben gut findet. Als Muslim fühlt es sich sehr unwohl, weil so viel Terror im Namen seiner Religion ausgeübt werde. 

Wir sprechen noch eine ganze Weile über die Gemeinsamkeiten des jüdischen, muslimischen und christlichen Glauben – und ich fühle mich auf diese Weise mit ihm verbunden. 

Elmi, Du starker Kosovare, herzlich willkommen in Deutschland. Wenn auch Deine Verweildauer hier nur kurz sein wird, wünsche ich Dir, dass Du nicht umsonst hierher gekommen bist. Bleibe stark und Friede sei mit Dir und Deiner Familie. 
 ·  Translate
26

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Das ist Walesh. Sie ist 28 Jahre alt und aus Eritrea. Vor zwei Wochen saß sie auf dem Boden und Tränen kullerten über ihre Wangen, als ich mich zu ihr setzte. Sie erzählte mir in wenigen Worten, was sie bedrückte: ihre Eltern fehlten ihr sehr.

Heute Morgen stehe ich im Flüchtlingsheim und schaue in mein Handy, als sie direkt auf mich zuläuft und mich lächelnd begrüßt. Es geht ihr besser. Sie freut sich scheinbar, mich wieder zu sehen - und ich erst.

Sie wirkt ganz anders, offener. Sie strahlt, wenn sie lacht. Ich begleite Walesh zum Mittagessen in der Kantine des Heimes. Heute gibt es eine kleine Suppe im Plastikteller, Brötchen und Götterspeise als Nachtisch aus dem Becher.

Die kleine Frau mit dem lockigen Haar spricht nur ein kleines bisschen deutsch und genau soviel englisch. Ihre Muttersprache ist Tigrinya. Meine Übersetzungs-App kann Tigrinya nicht.

Doch wir schaffen es, zu kommunizieren. Es dauert alles einwenig länger, aber es geht. Walesh stammt aus Senafe, einer Marktstadt im Süden Eritreas. Mittels Zug und Boot floh sie nach Deutschland, als das Erschießen von Menschen Sie dazu zwang, ihre Eltern zu verlassen.

Nun ist seit 20 Tagen hier und teilt sich mit sieben weiteren Frauen aus Afrika ein kleines Zimmer. „I’m okay“, sagt die junge Frau - und ich glaube es ihr. Die Sprachbarriere verhindert, dass ich weitere Details über ihre jetzige wie damalige Situation erfahre - und für den Moment ist das auch in Ordnung.

Denn ich weiß: Jedes Nachfragen meinerseits nach den Ursachen der Flucht hat das Potential, einen Menschen emotional zurückzuwerfen. Und da es Walesh heute gut geht, möchte ich es auch dabei belassen.

Walesh, es ist gut, dass Du in Deutschland bist. Ich bin froh, Dich ein weiteres Mal getroffen zu haben und wünsche Dir, dass es Dir weiterhin besser geht und Du die Vergangenheit verarbeiten kannst. Bleib stark, Walesh, bleib stark.
 ·  Translate
62
3
Stephan “falkenbein” Lüdtke's profile photoMaria Heidi Böhler's profile photo

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Heute Morgen treffe ich im Flüchtlingsheim diesen jungen Mann mit dem Namen Khalid. 

Nach mehreren Anläufen, seinen Vor- und Nachnamen korrekt auszusprechen (wir lachen dabei sehr viel) und ein bisschen Smalltalk kommen wir auf seine Heimat zu sprechen: Mogadischu.

Die Hauptstadt Somalias verließ Khalid schon vor längerer Zeit. Seine Eltern wurden beide erschossen, erzählt er mir. Beide Eltern. Erschossen.

Manchmal fehlt mir in solchen Situationen einfach das richtige Wort, sodass ich nichts weiter dazu sage, außer mein Beileid zu bekunden, das nicht mehr als ein „I’m sorry“ ist.

Ich frage Khalid, wie er es nach Europa geschafft habe. Nach einigen Reisen habe er mit einem Schlauchboot übergesetzt. Mit 140 anderen Flüchtlingen. Sieben von Ihnen wären auf der 7-tätigen Fahrt gestorben.

Schon wieder solch krasse Erlebnisse. Klar, ich „weiß“ von solch schrecklichen Begebenheiten, mach andere Flüchtlinge haben mir davon berichtet. Jedoch vergesse ich meist diese Vorfälle schnell. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch jetzt wird das alles wieder real. Ich sehe ich vor mir einen Mann, der diesen Horror miterlebt hat. Sein Name ist Khalid und er spricht mit mir. Und ich mit ihm.

Seit Oktober ist er nun in Deutschland und hofft hier auf eine bessere Zukunft. Das hoffe ich auch - und wenn ich an die Vorfälle von Tröglitz denke, wird mir ganz anders. Ich hoffe, dass er niemals Opfer eines rechten Übergriffes wird.

Willkommen in Deutschland, Khalid. Mögest Du sicher sein in diesem Land und niemals erneut fliehen müssen. Niemals sollst Du ein Opfer der Gewalt werden, im Gegenteil: Ich wünsche Dir, dass Du hier ein neues Zuhause finden und ein Leben leben kannst, von Frieden erfüllt ist.
 ·  Translate
38
4
regine k's profile photoDavid Dreher's profile photo

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Ich erinnere mich nur noch schwach an diesen Herren, den ich im Dezember, als ich mein Fotoprojekt über Flüchtlinge begann, auf der Straße traf.

Er wurde von Yuzef (http://j.mp/-yuzef) begleitet, denn er sollte an diesem Tag in eine andere Stadt reisen, da er offenbar nicht in Karlsruhe aufgenommen werden konnte.

Jedoch erinnere ich mich an sein Gesicht, als wäre es gestern gewesen. Die schmalen Wangenknochen und der schüchterne Blick hinterließen bei mir den Eindruck eines Mannes, der ein stiller Kämpfer war (und ist).

Dieser Mann konnte nur ein bisschen Englisch, lies sich aber geren von mir fotografieren. „No problem“, - ein Satz, den ich noch von vielen Menschen aus Afrika hören sollte.

Auch hier spürte ich einen starken Kontrast: Auf einer Seite Pegida-Nazis, die Ängste vor diesen „schlimmen Flüchtlingen, die sich an uns bereichern wollen“, auf der anderen Seite ein Mann, der keiner Fliege etwas zu Leide tun würde.

Ein Mensch, der sehr zurückhaltend reagierte, als ich ihn ansprach. Der viel lächelte - auch aus Verunsicherung heraus. Der scheuer nicht sein konnte. Der schon von seiner Statur her, niemals für irgendeinen Erwachsenen eine Bedrohung sein würde.

Unbekannter Mann aus Togo, auch heute möchte ich Dich willkommen in Deutschland heißen. Es ist gut, dass Du hier bist, gut, dass es Du es bis zu uns geschafft hast. Ich wünsche Dir eine Umgebung, in der Du Stärke und erneuten Rückhalt gewinnen kannst. Friede mit Dir.
 ·  Translate
35
2
Silke Maibaum's profile photoMaria Heidi Böhler's profile photo

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Anfang dieser Woche stehe ich wieder vor der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe. Nachdem ich am Wochenende einen Vortrag gehalten und mit vielen Leuten über Flüchtlinge gesprochen habe, möchte ich wieder mit den Menschen sprechen, die nach Deutschland fliehen.

Nachdem ich eine Weile vor dem Gebäude verbracht und überlegt habe, wen ich ansprechen soll (heute brauche ich ein bisschen länger), begrüße ich diese zwei lächelnden Männer aus dem Kosovo.

Gjogaj (links im Bild) und Shemsedin (rechts im Bild) machen auf mich wie viele Kosovaren eine besonders offenen und freudigen Eindruck. Beide flohen vor drei Monaten gemeinsam nach Deutschland und deshalb verbindet die Beiden eine enge Freundschaft.

Der etwas kleinere Shemsedin spricht mit weicher Stimme und stockendem Deutsch: „Eine Leben in Kosovo - nicht möglich. Keine Arbeit. Ich Mechaniker.“ Shemsedin hatte in seiner Heimat eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, doch dann vergeblich nach einer Stelle gesucht. „Keine interessieren.“

Es ist nicht das erste Mal, dass mir Kosovaren von den lebensfeindlichen Umständen in diesem Land erzählen. Ich erinnere mich daran, dass es dort kein Recht auf Arbeitslosengeld oder Hartz IV gibt. Arbeitslos zu sein bedeutet die unverzügliche Gefährdung des eigenen Lebens.

Weil er fliehen musste, war es ihm nicht möglich gewesen, die Beziehung zu seiner Freundin aufrecht zu erhalten. Shemsedin musste sich trennen.

Während ich die beiden interviewe, denke ich nicht darüber nach, doch im Nachhinein versuche ich mich einzufühlen. Stelle mir den schönen Mann vor, wie er sich von seiner Freundin verabschiedet. Stelle mir seine Tränen vor - und ihre. 

Vielleicht lief alles auch ganz anders, das weiß ich nicht. Eine Trennung von der Lebengefährtin ist, an diesem Gedanken komme ich nicht vorbei, sehr unschön und unter solchen Umständen deprimierend.

Für die Flucht nach Deutschland muss Shemsedin lange Zeit gespart haben, denn die Reise kosteten ihn 2000 €. „Zwei Tausend?“ Jedes Mal, wenn mir Flüchtlinge von den Kosten erzählen, kann ich es oft nicht fassen. Ich schüttele mit dem Kopf. Dass sich Reiseunternehmen an Flüchtlingen eine goldene Nase verdienen, macht mich wütend.

„Mir auch“ bestätigt Gjogaj, was in diesem Kontext heißt, dass er auch so viel bezahlen musste. Die beiden erklären mir die Route nach Deutschland und ich beginne erneut zu verstehen, wie gefährlich, unsicher und kompliziert solch ein Unterfangen ist.

Nun wende ich mich Gjogaj, ausgesprochen „Dschjogai“, zu. Acht Jahre arbeitete er als Facharbeiter für Entsorgungstechnik, landläufig auch als Müllmann bezeichnet. Die Arbeit wäre für ihn persönlich sehr herausfordernd und mit 150 € pro Monat äußerst schlecht bezahlt, so Gjogaj.

Die Beiden wissen ganz genau, dass ihre Chancen auf Asyl in Deutschland bei Null sind. Doch die Verzweiflung hatte sie gezwungen, zu fliehen. „In Kosovo alles schlecht“. Ich kann sie verstehen und würde sicher genauso handeln.

~

An Tagen wie diesen wird mir erneut der Kontrast bewusst, den auch ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge verkörpere. Locker stehe ich da mit meinen Dickies-Hosen, teuren Vans-Schuhen und dem iPhone 6 in der Tasche. Habe Familie, Freunde und Arbeit - und kann mich manchmal nicht entscheiden, ob ich nach Feierabend einen Film gucken oder doch lieber gemütlich in der warmen Wohnung mit einer heißen Schokolade in der Hand Fotobände schmökern soll.

Und dann stehen vor mir Shemsedin und Gjogaj, die gar nichts mehr haben. Die seit Jahren kämpfen, resignieren sich dann entschließen, alles - auch Beziehungen - aufzugeben, um in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland fliehen.

Wie - ich entschuldige mich für meine Wortwahl - scheiße ungerecht ist diese Welt?

Shemsedin und Gjogaj, seid willkommen in Deutschland. Möge Euch der Aufenthalt, und sei er noch so kurz, Kraft und innere Stärke geben, den Kampf gegen die Armut zuhause erneut aufzunehmen. Friede mit Euch. Friede und ein gutes Leben. Das wünsche ich Euch von Herzen.
 ·  Translate
42
3
Wolfgang Grodon's profile photoBernd Köppel's profile photoJens Kock's profile photoBryan Thomas's profile photo
 
Ein guter Beitrag! Lesens-, nachdenkens- und nachempfindenswert. Ein mutiger und glaubwürdiger Ausdruck Deiner Herzenshaltung. Respekt
 ·  Translate

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Der Tag ist schon fortgeschritten, als ich mich Mittags auf zur Landeserstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge mache. Ich genieße die warme Luft, die durch die Fächerstadt Karlsruhe zieht - heute bin ich zu Fuß.

Ein junger Herr, groß und von kräftiger Statur läuft an mir vorbei und ich entscheide mich spontan, ihn anzusprechen. Sein junges Gesicht hat eine kindliche Ausstrahlung, unbedarft und voller Neugier.

Abdurahman (gesprochen: Abduh-Rach-Mahn) stellt seinen Namen vor und ich benötige mehrere Anläufe, bis ich mir a) diesen merken und b) ihn auch korrekt aussprechen kann.

Er sei aus Somalia geflohen, dort habe es „tribe problems“ gegeben, als eine neue terroristische Gruppe, Al-Shabaab, Ihr Unwesen trieb. Für Abdurahman ist es bis heute unverständlich, was die Motivation der Gruppe ist.

„I don’t know, what their problem is“.

Nebenbei sagt Abdurahman irgendwas von 14 Jahren, ich verstehe ihn nicht ganz und frage, wie alt er heute sei. „I’m still 14 years old“ und wir beide lachen. Ich kann es gar nicht glauben und sage ihm, dass ich ihn wesentlich älter geschätzt hatte.

Der Somali floh mit Mutter, Bruder und Vetter nach Deutschland und lebt seit drei Monaten in Karlsruhe. Ich bitte ihn, ehrlich zu sein, was die Räume und Verpflegung betrifft.

Adurahman erklärt, dass das Zimmer, in dem er mit seiner Familie lebt, recht klein sei. Das Essen sei in Ordnung, doch manchmal würde es nicht reichen. Ich bedaure das.

Was mich an diesem Jungen fasziniert, ist seine Gelassenheit. Während unserem Gespräch lacht er viel und unterhält sich zwanglos offen mit mir. Die ganze Zeit beschleicht mich ein Gefühl, das ich noch nie in meinen Gesprächen hatte:

Abdurahman ist wie ein Freund, den ich schon ein Leben lang kenne. Mir ist bewusst, dass diese Bemerkung kitschig wirkt, aber dennoch fühlt es sich genau so an.

Herzlich willkommen in Deutschland, Abdurahman. Ich wünsche Dir eine gute Zukunft in diesem Land und hoffe, dass Du Dich unter uns wohl fühlen wirst. Friede mit Dir. Es ist gut, dass es Dich gibt.
 ·  Translate
24
Have him in circles
15,884 people
Trent Mitchell's profile photo
Andreas Klaene's profile photo
Benni Wolf's profile photo
Kaig Hu Arg Photography's profile photo
Rita Fischbacher's profile photo
Heidi Mendenhall's profile photo
Peter Christener's profile photo
Gonul Ozyurtlu's profile photo
Ryan Hastings's profile photo

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
„How can you put 400 people on a boat that was made for 100?“

Es ist Samstag und der Frühling lässt mich mit breitem Lächeln zum Flüchtlingsheim radeln. Ich genieße die Sonne und bin gespannt, wen ich heute treffen werde.

Von weitem sehe ich einen Mann mit Narbe im Gesicht, der lässig am Geländer angelehnt in sein Handy schaut. Ich spreche ihn an und nach kurzem Zögern öffnet sich mir ein Mensch, der an dieser Stelle nicht mit Namen genannt werden möchte.

Er stammt aus der gambischen Hauptstadt Banjul, hat leicht gerötete Augen und musste aus religiösen Gründen das Land verlassen – auch hier möchte er, dass ich meinen Lesern keine Details preisgebe. Das respektiere ich natürlich.

Je länger ich diesem Mann zuhöre, desto mehr vertraut er mir an. Scheinbar wurde er des Öfteren in seinem Leben enttäuscht und ist deshalb aus Eigenschutz ein bisschen distanziert. Ich wäre es an seiner Stelle auch.

Nach ein bisschen Smalltalk spricht dieser Mann über seine Flucht von Libyen nach Italien. Mit dem Boot. Sie wären 400 gewesen. Familien. Kinder. Und Babies.

Mit klarer Stimme berichtet mir der Gambier, dass auf dem Boot fast kein Platz für ihn war und die Flüchtlinge übereinandergestapelt werden mussten. Der große Gambier lag ganz unten und konnte sich die ganze Fahrt über kaum bewegen. Und bekam stellenweise nur wenig Luft zum Atmen. Einen Nacht und einen Tag lang.

Doch dann hätten die Flüchtlinge, die weiter oben waren, Rettungswachen gesehen und vor Freude jubiliert. In diesem Moment überkam ihn eine unbeschreibliche Freude und Erleichterung - obwohl er sich immer noch bewegen konnte. Alle wurden gerettet. 

Mein Gesprächspartner erzählt, dass Libyen für ihn das schlimmste Land ist. Als Flüchtling müsste man sehr viel Geld für eine Überfahrt bezahlen – und das Risiko, unterwegs zu sterben, wäre sehr groß.

„How can you put 400 people on a boat that was made for 100?“ fragt er mich mit großen Augen. Ich kann nur den Kopf schütteln und ihm gratulieren, dass er es geschafft habe.

Erzähle ihm, dass ich darüber nachdenke, mal nach Italien zu fahren und dort das Übersetzen von Flüchtlingen zu fotografieren. Das hört er gerne und meint, die Welt müsse dringend erfahren, wie schlimm die Situation dort unten sei.

Lieber Mensch aus Gambia, wie gut es doch ist, dass Du in Deutschland angekommen bist. Willkommen in unserer Gesellschaft – ich wünsche Dir, dass Du Dich hier niemals erdrückt fühlen wirst. Weder von Deutschen noch von unseren Regeln. Friede und Freiheit mit Dir.
 ·  Translate
35
5
Halle gegen Rechts - Bildungswochen's profile photoJakob Tertel's profile photo

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Zohir sitzt auf einer Bank im kleinen Park des Flüchtlingsheimes. Nachdem ich mit einem sehr traurigen Flüchtling gesprochen und Zohir von weitem schon bemerkt habe, laufe ich zu ihm hinüber und setze mich neben ihn.

Ich begrüße ihn und bemerke schnell, dass Zohir kein Mensch ist, der viele Worte macht. So stelle ich ihm alle möglichen Fragen, die mir in den Sinn kommen. Nach seiner Heimat, wie es ihm geht und warum er nach Deutschland geflohen ist. 

Der junge Mann, geboren in Mascara, Algerien hatte schwerwiegende familiäre Probleme, die ihn zwangen, seine Heimat zu verlassen. Ein aggressiver Vater sorgte für massive Probleme, sodass er es nicht mehr aushielt. Seine Mutter starb an Herzversagen.

Die Flucht des Algeriers verlief jedoch unglücklich. Er blieb eine Weile hier und da, lebte wochenlang auf der Straße und wurde zwischenzeitlich sogar ins Gefängnis gesteckt. Aus Gründen, die ihm bis heute schleierhaft sind. Zohir müsste mir das gar nicht erzählen, doch der Umstand, dass er es dennoch tut, ist ein Hinweis auf seine Verzweiflung.

Ich schaue mir Zohir genau an. Sein schmales Gesicht hat einige Falten. Wenn er lacht, schmunzelt oder sich nur ein bisschen freut, strahlt der ganze Mann.

Bereitwillig zeigt mir der Algerier sein Zimmer, das er mit einem Mitflüchtling teilt. Dort mache ich ein paar Aufnahmen, während die beiden sich unterhalten.

Zohir hat große Ziele. Er möchte auf eine Schule gehen, will lernen, studieren. Und er verrät mir, dass er niemals aufgebe wird. Er hat Hoffnung. Egal was passiert. 

Und wieder passiert es: Zwischen Zohir und mir entsteht binnen kürzester Zeit etwas, das ich Freundschaft nenne. Ich mag Zohir - und ich habe den Eindruck, dass er auch mich mag. Zwar ist unser „Mögen“ auf sehr kurze Zeit beschränkt und ich weiß nicht, ob ich Zohir noch einmal sehen werde. Doch es ist dieser Umstand, der die Freundschaft umso wichtiger erscheinen lässt.

Nachdem ich ihm und seinem Mitbewohner die Aufnahmen auf dem Kameradisplay gezeigt habe, verabschiede ich mich. Schüttele seine Hand und laufe zur Tür. Drehe mich noch einmal um. Friede mit Dir.

Zohir, sei willkommen in Deutschland. Wie sehr ich Dir doch wünsche, dass Du hier ein neues Zuhause finden wirst. Mögen Dir Menschen begegnen, die Dir Freundin und Freund sind. Du warst es schon jetzt für mich.
 ·  Translate
22
 
„I respect all German people. You are so good.“

Es ist Karfreitag und ich mache einen Spaziergang zum Flüchtlingsheim. Die Sonne wärmt mein Gesicht und kühler Wind sorgt für Entspannung. Auf dem großen Platz am Rande der Stadt sind schon Marktgebäude aufgebaut, die wohl in den nächsten Tag öffnen werden, um den Karlsruher Menschen Vergnügen zu bereiten. 

Nach einem leichten Intermezzo mit den Securities des Flüchtlingsheimes treffe ich dort den 23-jährigen Alban aus Vushtrria, Kosovo. Er hat ein verschmitztes Gesicht, kleine Augen und trägt Hausschuhe, denn er ist auf dem Weg zum Mittagessen in der Kantine des Heimes. 

Auf dem Weg zur Kantine erzählt er mir, dass er den Kosovo liebe, es aber dort keine Zukunft für ihn gebe, denn er habe keine Arbeit gefunden. Sein Vater ist dort Leiter einer Elektrizitäts-Firma, doch für den jungen Sohn gab es keine Stelle. Die Flucht mit dem Bus hat Alban mit 1000 € bezahlen müssen. 

Ich stelle mich in der Schlange vor der Essensausgabe an und Alban fragt mich, ob ich auch etwas essen möchte. Ich lehne dankend ab. Zwar knurrt mein Magen ein bisschen, doch dies ist die Essensausausgabe für Flüchtlinge und ich bin nicht gekommen, um mich hier bedienen zu lassen. Wir setzen uns an einen der freien Tische - immer wieder winken mir Menschen, die gegenüber oder nebenan sitzen „Fotograf! Aaah!”

Alban führt mich zum Zimmer, das er mit 7 anderen Flüchtlingen aus dem Kosovo teilt. Die vollgekritzelten Wände geben dem Zimmer einen geschichtlichen Kontext, denn daran haben sich Flüchtlinge seit Jahren verewigt. Ich bekomme einen Stuhl angeboten während weitere Flüchtlinge ins Zimmer kommen und mich per Handschlag begrüßen. 

Seine Mitbewohner scheinen Alban aufgrund meiner Anwesenheit zu bewundern, da ich immer wieder Fotos von ihm mache. Der junge Kosovare erzählt mir, dass er in Berlin eine verheiratete Schwester hat, beide Brüder und die Eltern jedoch noch in der Heimat leben. 

„I respect all German people. You are so good.“ 

Für Alben ist das Leben in Deutschland ein Traum. Sein ganzes Gesicht erstrahlt, wenn er davon spricht, wie wohl er sich hier fühlt. Er weiß aber auch, dass sein Verbleib unwahrscheinlich ist. Doch auch die kurze Zeit in Deutschland lohnt sich. Eines Tages möchte er studieren.

Inmitten unseres Gespräches wünschen mir die Kosovaren ein gutes Fest. Überrascht frage ich nach, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Sie sind Muslime. Flüchtlinge, die mit dem Christentum nichts anfangen können wünschen mir zu Ostern ein gutes Fest. Ist das nicht wunderbar?

Während meinem Besuch fühle ich eine innere Freude. Dieser junge Mann hat es mir innerhalb von Minuten angetan. Unter anderen Umständen wären wir sicher enge Freunde geworden. Doch nun ist es Zeit, mich zu verabschieden. Erneut schüttele ich seine Hand, schaue ihm tief in die Augen und verabschiede mich. Wie schwer mir dies heute doch fällt. 

Alban, sei herzlich willkommen in Deutschland. Deine Offenheit und Freundschaft haben mich heute sehr berührt. Danke, dass es Dich gibt. Friede mit Dir. 
 ·  Translate
35
2
Ulf Rompe's profile photoKarsten Behrens's profile photo

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
„Boom boom“

Während ich an diesem Morgen über das von der Sonne erwärmte Gelände eines Flüchtlingsheim laufe, sehe ich eine kleine Familie auf dem Boden sitzen.

Ich laufe an Ihnen vorbei und suche das Zimmer von Keba und Job, denen ich ausgedruckte Portraits von dem Beiden vorbeibringen möchte. Zu meiner Enttäuschung ist das Zimmer neu besetzt. Keba und Job sind nicht mehr da.

Auf dem Rückweg Richtung Ausgang sehe ich die drei Kinder und Ihre Eltern immer noch dort sitzen und spreche den Vater an. Muhammed versteht mich kaum, doch etwas Englisch reicht aus, um zu verstehen, dass die junge Familie aus Pakistan geflohen ist.

„Boom boom“.

Für diese Familie hat „boom boom“ schlimme Konnotationen. Furchteinflößende. Lebensbedrohliche. Aggressive Boom Boom hat ihnen solche Angst gemacht, dass Muhammed und Nela sich entschlossen, mitsamt den Kindern zu fliehen. So weit weg, wie möglich.

Nun ist die pakistanische Familie gerade angekommen und wartet darauf, im Flüchtlingsheim unterzukommen. Deshalb sitzen sie auf dem Boden.

Mit dem Einverständnis der Eltern fotografiere ich die Familie. Die kleine einjährige Isabel spielt ein bisschen Fangen mit mir, und die Brüder Salvador und Adrian halten beinahe ganz still. Ein paar Klicks sind schnell gemacht.

Mitten im Gespräch stoßen zwei Flüchtlinge dazu, die mitbekommen haben, dass ich Fotograf bin. „Bekommt die Familie dann Spenden?“ Ich würde allzu gerne mit „Ja!“ antworten doch das entspricht nicht der Wahrheit.

Nun packe ich meine Kamera wieder ein, reiche den Eltern zum Abschied die Hand und versuche mit Winken und „bye“ auch den Kindern Lebewohl zu wünschen.

Die Sprachbarriere fühlt sich so trocken an. Und ich mich ohnmächtig, auch im Hinblick dessen, dass ich für diese Familie keine Spenden lockermachen kann, da sie ja erst angekommen ist und Spenden über die Landesbehörden geregelt werden.

Auf dem Nachhauseweg freue ich mich darüber, dieser Familie mit meinen Fotos ein Gesicht geben zu können. Doch gleichzeitig beschleicht mich dieses furchtbare Gefühl des Nichtstunkönnens. Wenn ich die Sprachbarriere schon so furchtbar finde, wie wird es dann den Eltern und Kindern gehen?

Muhammed, Nela, Isabal, Salvado und Adrian. Möge dieses Land Euch mit offenen Armen empfangen und eine sichere Unterkunft bieten. Möget Ihr Euch verstanden fühlen und Freunde finden, die Eure Situation nachempfinden können. Friede mit Euch. Friede.
 ·  Translate
19
1
Holger Dankelmann's profile photo
 
Impressionen von der Nokargida-Demonstration vom 23. März 2015

Als ich mich gestern Abend gegen 18.30 auf den Weg zum Europaplatz aufmachte, war es bitterkalt. Die Wärme der Sonne hatte dem Einzug der Frühlingskälte Platz gemacht und ich bereute schon auf dem Hinweg, keine Handschuhe mitgenommen zu haben.

Am Europaplatz angekommen, füllte sich dieser innerhalb kürzester Zeit mit Vertretern diverser Unterstützergruppen der Menschenrechts-Szene und verschiedene Redner betonten ab 19 Uhr die Wichtigkeit einer offenen, bunten Gesellschaft und riefen zum Widerstand gegen rechte Tendenzen in Karlsruhe auf.

Ich nahm die Stimmung vor Ort als sehr positiv, aber deutlich gegen rechts positioniert war. Zwischendurch lief ich rüber zum Stephansplatz, auf dem um 19.30 Uhr von der Karlsruher Pegida (Kargida) eine Demonstration angekündigt wahr.

Der ganze Platz war mehr oder minder abgeriegelt und eine große Anzahl von uniformierten Polizisten war vor Ort - die Polizei hatte einen Bereich eingerichtet, der Nopegida und Pegida gefühlte 100 Meter auseinanderhielt und so ein Aufeinandertreffen verhinderte.

Am Stephansplatz musste ich mehrmals hinsehen, denn ich sah lange Zeit No Kargdia - in Worten: Keine Kargida-Demonstranten. Irgendwann entdeckte ich eine kleine Truppe am anderen Ende des geschützten Bereiches.

Mit der Zeit füllte sich auch der Stephansplatz mit immer mehr Gegendemonstranten, die, aus meiner Sicht, alle rechten Parolen niederpfiffen und -sangen. Nicht ein einziges Wort von der anderen Seite gelang in mein Ohr.

Zwischendurch unterhielt ich mich mit einem jungen Polizisten, der im abgegrenzten Bereich Wache stand. Er war sehr nett, offen und keineswegs aufgestachelt.

Als ich aus terminlichen Gründen kurz nach 20 Uhr den Platz verließ, hatte ich insgesamt ein sehr gutes Gefühl. Die Gegendemonstration war friedlich verlaufen und Steine wurden nicht geworfen. Ein guter Abend. 
 ·  Translate
17
1
Maria Heidi Böhler's profile photoIncredible Rainer's profile photoMarkus Be's profile photoJens Unterkötter's profile photo
5 comments
 
Natürlich ist das im Sinne der NPD. Aber wenn man dein Profil ansieht und merkt, dass du ausschließlich Pegida-Propaganda verbreitest, weiß man, dass du das mit einer roßa-roten Brille siehst.

Und nein. Die Gegendemonstranten als Hasser zu diffamieren macht auch nur in deiner Welt Sinn. Es ist die Wut auf die Spalter der Gesellschaft und auf die Ewiggestricken Nazis und Klemnazis, die unsere Gesellschaft abschotten wollen was sie zurückwerfen wird. Nur weil sie sich gegen Minderheiten aufhetzen lassen und selbst aufhetzen. 

Es ist Wut. Und das Bedürfnis den Fremdenhass nicht einreisen zu lassen.
 ·  Translate

Martin Gommel

Shared publicly  - 
 
Das ist Keba aus Gambia. Er möchte Euch etwas sagen.

Letzte Woche lerne ich Job und Keba im Flüchtlingsheim kennen. Während ich mich mit Job unterhalte, sitzt Keba am Rand seines Bettes und hört gespannt zu. Keba ist ebenfalls aus Gambia und zeigt sofort Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen.

„No problem“ schmunzelt er und sein Gesicht leuchtet, als ich ein paar Aufnahmen mache. Etwas unsicher hält er sich die Hand vors Gesicht, doch ich lasse ihn einfach so sein, wie er ist.

Während ich mich wieder auf den Stuhl am Tisch setze, berichtet mir Keba, dass er aus der Stadt Sukuta stammt, die am gambischen Meer liegt. Keba war in seiner Heimat „a fisherman“ und ich entnehme seiner Stimme, dass er seinen Beruf geliebt haben muss.

Und auf meine Frage, was das Schönste an Gambia sei, antwortet er mir „the seaside and the sun.“ Doch innerfamiliäre Probleme und örtlicher Rassismus veranlassten Keba, alles zurückzulassen und sich auf die Flucht zu begeben. Auch er nennt die Armut als das Schlimmste in Gambia.

Nun ist Keba seit dem 12. Januar in Deutschland und hat schon ein paar Erfahrungen mit Deutschen gemacht. Im Gespräch will er mir eine Sache sagen, die ich an meine Leser weitergeben soll: Er findet es schlimm, dass er als Flüchtling unter Generalverdacht stehen würde, kriminell zu sein.

„If a person who is a refugee steals something, that person is a criminal. But that doesn't mean, that ALL refugees are 
criminals.“

Was Keba auch spürt, ist eine grundlege Ablehnung gegenüber ihn. Manche Menschen würden ihn nicht einmal ansehen, wenn er sich mit ihnen unterhalte - selbst wenn er besonders freundlich sei, so der Gambier.

Keba akzeptiert das, doch es macht ihm den Aufenhalt in Deutschland sehr unangenehm. Ich stimme Keba bedingungslos zu. Wir unterhalten uns noch lange über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die in Deutschland gelebt werden und wie wenig wir uns damit anfreunden können. Die Zeit vergeht wie im Flug, doch ein mein Blick auf die Uhr lässt mich aufstehen und ich verabschiede mich.

Willkommen in Deutschland, Keba. Es ist so gut, dass Du hier bist. Du hast ein gutes Gespür für zwischenmenschliches und Deine Ehrlichkeit ist schon jetzt eine Bereicherung - für mich. Friede sei mit Dir, woauch immer Du hingehst. Ich wünsche Dir das Beste.
 ·  Translate
41
3
Daniel Prien's profile photoMaria Heidi Böhler's profile photoFrank Bürger's profile photoRené Witt's profile photo
6 comments
 
ich hab zu danken.. ich bash mich online zuviel mit rassistischen Arschlöchern.. da bin ich froh, dass es noch Menschen gibt
 ·  Translate
People
Have him in circles
15,884 people
Trent Mitchell's profile photo
Andreas Klaene's profile photo
Benni Wolf's profile photo
Kaig Hu Arg Photography's profile photo
Rita Fischbacher's profile photo
Heidi Mendenhall's profile photo
Peter Christener's profile photo
Gonul Ozyurtlu's profile photo
Ryan Hastings's profile photo
Work
Occupation
Street Photographer. Photobook Zombie. Acting founder of the photography magazine @kwerfeldein.
Skills
Photography, Writing, Social Media,
Employment
  • kwerfeldein.de
    Fotografie, present
Places
Map of the places this user has livedMap of the places this user has livedMap of the places this user has lived
Currently
Karlsruhe
Previously
Sinzheim - Karlsruhe
Contact Information
Work
Phone
+49 173 3452794
Email
Address
Gottesauer Str. 35, 76131 Karlsruhe
Story
Tagline
Street Photography Is My Photography
Introduction
Street Photographer. Photobook Zombie. Acting founder of the photography magazine kwerfeldein. Psychopathic Yawning Bigshot.
Education
  • Life
    present
Basic Information
Gender
Male
Looking for
Networking
Birthday
November 22, 1980
Relationship
Married
Links