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Die Verschmelzung der Welten

Kolumne Mensch-Maschine, die am Rande die letztwöchige Diskussion von +Christoph Kappes +Stefan Schulz +Frank Schirrmacher et. al. aufgreift

Wenn es eine positive Seite des Angebertums gibt, findet man sie jedes Jahr Ende Februar in Long Beach in Kalifornien. Dort werden auf der TED-Konferenz die erstaunlichsten Ideen und Konzepte aus Technologie, Entertainment und Design präsentiert. Das Publikum besteht aus tonangebenden Leuten der technologischen Welt, ergänzt durch diejenigen, die sich ebenfalls für tonangebend halten. Entsprechend gehört Beeindruckbarkeit nicht zur Stärke der TED-Besucher. Und doch ließen Pattie Maes und Pranav Mistry vom MIT Media Lab den Saal im Februar 2009 stehend jubeln - denn sie hatten den Zuschauern einen Blick auf die Zukunft der digitalen Sphäre gewährt.

Das dort vorgestellte Projekt trägt den Namen Sixth Sense und macht konzeptionell sogar den Nachteil wett, so zu heißen wie ein Film von M. Night Shyamalan.

Weiterlesen auf Spiegel Online:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,776839,00.html
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mac boos's profile photoArno Helmers's profile photoAndreas Skuin's profile photoKarsten Georg's profile photo
29 comments
 
"Mit der Verschmelzung der Welten aber wird die Abfrage des digitalen Wissens nicht mehr nur durch die bloße Eingabe bestimmt, sondern viel intensiver durch den Kontext. Das digital gespeicherte Wissen wird, siehe Sixth Sense, zu einem Teil der realen Welt - und Google weiß durch die ungeheure Macht des Kontext nicht mehr nichts, sondern alles."

- Über den letzten Halbsatz stolpere ich immer wieder, der vernebelt kurz mit dem Schlagwort "die ungeheuere Macht des Kontext" den Verstand und zaubert dann plötzlich ein Gegenteil hervor. Was macht es denn für einen Unterschied, ob Google im Kontext RL eine Abfrage startet oder durch Eingabe in ein Textfeld? Google weiß dennoch nichts, es verknüpft nur Wissen - exakt so, wie in dem von Dir selbst verlinkten Sozialtheoristen.de-Beitrag ausgeführt.
 
Ist nur die Frage: Wenn wir es kommen sehen, wird die Gesellschaft es dann einfach so passieren lassen?
Die Horrorszenarien gehen ja immer davon aus, dass sich alles so weiter entwickelt wie es sich bis zum jetzigen Zeitpunkt entwickelt hat.
 
Würde eine solche Entwicklung nicht zwangsläufig zu einer noch größeren Teilung der Welt führen? Eine Teilung in Nationen (Gesellschaften), in denen diese Technologie verfügbar ist und die übrigen "Armen"?

Und ist es evtl. dieser "digitale Narzissmus", der unter anderem zu einer stetigen Zunahme psychischer Erkrankungen in den stärker technologisierten Ländern führt?
 
denke, diese entwicklung könnte allenfalls die gesellschaft spalten. kenne viele 40+, die sich schon jetzt mit der digitalen ich-welt schwer tun. doch dies ist gleichzeitig die generation, welche in den kommenden 20 jahren (noch) das sagen hat.
 
Wirklich toll! Vielen Dank für diesen Beitrag!
 
Was für ein Schwachsinn. Was soll ich mit ner App, die nur ins Spanische übersetzt?
Ich spreche kein spanisch
 
Die Macht des Kontext kann man vermutlich so verstehen, dass unser Zugang zum Wissen bis jetzt dadurch beschränkt war, die richtigen Fragen zu stellen. Da die Frage zur Antwort führt, ist Wissen zu dem die Frage nicht gestellt wurde, heute über Google nicht zu erreichen. Dies ist so einleuchtend, dass wohl kaum jemand darüber nachdenkt, ob es anders sein könnte. Es wird aber klar, dass es anders sein kann! Diese Technologie hat die Macht uns das formulieren einer Frage abzunehmen. Darin liegt die Macht des Kontextes. Wenn mir eine Wissenslücke nicht bekannt ist, stelle ich keine Fragen. Wenn aber durch meine digitalen Sinne in Form von Bild, Ton usw. ein Kontext zu meiner Umgebung hergestellt werden kann, der dazu führt, dass mir Antworten auf Fragen angeboten werden, die mir gar nicht bewusst waren, potenziert sich das erreichbare Wissen!
 
Ich finde, das Problem liegt nicht in der Verschmelzung von Kohlenstoffwelt und der Zukunft des Internets, sondern damit, wem wird welche Information zur Verfügung gestellt und ist Derjenige in der Lage zu hinterfragen, was davon ein reales Fakt oder ein geschaffenes Fakt ist.
 
Pia, aus verschiedenen Gründen habe ich die technologische Seite nicht weiter ausgeführt, aber statt eines Projektors lässt sich mühelos eine entsprechende Brille vorstellen - auch die gibt es schon:
http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,763542-3,00.html
(Discl.: ich arbeite u.a. für die Fraunhofer-Gesellschaft, die diese Brille baut)
 
Ich frage mich was mit den Menschen passiert welche keinen zugang zu diesen Technologien haben werden oder auch haben wollen?!

Endet so etwas in einer sozialen Ausgrenzung?

Erkläre heute einmal jemandem das man nicht bei facebook ist...
 
Oh je. Ich erinnere daran, dass es immer noch Faxgeräte gibt. Und Papier.

Meiner Meinung nach wird keine Verschmelzung, sondern eine Invasion stattfinden: Die digitale Welt besetzt analoges Terrain.

Wir befinden uns sozusagen im Vorfeld einer Art "Bürgerkrieg" mit den Schatten. Ja, Babylon 5... Es geht um eine Neudefinition unseres Seins, unserer Werte, um den möglichen Zerfall von Nationen, kulturellen und sprachlichen Grenzen...
 
Interessant, Du beschreibst ungefähr das Web 3.0 im Endstadium. Es interpretiert nicht mehr nur der Mensch, sondern die Maschine, oder die Maschine für den Menschen? Ja, je mehr Kontext mit Informationen verbunden werden, umso mehr Wissen entsteht... - aber wo? Wer verbindet aufgrund welcher Algorithmen? Die Jungs in Palo Alto oder am Ende doch wir? Entsteht dann objektives Wissen oder eine "objektive Interpretation"? Spannendes Thema, auch der Abschnitt mit dem Narziss.... - passen wir uns irgendwann unserem digitalen Schatten an? Kann somit langfristig eine Art Kontrolle ausgeübt werden? Fragen über Fragen ;-) .....
 
+Sascha Lobo Google weiß nichts (oder "noch" nichts), aber könnte "Macht" haben? Und worüber? Könnte man nicht eher annehmen, dass "Macht" Google hat? Deine Überlegungen sind ganz gut geraten, es fehlt nur die Umkehrung der Beobachtungsperspektive. Die Entwicklung geht durch Selbstorganisation und Selbstregulierungsversuche hindurch, sie wird nicht gesteuert oder gelenkt und schon gar nicht beherrscht. Google ist diesen Prozessen ausgesetzt wie alle anderen auch und kann - wie alle anderen auch - nur auf Reaktionen reagieren, nur Beobachtung beobachten und versuchen, daraus klug zu werden. Aber diese Versuche entspringen nicht nur von einer Stelle. Wenn also Google anfängt etwas zu wissen, dann nur, weil auch andere anfangen etwas zu wissen und diese Prozesse haben sich gegenseitigig voraussetzungsreich zur Bedingung, und nicht als Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Die "schmerhafte Luzidität" bei +Stefan Schulz ist insofern nur sehr moderat formuliert wurden, sie hat die Radikalität nicht vollständig eingefangen.
 
Bild und abgebildeter Gegenstand bleiben natürlich zwei verschiedene Einheiten. Daran ändern sicher auch unzutreffende Begriffe wie der der Verschmelzung nichts. Gefragt ist ein Bewusstsein, das sich dieser Dichotomie bewusst ist. Aber das gilt jetzt schon. Die Bilder als Bilder erkennen und damit auch als Illusionen ist lebenslange Erkenntnisaufgabe. Es wäre schön, wenn sich der vorgeblich kritische Impuls des Autoren Lobo mehr von der Begeisterung des Digitalfreaks Lobo scheiden könnte. Dann würden seine Verschmelzungstheoerien vielleicht weniger prophetisch ausfallen. Die Welt wird nicht verschwinden, denn solange Menschen denken, hatten sie eh immer schon nur ein Bild von ihr. Wenn allerdings der Mensch verschwindet, wird auch die Welt des Menschen verschwinden, unabhängig davon ob der von ihm bewohnte Planet immer noch um die Sonne kreist oder nicht. (Ich empfehle die Lektüre von Platons Höhlengleichnis.)
 
Eine spannende Sache der Verschmelzung von Realität und Wirklichkeit wird auch bei Toyota entwickelt: http://www.golem.de/1107/85226.html
Ein weiterer, alter Artikel zu dem Thema gab es mal von Susan Blackmore:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,602346,00.html

Der Mensch steht Evolutionstechnisch gesehen auf der Abstiegsleiter!

Er ist nur noch Werkzeug der Teme, der dritten Replikationsebene, welche sich vorallem im Internet wiederfindet. Tag und Nacht verbringen wir damit irgendwelche Informationen zu kopieren, auszuwerten, zu verarbeiten und wieder in das Netzwerk einzubinden, welches sich dadurch immer weiter entwickelt und wächst. Noch brauchen uns die Teme, wir Menschen stellen quasi die Selection dar. Doch immer besser funktionierende Automatisierungsvorgänge sorgen dafür, dass auch die Menschen mit der Zeit langsam überflüßig werden bzw. immer unwichtiger für das Überleben der Teme werden.
 
Nochmal zu +Pia Ziefle - es geht mir um den Punkt, wo die Übergabe zwischen digitaler Welt und Kohlenstoffwelt nahtlos wird, und das hängt sehr stark vom Interface ab. Du sprachst von den Nachteilen des Beamers, wenn der Daten auf eine Person projiziert; die Brille würde das Problem minimieren und sogar noch eine neue Ebene schaffen weil der "Ausgelesene" es nicht einmal merken würde, dass ihn jemand anschaut und seinen digitalen Schatten noch dazu.

+Klaus Kusanowsky Ich möchte lösen: der Satz "Gefährlich wird es, wenn Einzelne wie Google die Macht darüber haben" steht über dem Artikel - geschrieben habe ich ihn nicht. Das ist der Teaser der Redaktion. Den Begriff Macht habe ich im Text im Zusammenhang mit dem "Kontext" benutzt - lustig, dass Du das ansprichst, denn diese Überlegung war ursprünglich von Malcolm Gladwell beeinflusst; in "Tipping Point" heisst ein Kapitel "The Power of Context" (es geht da um Verknüpfung und Verbreitung von Informationen analog zu Seuchen, verkürzt gesagt). Dann hatte ich irgendwie mehrere Millionen Zeichen zuviel und musste streichen und Gladwell empfinde ich nicht als unterzitiert die Tage. Die Referenz auf +Stefan Schulz ist fast eine private: beim lesen seiner Texte hatte ich häufiger dieses Gefühl, etwas – Peng! – begriffen oder zumindest erfasst zu haben, das vorher für mich im Dunkeln lag. Explosive Erhellung, schmerzhaft luzide, so ungefähr.
 
+Pia Zifle ist nicht genau die Frage: “welche davon WIRD die Brille anzeigen“ und nicht “welche davon sollte die Brille anzeigen“? Wer bestimmt die Frage, die ich persönlich stellen würde, wenn ich beispielsweise Sascha Lobo durch die Brille treffe? Sind es meine Vorgänger, die durch “häufige Fragen an Sascha“ eine Vorauswahl treffen? Oder eine Autorengruppe, die durch die (virtuelle) Welt reist und tl;dr's von einer Auswahl von Menschen erstellt? Könnte dann ähnlich enden, wie das Kapitel über die Erde im Hitchhike trough Galaxy: “Größtenteils harmlos“! ;-)
 
Der "Digitale Schatten" oder so etwas ähnliches könnte in Zukunft auch noch ganz andere Auswirkungen haben. Die Algorithmen von denen Du sprichst, +Sascha Lobo spielen in meiner kleinen Science Fiction Geschichte "Wie die Welt in 10 Jahren aussehen könnte" auch eine Rolle, aber eine ganz andere. Was, wenn mit einer "Digitalen Brille" die Arbeitsleistung von Menschen "getrackt" und beurteilt würde? Die Digitale Beurteilung von Menschen und Unternehmen, wie sie ja bereits in Anfängen vorgenommen wird, stellt uns vor ganz neue Herausforderungen mit denen wir umgehen lernen müssen.

Einschub: Das ist übrigens eine typisch deutsche Art, mit neuen Dingen umzugehen. Zunächst beackert der typische Deutsche alles, was schief gehen könnte, dann erst - wenn alle möglichen Problemstellungen als nichtig erkannt wurden - beginnt der er, sich gaaaaannnnzzzz langsam mit den Dingen anzufreunden.

Findet Ihr nicht auch, dass das Google Logo (insbesondere das Google Chrome Logo) irgendwie etwas von einem Bonbon hat? Bunte Bonbons gibt man Kindern zum Spielen und Naschen. Unter bestimmten Umständen - vor allem wenn man zu viel davon isst - kann man von ihnen aber auch ganz schön Magendrücken bekommen.

http://www.designeon.com/2011/07/wie-die-welt-in-10-jahren-aussehen-koennte/
 
Die Verschmelzung von kulturellem Gedächtnis und digitaler Identität ist schon weit vorangeschritten. Frank Schirrmachers Artikel in der FAZ macht das deutlich (http://ow.ly/5PoLN). Aber was steckt hinter der Auslagerung von Erinnerung und kulturellem Gedächtnis und welche Auswirkungen hat dies auf Identitästbildungsprozesse?

"Identity is also the relationship of the Other to oneself.” Identität generiert sich also nicht aus sich selbst, sondern bildet sich über soziale Interaktionen heraus: Das gemeinsame Erinnern, der persönliche Austausch, die (Fremd-) und Selbstwahrnehmung mit und durch verschiedenste Gegenüber. Wenn nun aber Identität und damit das “Selbst” soziales Patchwork sind, dann muß eine digitale Auslagerung der Essenz von Identität – nämlich die Erinnerung – zwangsläufig dazu führen, dass wir unser “Selbst” / unsere Identitäten im Netz verlieren." http://wp.me/p1vnPn-52
 
+Jan Pietrzak Alles hat seinen Preis. Wer die Macht hat darüber zu entscheiden, was gefunden, gelesen oder gedacht wird könnte sich natürlich auch für seine Ziele entsprechend "engagieren". Wenn dann keine ausreichende Konkurrenz oder Kontrolle vorhanden ist kann das zu Problemen führen. Schon heute würde es wohl kaum jemand merken, geschweige denn beweisen können, wenn sich Google dazu entschiede einem Präsidentschaftskandidaten etwas bessere Suchergebnisse zu verschaffen, die positiven berichte über Ihn minimal höher zu bewerten und die negativen minimal niedriger.
Das mag auch heute noch nicht so immense Auswirkungen auf den Ausgang einer Wahl haben... Wenn aber der Tag kommt, an dem wir unser Vertrauen eher in eine Crowd-Sourced-Bewertung einer Person legen, dann hat derjenige der das System dahinter besitzt eine unvorstellbare Macht.
 
+Bakri Eltom Du hast es auf den Punkt gebracht. Und hier müssen Regulierungsmechanismen gefunden werden, die sich aber nicht auf einzelne Staaten beschränken können. Das Internet lässt sich nicht begrenzen. Es braucht einen weltweiten Konsens, wie künftig mit solchen Problemstellungen verfahren werden soll.
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