Aus einem sehr langen Thread bei +Christoph Kappes, der mit einem aus meiner Sicht recht oberflächlichem Piraten-Artikel in der SZ anfing, dann aber ab dem 50. Kommentar oder so mich sehr zu interessieren begann. Deshalb kopiere ich einen kleinen Ausschnitt hier herein, damit ich es wiederfinde. Christoph sagte:

"Mit dem System des "dritten Weges" der Netzwerk-Demokratie (die, s.o. neben die direkte und die indirekt-einstufige Delegation die n:n- Netzwerk-Delegation stellt, welche die ersten beiden EBENSO abbilden kann), werden Vertrauensketten abgebildet, welche ein beliebiges soziales Gefüge abbilden. [vgl. Liquid Democracy, M.L.]

Mir sieht es so aus, als wenn diese Struktur der mehrstufigen und dynamischen Vertrauensketten genau das ist, was ein demokratisches System benötigt, das immer komplexer wird: es muss ja sowohl im kleinen soziale Gefüge abbilden als auch im Grossen (EU), deren Komplexität auch in anderen Dimensionen zunimmt. Das System ist strukturell in der Lage, den bisherigen, starren "Volkspartei"-Prozess abzulösen oder zu ergänzen. Es ist hinsichtlich Vertrauen und auch Legitimität leistungsfähiger, weil es eben gerade NICHT die volle Transparenz für jeden über alle Systemgrenzen hinweg erfordert, sondern nur RELATIVE Transparenz aus der INDIVIDUELLEN Sicht eines delegierenden Bürgers."

Sein Transparenz-Begriff ist aber deutlich anders als der meine:

"Transparenz ist kein Selbstzweck, sondern hat eine dienende Funktion. [...] Transparenz soll Vertrauen herstellen, wo kein inter-personales Vertrauen ist. Wo volles Vertrauen in die Integrität des Entscheiders (meistens Politiker) herrscht, ist Transparenz entbehrlich (soll heissen: optional, also nützlich, nicht aber zwingend). So ist es auch im Privaten: wir fordern keine Transparenz, wenn wir vertrauen."

Und hier mein Kommentar dazu:

"Die duale Denkfigur von von liquiden "Vertrauensketten" und "Transparenz" gefällt mir. Während Vertrauensketten sich bottom-up aufbauen, oder besser: Peripherie>Zentrum, ist Transparenz umgekehrt gepolt: Zentrum>Peripherie.

Beides wird im großen Maßstab durch Software erst ermöglicht: Jetzt gibt es erstmals persönlich-abstrakte soziale Relationen, die skalieren. Und es gibt jetzt erstmals die Möglichkeit, die Transparenz aller Protokolle, Ergebnisse und Zahlen für selbstverständlich zu erklären, weil kein medialer Knappheits-Sachzwang mehr entgegensteht.

Ich sehe da aber, anders als +Christoph Kappes, hier keine Notwendigkeit, die radikale Forderung nach Transparenz ("alles immer auf den Tisch legen") einzuschränken und durch Vertrauensketten zu ersetzen. Im Gegenteil: Beides ergänzt sich. Die Transparenz-Forderung gilt IMHO ohne Einschränkung: "Transparency is the new Objectivity" (Weinberger). "Politikern vertrauen" ist kein geeigneter Ersatz: Es geht ja hier um institutionelles "Vertrauen", dass man nicht kurzschließen darf mit zwischenmenschlich-privatem Vertrauen.

Radikale Transparenz funktioniert natürlich nicht einfach durch die Offenlegung an sich, sie braucht - neben den liquiden Vertrauensketten - eine dritte, wiederum durch Netz-Software ermöglichte Säule: den immerwährenden Diskurs im Netz, der einen neuartigen öffentlichen Raum schafft, das permanente Gemurmel, die unablässig wimmelnde Arbeit der Diskursameisen. Auch dieser neuartige Diskurs kennt wiederum keine klare Grenzziehung mehr zwischen dem einzelnen Austausch zwischen zwei Stimmen bis zu hin zur umfassenden "Veröffentlichung".

Das scheint überhaupt das Muster der Demokratie in der digitalen Ära zu sein: dass durch große, schroffe Grenzziehungen getrennte Felder ersetzt werden durch ein Kontinuum, in dem sehr viele kleine osmotische Mikro-Übergänge wirksam sind."
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