Digitale Deutungshoheit – Die Macht der Vernetzung

Wenn man in diesem Moment Siegfried Kauder (ausgeloggt) googelt, dann sind sechs der ersten zehn Treffer auf sein aktuelles Urheberrechtsdebakel bezogen. Dafür, dass viele Leute für die Realität halten, was unter den zehn ersten Treffern zu finden ist, ist das bemerkenswert.

Mir ist klar, dass Google inzwischen für jeden anders ist – im Detail. In größeren Zusammenhängen ist die Suchmaschine nach wie vor für alle vergleichbar. Denn intensiv diskutierte, ständig erneuerte, nutzergenerierte, vielverlinkte Inhalte gehören Googles Sympathien, und das trifft per Definition auf soziale Medien zu.

Eine Nebenbemerkung: das ist der Grund dafür, dass Blogs noch lange nicht am Ende sind, im Gegenteil: die Vernetzung geschieht via Social Media, die nichtflüchtige Substanz findet auf Blogs statt – denn Beiträge in sozialen Medien haben eine unglaublich kurze Halbwertszeit, jedenfalls im Moment.

Die Macht der Vernetzung, explizit die Macht der Blogs, vernetzt durch soziale Medien, besteht auch in einer schleichenden Deutungshoheit. Begriffe werden besetzt und ausgedeutet, Personen verortet, politische Strömungen mit Beigeschmäckern versehen. Das kannte man von den Massenmedien des 20. Jahrhunderts – aber nun scheint es mir, als würden situativ die zehn ersten Googletreffer zu egal was von vielleicht fünfzig extrem gut vernetzten Einzelpersonen stark beeinflusst werden können.

Und die operieren für ihre gefühlte (nicht tatsächliche) Pluralität verdächtig oft im Gleichklang: Vergleiche Netzsperren, Netzneutralität, zum Teil Vorratsdatenspeicherung, aber auch Bürgerrechte im Netz allgemein und Hochspezialisiertes wie Leistungsschutzrecht.

Wenn die reichweiten- und lautstärksten Mitglieder gemeinsam gleichzeitig in die gleiche Richtung agieren, dann ist das prägend für die digitale Öffentlichkeit und schwappt automatisch in die massenmediale Öffentlichkeit, von wo das jeweilige Thema in sehr viele Köpfe diffundiert.

Eigentlich ein Begriff Kommunikationswissenschaft aus den 50er Jahren, aber Agenda Setting – das hat die Digitale Öffentlichkeit beinahe perfektioniert. Und mehr noch geht es nicht nur um eine Agenda, die gesetzt wird, sondern auch noch den dazugehörigen Frontverlauf.

Genau das ist die Deutungshoheit, die sich – noch – eher auf das Digitale beschränkt, wenn es nicht über die traditionellen Medien in den Rest der Republik schwappt, in die Mehrheit, die unter Internet Onlinebanking, Flüge buchen und Spiegel Online versteht. Aber auch: nachgoogeln, was eigentlich los ist. Und dort wird langsam, aber sicher immer stärker das Weltbild der digital vernetzten Öffentlichkeit zementiert. Denn es ist ein Weltbild, zweifellos, ein interessengesteuertes, eins, das online Mehrheiten generieren kann, ein Weltbild, das zwar nur selten organisiert daherzukommen scheint – aber überraschend präzise festlegt, in welchem Rahmen Haltungen und Meinungen sich abzuspielen haben.

Die Macht der Vernetzung und die damit verbundene Deutungshoheit in der Digitalen Sphäre wird noch zunehmen, im Moment ist schwierig eine automatische oder natürliche Grenze absehbar. Selbst journalistische Recherche ist im Jahr 2011 zu einem bedrückend großen Teil, mal nachzugooglen oder zu schauen, wieviele Fans die amtierende Facebook-Page zum Thema so hat.

Deshalb ist es kein Zeichen von Größenwahn, jetzt darüber nachzudenken. Die Digitale Deutungshoheit durch die Kraft der Vernetzung, angefeuert durch die beschriebenen, vielleicht fünfzig Einzelpersonen, ausgeführt durch die geschätzt 750.000 Leute, die im weiteren Sinn zu "Netzgemeinde" gehören –

was hat diese Konstruktion für Folgen?
Ergibt sich eine Verantwortung daraus?
Und schließlich: fällt alles in sich zusammen, wenn ein paar amerikanische Unternehmen ihre Algorithmen ändern?
Öffentlich geteiltAktivitäten ansehen