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#schavan : Tod der Geisteswissenschaft 

"Das Einhalten von Formalien als einziges Kriterium: Ist das der Tod der Geisteswissenschaft?" fragt Evelyn Roll in der #sz , und gibt den bösen algorithmen die schuld, die pseudo-präzise textstellen auswerfen.

interessante verteidigungslinie für #schavan : wenn man solche querlese-mash-ups hart verfolgen würde, wäre das das ende der alten geisteswissenschaften, weil dort die durchschnittlich kompilierende arbeit gerade auf der verquasten verschwommenheit beruhte.

"Wir haben es dann nicht mit Wissenschaft, sondern mit wissenschaftlicher Camouflage zu tun, und urteilen nur darüber, wie gut das Wissenschaftskostüm sitzt, das sich eine wissenschaftliche Arbeit übergestülpt hat. Damit sind die Geisteswissenschaften tot."

das ist das kernzitat des literaturwissenschaftlers Philipp Theison, auf dem Roll ihre verteidigung aufbaut. und es stimmt: ja, damit sind die Geisteswissenschaften tot.

tot ist das system des schamanischen pilz-kultur, bei dem die obersten eines stammes die hallogenen pilze verzehren, und die unteren schichten dann nacheinander jeweils den urin der nächsthöheren trinken. bis man am ende sich den visionären rausch nur noch vorstellen muss, wenn man als letzte(r) in der kette den becher bis zur neige leert.

zugleich ist dieser geistige lebensstrom versiegt. damals gab es ja wirklich enge zirkel, die Freud und Rahner und Jaspers und Luhmann leidenschaftlich diskutierten. das war gleichsam das konzentrat, dessen zunehmend homöopathische verdünnung die "bürgerliche kultur" war, die streber wie #schavan  überallhin verteilten.

dieses system begründete die schon in den 1930er jahren und dann in der nachkriegszeit neu konstruierte "Bürgerliche Wissensgesellschaft": die charakteristische mischung aus mittelständischer maschinenbauwirtschaft, staatskonzernen mit rüstungsprojekten, honoratiorenkultur in klein- und mittelstädten. das ist vorbei. das lebt nicht mehr. (die "Bürgerliche Wissensgesellschaft" der vorkriegs- und vornazi-zeit war übrigens nicht besser, aber anders. es gibt keine einfache kontinuität des "Bildungsbürgertums".) 

der fall von  #schavan ist nicht ein individueller versagens-fall. genau genommen gilt das auch für den fall #guttenberg , der ja nur schwafelei und blendertum der alten epoche auf einen neuen technischen stand gebracht hatte. die remixes und mash-ups der internet-kultur unterscheiden sich tatsächlich durch ihre technoide klarheit vom alten verfahren des schwurbelns, die dem alten bürgerlichen "Doktor sein" die grundlage entzieht.

es stimmt: aus #schavan  und #guttenberg   folgt ein vernichtendes urteil über das ökosystem der  mainstream-geisteswissenschaften der nachkriegszeit, das im übrigen niemand besonders überraschen wird, der sich durch dieses system gekämpft hat. das wussten eh alle, so ungefähr, aber halt niemand genau. diese genauigkeit ist das, was die algorithmen ins spiel bringen (aber nicht nur die, sie sind nur symptom).

lustig, wie jetzt Roll die "Algorithmengläubigkeit", also das internet und die computer, verantwortlich macht für den brutalen umgang mit strebsamen aufsteigerinnen ins "Bürgertum". man nimmt den sozialisationsinstanzen die wohltuende verschwommenheit und verlogenheit, die voraussetzung war, um die ideen von "Elite" und "Leistung" weiterzuverbreiten. um immer neue nachwachsende generationen damit jahrzehnte lang zu betäuben, bis ihre eigene bildungszeit vorbei und es irgendwie eh wurscht war.

der fall #schavan  ist nur deshalb interessant, weil damit diese epoche der "Bildung" zu ende geht. zu recht und gottseidank. wir werden uns eine neue erfinden müssen.
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14 comments
 
Hier ein Abstract für einen Aufsatz, an dem ich arbeite. Vielleicht leicht neben dem Thema - aber auch hier: Ende der Geisteswissenschaften in Sicht. 

»Online first« steht als Formel für einen Paradigmenwechsel im Journalismus: Texte werden zuerst auf Online-Portalen publiziert, bevor sie gedruckt erscheinen. Diese veränderte Publikationspraxis ist Symptom einer digitalen Form von Wissensproduk-tion, die Produktions- und Rezeptionsprozesse journalistischer Arbeiten umfassend verändert oder zumindest infrage gestellt hat. Die Rolle von Autor, Leser, der Status von Texten wie auch die wirtschaftliche und soziale Bedeutung von journalistischer Arbeit müssen und können neu verstanden werden. Journalistische Inhalte wurden in wenigen Monaten zu Social Media, ihre Produzenten und Leser zu Akteuren in einem Social Network. 
Im hier skizzierten Beitrag wird dieser Paradigmenwechsel im journalistischen Dis-kurs in vier Schritten auf die Geisteswissenschaften übertragen. Zunächst wird gezeigt, welche Auswirkungen digitaler Publikationsmöglichkeiten auf die Geisteswissen-schaften heute schon erkennbar sind. Im Anschluss an Kathleen Fitzpatricks Arbeiten wird in einem zweiten Schritt untersucht, was eine umfassende Nutzung dieser Mög-lichkeiten und Verfahren in Bezug auf die geisteswissenschaftliche Wissensprodukti-on und –publikation bedeuten würde (um nur einige Schlagworte zu nennen: Pro-zess- statt Produktcharakter wissenschaftlicher Betätigung, Zusammenarbeit statt in-dividueller Leistung, vielfältigere Zugangsmöglichkeiten zu digitalem Wissen). 
Im dritten Schritt werden systemische Gründe aufgezeigt, welche verhindern, dass die Potentiale von digitaler Kollaboration, Remix und dem Teilen von Inhalten genutzt werden können; eine Kritik der Publikations- und Forschungspraxis aus der Perspek-tive von Social Media kann zudem aufzeigen, dass das Festhalten an etablierten Abläu-fen für die Bedeutung der Geisteswissenschaften schädlich ist. 
Der letzte Schritt geht der Frage nach, ob ein Paradigmenwechsel ähnlich wie das dem professionellen Journalismus prophezeit worden ist und prophezeit wird, zu einem Ende der Geisteswissenschaften führen könnte. Konkret geht es weniger um eine gruslige Darstellung düsterer Visionen als um zwei Möglichkeiten, was ein »Ende der Geisteswissenschaften« bedeuten könnte: Einerseits bedroht die Konzeption von Geis-teswissenschaften als Social Media in einem systemtheoretischen Sinne die Selbstor-ganisation der Geisteswissenschaften, andererseits öffnet sie die Geisteswissenschaften für maschinelle Verfahren, die Wissensproduktion automatisieren und dadurch »Geist« sowohl als Subjekt wie auch als Objekt eines eigenständigen Wissenschaftsbe-reichs verschwinden lassen. 
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Die Frage ist, was den Geisteswissenschaften Leben einflößen kann. Wenn man die Betonng auf mehr Eigendenken und weniger Camouflage legt, gäbe es viele Wege zum geistesw. Doktortitel - z.B. einen ausführlichen Essay, der neue Fragen aufwirft; eine umfassende Darstellung eines Gebiets unter neuen Aspekten; gute und interessante Lehrtätigkeit; auch die klassische Doktorarbeit, aber keine Nonsense-Themen; etc. Also mehr echter Beitrag zu den Fachgebieten und eigene Leistung, weniger Ausfüllen der berühmten numerischen Gliederungen (Kapitel I, 1.1.1.1. ...) und Vorzeigen von Lektürefleiß.
An gewissen Standards festzuhalten, kann im Übrigen in Einzelfällen blöd aussehen, für die Qualitätssicherung in einem Bereich insgesamt  aber nützlich sein. Vergl. "Doktor" mit "Meister" ... beides Titel aus alter Zeit ...
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es gab und gibt ja tatsächlich gute geisteswissenschaftliche dissertationen. tatsächlich ist die qualität (so weit ich das ausschnitthaft gesehen habe) insgesamt eher gestiegen. 

das problem ist die ganze pyramide: der gesellschaftliche aufwand für die geistes- und sozialwissenschaften rechtfertigte sich ja noch nie aus den spitzenleistungen selbst, sondern aus dem gesamten ökosystem, und zu dem gehören auch und gerade karrierefördernde doktortitel für aufstrebende karrieristen.

das ganze system funktioniert nicht mehr, aus zwei gründen:

(a) weil die nötigen verschwommenheiten und vertraulichkeiten sich im digitalen zeitalter erledigen;

(b) weil der emphatische kern des bürgerlichen "geistes" in diesen geisteswissenschaften nicht mehr geglaubt und gelebt wird. Jaspers und Rahner und Freud haben die generation meiner eltern noch aufgeregt, da sind brennende angelegenheiten verhandelt worden. das ist längst vorbei. (und das ist etwas anderes als "wissenschaftliche qualität".) 
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Man muss ja nicht gleich übertreiben. Leute die sich was ergaunern und betrügen gab es schon immer und wird es immer gegen. Aber deshalb muss man dich nicht gleich die ganze Wissenschaft in frage stellen. Da gibt es genug Gegenbeispiele 
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+Ben Bieker doch, diese form des "betrugs" ist teil des systems. wer das ernsthaft aufklären und abstellen will, muss das system in frage stellen.

wobei ja nicht wissenschaft an sich in frage gestellt wird, sondern das gefüge aus
- wissenschaft,  
- von wissenschaften stellvertretend geführtem gesellschaftlichem diskurs,
- ausbildung von akademikern/wissensarbeitern,
- und schließlich nicht zuletzt eben auch "elite-bildung".
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Das ständige Wechseln zwischen "ich schreibe nur in kleinbuchstaben" und "Ab und zu mal großschreiben" mindert die Qualität dieses Beitrags sehr.
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+Richard Vogel ja, da muss man halt mit leben.

kleinbuchstaben deshalb, weil es die schwelle zu schreiben herabsetzt: sobald die großschreibung einsetzt, fange ich an zu "publizieren". dann dauert es sofort viel länger. hier schreibe ich al fresco: da ist nichts vorher aufgesetzt, und es wird auch nur minimal nachbearbeitet.

ansonsten: die eingestreute großschreibung betrifft namen, "große" worte/begriffe und zitate. das hat schon eine funktion.
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naja, wem die kleine Shift-Taste ab und an schon zu viel Aufwand bedeutet ^^
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Ganz von den Geisteswissenschaften abgesehen bleibt aber ein gewisses Dilemma. Sekundaerquellen kann soll man nicht zitieren, sobald diese aber ein Thema erschoepfend behandelt haben, kann man beim paraphrasieren um ein Minenfeld herrumschreiben um nicht versehentlich ein Plagiat an den Sekundaerquellen zu begehen?

Das ist bei einem Paper kein Problem, bei einer Diss aber ist ein guter Teil eine Beschreibung des Wissensstandes. (Sprich keine Theoriebildung.) Eine Vielzahl an (evtl. unabsichtichen) Plagiaten an Sekundaerquellen in diesem Bereich waere, imo, eher aus Sicht des Urheberrechts als der wissenschaftlichen Ehrlichkeit zu betrachten.

Meine Befuerchtung ist, wenn keine Abstufung mehr Erfolgt, und immer der grosse Hammer rausgeholt wird, entsteht auch kein Bewusstsein fuer eine qualitative Abstufung der Werte.
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hm, als erfahrener akademiker sehe ich da kein problem. ich kann jederzeit, wenn ich es vernünftig rechtfertige, zb Jaspers ausführlich zitieren oder paraphrasieren, ohne dass mir irgendwas passiert. es sollte halt auch noch erkennbar werden, warum und aus welcher perspektive ich das tue. und wenn ich an zwei, drei stellen schlampe, reisst mir auch niemand den kopf ab. aber hier haben wir es ja mit nicht deklarierten übernahmen auf 60 - 80 seiten zu tun. das passiert niemand aus versehen.
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Woertliche Zitate (also die mit Anfuehrungszeichen gekenzeichneten) finden sich in den Naturwissenschaften eher nicht. Wenn nun aber paraphrasiert werden soll, und dass schon ein paar mal gemacht worden ist, wie laesst sich das noch sicher machen? Es wird ja nur begrenzt viele moeglichkeiten geben eine spezifische Aussage zu schreiben -- sobald man die 'Weaselwords' rausgestrichen hat, alle Synnonyme ersetzt und Satzlaengen minimiert hat. Sprich wenn das optimum erreicht ist.

Das Kopfabreissen passiert ja im Allgemeinen ja auch nicht. Ganz im Gegenteil, das sind nur Formalien die jedem Gutachter voellig gleich sind. Etwas weiter vom Gebiet entfernte sind froh wenn sie was Verstaendliches zu lesen bekommen, und die enger am Gebiet sitzen ueberfliegen das bestenfalls und gehen zum Wesentlichen. (Und das macht ja auch durchaus Sinn)


Ich tu mir schwer die aktuelle Schavan-Sache einzuordnen, daher auesser ich mich nicht direkt dazu. Der Kommentar war eher am Rande und zur grundsaetzlichen Problematik gedacht. Aber mal "Butter bei die Fische", wieviele der Seiten sind blabla, wieviel beinhaltet Erkenntnisgewinn, primaere Forschung. Sind im letzteren auch Plagiate (oder Zitate)? (bei KTG war es ja eh nix ausser blabla)(Als Laie bin ich ueberfordert die klare Trennlinie zu erkennen.)
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ich lese gerade in der neuen #sz die ersten faksimile-vergleiche: die sind völlig eindeutig. das hat nichts mit versehen und nichts mit dem mangel an synonymen zu tun, diese passagen sind guttenbergmäßige komplettübernahmen.

interessant die ebenfalls dort abgedruckten verteidigungsreden von akademischen schwergewichten wie ex-dfg-präsident Frühwald, zu meiner studienzeit der oberste germanist der LMU München.

wenn ich damals als verschüchterter jungstudent gewusst hätte, dass DAS die standards wissenschaftlichen arbeitens sind, die tatsächlich im stillen kämmerlein angewandt werden, wenn Frühwald oder andere das opportun finden ...

natürlich hätte ich mich betrogen und verarscht gefühlt. dass die strengen und ehrwürdigen regeln das papier nicht wert waren, auf dem man sie uns hektographiert gab, hätte ich mir nicht vorstellen können. es verblüfft mich sogar jetzt, wie verkommen und doppelzüngig ernstzunehmende leute wie Frühwald ihre EIGENEN prinzipien bedenkenlos im stich lassen. das ist ja schon Lance Armstrong-haft. oder eher noch schlimmer (Frühwald selbst, unterstelle ich, blieb ja sauber.)

das finde ich also den eigentlichen skandal: weniger Schavan, die offenbar nach den gültigen geheimregeln spielte, überschrift "umgang mit karrieristen mit stallgeruch, die eh nicht in die wissenschaft wollen". sondern die sich als elite verstehende bildungsbürgerliche geisteselite. mich wundert nicht, dass sowas vorkam, mich schockiert, dass die das ganz normal finden und immer noch die chuzpe haben, das offen zu verteidigen und einen der ihren, den gewissenhaften Rohrbacher, offen angreifen.

für diesen verkommenen saftladen habe ich 20 jahre meines lebens gegeben.

und der einzige grund, aus dem das aufkommt, ist die möglichkeit der digitalisierung von texten und der kommunikation via internet. im alten papierdruck-medienregime hätte keiner die originale gesehen. man hätte mit der entsprechenden autorität alles behaupten können. man probiert es immer noch.

kann man bitte diese Potemkische fassade, die sich "bürgerliche universität" nennt, und ihre wegen bologna jammernden altvorderen, endlich abreißen und entsorgen? und die idiotische leistungspunkt-SAP-uni, die darauf folgte, gleich mit? diese ganze sauteure antiwissensgesellschaft mit ihren elite-exzellenzen? 
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p.s. Frühwald war vorsitzender der deutschen forschungsgesellschaft (DFG) die mich 5 jahre lang finanziert hat. ich will nicht genau wissen, wie dort die bewilligungsverfahren abliefen.
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Bei Frau Schavan treffen sich halt zwei Traditionslinien des Geschwafels und Geschwurbels: Erziehungs"wissenschaften" und katholischer Modernismus mit Heidegger-Schlagseite. Beide charakterisiert durch den Drang aufs große Ganze.
Ihre Dissertation ist schlicht das (sub-) kulturelle Produkt eines geschlossenen Milieus, dessen Abgeschlossenheit sich dann auch in den Zitiergewohnheiten zeigt. Die Gute ist ein Opfer ihrer Filterbubble: Was ausserhalb liegt - wie Freud - wird nur sekundär rezipiert. Da helfen dann nur rigorose Standards (Ich weiß nicht, ob ein Neuscholastiker ähnlich geschludert hätte...)

Unter diesem Gesichtspunkt und als Kontrast würde ich mir mal die Habil. von Heinz Dieter Kittsteiner anschauen. "Die Entstehung des modernen Gewissens" kommt aus einer ähnlich anfälligen Traditionslinie (Marx und Heidegger), ist aber durch ein echt hermeneutisches Lektüretemperament und -Ethos gebändigt.
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