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Für große und kleine Kinder habe ich mir in diesem Jahr mal wieder eine kleiner Weihnachtsgeschichte ausgedacht. Viel Spass beim Lesen und Vorlesen. Frohe Weihnachten.

The night before Christmas - Weihnachten 2011

Alle Photonen hatten es wieder einmal verdammt eilig. Mit 299.792,458 km/s rasten sie durchs Weltall. Für ihren Weg von der Sonne zur Erde brauchten sie bei diesem Tempo gerade mal 8 Minuten und 19 Sekunden. Piff! Gerade war wieder ein Lichtstrahl mit einem Affenzahn ins Meer eingetaucht und hatte eine klitzekleine Energie-Gisch-Wolke aufgewirbelt.Der Aufprall war in dem Tosen der Wellen praktisch nicht zu hören. Denn der Schall hatte alle Hände voll zu tun. Er musste das Rauschen des Wassers mit immerhin noch 343 m/s über den Pazifik transportieren. Unter Wasser ging es sogar etwas flotter. Da legte er auf bis zu 1.500 m/s zu. Das war natürlich nichts im Vergleich zum Licht. Deshalb foppten die Photonen die Schallwellen auch immer mal wieder: „Schnecke, Schnecke!“ riefen sie lachend, wenn sich ihre Wege kreuzten. Die Wassermoleküle schüttelten darüber nur den Kopf und zogen mit lächerlichen 30 cm/s von dannen. Piff! Gerade war wieder ein Sonnenstrahl insMeer geknallt. Piiifff! Was war das? Der nächste kam schon deutlich flacher auf der Wasseroberfläche an. Das musste an der Sonne liegen, die gerade dabei war, am Horizont unterzugehen. Aber irgendetwas war heute anders. Die letzten Lichtstrahlen des Tages kamen nicht nur deutlich flacher an, sondern auch langsamer. Piiiiifffff! Schon wieder. Die Schallwellen schauten sich an. Irgendetwas stimmte nicht. Das Licht wurde immer langsamer und langsamer und anstelle der Sonne, die nun vollständig im Meer versunken war, strahlte oben am Firmament ein leuchtend gelb-weißer Stern. Die Schallwellen schauten verdutzt, denn diesen Stern hatten sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Er funkelte langsam und intensiv und die Lichtstrahlen, die er aussendete, waren um ein Vielfaches langsamer als die, die sie kannten. Sie klatschten auch nicht mit einem Piffins Wasser, sondern tauchten majestätisch in die Schaumkronen ein. Es klangwundervoll, fanden die Schallwellen. Und weil das Geräusch so schön war, hattensie es ebenfalls nicht so eilig, den Schall in die weite Welt hinaus zu tragen.So wurden auch sie immer langsamer und langsamer und genossen es, ihre Frachteinmal nicht so schnell wie sonst über und durch das Meer zu befördern.
An der Oberfläche des Meeres schwamm ein Wassermolekül, welches erst vor kurzem aus einer Regenwolke ins Salzwasser gefallen war. Das passierte ihm ständig, denn kaum hatte es sich an die drangvolle Enge im Pazifik gewöhnt, kam am nächsten Tag die Sonne, heizte das Wasser auf und „Schwups“ wurde das kleine Wassermolekül aus seiner neuen Umgebung heraus gerissen und stieg in die Luft, um dann meist am gleichen Nachmittag wieder aus einer Wolke hinab zu stürzen. Auch dem Wassermolekül war nicht entgangen, dass Licht und Schall heutelangsamer als sonst unterwegs waren. Von oben hatte es immer einen guten Überblick und kannte das Piff, wenn ein Lichtstrahl auf ein Wassermolekül in der Nachbarschaft traf. Oft wurde es selbst getroffen. Dann ging das Piff meistin einem kurzen Kichern unter, denn das Wassermolekül war extrem kitzelig. Als es nun so vor sich her dümpelte und laut darüber nachdachte, warum Licht undSchall heute so behäbig unterwegs waren, spürte es etwas Kaltes an seinen Molekülfüsschen, die aus zwei Wasserstoffatomen bestanden. Von unten war ein altes Wassermolekül aus der Tiefsee hochgestiegen und stieß nun mit ihm zusammen. „Tschuldigung“, murmelte das Tiefseemolekül und wollte sich schon davonmachen. Da fasste das kleine Regenwolkenmolekül all seinen Mut zusammen und sprachden Alten an: „Du sag mal, warum sind Licht und Schall heute so langsam unterwegs?“ Das alte Wassermolekül hielt inne und drehte sich langsam um: „Das weißt Du nicht? Nun – heute ist eine ganz besondere Nacht. Heute ist die Nacht vor Weihnachten. In dieser Nacht hält die ganze Welt für ein paar Augenblicke den Atem an. Die Erde dreht sich ein bisschen langsamer, die Lichtstrahlen geben nicht mehr soviel Gas und die Schallwellen rauschen nicht mehr so schnell davon. Alles, was sich bewegen kann, schnauft für einen kurzen Moment durch. Und alles, was sich sowieso nicht bewegt, bleibt noch ruhiger liegen als sonst.“ „Wasist denn Weihnachten?“ fragte das kleine Wassermolekül ganz erstaunt. „An Weihnachten ist ein ganz besonderes Baby geboren worden. Das bringt der Weltfür einen kurzen Moment Frieden, Ruhe und Glück. Und alles steht für ein paar Sekunden ganz still.“„Und wann genau ist Weihnachten?“
Das alte Molekül lächelte: „Na morgen! Morgen ist Weihnachten!“ Das kleine Wassermolekül freute sich: „Da schwimme ich hin! Das will ich sehen!“
Dasalte Wassermolekül gluckste: „Dort hin gehen kannst Du nicht - Weihnachten kommt zu Dir! Und Du wirst es in Deinem kleinen Atomkern spüren. Warte nur ab.“
Das alte Wassermolekül drehte sich um und schwamm gemächlich mit der nächsten Welleweiter. Auch die hatte es plötzlich nicht mehr so eilig und machte nur noch ganz wenige Zentimeter pro Sekunde. Das kleine Wassermolekül legte sich auf den Rücken und schaute auf den hellenStern. „Fröhliche Weihnachten“, dachte es noch, bevor es voller Vorfreude einschlief.

Thomas Käfer - Würselen
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