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#nachtrag zur diskussion (nein, nicht um #gauck , sondern) um die #netzzitate und die darin zum vorschein kommende #zitat (un)kultur, weil ich zwischendurch im g+ urlaub war.

ich fand +Sascha Lobo s SPON-artikel zur dynamik der #netzzitate oberflächlich, verwirrungsfördernd und defaitistisch, weil er m.e. allzu vorschnell einräumte, dass im netz fahrlässig zitiert würde, sich der virtuelle mob schnell hochschaukle usw. das entspricht überhaupt nicht meiner konkreten erfahrung, die ich am sonntag nur mit einem primitiven dumbphone ausschließlich über twitter machte.

innerhalb einer stunde nach gaucks nominierung wusste ich, dass es drei möglicherweise problematische äußerungen gab, die für meine einschätzung wichtig sein würden. es gab eine erste welle von pauschalen gauck-verurteilungen, die ich mit freundlich-kritischer distanz zur kenntnis nahm. ich wartete darauf, was sich daraus ergeben würde.

eine stunde später wusste ich, dass leute, deren urteil ich respektiere, geteilter meinung dazu waren. es kam nun als zweites eine welle von gauck-verteidigungen, mit beigefügten links. (wahrscheinlich waren schon in der ersten welle links dabei, aber die habe ich ignoriert, weil ich die anklagen eher geglaubt habe. ich hatte vorurteile gegen #gauck .)

ich habe also jetzt widerstrebend auf den für mich wichtigsten link geklickt (das sarrazin-interview). widerstrebend, weil ich eigentlich in schreibklausur war, nur mit dem mühsamen dumbphone-internet. ich war aber sofort bei der entsprechenden stelle, konnte sie selbst auf dem mikroschirm lesen und feststellen, dass #gauck (a) kein sarrazinist ist, aber (b) sich bei weitem nicht genug abgestoßen zeigte. er distanzierte sich vom biologismus, aber war nicht darüber empört. er lobte als "mut zum klartext und zur polemischen überspitzung" (ein rechtspopulistisches mantra!) , was dem kontext (sic!) nach wirrköpfige rechtsaußen-äußerungen gewesen waren, die bei jedem selbstrespektierenden humanisten, konservativ oder nicht, sofort zum abbruch jedes verständnisversuchs hätten führen müssen.

ich las den reflektierten, #gauck verteidigenden blogpost von +Patrick Breitenbach (und schickte ihm einen widerspruchstweet, weil ich das interview gelesen hatte), und wenige stunden später, am nächsten morgen, las ich den brillanten antwort-blogpost von +Anatol Stefanowitsch , dem ich bis heute nichts hinzufügen kann. dann trudelten noch ein paar gauck-distanzierungen vorbei, aber auch der eine oder andere breitenbach-link.

kurz gesagt: ich war innerhalb von wenigen stunden supergenau informiert, hatte brillante analysen für und wider gelesen, mit zugang zu allen primärquellen, hatte eine fundierte meinung, teils durch eigenlektüre, teils durch die argumentation von Breitenbach vs. Stefanowitsch, und hatte eine interessante twitter-debatte hinter mir (mit vielen guten anti-gauck witzen gewürzt). währenddessen seierte das fernsehen vor sich hin, völlig vernachlässigbar, und am nächsten morgen hätte ich in den papierzeitungen irgendwelche vagen behauptungen über die zitatunkultur der netzgemeinde lesen können, ohne primärzitate. aber da war ich schon wieder beim schreiben.

wo, verdammt nochmal, ist hier also das problem? wofür muss man sich hier entschuldigen, +Sascha Lobo , und voreilig öffentlich die eigene "netzgemeinde" tadeln, die ja inzwischen den ehrentitel einer #netzöffentlichkeit durchaus verdient hat, ein gefundenes fressen für alle die netzkritischen flachköpfe da draußen, die in derselben zeit #nichts mitbekommen haben? das ist eine mediale offenbarung, unvorstellbar noch vor dem jahr 2009 oder so, bevor die deutsche twitter-gemeinde fahrt aufnahm. natürlich gab und gibt es viele dumme tweets, pro und anti-gauck, so wie es da draußen noch viel mehr dumme kohlenstoff-meinungen gibt, die viel wortreicher sind als 140 zeichen und nicht dazu führen, dass ich mir schnell eine differenzierte meinung bilden kann.

(P.S. Beim Aschermittwoch jubelte vorhin der alte Stoiber im Radio: "Und er hat auch ein freundliches Wort für den Thilo Sarrazin gefunden, und er ist gegen den EU-Beitritt der Türkei eingetreten ... Das sind ja seit jeher unsere Positionen, meine lieben Parteifreunde!")
Seit ein paar Tagen schon werden die Vor- und Nachteile eines Bundespräsidenten Gauck in den sozialen Netzwerken intensiv diskutiert. Den Anfang machten diverse Tweets mit Gauck-Zitaten, die am bisher...
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Birgit Nietsch (Kigana)'s profile photoMichael Münch's profile photoMartin Lindner's profile photoMartin Möbius's profile photo
62 comments
 
Ein schulbuchmäßiges Beispiel für kompetente Mediennutzung.
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Genau das dachte ich mir beim Lesen auch. Sehr schön. :)
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Ich hab mich schön rausgehalten aus der gefühligen Twitterpositionierung zum Kandidaten. Falls Lobo oder jemand anderes die vermisst wäre ich allerdings gerne der erste, der den Präsi in spe mit Nachdruck und auch nach ausführlicher Quellensichtung weiterhin einen Rassisten nennen mag. Passt doch zu Mehrheitsdeutschland, war also zu erwarten.
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+Jakob Jochmann ha, jetzt weiß ich auch, wie du heißt! (habe gerade gestern http://kontextschmiede.de in einem report erwähnt, 90% freundlich, 10% kritisch. wobei: "kontextschmiede": du bist ja berufen, das definitive gauck-erklärvideo zu machen ;) )
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das p.s. Beobachtungsschmankerl ist zu schön ... demaskierend für beide Seiten. Toll wenn die Stoibers und Hintzes dieser Welt manchmal eben doch die Wahrheit aussprechen.

(sehr schöne Aufschreibung deiner Meinungsbildung im Web, ich stimme zu dass es hier effizienteste Möglichkeiten gibt - gleichwohl muss ich meine negativen Erfahrungen mit meinem kurzen Twitter Revival am Sonntag morgen auch einwerfen: <rant>Auf Twitter gibt es mittlerweile zu viele für die 140 Zeichen die Grenze ihrer Welt sind</rant>. Dass du mit einem Smartphone und auf Twitter wichtiges herausfiltrieren konntest beeindruckt mich ungemein)
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Was denn kritisch? Der Bericht oder die Kontextschmiede? Und wo?

Wobei das mit der Medienkompetenz ja nicht so weit her ist, wenn du auf der Schmiede nicht mein Autorenprofil (oder das Impressum, das auch auf mich läuft) gefunden hast ;-)
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+Martin Koser ich denke, dass auch das twitter-fußvolk seine funktion im großen heilsplan erfüllt. ich muss nicht alles gut finden, was die schreiben. (ich filtere nicht nach meinung, sondern nach haltung: alle die erkennbar nachdenken und offen/tastend bleiben, bleiben drin.)
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+Jakob Jochmann ich hab den namen nie nachgesehen (keinen grund dazu gehabt), aber mich spontan gefreut, dass du plötzlich einen namen hattest. 10% kritisch: weil ich inzwischen der meinung bin, dass digital-grafik nicht gut als "denkwerkzeug" für die leute funktioniert. es ist wow-content, nicht quasi-user generated content. im gegensatz zu den analog-gezeichneten erklärgrafiken (back of the napkin, doodle revolution, schon auch commoncraft). das amateurhaft-analoge ist kein bug, sondern ein feature. 90% positiv: weil deine videos sehr schön und aufwändig gemacht sind.
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+Tobias Nehren aber es ist doch nicht die debatte, die so schnell war, sondern gerade die klärung der grundlagen für eine künftige debatte, die da in lichtgeschwindigkeit sich vollzog. und das ist natürlich gut, was sonst?
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Natürlich ist das gut. Und man kann auch niemandem Vorwerfen, dass er sich schnell informiert und sich dann eine Meinung bildet, die er in die Debatte einbringen kann. Politik muss hier nur einfach lernen schneller zu werden.
Nicht zwingend in den Entscheidungen, aber kommunikative Reaktionen auf solche Debatten sind notwendig
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Wie ich Dir gerade auch per DM schrieb, Martin, ist das Problem: dass Dein Twitterkonsum nicht dem entspricht, was auf Twitter los war. Und in den angrenzenden Blogs. Sehen wir mal vom explizit im Artikel erwähnten, nicht nur nach meiner Meinung völlig verunglückten taz-Artikel ab – dann gibt es doch einen Grund für Patricks Artikel. Es gibt doch einen Grund für die Entschuldigung der @zeitrafferin auf FAZ.net.

Du folgst 400 Leuten auf Twitter, ich folge mehr als 3000, und ich habe mir die Hashtag-Explosionen live angesehen, Gauck war ja über Stunden unter den ersten drei Plätzen der trending topics. Das ist auch die Netzgemeinde (ja, die gibt es, natürlich gibt es die, gehe ich später mal drauf ein). Oder schau Dir das hier an, das fünfzig, sechzig Mal auf Twitter verlinkt wurde: http://clemensheni.net/2012/02/20/ein-politisch-kultureller-super-gauck-antisemitismus-halt-einzug-ins-schloss-bellevue/

Nur, weil Du Dich gut informiert gefühlt hast, heisst das ja nicht, dass tausende Andere zusammengehäkelte Satzfetzen für ausreichend für die Empörungsflut hielten. Das alles hat nichts mit meiner Sympathie oder Nichtsympathie für Gauck zu tun, über die ich keine Zeile geschrieben habe, auch wenn man das in oberflächlicher Betrachtung natürlich am liebsten anders sieht. Und das ist erst Recht kein von mir erteilter Persilschein für Gauck, weder für die Vergangenheit (ich habe natürlich nicht sein ganzes Werk durchforstet, vielleicht ist da ja noch grotesker Unsinn, mag sein), noch natürlich für die Zukunft.

Mein Artikel war der Hinweis, dass sich buchstäblich tausende dazu haben hinreissen lassen, durch Satzfetzen in Unkenntnis jeden Kontextes loszupöbeln. Und das finde ich auch dann bekloppt, wenn Du Dich ausreichend informiert fühlst durch die Netzgemeinde, weil das nämlich überhaupt nicht zusammenhängt. Ich finde es übrigens besonders doof, wenn tatsächlich substanzielle Kritik anstünde, eine Diskussion notwendig wäre (was ich beides bei Gauck für absolut gegeben hielte) – aber jeder Ansatz untergeht im Satzfetzentrubel. Was auch im Artikel steht, übrigens, aber diese zwei Sätze habe lustigerweise genau die Leute gern überlesen, denen vorher schon ein dreimal durch den Wolf zitierter Halbsatz genügte.
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hm, hm, hm. die dummheits-explosion glaube ich unbesehen, aber trotzdem. auch die dummen twitterer haben ihren ort im Großen Heilsplan. die entscheidende frage ist: ist die gesellschaft, ist die öffentlichkeit insgesamt klüger oder dümmer geworden durch die twitter-gauck-(äh)-debatte? mem-kettenreaktion? wie nennt man das eigentlich?

und ich sage mal provisorisch, +Sascha Lobo : die öffentlichkeit, das gesamtsystem ist klüger geworden, in rekordzeit. inzwischen sind die auswirkungen sogar schon in den mainstream-medien (positiv) zu spüren. alle unguten nebenwirkungen muss man halt in kauf nehmen, aber das ist wie immer im netz: alles unangenehme wird so sichtbar. aber das heißt nicht, dass es vorher nicht da war.

und nein, ich habe deinen text nie als #gauck -parteinahme missverstanden. ich verstehe ja auch irgendwie, was du meinst. ich glaub nur, dass es falsch ist, unterm strich.
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naja, ich bin ja leider der falschestmögliche, um mich zu fragen, ob ich falsch liege.

wieder könnte hier der kern des missverständnisses oder unserer unterschiedlichen situationsanalyse im begriff "netzgemeinde" liegen, übrigens, weil aus deiner perspektive alles schnafte war und aus meiner perspektive sich die schnaftizität der netzgemeindlichen äusserungen in äusserst engen grenzen hielt, mit den gipfeln heni und yüczel, übrigens, blog und redaktionsmedium.

den unredlichen umgang mit den zitaten, der den kern meines artikels darstellt, ist übrigens auch georg schramm aufgefallen, lustigerweise, in diesem kurzen, überraschend präzisen interview:
Absage an die Piraten - Schramm will nicht Bundespräsident werden | 22.02.12 (nichtwörtliches zitat, paraphrasiert, hihi, und das in DIESEM kontext):
das finde ich schlimm, […] wie da mit den zitaten in kurzform umgegangen wird von gauck, von freund und feind, das ist gar nicht gut
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sascha, noch ein nachtrag zu deinem link zum gauck-ist-sekundärer-antisemitismus-blogpost: das ist bei oberflächlichem durchsehen vermutlich wirklich unsinn, aber niveaulos ist das nicht. das ist ein legitimer debatten-beitrag, der unter dem strich (d.h. mit dem gebotenen widerspruch) die welt klüger macht, nicht blöder. das ist sicher nicht bei allen texten zum thema so.

und es ist ein blogpost: vor allem gehts ja bei unserer debatte aber um die wirkungen von #twitter , das als metacontent auf andere, längere stellungnahmen verlinkt, sie in spannung zueinander bringt usw. und diese wirkungen sind, das meine ich immer noch, sehr segensreich, wie gerade am gauck-beispiel zu sehen ist.
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dieses blogposting ist in meinen augen bloss konstruiert, und zwar eben publizistisch unredlich. in litauen im museum gibt es eine tafel, auf der steht holocaust-verharmlosendes, und litauen war massgeblich beteiligt an der prager erklärung, die auch gauck unterschrieben hat – ich meine, solche kausalketten sind nicht das, was ich besonders geschmeidig nenne.
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(das gilt im übrigen auch für diese unsere auseinandersetzung hier: ohne sie wäre jedenfalls ich dümmer geblieben, und die welt profitiert davon vermutlich auch dann, wenn ich unrecht habe. ok, der gewinn ist mehr im spurenelementebereich, aber trotzdem.)
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ja, mit dem urteil über den blogpost hast du recht, aber der weltgeist profitiert trotzdem davon. (vermutlich weniger von dem verwaschenen gauck-geschwafel, übrigens - ich bin nicht mal sicher, was der wirklich meint/denkt, er ist notorisch unscharf, und das macht die welt ein wenig dümmer.)
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clemens heni ist wissenschaftler und beschäftigt sich sehr ernsthaft mit der thematik. ab und zu findet er einen punkt, und in bestimmten tendenzen hat er vielleicht sogar recht, die prager erklärung habe ich nur oberflächlich angesehen, aber ich weiss, dass da sehr schwierige mitstreiter an bord sind. um es vorsichtig zu sagen. was die ausbordungen des antikommunismus angeht, kann man derzeit in ungarn besichtigen, grauenvoll.

aber dieser artikel ist vermutlich absichtlich so aufgebaut, um maximale wirkung in der gunst der stunde abzustauben. zum beispiel nennt er explizit nur "die passage" "antisemitisch", die er zitiert – denn die begründung, warum das antisemitisch sei, wird in der gauckrede ein paar passagen später völlig widerlegt. dazu kommt die beim näheren lesen beinahe glenn-beck-hafte litauische passage und die bizarre einleitung, dass es problematisch sei, dass kanzlerin und präsident ostdeutsch und evangelisch sind.
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+Sascha Lobo Contextualize this, sagt gerade +Anatol Stefanowitsch auf Twitter, auf Deniz Yücels taz-antwort auf deinen vorwurf verlinkend. das alles macht die welt klüger, viel klüger. (BTW, niemand folgt ernsthaft, d.h. nicht-künstlich 3000+ leuten beim #gauck -twittern.)

"Zum Kontext eines Zitates aber gehört mehr als nur die Sätze, die ihm vorangehen oder nachfolgen; das unterscheidet einen Text ja von einer Büchse Ölsardinen."

http://www.taz.de/Kommentar-Gauck/!88277/
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ja, schon gesehen, ich wurde vorher über den text informiert. yücel macht einfach das gleiche nochmal. ich schreibe "im weiteren verlauf der rede", aber das lässt er natürlich weg und zitiert noch fünf sätze mehr – aber absichtlich nicht das, was danach kommt in gaucks rede.

die übrigens durchaus problematische aspekte hat, keine frage. der religionskrempel, da sind sehr schwierige aspekte dabei. aber das hat ja yücel nicht zitiert, sondern nur das superverkürzte "wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird" - damit absichtlich der eindruck einer verharmlosung seitens gauck entsteht. der in der gesamtrede einfach nicht aufrecht zu erhalten ist.

zudem bezieht sich yücel auf heni, auf den oben verlinkten text, aber es ist alles egal, yücel will einfach immer weiter erkären, warum sein halbsatz nämlich doch voll in ordnung war, statt zu sagen: oh ja, sorry, ich finde gauck doof, hier ist der grund, aber dieses halbzitat hat in die falsche richtung geführt. egal, wie gesagt, auch, dass yücel am ende sagt, gauck ist kein antisemit, aber im verlinkten heni-text steht, er ist natürlich antisemit, alles egal, und ich bin recht müde, merke ich gerade.
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ich versuche, mich zu beherrschen, das nicht im detail nachzulesen. (ich hab mal einen langen aufsatz zu "sekundärem antisemitismus" geschrieben, und diese rabulistik nervt extrem, auch wenn sie natürlich textanalytisch hochinteressant ist.) wer auch immer von euch da jetzt genau recht hat: das ist eine sehr schöne debatte, die sich da entwickelt. darum gings mir die ganze zeit. eine supersache. die leute sollen gefälligst das Heilige Netz dafür preisen.
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Man kann sicher darüber redlich streiten, ob Gauck darin recht zu geben ist, dass die "Überhöhung" der Einzigartigkeit des Holocausts eher eine psychische Hürde oder eine psychische Erleichterung darstellt, hieraus aber "Antisemitsmus" zu schliessen, wie Yücin und Heni das tun, ist unlauter.
Ich glaube, es kommt auch nicht darauf an, was +Martin Lindner oder +Sascha Lobo von der Debatte wahrnehmen oder mitnehmen, sondern darauf, was bei zigtausenden von Twitternutzern hängengeblieben ist. Das weiss ich nicht, ich habe aber das Gewitter live verfolgt (wie Sascha) und ich habe keine Indizien dafür, dass alle so hohe Medienkompetenz, ein so hohes Interesse und auch eine so hohe Fähigkeit wie @Martin Linder haben, ihre aktuelle Meinungsbildung wieder in Frage zu stellen.
Wenn ich die Diskussion also richtig verstehe, dann meine ich, Ihr müsstet mehr nach nachvollziehbaren Indizien für eine Korrektur des ersten Shitstorms suchen, und zwar bei tausenden von Leuten und nicht bei dem Dutzend kluger Köpfe, die gerade diese Diskussion führen.
Ich hatte neulich einen Artikel zur Hand, der U.S.-Studien zur These der Steigerung von Medienkompetenz und auch Politikkompetenz zusammenfasste. Das Ergebnis war: es ist empirisch so mit Internet wie ohne. Suche ich gern mal raus.
PS: Zu Heni rate ich eine Kurzrecherche, die war eben nicht sehr erfreulich, beispielsweise eine lange akademische Tirade mit einem Antisemitismus-Vorwurf an die Frankfurter Hefte anlässlich der Ablehnung eines Textes von ihm. Ebenso die Schilderung von "Hass", als er in einer linken Gruppe einen Muffin mit Amerika-Fähnchen auf den Tisch stellte. Das ist <fadeout>.
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das wäre interessant zu wissen, aber es ist trotzdem verfehlt, finde ich: hat #twitter das system (nicht unbedingt einzelne leute) blöder gemacht, das ist die frage. und da bin ich ganz sicher: nein, im gegenteil. das wird sich in den nächsten wochen entsprechend auswirken.
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Aber woher kommt denn Dein "ganz sicher" sein, +Martin Lindner ? Ich habe ja auch immer wieder Hoffnung, aber wo sind denn die Indikatoren, die ich nachvollziehen könnte?
Ich fand schon entsetzlich, dass 6.000 Leute einen Text weitergeleitet haben, der aus der "Giessener Zeitung" kam, dien aber ein offenes Blog-Projekt ist - der Text war vom DKP-Vorsitzenden Hessen verfasst, was nirgendwo dort ausgewiesen war und sicherlich auch von keinem Leser erkannt wurde. So etwas merkt nur, der sich die Mühe macht, mehr Information über eine Quelle zu suchen, und wer die Zeit dazu hat. Diese Zeit hat nicht jeder. Ich vermute sogar, dass diese Zeit zu haben ein Luxus ist.
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warum ich sicher bin? weil jetzt schon wieder mehr wissen und mehr geschliffene argumente in der welt sind als vorher.

und jetzt überleg mal, wie es gewesen wäre, wenn es twitter nicht gegeben hätte: was hätten "wir" über die causa gauck gewusst, mehr oder weniger?
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"Wir" hätten weniger gewusst, da sind wir uns einig, Martin.
"Wir" sind aber nicht "alle", und das ist - unter demokratschen und deliberativen Gesichtspunkten - doch die entscheidende Frage, oder? Ich fürchte, erst bleibt häufig beim ersten Eindruck der wahrgenommenen Medien, alles andere wäre auch ineffizient, ich kann ja nicht jede Quelle zigfach verproben und jede Information später nachprüfen.
Ich denke, die besonderheit dieses Gauck-Phänomens war, dass aus vielen Ecken (jdf mir) unbekannte Quellen erschienen (Publikationen und Autoren), so dass ich keine Ankerpunkte für Vertrauen hatte. Ob ich es die "aufgeweckten Bürger" oder die "Content-Guerilla" nenne, es ist immer das gleiche Phänomen: verifzierte und fundierte Information braucht Zeit, kostet Geld, kommt später als Ad-Hoc-Nachrichten.
Ich hoffe, dass alle aus der Beobachtung dieser Effekte lernen, ja. Aber ich sehe keine Indizien.
Lernt "das System"? Gut, es wird 20 oder mehr Jahre brauchen, um mit dem Werkzeug umgehen zu können, warten wir es ab. Ich denke nur an die Theorie der Schweigespirale und die kürzlich veröffentlichte Studie, wonach 10% des Umfeldes zur Verhaltensänderung bei 90% führen (nicht verallgemeinerbar, ich weiss), aber dieser Effekt kann ein grosses Problem sein. Nun war Demokratie immer schon nur theoretisch die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit und praktisch sah das immer schon anders aus. Aber ob dieses Medium besser wird?
Vielleicht entwickeln ein paar Leute ein BlogWatch nach dem Muster von BildBlog, gern auch zehn BlogWatches, es müsste neuere Mechanismen geben, um sehr schnell die Glaubwürdigkeit von Quellen und Inhalten prüfen zu können.
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du siehst das, glaub ich, viel zu sehr an individuen gebunden. wir wissen beide nicht, was "die masse" denkt. vermutlich gibts die gar nicht, als "masse".

wichtig ist, wie sich die "öffentliche meinung" generell entwickelt, als unpersönliches system, an dem wir beide, und sascha sowieso, jetzt gerade zufällig einen untypisch großen anteil haben. schaun wir halt, was sich in den nächsten wochen entwickelt, das ist ja alles in 3 tagen explodiert. im moment sehe ich einen großen fortschritt: Gaucks profil ist viel klarer geworden, in der matrix und für die matrix.
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+Martin Lindner Ich bin gern bereit, irgendwas in Richtung Aufklärung und Diskurs auch konstruktiv nach vorne zu bringen. Aber ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass ich eine andere zeitliche Perspektive als Wochen habe. In einem Land, das in zwei Weltkriege mehrheitlich getorkelt ist - und zwar unter Einschluss vieler Intellektueller - würde ich gern Entwarnung erst für die Zeit nach meinen Tode geben. Das kann aber auch daran liegen, dass mein Vater Jude war und ich es lebensgeschichtlich nie ablegen konnte, seine Perspektive einzunehmen.
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ich wollte da nichts verharmlosen, im gegenteil. ich vermute derzeit, dass #Gaucks äußerungen, unter der lupe betrachtet, wohl tatsächlich fischig sind. vorbehaltlich einer minutiösen semantischen analyse. auch das ist (für mich) nur via netz/twitter ans licht gekommen. die klassischen medien versagen bei dieser subtilitätsstufe regelmäßig.
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ja, da habe ich ja auch von Dir profitiert, weil ich genauer hingesehen habe und mir tatsaechlich ein Interview angesehen habe - im Modus "Ohren spitz, Sprachanalyse ein". Das Ergebnis habe ich ja getwittert: Sein Weltbild scheint genau das eines Pastors aus der DDR der 80er zu sein. Da gibt es "das Volk", "meine intellektuellen Freunde", die "Kommunisten" und den "freiheitlichen, westlichen Staat." Schoen Schwarz-weiss, und die Distanz, man achte auf die Mimik, mit der er "das Volk" sagt, ist eben auch auffaellig. Das hat etwas von Kanzel, ex cathedra, ich sag Euch jetzt mal was, meine Schaefchen.
Aber so ist es eben, wenn man eine Demokratie ist und das Staatsoberhaupt ein Repraesentant sein soll. Ich kann damit leben.
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Hm. Wenn ich "altes Medium" waere, wuerde ich kein tieferes Bedurfnis einer Gauck-Kritik verspueren. Erstens haben 90% der Repraesentanten beschlossen, ihn zu 100% zu waehlen. Zweitens ist es derzeit nicht geschickt, der Kritik an Medien Nahrung zu geben, denn das was da gelaufen ist, ist zum Teil nicht sauber gewesen. Drittens ist man vielleicht auch der Personalia muede und hat begriffen, was fuer eine gewaltige Ressourcenverschwendung eine solche Diskussion ist, wenn von Syrien bis Bruessel die Probleme schwerwiegend sind. Ich empfinde den Schwerpunkt der Diskussion als voellig deplatziert.
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ich fand die wulff-diskussion sehr ermüdend. diese gauck-ideologie, und die opium-wirkung, die dieses leicht borderlinige geschwafel reflexhaft auf den anscheinend vernünftigen mainstream auslöst, finde ich dagegen wichtig genug für drei intensive tage. aber ich bin ja auch alter geisteswissenschaftler. und über #arabspring und #meltdown hab ich soviel gebloggt, dass mich +Sascha Lobo freundschaftlich der hysterie bezichtigte.
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Ich habe (auf Facebook) ähnliche Erfahrungen gemacht. Klar ist das ein langsameres Medium mit weniger inhaltlicher Qualität das eher der Freizeit und dem Spaß dient. Trotzdem sind auch dort reihenweise die qualitativ unsäglichen Posts aufgetaucht und nur sehr selten die differenzierten. Die Art und Weise der "Diskussion" ging in den meisten Fällen über Kaderteschnisches diffamieren nicht hinaus. Dieses Phänomen von schlagartiger Adaption und Verbreitung "aufwühlender Tatsachen" ohne Reflektion ist eine Webrealität. Sie kann zu Revolutionen führen oder zu Gruppen in denen wahlweise der Kopf eines Ballaktreters (Boateng) oder die Hinrichtung von Kinderschändern gefordert wird. Im vorliegenden Falle haben wir hier drei etwas fragwürdige Situationen in denen Herr Gauck eventuelle Standpunkte vetritt die zweifelhaft gemeint sein könnten oder nicht jedermannes Standpunkt wiedergeben. Diese vertrat er bevor er dieses Amt verliehen bekam. Neben diesen drei unklaren Situationen haben wir dann aber auch eine Vita die als solches sehr vielversprechend erscheint. Er hat nie geküngelt. War nie ambitioniert Macht anzuhäufen. Hat sein zuhause und seine Freunde und Nachbarn nicht im Stich gelassen obwohl er die Möglichkeit hatte usw ... In Verbindung mit der richtigen Feststellung von Christoph Kappes das 90 % der Representanten entschieden haben ihm dieses Amt zu verleihen würde es also von einem gewissen Respekt zollen mit den Angriffen zu warten bis er in seinem Amt solche Statements zur Disposition stellt. Ganz wie Sascha Lobo kritisierte war die Reaktion des Mainstreams mehr eine Hetze als eine Aufarbeitung. Selbstverständlich nehmen daran Menschen mit Knowhow und Backgroundinformationen teil. Der normale Leser hat nicht die Zeit sich tiefer einzulesen. Also wäre es wünschenswert wenn die Blogger/Autoren/Journalisten in und außerhalb des Netzes mehr objektiver oder neutraler ihre Titel oder Tweets gestalten. Insbesondere wenn sie viele Leser um sich geschaart haben.
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+Martin Lindner Diesen an sich wunderbaren Fazit aus der Sache kann auch ich ziehen. Die Geschwindigkeit, mit der sich in dieser "Story" die anfangs emporschießenden Extrempositiönchen gegenseitig abschürften, per Verweis und Gegenverweis und für alle verfolgbar, welche dem Verlauf folgen wollen, ist bemerkenswert und macht Mut, sich zu äußern - nicht nur wenn man sich im Besitz einer fundierten Meinung wähnt, sondern auch und gerade aus dem Gefühl heraus, zur Bildung einer eben solchen beizutragen zu können - und sei es nur, indem man Fragen stellt.
+Sascha Lobo s Kritik ist nach Netzzeit gefühlte 50 Jahre alt, besonders nach diesem Quantensprung, welchen die mediale Offenbarung uns beschert hat, aber deren Element ist ja dann auch Lobos Artikel, nicht? Find ich jedenfalls schwierig, ihm die Grundlage seiner (zu dem Zeitpunkt von mir geteilten Kritik) aufgrund darauffolgender Entwicklungen entziehen zu wollen.
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ich bin jetzt auch immer noch müde, vielleicht jetzt aber eher im kappes'schen sinn des überdrusses an der diskussion, aber mich irritiert noch immer die steile wendung, den beitrag hier zu eröffnen mit der bemerkung, mein diskussionsbeitrag sei "oberflächlich, verwirrungsfördernd und defaitistisch" gewesen, um dann am ende zum schluss zu kommen, die diskussion sei ganz wunderbar gewesen. no offense, just sayin.

aber ich sage jetzt mal was anderes, was grundsätzlicheres: ich finde, gerade weil die netzgemeinde eine geradezu irrtierend große kraft bekommen hat, inklusive offline-massenmobilisierung zu acta um den faktor hundert höher als die offline-massenmobilisierung zu guttenberg – gerade deshalb ist es ganz besonders an der zeit, selbstkritisch zu sein. auch, weil das meiner meinung nach die internet-szene stärkt, wenn sie selbstkritisch schaut, was gut läuft und was nicht. die netzgemeinde ist kein zartes pflänzlein mehr, das man in schutz nehmen muss vor der bösen, übermächtigen anti-internet-fraktion. die netzgemeinde (scheisswort, aber scheint sich ja eingebürgert zu haben) ist eine der schlagkräftigsten, wirksamsten lobbys, die es gibt.
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+Martin Lindner Ich habe Deinen Kommentar unter meinem vergleichsweise kurzen Blog gelesen und antworte mal hier, wo die Diskussion ohnehin stattfindet. Meine Meinung hat da Bestand, denn –da bin ich sehr bei +Christoph Kappes– der erste Eindruck hat selten eine zweite Chance (um es mal auf die analoge Weisheit meiner Großmutter zu bringen.
Wenn im Netz nun zwei oder drei Meinungs-Hubs eine voreilige Meinung herausposaunen wird diese von dem Großteil der Leute nicht mehr kontrolliert, sondern weitergeblökt. So entsteht für den zukünftigen Amtsinhaber eine Schuldenlast, die er erst mal begleichen muss.

Das das ganze für Dich in der Tiefe einen deutlichen Gewinn darstellte ist natürlich unbestritten; dazu wer wie viel Zeit mit Recherche verbringt wurde hier ja auch schon viel gesagt.

In meinem Beitrag erwähnte ich ja die Notwendigkeit von Medienkompetenz seitens der Politik. Das halte ich nach wie vor für enorm wichtig: Damit Politiker und Politikerinnen von derartige Debatten Kenntnis bekommen und ggf. auch darauf reagieren können.
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Mir scheint, bei dem Beispiel der Gauck-Diskussion kommen einige Dinge zusammen. "Die Netzgemeinde" ist schon verdammt stark, allerdings haben sich bisher nur wenige Knoten ausgebildet, denen bei bestimmten Themen Vertrauen in der Argumentation entgegengebracht wird. Sascha ist einer, einige Piraten sicher auch. Wenn dann von letzteren Anti-Gauck Thesen verbreitet werden, dann glauben die meisten Leser der Argumentation erst einmal und verbreiten diese weiter. Hinzu kommt noch, dass "die Netzgemeinde" ja sehr gerne gegen irgendetwas ist, was die Politik ihnen vorsetzt, insbesondere dann, wenn der Rest der Republik in das Jubelgeschrei einstimmt. Dann treffen kritische Stimmen (ob quellentechnisch begründet oder nicht) auf fruchtbaren Boden, und schon schaukelt sich die Sache hoch.

Ein entscheidender Lerneffekt aus dieser Sache wäre, wenn diese "Knoten" (oder Influencer o.ä.) sich ihrer Verantwortung bewusst werden und etwas gründlicher recherchieren als bisher, bevor sie etwas in die Welt setzen. Bei Sascha ist das sicher der Fall, einige andere haben das aber das noch nicht so verinnerlicht. Wir in der Netzgemeinde können schlecht der Bildzeitung et al. tendenziöse Berichterstattung unter Vernachlässigung von Fakten vorwerfen, es dann im Zweifelsfall nicht besser machen.
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Ich habe mir jetzt einmal den größten Teil der Diskussion angesehen und muss jetzt mal herzhaft lachen. Ist es tatsächlich so, dass sich journalistisch tätige Personen darüber beschweren, dass sie bewusst in verzerrter Weise zittiert werden? Ist es nicht genau das, was Journalisten mit Vorliebe machen, sobald sich die Möglichkeit bietet, einen reißerischen Artikel aus verkürzten Aussagen zu formen? Da werden schon die Fragen so gestellt, in der Hoffnung dass sich das Gegenüber "verplappert".
Von Glashäusern und Steinen... Mehr sag ich nicht dazu...
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+hermann pilz Soll sich +Sascha Lobo nicht mehr beschweren, weil er sich fuer verzerrt zitiert haelt? Soll das ein ernstgemeinter Beitrag sein oder war das mal so eine aktuelle Wasserstandsmeldung zu Deiner Tageslaune, die sich irgendwo entladen musste?
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+Wolfgang R. Albath kannst Du die Umfrage bitte mal verlinken?! Ich finde die auf der Seite nicht und kann den Zahlen gerade nicht wirklich glauben schenken.
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Das Argument es sei "jetzt schon wieder mehr wissen und mehr geschliffene argumente in der welt sind als vorher" ist tautologisch.
Es geht doch nicht darum zu zeigen, dass eine Diskussion (unabhängig vom Medium) positive Ergebnisse liefert, sondern ob die Kurzatmigkeit von Twitter dies effektiv tut, also ob die geschliffenen Argumente und das Wissen, sich effizient aus dem übrigen Geräuschpegel rausfiltern lassen. Das unstrittige Phänomen der kontextfreien und verzerrenden Zitate ist meiner Meinung nach ein enormes Hindernis dafür.
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Fast egal, ob nun +Martin Lindner oder +Sascha Lobo recht haben. Beide Seiten, Gauck-Gegner und Befürworter, haben jetzt ein großes Arsenal an Argumenten für ihre Pro- und Anti-Gauck-Haltung einschließlich Gegenargumente für die Argumente der Gegner. Die Diskussion ist vor allem eines: In Rekordzeit in verhärtete Fronten festgefahren.
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+Enno Park "festgefahren" - das mag für einzelne Diskutanten gelten, für mich hat die Diskussion dazu geführt, dass ich mit großer Aufmerksamkeit die künftigen Äußerungen Gaucks verfolgen werde. Sie hat mein Problembewusstsein geschärft, sowohl in Bezug auf Gauck als auch in Bezug auf Beitragsstürme* der Netzgemeinde.

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*Wenn es schon einen "shit storm" gibt, sollte der "contribution storm" doch auch als Begriff taugen.
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Die Projektionsfläche #Gauck hatte ausgedient. Die Person Gauck kam zum Vorschein. - Der Pastor aus der DDR der 80er Jahre, wie es oben jemand sagt. Ich erwarte nichts von diesem Bundespräsidenten. So wie das vor dem ganzen Köhler/Wulff-Knatsch schon immer gewesen war. Ich kann eigentlich nur positiv überrascht werden von dem alten Mann in Bellevue. Zwischendurch.

Spannend wird allerdings, wenn die Netzöffentlichkeit (ja ein wenig zu lang um "Netzgemeinde" zu ersetzen) sich ihrem diskursfähigen Pluralismus ein wenig erwachsener bewusst wird. Da freu' ich mich drauf. Bis dahin gibt's halt noch ein bißchen Piraten-Kindergarten und die ein oder andere Schleife der Unrelevanz wird auch noch gedreht. Aber für irgendjemand ist's immer "wichtig".

Vielleicht sollten wir anfangen uns zu fragen, warum es Individuum und Gemeinschaft so wichtig ist, dieses ständige Argumentewiegen vorzunehmen. Dann sollten wir das Badewasser, das trüb geworden ist in den letzten Jahrzehnten ausschütten. Trüb geworden durch Propaganda, die wir heute PR nennen. Trüb geworden durch die zynische Haltung gegenüber dem vermeintlich so oft Gesagten (doch kaum Gemachten). Trüb geworden durch etablierte Irrtümer, die sich so tief in die tägliche Battle des Diskurses eingetrieben haben, dass eine "Kehrtwende" in irgendeinem Thema durch eingeübte Mechanismen weichgewaschen und sinnlos wird, bevor sie tatsächlich wenden kann.
Auf jeden Fall ist für mich eins klar: Die von +Sascha Lobo als stark ausgemachte Netzgemeinde sollte anfangen, die Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, in der sie groß geworden ist. Besser heute als morgen.
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Ich werde mir auf den Rücken tätowieren lassen müssen: "Kritik an einem Shitstorm bedeutet nicht automatisch Parteinahme für die beshitstormte Partei" (ennomane zugeeignet). Ansonsten führt wohl wirklich gar nichts mehr vorbei an einem Definitionsartikel für Digitale Öffentlichkeit und Netzgemeinde, ich denke schon nach.
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+Sascha Lobo Habe deinen Artikel auch nicht als Parteinahme innerhalb des Shitstorms aufgefasst, sorry, wenn der Eindruck entstand. (Ich selbst habe natürlich Partei ergriffen. Bin als Mitglied einer solchen selbstverständlich parteiisch.)
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+Sascha Lobo Digitale Öffentlichkeit - das zentrale Thema. Vor Facebook-Blabla, Zensur, Regulierung, Selbstverständnis, Partizipation, über VOR allem. Ich bin gespannt, wie und ob wir (das "Gemeinde"-Wir) das hinbekommen.
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+Enno Park "Festgefahren" - das ist jetzt sehr aus der Piraten-Innenperspektive gesprochen. Und auch gleich so negativ gegenüber einer anständigen Streitkultur. +Dirk von Gehlen erinnerte ja kürzlich an den Gadamer Spruch "Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte." Wenn dieses Gespräch dann auch noch mit dem Wunsche einer gesellschaftlichen Entscheidungsfindung geführt wird.....dann wird's ernst und gut. Denn auch, wenn alles im Fluss ist, ist es gut, wenn ab und an mal ein wenig Butter an den Fisch kommt.
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+Jens Best Wo soll das "Gemeinde-Wir" herkommen? Ich setze mal voraus, dass es aus biologischen Gründen irgendwann kaum noch "Offliner" geben wird. Spätestens dann ist das, was wir "Netzgemeinde" nennen, einfach nur "die Gesellschaft". Eigentlich ist sie es heute schon tendenziell. Das, was die "Gemeinde" von der "Gesellschaft" unterscheidet, sind rein demographische Parameter. Man könnte auch von der "Rentergemeinde" reden und würde damit weder der Gesellschaft noch den Individuen gerecht. Und die Gesellschaft an sich hat mal mehr und mal weniger "Wir"-Gefühl, vor allem aber streitet die regelmäßig über Themen und Personen. Was ich ganz toll finde. Sonst hätten wir nämlich keine Demokratie. Ich weiß, ich bin da ein Liberaler und man kann das anders sehen, aber ich bin überzeug, dass in einer Gesellschaft, die der Entfaltung des Ich möglichst viel Raum gibt, am Ende ein größtmögliches "Wir" erzeugt. Derlei Zusammengehörigkeit und Solidarität hat aber irgendwie übernhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob Gauck nun toll oder doof ist und welches Zitat er nun wie gemeint hat oder nicht.
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+Jens Best "Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere recht haben könnte." ist ein wundervoller rhetorischer Kurzschluss. Damit kann man nämlich selbst rechthaberisch sein, zugleich jegliche Rechthaberei von sich weisen und zugleich dem anderen Rechthaberei unterstellen.
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(Wie wäre es aber mal mit "Ein Gepräch setzt voraus, dass alle Teilnehmer auch hinterher noch verschiedener Meinung sein können, aber hoffentlich schlauer sind als vorher?")
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+Enno Park Eigentlich hatte ich einen Text angefangen. Über die Bedeutung von Gemeinde. Über die offene Gesellschaft, Über Kommunitarismus und witzige Vorstellungen darüber, was man so alles als "liberal" bezeichnet. Aber ich sehe davon ab, weil ich nach den letzten drei Postings überzeugt bin, dass ein vernünftiges Gespräch mit dir nicht möglich ist.
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+Enno Park Und das du als Reaktion auf Twitter schreibst: "Hihi, Jens Best ist mal wieder beleidigt." zeigt wie wenig es sich lohnt ernsthaft mit Nerdistan zu diskutieren.
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Hoch interessante Debatte, im Kern.
Das Spezielle an der kleinen Gefühlsaufwallung um Gauck im Internet nach seiner Kür zum Buprä-Kandidatenist, dass offenkundig einige "Gegner" absichtsvoll eine Stimmung schüren wollten, man kennt ja die Richtung, wo das herkam. Jetzt in der Meta-Debatte finde ich das Allgemeine interessant: Der Versuch, einen Orkan zu säen, scheint mir gescheitert zu sein. Das war ein nur ein kurzes Aufbrausen. Dabei sind beide Seiten der internettypischen Gesprächsdynamik sichtbar geworden – auf der einen Seite emotionales Reagieren und irrsinniges Tempo, wie das Thema sich substanzlos aufbauscht, andererseits auch ein mehrstimmiges Nachdenken und ein Korrekturprozess.
Dieser Korrekturprozess ist netztypisch und eine der grundsätzlichen Neuerungen der Öffentlichkeit. Aufbauschen – das gab es ja früher auch. In einer zentralistischen Kommunikationswelt gibt es aber kaum einen echten Korrekturmodus, wenn die 4 oder 5 „Leitmedien“ ins gleiche Horn tuten.
In der Kommunikationswelt des Netzes sieht die Geschichte anders aus. +Kathrin Passig hatte ja neulich gefragt: Gibt es eigentlich noch „urban legends“ oder scheitern die nicht alle binnen Stunden an der „Wahrheit“? Das scheint vor allem da zu gelten, wo die richtige Info faktisch feststellbar ist (s.Gauck-Zitate, siehe Guttenberg). Selbst im Falle großer Hysterie gibt es eine Chance für Rationalität, weil sich im Internet die Faktien durch sich selbst zu belegen scheinen. Vermutlich kann man das Internet mit seiner ganzen Blödheit und Klugheit, seiner Moralität und Unmoralität nur als Ganzes haben - umerziehen wird schwierig. Da dürften noch viele Dummheiten in Umlauf kommen - Pessimisten sind auf das Schlimmste gefasst (wie neulich in Saudi Arabien, wo 25.000 Facebooker die Todesstrafe für irgendeinen Witzemacher forderten). Die Frage ist, wie lange und welche Gehirnregion sich durchsetzt. Ich glaube, das weiß noch keiner.
Die Beeinflussungsarbeit der Rechtsradikalen ist ja bekannt, mal sehen wo die am Ende hinläuft.
Wo emotionalesGequatsche auf emotionales Gequatsche trifft – ich weiß nicht, ob da etwas Aufklärerisches rauskommt oder ob sich die dumme Seite des Internets genauso unkorrigierbar hoch schaukelt wie auf der anderen Seite z.B. die wissenschaftliche Intelligenz. Das Problem könnte sein, dass die Vernunft strukturell unterlegen ist: sie braucht Zeit (+Martin Lindner , dein humoriger Satz: „ich war innerhalb von wenigen stunden supergenau informiert“ <ggg>, binnen Stunden kann man sich ja im Internet zu fast allem supergenau informieren ), während der emotionale Dampf sich per Klick vergrößert, mit allen Echo-Effekten ("Das meinen ja alle, dann meine ich das auch"). Aber wie auch immer, ich glaube, dieses Meinungsplasma des Netzes hat Vorteile gegenüber der alten zentralistischen Welt, wo man schon einen Anwalt bemühen musste, um eine „Gegendarstellung“ zu erlangen. Die Frage ist nur, welche Themen und Meinungssyndrome am Ende in diesem Plasma Priorität erlangen und worauf sich welche Gruppen „synchronisieren“. Das scheint – leider – auch wieder sehr stark von den Ober- und Unterzentralen abzuhängen, den Megahubs …
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+Fritz Iversen das ist ein sehr interessanter kommentar, den du als eigenen beitrag hinüberkopieren solltest ... in so einem unordentlichen kommentarverhau verschwindet das ja.

ja, genau um diese dialektik sollte es gehen: auf der einen seite sich selbst verstärkende systemische "klugheit" (mit starker emotionaler beschleunigungskomponente!) und auf der anderen seite sich selbst verstärkende emotionale versimpelung (die immer auch rationale & ideologische kerne transportiert).

die systemisches wissen akkumulierende seite auch noch viel genauer zu analysieren: es ist ja nicht einfach der "herrschaftsfreie diskurs" hochintelligenter leute, der sich da äußert. das sind ja auch mem-kettenreaktionen, wobei die meme halt vielleicht argumentationsbausteine sind.

aber mindestens so wichtig: über die frage, was in der "emotional versimpelnden" echokammer passiert, wissen wir glaube ich noch weniger. das meiste, was dazu (etwa von +Sascha Lobo ) dazu geäußert wird, scheint mir sich zu schnell damit zufriedenzugeben, dass sich da halt die dummen gegenseitig verstärken. es ist ein bisschen Massenpsychologie à la Le Bon und folgende (1877 oder so). und auch die theorien zu medien-spiralen wie damals Noelle-Neumann betrachte ich erst mal pauschal misstrauisch, +Christoph Kappes . man muss jedenfalls erst mal den bürgerlichen dünkel und massen-ekel herausrechnen und wirklich empirie an stelle des eh schon gewussten setzen. ein freund von mir (+Christian Langreiter ) befasst sich mit big data-gestützten mem-dynamiken, fällt mir da ein. in diese richtung müsste es gehen.

was da also WIRKLICH passiert, wie echokammer-effekte funktionieren, ob man nicht immer auch gleichzeitig vielfache gegenläufige korrektur-dynamiken beobachten kann, auch bei den deppen, also eher wie in einem ideologischen stromwirbel, das wäre alles genauer zu untersuchen. ( vgl. #LexikonDesUnwissens )

diese vielfältigen, sehr interessanten dialektiken schienen mir in Saschas blogpost völlig unterschlagen zu werden. natürlich darf und soll man kritisieren, wenn da rasend schnell seltsame wirrkopf-diskurse aus dem boden wachsen, aber (das war mein gefühl) eben bitte nicht unkritisch den eingefahrenen netzkulturkritischen bildungsbürger- und qualitätsmedien-mustern folgend. nicht als einschnappender reflex. und zumindest hätte man die andere seite, die klugheitsmaschine mit lichtgeschwindigkeit, fairer weise dagegen stellen müssen.

ja, +Sascha Lobo , ich fand deinen text erstmals kritisierenswert: eben ein wenig unterkomplex und v.a. die vorurteile der falschen leute allzu bereitwillig fütternd. (du weißt ja, wie sehr ich deine texte mag und deine art, die großpublizistenrolle anzunehmen, respektiere!) auf dieser ebene, für dieses publikum, war der text also nicht erkenntnisfördernd. aber du hast recht: auf der anderen seite (also hier) war ja genau das fruchtbar.

ich bin dir also dankbar, dass du gerade mit diesem text so eine diskussion mit angestoßen hast: ein ausgewogener text wäre vermutlich weniger erkenntnisfördernd (für mich) gewesen. (siehe die stromwirbel-these oben.) die erkenntnis im netz vollzieht sich eben dialektisch (polylektisch?), nicht als serie ausgewogener, abgerundeter, weiser stellungnahmen, sondern in offen und wildwüchsig in gestalt von statements/aussagen, die immer teil einer größeren dynamik sind. und der kontext ist eben die dynamik der sem-kettenreaktion, halb als diskurs (wie hier jetzt), halb quasi automatisiert (das, was man als oberflächen-muster sieht, wenn man den #hashtag -gewittern in echtzeit zusieht).
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+Jens Best Warum schreibst du den Text über Bedeutung von Gemeinde usw. (siehe oben) nicht einfach und setzt deine Gedanken dem Diskurs aus? Das wäre eine Antwort auf meine Frage, wo das Gemeinde-Wir herkommen soll. Solange der Text nur im Konjunktiv existiert, kann ich nicht mit dir in Dialog kommen, was ich durchaus gerne täte. Bis dahin steht der Vorwurf der Rechthaberei im Raum. Und warum sollte ich DARAUF eingehen? Ich lasse dir ja deine Meinungen, ich teile sie nur eher selten. (Zum Thema Gemeinde noch ein toller Artikel in der Zeit, der in den ersten Absätzen zeigt, was ich in etwa meine: http://www.zeit.de/digital/internet/2012-02/wir-die-netz-kinder )
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Nach dem Beitrag von +Martin Lindner scheint mir die Kernfrage auf den Punkt zu kommen. Ich überspitze das mal, aber mit Worten von Martin: Existieren Deppen oder ensteht diese These aus (bildungs-)bürgerlichem Dünkel, und werden sie durch Internetkommunikation entdeppt? Für mich ist die Antwort klar: Wer keine Medienkompetenz besitzt, kann nicht durch Dritte aus dem Sumpf gezogen werden, weil jede Art von Kommunikation medial vermittelt ist. Wo aber die Kommunikation mit dem eigenen Beziehungsgeflecht stattfindet, stellt sich die Frage, ob das anders als die Person im Zentrum ist. Und das ist der Punkt, wo ich Chancen sehe, denn durch Webkommunikation werden soziale Grenzen ein bisschen reduziert. Man begegnet sich immerhin gelegentlich. Und durch die Aktivierung von Kontakten zweiten Grades und mehr wird das Geflecht dichter.
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natürlich existieren deppen. die frage ist eher: wie funktionieren depperte netzwerke? wie akkumuliert sich deppen-ideologie? außerhalb des internet, und innerhalb? und da natürlich wieder in den sonderräumen: facebook, twitter, blogosphäre, g+ ...
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