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Simon Lüke
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Simon Lüke

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Zwischenbilanz zu Spitzers  #DigitaleDemenz  , das ich gottseidank gerade durch habe.

[Eingangs: Auch die Gegner von Spitzers Thesen knicken in der Regel vorher vor der "Hirnforscher"-Pose ein: "Die Ergebnisse Ihrer Forschungen  bestreite ich ja gar nicht, aber ..." Es ist aber so, dass es hier keine (!) klaren wissenschaftlichen Ergebnisse gibt, die als bewiesen gelten dürfen. Sehr viele Aussagen halten schon auf den ersten Blick keiner Überprüfung auf wissenschaftliche Seriosität stand. Und ausnahmsweise lege ich Wert auf die Feststellung, dass ich hier als Dr.phil.habil. (Literaturwissenschaft, Semiotik, Medienwissenschaft) schon beurteilen kann, was "wissenschaftlich" ist. Ich gehöre quasi zum anderen Zweig der "Hirnforschung": Wir analysieren, wie Menschen sich ihre Welten aus Zeichen aufbauen und dann bewohnen.]

Es gibt keine saubere Begriffsbildung und Argumentation, nirgends. Beginnend mit "digitale Demenz" selbst: Erst ganz am Ende versteht man, dass seine harte naturwissenschaftliche These ist, dass die jugendliche Hirnschädigung am Ende des Lebens dazu führen wird, dass signifikant mehr Leute ein paar Jahre früher Alzheimer bekommen. (Was unbeweisbar ist.)

Dazu nennt er, den Südkoreanern folgend, auch alles "digitale Demenz", was er als Folge von "Internet- und Computerspielsucht" beschreibt: also schwere Depression, sozial dysfunktionales Verhalten, Steuerungsverlust usw. Er suggeriert, das sei eine Art erworbene Hirnkrankheit, aber es bleibt unklar.

[Nachtrag: es ist schlimmer als ich dachte. die krankheit "Digitale Demenz" ist schlicht Spitzers erfindung. gerade eben nach der südkoreanischen quelle gegoogelt (er beruft sich auf südkoreanische ärzte, aber ohne fußnote): das war keine medizinische studie, sondern eine umfrage zur vergesslichkeit junger werktätiger mit smartphones. DD ist ein südkoreanisches mode- und medienwort seit 2004, niemand betrachtet das dort als ernsthafte krankheit. ein zitierter arzt, den die zeitung daraufhin anruft, sagt: es ist nur reversible vergesslichkeit, kein grund sich sorgen zu machen. http://www.koreatimes.co.kr/www/news/nation/2008/04/117_4432.html -- beste zusammenfassung bei Telepolis 2007, via +Sandra Schön http://www.heise.de/tp/artikel/25/25483/1.html]

Weiterhin wird nicht klar definiert: "Medien", "digital", "Intelligenz"  und "geistige Leistung" (meistens IQ, oft aber auch normalsprachlich).

Die erste, alles verbindende Schicht des Buchs ist die Suada eines vor sich hin räsonnierenden, oft schwafelnden Bildungsbürgers, der seine eigene Epoche/Kultur völlig kritiklos glorifiziert und seine Erfahrungen zum positiven Maßstab erklärt. 

Eine Suada im alarmistischen Ton, in der ständig zwischen zersplitterten Gedanken und Argumenten hin- und hergesprungen wird, nie auf einer Ebene geblieben wird ("multitasking"), keine Generalisierung zu blöd ist.

Das Positivste: Mitten zwischen z.T. grotesken Behauptungen sagt er ab und zu Sachen über "Lernen", die man gern unterschreiben kann. (Apriori, nicht irgendwie argumentativ, aber immerhin.) Allerdings versteht er dann wieder an vielen Stellen unter "Lernen"  soviel wie "dem Gedächtnis einprägen". Er diskutiert diese Diskrepanz nicht. 

Dazwischen werden immer wieder Allgemeinplätze eingestreut, die zum Nicken zwingen, um dann gleich wieder extrem gewagte bis abstruse Behauptungen als "bewiesen" zu präsentieren. 

Auf der nächsten Schicht akkumuliert er vermeintliche empirische Beweise für digitale Verblödung: Wieder sehr sprunghaft werden Anekdoten, Medienberichte und mehr oder weniger seriöse Medien- und Bildungs-"Studien" gemixt, völlig unsystematisch und beliebig mal Folgerungen gezogen, viele in seinem Argumentationszusammenhang offensichtliche Folgerungen aber auch gerade nicht. Sehr viele offene Fragen werden einfach ignoriert, fast nie wird zwischen mehreren möglichen Deutungen abgewägt.

Eingebettet in diese Suada sind dann etwas konsistentere Passagen:
Ein paar cognitive science-Experimente aus seinem eigenen Fachgebiet werden brauchbar dargestellt. (Beweisen aber überhaupt nicht, was er daraus folgern will.)
Ein paar psycholinguistische Laborexperimente dito. (Der Sprung zu den digitalen Medien ist dann viel zu groß und nicht seriös begründbar.)

Brauchbar bzw. diskutierbar sind Refererate zu zwei Themen:
- Die Probleme des OLPC-Projekts (da greift er auf einen serösen Aufsatz zurück).
- Die Widersprüche der realen elektronischen Mediennutzung in den deutschen Klassenzimmern seit ca. 2000, insbesondere Smartboards, die Integration von Laptops in konventionellen Unterricht und der Gebrauch konventioneller E-Books in den USA. 
- Zustimmungsfähig ist seine Skepsis gegenüber "Bildschirmmedien" im Kindergartenalter.

Seine eigene "wissenschaftliche" These muss man sich aus Bruchstücken zusammensuchen. Er behauptet u.a.

dass Kinder und Jugendliche mit viel "Mediengebrauch" (TV und Telefon gehören dazu) früher und öfter im Alter an Alzheimer erkranken werden.

dass Intelligenz und geistige Leistungsfähigkeit mit der messbaren Größe von Hirnarealen korreliert sind (eine in dieser Allgemeinheit überhaupt nicht wissenschaftlich bewiesene These), und - angedeutet - dass größere Hirne dann auch bessere Leistungen ermöglichen. Die Begründungen sind hier extrem fadenscheinig und unwissenschaftlich.

dass es "Internet- und Computerspielsucht" gibt, die nicht einfach Folge einer depressiv-gestörten psychischen Disposition ist, sondern eine eigendynamische Krankheit, initiiert vom Mediengebrauch, mit Merkmalen und Folgen wie  Alkohol- und Zigarettenabhängigkeit.

dass Kinder und Jugendliche durch Mediengebrauch dümmer werden (oberflächlicher, unkonzentrierter, mangelnde Selbstkontrolle usw.).

dass Kinder und Jugendliche bei starkem privatem Mediengebrauch schlechtere Noten haben und später schlechtere "Bildungskarrieren". (Zwischendurch beweist er mit Studien, dass digitale Medien Schul- und Studienleistungen unter bestimmten Umständen "nicht verbessern", in denen Verschlechterungen aber gerade nicht festgestellt werden. Das thematisiert er dann nicht.)

dass die unmittelbar negativen Auswirkungen der Medien (Schulnoten) nicht reduzierbar sind auf Bildungsferne und sonstige Problematik des Elternhauses und auch nicht auf "Begabung" (die er im Übrigen als objektive Größe betrachtet). Das könne man herausrechnen. Wie genau, wird nicht gezeigt.

dass Mediengebrauch mit schlechten Gefühlen und Depressivität nicht nur einhergeht, sondern sie verursacht.

Bis auf die Alzheimer- und die Hirnmessungs-These lassen sich alle Thesen Spitzers auch ohne "Hirnforschung" aufstellen. Wie auch sonst dient die "Hirnforschung" primär zur Immunisierung bildungsbürgerlicher Ideale und Ressentiments gegen eine vernünftige Diskussion. 

Dazu kommen riesige "weiße Flecken":

Er nimmt die seriöse Argumentation seiner Gegner auch da gar nicht zur Kenntnis, wo sie in bekannten Büchern niedergelegt ist: Weinberger, Shirky und v.a. Jenkins kommen nicht vor, Boyd wird einmal mit einem Satz aus einer Zeitungsumfrage erwähnt (die Aufsätze kennt er nicht). Steven Johnsons Everything Bad-Buch wird offenbar ungelesen als "reißerische amerikanische Schrift" denunziert (dabei ist es wesentlich weniger oberflächlich als sein Buch), usw. usw.
 
Gelesen hat er (anscheinend, er zitiert sehr oberflächlich) Nick Carr und Douglas Rushkoff.

Er hat überhaupt keine Ahnung vom Web 2.0 als komplexem Raum der Kollaboration und des Wissens. Er thematisiert das nirgends. Als ob es das alles nicht gäbe. Was er erwähnt (auch extrem oberflächlich) sind Facebook und Google Search.

[Nachtrag/Ergänzung:

Seine Lern- und Bildungs-Studien zur Wirkung von "digitalen Medien" auf Jugendliche bis ca. 20 werden nie differenziert:
- nach Land/Kultur (Deutschland, USA, Südkorea haben völlig verschiedene soziokulturelle und soziopsychische Situationen, von Binnendifferenzierung ganz zu schweigen);
- nach Jahr: er zitiert viele Studien von ca. 1998 (!), von ca. 2002/03 und eher wenige ganz neue. Der technologische und mediale Stand ist dabei nicht vergleichbar.
- nach Alter: mal redet er von Kindergartenkindern und überträgt das im nächsten Satz auf Jugendliche, bei denen er wieder nicht unterscheidet zwischen 8-10jährigen, 12jährigen, 15jährigen ... alles eins.
- nach Inhalten: In seiner Perspektive ist es völlig wurscht, ob ein Jugendlicher via "digitale Medien" kommuniziert, diskutiert, programmiert, mashups und remixes macht, pornos sieht, WoW spielt, Wikipedia aufruft, googelt, bloß liest, selber schreibt usw. usw.]
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Simon Lüke

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Dominic Rathje originally shared:
 
äh... ja... bitte was?
Since 2010 a group of self-confessed pirates have tried to get their beliefs recognized as an official religion in Sweden. After their request was denied several times, the Church of Kopimism - which ...
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Simon Lüke

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Deutschlandfunk originally shared:
 
O2 can do - heißt es in der Werbung, aber - O2 can't do - das ist offenbar der Alltag. - Engpässe im Netz treiben O2-Mobilfunkkunden zur Verzweiflung. +Philip Banse berichtet.
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Martin Klein's profile photoKai-Uwe Piazzi (Tracernet)'s profile photo
 
Alle brav "Mehr Netz" auf das Smartphone laden und fleissig beschweren!
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Simon Lüke

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Mein Bildfund des Tages. Einfach genial, sowohl wenn man erstmal nur seine Phantasie spielen lässt, als auch wenn schon kennt was man da sieht oder es eben nachliest.

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/commons/wiki/File:Laser_Towards_Milky_Ways_Centre.jpg
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Stefan Schultz's profile photoSimon Lüke's profile photo
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Dito :) bzw. fast, ich dachte an einen Sternenzerstörer.
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Simon Lüke

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Ein Musiktipp für den frühen Mittwochabend:
jetzt FM4 anschalten und House of Pain hören. Programmatisch ist zur Zeit wieder "Dirty Black Summer" angesagt.

Im Anschluss gönnt man sich dann die ausgezeichnete Sendung vom letzten Mittwoch:
http://apasfftp1.apa.at/fm4_ondemand/FM4_House_of_Pain_-_(03-08-).mp3

Da macht's insbesondere Springenschmids Mix und ein absolutes Highlight ab Minute 70. Das man einfach mal gehört haben muss! Macht schnell sicher nur noch ein paar Tage verfügbar.
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Simon Lüke's profile photoManuel Hapunkt's profile photo
3 comments
 
ich weiß schon, 102,1(5) mhz. leider ist der empfang recht maeßig (z.b. ueber meinen mp3-player). ueber die zimmerantenne meiner altgedienten stereoanalge ist's auch kaum reinzubekommen. es gibt uebrigens noch eine alternative frequenz, ich glaube um 100,7 mhz (aber weiß nicht mehr genau).
in meiner heimatregion (40 km suedlich von hier) ist der empfang aber recht gut.
mittlerweile hoere ich nur noch dradio...
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Simon Lüke

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So nachdem ich gerade das Vergnügen hatte, eben mit dem stk zu
telefonieren mal kurz etwas für euch.

Es gab heute schon ein Treffen bei dem es um technische Details ging,
a) das haben wir gerade nicht lang und breit diskutiert,
b) das sollten wir erst schriftlich ausarbeiten bevor wir's über die
Liste hauen.
Was bereits jetzt interessant ist, es ist geplant einen Prototypen
aufzubauen, ggf. auch ohne "Internetanschluß" um das ganze Projekt an
sich voranzutreiben, und einfach zu zeigen "wir vernetzen die Stadt".

Darüber soll am kommenden Wochenende auf der OCC-Ulm nochmals
diskutiert werden.

Informationen findet ihr hier: http://occ-ulm.mixxt.de/ Außerdem könnt
ihr euch dort anmelden, und ich würde mich freuen Leute mit Interesse
dort wieder zu treffen. Je mehr wir sind, desto leichter fällt es
loszulegen.

Wichtig ist Hierbei natürlich auch die Dokumentation und die
Verständlichkeit selbiger, von daher ist das ein Grundlegendes Projekt
für am Ende jedermann, nicht nur Fachpublikum.

Soweit mal die Informationen vorweg.

Gruß Dave

Am 06.05.2012 17:33, schrieb Stefan Kaufmann:
> nachdem ich das gestern auf der Rueckfahrt am Rande auf Twitter
> mitbekam und mir heute der SpaZz in die Hand fiel:
> https://www.facebook.com/SpaZzImNamenDesVolkes >
> Kurzkritik: Schoen, dass sich was bewegt, aber halt stellenweise
> reichlich treudoof. Die Stadt™ wird das vermutlich gar nicht so
> einfach stemmen koennen, was allein schon die rechtlichen
> Rahmenbedingungen angeht. Ich hab mich in Berlin vergangene Woche
> mehrfach darueber unterhalten, und teilweise stellt's einem da echt
> die Haare auf, was dort gelaufen ist und was die Probleme sind.
>
> Tatsaechlich gibts aber aktuell wieder einige aktive Neu-Freifunker
> in der Weststadt, und hier in der Neustadt laufen seit >2 Jahren
> zwei Freifunkrouter 24/7 durch und warten auf weitere
> Anknuepfungspunkte.
>
> Ungeklaerte Punkte waren und sind IP-Adressvergabe,
> Backplane-VPN-Kopplung der einzelnen Inseln, ausgehender Traffic
> (die Neuen moechten ein VPN nach Schweden benutzen) und vor allem
> „feste“ Infrastrukturknoten in wetterfesten Gehaeusen,
> beispielsweise an staedtischen Laternenmasten.
>
> regards, -stk

#freifunk #Ulm #OCC #Barcamp #WLAN #machMit
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Simon Lüke

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Simon Fuchs originally shared:
 
Locking data is a crime against datanity <3
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Simon Lüke

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Digitale Gesellschaft e.V. originally shared:
 
Der EU-Rat hat soeben den Beitritt zum ACTA-Abkommen beschlossen. Unsere PM dazu:
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Simon Lüke

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Das ist so ne Nullnummer dieses Windows. Das kann halt einfach gar nix!!! * ärgerablass *
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Simon Lüke

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Kathrin Passig originally shared:
 
Ja, die E-Petitionen-Website ist ein mühsam zu bedienendes Debakel, aber es ist immer noch eine der am wenigsten mühseligen Möglichkeiten, sich politisch zu betätigen. Darum kramt eure Zugangsdaten hervor und zeichnet diese Petition, falls sie euch zusagt: http://zeichnemit.de/ (nur noch heute*). Sonst muss man demnächst wieder sonntags früh aufstehen und demonstrieren gehen, und das kann ja auch niemand wollen.

* Vereinfachte Darstellung, aber bitte trotzdem nicht aufschieben.
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Simon Lüke

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Das ist doch auch mal ein Statement für +Ernst Abrazzo, wobei sein Name ja wohl noch "bürgerlich" genug klingt, um etwa detektiert zu werden ;)
**** originally shared:
 
Ich ändere meinen Profilnamen bei Google+ jetzt von meinem Personalausweis-Namen in meinen selbstgewählten Netz-Namen um. Ich würde mich freuen, wenn sich mir viele anschließen. Ich würde mich aber auch schon freuen, wenn ihr diese Begründung weiterverbreitet.

Ich habe die Schnauze voll von der Gutsherrenart, mit der Google bestimmt, wie wir uns hier nennen dürfen oder nicht. Fleißig werden Nutzer suspendiert, weil sie es wagen, sich einen anderen Namen zu geben als einen bürgerlich klingenden. Anale Fixiertheit auf "Realnamen", also auf die Unfälle in unseren Personalausweisen, dieses Verweisen auf staatliche Identitäts-Zertifikate, das war schon das außerordentlich Obrigkeitshörige, was mir im de-Usenet auf die Eier ging. Unsere Sozialräume im Netz sollten mehr sein als nur Erfüllungsgehilfen staatlicher Ordnung, und dasselbe gilt für die Namenswahl.

Es geht mir hierbei nichtmal um Anonymität. Wer mich kennt, weiß, dass ich Privatsphäre eh für ein Auslaufmodell halte. Google kann gern alle meine Daten haben und sich daraus zusammenkorrelieren, was es will, mir doch egal. Aber das gibt Google noch lange nicht das Recht, mir vorzuschreiben, wie ich mich nenne, mit welchem Namen ich mich Anderen vorstelle, was ich in mein Selbstbezeichnungsfeld schreibe.

Nicht nur eine Frage des Hausrechts: Welches Google+ wollen wir?

Oh, aber Google hat doch Hausrecht, ist doch ein privates Unternehmen, kann doch selber seine Spielregeln bestimmen -- geh halt woandershin, wenn's dir nicht passt? Da scheiß ich drauf. Google ist ein Infrastruktur-Riese im Netz. Google ist nahezu unumgänglicher Teil unseres digitalen Lebensraums. Um einen großen Philosophen zu zitieren: "With great power comes great responsibility." Wenn Google uns Förmchen vorgibt, in die wir uns einpassen sollen, um Google zu nutzen -- dann setzt Google einflussreiche Normen und Präzedenzfälle. Schon jetzt drängt aus meiner Sozial-Blase ein erheblicher Trek aus anderen Diensten hierher und macht das hier zu seiner neuen Agora.

So wird das "Hausrecht" von Google, also sein vermeintlich privates Recht, zum Formgeber der Netz-Öffentlichkeit -- also zu einer politischen Frage, die sehr viel mehr Leute angeht als nur die Aktionäre von Google.

Google+ ist als sozialer Raum noch klein, winzig verglichen zu Facebook. Facebook ist ein quasi-staatlicher Riese im Web, setzt Normen, zensiert, suspendiert Profile, feudalisiert rum -- und hat inzwischen soviel Macht, dass ihm Fehlverhalten kaum auszutreiben ist. Lass mich etwas utopisieren: Google+ könnte ein Gegen-Entwurf werden. Eine offenere Gesellschaft, deren Strukturen darauf ausgerichtet sind, die eigenen Nutzer zu empowern, statt sie der Willkür einer Chef-Etage zu unterwerfen. Das aber geht nur durch offene Strukturen, die Nutzern größte Freiheit in ihrem Umgang mit dem Dienst gewähren -- das reicht von offenen APIs für das Rein und Raus von Nachrichten bis, ja, zur Freiheit, in die Eingabefelder zu schreiben, was man will, ohne Zensur oder Profil-Löschung zu fürchten.

Die Weichen für eine solche Entwicklung stellt man nicht, wenn der Dienst auf 700 Millionen User gewachsen ist, sondern ganz am Anfang. Mag sein, dass Google noch nicht die Zeit hatte, jede technische Spielerei zu implementieren, die sich die Geeks wünschen -- geschenkt. Aber schon während der Eröffnungsrede rundherum Profile löschen, weil sie nicht in ein enges Raster der Erwünschtheit passen -- das ist sicher kein guter Start in die Offenheit und verdient den Stinkefinger.

Bin ich vielleicht naiv in meinen ethischen Forderungen an ein Aktienunternehmen im Kapitalismus? Mag sein. Aber hey, Google hat angefangen mit den vollmundigen Versprechungen von "do no evil" und ist sichtlich bemüht, in Fragen wie z.B. China als moralische Instanz aufzutreten. Und ich glaube, dass wir im digitalen Zeitalter gerade ein großes Durcheinander und Erodieren von Ordnungen erleben, und das schließt die kapitalistisch-staatliche mit ein. Ich gebe also, zumindest in einem Teil meines Kopfes, Google den benefit of doubt, mehr sein zu können als nur Geldmaschine. Aber das muss es auch beweisen, indem es sich selbst als politischer Körper öffnet und Freiheiten gibt, statt sie zu nehmen.

Eine kleine Geste

Meine lächerliche kleine Geste, dies einzufordern, besteht darin, meinen Profilnamen vom meiner Personalausweis-Bezeichnung "Christian Heller" umzuändern in den Namen, den ich als Selbstbezeichnung im Web bevorzuge: "plomlompom". Das mag man als Solidarität mit den Usern interpretieren, die auf ihre Anonymität angewiesen sind -- und wer das eine gute Geste fände, der sollte sie selber ausführen --, aber mein Beweggrund ist viel egoistischer: Ich will selbst wählen dürfen, wie ich mich in einem Dienst bezeichne.

Wenn ihr, werte Leser, es auch widerlich findet, wie Google+ die freie Namenswahl gängelt, dann schlage ich vor, dass ihr es genauso macht: Gebt statt eures Personalausweis-Namens im Profil einen erkennbaren Nickname an. Mal schauen, wie lange es dauert, bis Google+ all unsere Accounts suspendiert. Dann war es der Dienst wahrscheinlich eh nicht wert und wir können uns was Besseres suchen oder selber bauen: Yay! Aber vielleicht überrascht Google uns auch und macht die Situation auf erbauliche Weise komplizierter.

Mit freundlichen Grüßen,
plomlompom aka "Christian Heller",
Septidi, 27. Messidor des Jahres 219

P.S.: Man mag es mir als inkonsequent ankreiden, dass ich meinen bürgerlichen Namen hier abstreife, ihn aber bei Facebook lasse. Na vielleicht mach ich da zu einem späteren Zeitpunkt das Gleiche. Aber ich finde es hier viel wichtiger als bei Facebook, denn Facebook ist eh schon Nordkorea und kaum reformierbar. Bei einem so jungen Dienst wie Google+ dagegen glaube ich, dass sich durch Verhaltensdruck noch Einiges ändern lässt.

(Diesen Text gebe ich für jede Form der Weiterverteilung, der Übersetzung, des richtigen oder fehlerhaften Zitats, des politischen Ge- und Missbrauchs, des Umschreibens und Korrigierens in Analyse und Forderungen, der Verballhornung usw. usf. frei. Eine autorisierte Version, nicht löschbar durch Google, lagere ich kommentierbar unter http://www.plomlompom.de/PlomWiki/plomwiki.php?title=PseudoFest in meinem Wiki.)
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2 comments
 
Dann meld ich dich und behaupte es sei ein Pseudonym!
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