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MMag. Louisa Abramov - Psychotherapeutin Wien / Психотерапевт Вена
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PSYCHOSOMATIK - WENN DIE PSYCHE NICHT KANN, REAGIERT DER KÖRPER

Bei psychosomatischen Symptomen handelt es sich um körperliche Beschwerden, die jedoch physiologisch nicht begründbar sind: Durchfall, Herzrasen, Nasenbluten, Harndrang, Schlaf- und Essstörung, Koliken, Ekzeme, Asthma etc.. Menschen, die unter psychosomatischen Beschwerden leiden, haben meist einen langen frustrierenden Weg hinter sich. Selbstheilungsversuche, häufige Besuche bei Allgemeinmedizinern, Zuweisungen, Spezialisten, Durchführungen unterschiedlicher aufwendiger Tests, die auch mit Schmerzen verbunden sein können (Gastroskopie), Ausprobieren zahlreicher Medikamente; all diese Vorgänge führen meist nur zu einem Ergebnis: Frustration, denn es ändert sich nichts. Die Aussage „körperlich ist nichts zu finden.“ treibt eine Person an den Rand des Wahnsinns und die Betroffenen verzweifeln immer mehr. Zusätzlich kann es zu Depressionen, Panikattacken etc. oder gar zur Kombination von Alexithymie (Unfähigkeit eigene Gefühle adäquat wahrzunehmen und sie in Worte zu fassen), Anhedonie (Unfähigkeit Freude zu empfinden), Aprosodie (Störung des zentralen Nervensystems, die sich im Fehlen des emotionalen Gehalt der Sprache zeigt) kommen.

WARUM REAGIERT DER KÖRPER?
Die psychosomatische Lösung versucht Diskontinuität und Lücken in der Psyche aufzuheben. Sie bedient sich der Regression (Rückkehr) in frühe Körpererfahrungen, welche anstelle der psychischen Bewältigungsversuche (Abwehrmechanismen) tritt.

Traumatisierungen in den ersten Lebensjahren: Sie sind zwar nicht bewusst erinnerbar, wirken sich aber dennoch auf Schritt und Tritt im Erleben und Handeln eines Menschen aus und können psychosomatisch sogar viele Jahre später anlässlich von scheinbar beliebigen Stressfaktoren reaktiviert werden. Wird ein Kind traumatisiert, so legt sich seine Psyche schlafen und der Körper agiert. Was passiert aber wenn die Psyche schläft oder komatös ist? Gewisse Situationen und Erfahrungen können zu nutzvollen Affektsignalen (Angst, Wut, Ekel, etc.) führen, die Entscheidungsfindungen vereinfachen sollen. Aufgrund der dominierend Regression lösen solche Erfahrungen aber eine organische Antwort aus, die sich in chronischer Hyperaktivität zeigt. Diese Hyperaktivität bleibt solange bestehen bis das Organ versagt.

Verwirrtheitsängste: Ausschlaggebend für die psychosomatische Reaktion sind frühe infantile Verwirrtheitsängste, die mit Spaltungsprozessen verbunden sind. Spaltungsprozesse sind als jene Prozesse zu verstehen, die etwas von einem Ort an einen gänzlich anderen verlagern und zwar so erfolgreich, dass keine bewussten Verbindungen mehr wahrgenommen werden können. Folglich werden frühe kindliche (nach wie vor bestehende) Ängste psychisch nicht als Ängste wahrgenommen, sondern von der Psyche in den Körper verlagert (bspw. plötzlich auftretendes Herzrasen). Dies passiert insbesondere dann, wenn die Psyche gewisse Ängste nicht mehr ertragen kann und zusammenzubrechen droht. Der gesunde Anteil der Psyche scheint von den Ängsten dann so angegriffen zu werden, dass diese sie überschwemmen und zu zerstören drohen.

Mangelnde Fähigkeit zu Symbolisieren, Emotionen zu erkennen und auszudrücken: Affekte sind kommunikative Phänomene, die sich in zwischenmenschlichen Beziehungen vor allem nonverbal, mimisch und gestisch manifestieren. Ein Kind lernt erst dann seinen Affekt als psychische Einheit zu begreifen, wenn dieser ihm von seiner Bezugsperson passend gespiegelt worden ist. Wenn ein Baby zum Beispiel hungrig ist und schreit, dann ist es Aufgabe der Bezugsperson seine Schmerzen zu benennen sowie mimisch und gestisch auf diese Körpererfahrung des Kindes zu reagieren: „Oje, du armes Kind. Du hast Hunger!“ Bei einer extrem mangelhaften Spiegelung lernt das Kind nicht seine eigenen emotionalen Signale zu lesen, sondern fast ausschließlich operational zu denken. Dieses Denken betrifft immer Dinge, nie Produkte der Imagination oder symbolische Expression. Der Betroffene benutzt denselben Namen für ein Ding um sich auf ein anderes zu beziehen, wobei es hier an jeglicher Phantasie fehlt, die beide Begriffe verbinden könnte. Diese Menschen führen ein distanziertes Leben von der Libido, als wären Sie von Geburt an blind dafür. Es scheint als hätten sie die Entwicklung der Phantasietätigkeit übersprungen, wobei die Realität einfach angenommen wird. Was zählt sind Fakten und die gegenwärtige Situation. Vergangenheit und Zukunft sind unwichtig; Lust und Begehren auch. Es gibt keine Verbindung zu inneren Bildern von wichtigen Bezugspersonen. Sub- oder auch präsymbolisch gespeicherte Erfahrungs- und Erlebnismuster, die den nichtbewussten Kern unserer seelischen Erfahrungen bilden, uns immer wieder mit körperlichen Eindrücken, unerklärliche Stimmungen, mit Getriebensein und rätselhaften Spannungen und im gesteigerten Fall mit depressiven Symptomen heimsuchen, verlangen geradezu nach nachträglicher symbolischer Verarbeitung und Bearbeitung.

Die psychotherapeutische Behandlung von psychosomatischen Beschwerden ist eine Langfristige, aber durchaus Fruchtbare. Es besteht viel Nachreifungs- und Bearbeitungsbedarf und es bestehen auch viele Ängste von Seiten der Betroffenen (Angst vor Verwirrtheit, Veränderung, Enttäuschung, Wiedererleben von traumatischen Situationen), was es immens wichtig macht, schrittweise vorzugehen um die Betroffenen nicht zu überfordern.


LITERATURVERZEICHNIS
Aisenstein M., 2014, Psychosomatic Solution or SomaticOutcome, in Reading French Psychoanalysis (Kapitel 22-24)
Krystal H., 1998, in E. F. Ronningstam (Ed.), Disorders of narcissism: Diagnostic, clinical, and empirical implications (pp. 299-325). Arlington, VA: American Psychiatric Association.
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Marty P., 2014, Essential Depression, in Reading French Psychoanalysis (Kapitel 22-24)
Mentzos S., 2015, Lehrbuch der Psychodynamik: Die Funkton der Dysfunktionalität psychischer Störungen
Mertens W., 1981, Psychoanalyse Grundlagen, Behandlungstechnik und Anwendung
Segal H., 1964, Zur Psychopathologie des Narzissmus – ein klinischer Beitrag
Yalom I. D., 1995, Theorie und Praxis einer Gruppentherapie
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