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Martin Lindner
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Wie Furchen in Steintreppen, verursacht durch das tägliche Schlurfen von Hausschuhen.
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da ich ja jetzt 57 werde, was schon erstaunlich alt ist, einige unzusammenhängende notizen, in tweet-form.

in meinem kopf tönten immer intensive, leidenschaftliche stimmen, seit ich die ersten davon entdeckt habe. in der reihenfolge des erscheinens: mahalia jackson (durch meinen vater). noddy holder. dutschke. dylan. howlin wolf. john cale. kevin rowland. und vielleicht noch 20 andere.

ich denke immer: wenn du solche unbedingten stimmen im kopf hast, ist da immer ein abstand zu dem, was du so um dich herum wahrnimmst. eines meiner lieblingsbücher ist The Old Weird America von Greil Marcus, über Bob Dylans Basement Tapes und die seltsame Anthology of American Folk Music von 1948, die Dylan vermutlich auf seinen Weg brachte. das buch handelt genau von solchen stimmen.

ich war nie ehrgeizig, weil ich nie das gefühl hatte, so gut zu sein wie das, was ich selbst gut fand. das grundproblem war, dass ich trotzdem nur diesen maßstab anerkannte. mich selbst habe ich nie so richtig ernst nehmen können.

ich bin textmensch, aber kein schöngeistiger literatur-mensch. ich habe mich nie zuhause gefühlt in der höheren bildungswelt. vermutlich also eher eine art pop-mensch, aber ich kann weder gut singen noch ein instrument spielen. (obwohl ich beides sehr dilettantisch mal gemacht habe.)

ich bin weltfremd. das war ich immer. was ich am besten kann, ist wahrscheinlich: befragen, zerlegen. von klein an dachte ich, dass ich historiker werden will. ich sah die welt, in der ich lebe, gewissermaßen immer so distanziert, als sei sie schon vergangen.

ich erinnere mich, dass ich meinen studentInnen als literaturwissenschaftdozent einmal beiläufig sagte: ja klar, literatur, dafür interessieren sich die, die ein bisschen neben der spur sind. die eine grundsätzliche fremdheit gegenüber der welt empfinden.

mit schriftsprache habe ich mich immer am wohlsten gefühlt, aber es gab nie ein genre oder ein medium, dass das ausdrückte. bis blogs kamen, und twitter natürlich vor allem. schriftsprache, aber al fresco, als beinahe direkter sprechakt. sozusagen als historiker fast gleichzeitig sprechen können, um bruchteile von sekunden versetzt.

wenn ich mich mündlich unterhalte, erwische ich oft den rhythmus nicht ganz genau. die momente, in denen ich reden kann. es ist, als seien die spuren ein klein wenig gegeneinander verschoben.

je älter ich werde, desto näher rückt mir die geschichte. und das heißt: die geschichte meiner großeltern, als sie so alt waren, wie ich es inzwischen schon gewesen bin. ein großvater starb - vermutlich - 1944 irgendwo in rumänien, als wehrmachtsoldat. und an die geschichte meiner eltern (*1935 und *1936), als sie kinder waren.

mein sanfter großvater arvid, den ich wie meine mutter aus der entfernung liebte, war halber este (deutschsprachig) und halber deutschbalte, klassischer pianist, floh mit seiner jungen familie (3 kleine kinder) ende 1939 "heim ins reich", was hieß: warthegau, posen, himmlers musterstaat.

ohnen richtigen beruf, bekam er (blond usw.) einen von der SS: in der umwandererzentralstelle oder in der treuhand (muss ich erst noch klären). es ging jedenfalls darum, das eigentum von vertriebenen polen und juden auf zwangszugewanderte "volksdeutsche" zu übertragen.

war er nazi? deutsch sozialisierte menschen aus estland, traumatisiert von bolschewistischer besatzung 1919, neigten dazu, deutschland etwas schwärmerisch als schutzmacht anzusehen. mit himmlers und hitlers völkischen ideen hatte er (denke ich mir) nichts am hut.

meine großmutter, die ich (wie alle) wirklich sehr liebte, eine traurige, wortkarge und sehr humane frau, leidenschaftliche anhängerin der brandt-ostpolitik (aus gründen, wie ich jetzt weiß), liebte ihren etwas trancigen arvid, der immer etwas neben der spur war, so wie ich.

weil sie ihn ihr leben lang liebte, und weil alle ihre kinder (am ende 4) mustergültige demokraten und humanisten wurden, glaube ich, dass arvid sauber war. das gilt eher nicht für seinen bruder, der ihm vermutlich den SS-job verschaffte.

sein bruder war ein praktischer typ: kaufmann. als sie als emigranten in gotenhafen ankamen, ging er wohl gleich zum SD. (sie konnten alle gut russisch, das war wichtig für die zukunftspläne der SS.) ich vermute, dass er seinem bruder den job zuschanzte. sie bezogen ein schönes haus, das vorher dem polnischen stadtarchitekten gehört hatte.

posen zwischen 1940 und 1944 (als sie vor der roten armee flohen) war die pure hölle. das zentrum des schreckens. holocaust, bloodlands. das habe ich nie wirklich gewusst und verstanden. (ich wusste dass es schlimm war, aber fragte nie genau nach.) erst mit wikipedia, das diese themen extrem gut abdeckt.

dort lebte meine mutter im alter zwischen 4 und 8 jahren. mein großvater arvid war bis zum beginn des ost-vernichtungskriegs in seinem SS-büro und betreute umsiedler. dann wurde er mit einer SS/SD-kommission in ein gefangenenlager geschickt, durch das zigtausende russische kriegsgefangene durchgeschleust wurden.

er sprach russisch. (und war russophil, so wird es glaubhaft überliefert.) ca. 13% der gefangenen wurden ausgesondert, zur liquidierung. ich will lieber nicht ganz genau wissen, was er alles gesehen hat. woran er beteiligt war, aber es ist ungefähr klar. er sei leiter eines (unter-)lagers gewesen, heißt es. die russen starben im winter wie die fliegen, an hungertyphus.

das lager war in ostpreußen. zwischendurch war er zuhause in posen bei seinen kleinen kindern. nach einem guten halben jahr oder etwas länger (ich muss die unterlagen erst noch holen) meldete er sich, so heißt es, freiwillig an die front. er war wieder dolmetscher, in einer artillerieeinheit.

das war die zeit nach stalingrad. der krieg ging verloren. ziemlich genau zu der zeit, als er bei einem heimaturlaub sein viertes kind zeugte, hielt himmler in posen eine geheime rede, in der er die totale vernichtung aller juden offen als ziel aussprach und eingestand.

meine großmutter muss das im wesentlichen alles gewusst haben. ich haben nie mit ihr darüber geredet. (sie starb, als ich 23 war.) im nachhinein verstehe ich, warum sie so allein und wortkarg lebte. trotzdem war sie auf distanzierte art sehr liebevoll.

sie las meine ersten melancholischen new wave-prosatexte, die ich mit 19 schrieb, und zu meiner großen überraschung verstand sie genau, was ich meinte. (umgekehrt war das nicht so.)

wir besuchten meine großmutter jeden monat. ich ging mit 13, 14 immer zu dem schrank, in dem seit etwa 1957 die alten landserhefte meines onkels lagen, die er im selben alter gelesen hatte. (er war der jüngste von arvids kindern, 1944 geboren, ein freundlicher und erzhumaner mensch, inzwischen verstorben. er ist derjenige, der arvids akten nachforschte. dort muss ich sie mir holen.)

mein großonkel, arvids bruder, war ein höherer SD-mann in reval/tallinn, wo sie früher gelebt hatten. dort wurde getötet und gefoltert. er war wohl in antibolschewistische geheimdienstaktionen involviert. an ihn kann ich mich erinnern: kein freundlicher mann, autoritär.

er kam nach 5 jahren aus dem sibirischen straflager zurück. inzwischen habe ich mir zurechtgereimt, was er danach beruflich machte: er muss beim BND gewesen sein. "Organisation Gehlen".

als ich 5 jahre alt war, gab es in der nähe, in ainring, einen überwucherten flugplatz. der war für hitlers alpenfestung. mit 10 jahren war ich noch einmal in ainring, weil ich mich für archäologie interessierte. eine frau, deren mann gestorben war, suchte jemand, der sich für die sammlung von steinzeitwerkzeugen interessierte.

nachträglich weiß ich, dass die graubraun-tristen beton-baracken-bauten, denen ich bis etwa 1980 immer wieder begegnete, nazi-bauten waren. so sahen die kz-gebäude aus, aber auch die nazi-zweckbauten. seltsamer weise haftete ihnen das bösartige und stumpfe immer an. (obwohl ich damals nie darüber nachdachte.)

die klarste zeithistorische erinnerung habe ich aus dem fernsehen: mondflug, boxkampf, 1968er-demos, wehner im bundestag, das österreichische fernseh-kasperltheater (jeden mittwoch), die augsburger puppenkiste, der prozess um das massaker von my lai.

mein mathelehrer in der 6. klasse war ein völkisch-nationaler sudetendeutscher, der ein theaterstück geschrieben hatte, in dem die mongolen eine deutsche stadt belagerten. ein witziger typ, der uns naturheilverfahren nahebrachte und es liebte, mit uns über politik zu diskutieren. (ich war 11, weil ich eine klasse übersprungen hatte, und war links.)

meine englischlehrerin in der 7. klasse war eine pensonierte aushilfslehrerin, klein und freundlich. sie mochte mich besonders. aus irgendwelchen gründen wusste ich damals, warum: wenn sie wüsste, pflegte ich mit 12 (also 1973) zu sagen, dass ich, obwohl sehr blond und blauäugig, gar nicht rein arisch bin, sondern zu 25% finno-ugrisch.

nachträglich weiß ich, dass einige der verhärteten rentner, die mir auf den straßen von bad reichenhall in der fußgängerzone entgegenkamen, wenn ich vor dem sportunterricht in die mittagspause ging, hardcore-nazis waren. kriegsverbrecher. massenmörder. sie hatten sich 1945 im berchtesgadener land gesammelt und einige waren einfach dort geblieben.

danach war das vorbei. die linke hatte gesiegt. bis ich 1979 abitur machte, war völlig klar, wer die oberhand hatte. "rechts" zu sein, war ebenso lächerlich wie von der geschichte überholt. wir hatten gesiegt, trotz "Stoppt Strauß" und dann der "National Front" in England.

ich verweigerte selbstverständlich den wehrdienst: mit verweis auf meinen großvater arvid (von dem ich damals nur wusste, dass er tot war) und die aufarbeitung der vietnam-kriegsverbrechen.

(to be continued.)





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Nach langer Abwesenheit hier in der Community melde ich mich zurück.
Es ist geschafft: Das Buch "Die Bildung und das Netz" ist fertig. Die Webseite ist eingerichtet, der Publikumsverkauf ist eröffnet.

Ich habe diese Community ja mal gegründet, als ich das Buchprojekt ins Auge fasste, aber ich wollte mich dann hier erst wieder blicken lassen, wenn es endlich fertig ist. Das hat sehr lange (zu lange) gedauert. Immerhin ist es sehr dick und sehr umfassend geworden.

"Das große, ganze Bild auf 600 Seiten. Mindesthaltbarkeit: 5 Jahre.
Zugleich ein Buch über die Zeitgeschichte zwischen 1970 und 2025.

'Die Bildung und das Netz' handelt davon, wie sich unsere Lern-, Wissens- und Bildungsprozesse verändern, wenn das Netz unsere Lebenswelt prägt.

Das Buch entwirft eine Art Landkarte, die hilft, die richtigen Entscheidungen die richtigen Entscheidungen über unsere Lern- und Wissensprozesse zu treffen – für das eigene Leben, für das berufliche Umfeld, für die Organisationen, in wir eingebunden sind … und am Ende auch für das ganze Bildungssystem."
Die Bildung und das Netz
Die Bildung und das Netz
bildungundnetz.wordpress.com

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"Die Bildung und das Netz": Die Webseite ist eingerichtet, der Publikumsverkauf ist eröffnet.
Die Bildung und das Netz
Die Bildung und das Netz
bildungundnetz.wordpress.com
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Autobiography 2017 (Das Jahr in Songs)
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Irgendwann werde ich auch noch die Links dazu kopieren, aber hier ist das erstmal nur als Text. [Updated: Links zur YT-PLaylist ganz unten] (Ohne Absicht geschrieben, hat sich ergeben.)

JAN * Cordoba - Cale & Eno
"Wrong Way Up" von Eno & Cale war mein Album des Jahres. Als es herauskam (1993?), habe ich davon nichts mitbekommen, und ich war auch nie Eno-Fan. John Cale ist dagegen eines meiner großen Musik-Idole, das ich auch mit meiner Frau teile. Cales Stimme ruft sehr viel auf für mich. Und "Cordoba" ist einer der besten Cale-Songs überhaupt, gleichberechtigt mit dem Besten auf "Music for a New Society".

FEB * Europe is Lost - Kate Tempest
Das habe ich von meiner Tochter. Tempest ist eine ernsthafte Teenage-Lyrikerin mit Postpunk-Attitüde. Das hätte mir damals auch gefallen, und ich mag es auch noch als alter Sack. So sollte sich Jugend heutzutage anhören, finde ich. (Aber was weiß ich schon?)

MAR * Buale - Ringsgwandl
Ich war mit meinem Vater auf einem Ringsgwandl-Konzert. Ringsgwandl war sein Schüler Ende der 1960er, und er sagte öfter, dass mein Vater ihm geholfen und ihn geprägt hat. Das kann ich mir gut vorstellen, es gibt tatsächlich eine Ähnlichkeit. In gewisser Hinsicht ist mein Vater nie ganz erwachsen geworden, und er hat das noch mit 82. Ich mochte die Comedy-Phase von Ringsgwandl eigentlich nicht besonders, aber irgendwann brachte er das Album Staffabruck heraus, das nur aus bairischen Folk-Blues-Liedern über seine Kindheit besteht. Staffabruck ist ein Ort, der einen Kilometer von dem Haus entfernt ist, wo ich aufgewachsen bin, und die Platte ist insgesamt großartig. (Es sind wohl Songs, die er schon in den 1970ern geschrieben hat.) Mein Lieblingssong ist Buale, wegen des Refrains. Und er passte auch gerade zu meinem Leben.

APR * Love & Desperation - Jeffrey Lee Pierce
Passte irgendwie auch. Dieses Album von Pierce habe ich seit langem, ich glaube irgendwann mal als Billig-CD gekauft. Großartiger Song.

MAY * Been to the Mountain - Kevin Morby
Noch etwas, das ich über meine Tochter gefunden habe. Oder halt, es war umgekehrt. Ich habe Morby im Radio gehört auf Twitter empfohlen gesehen, von @instantkarmabln, und später dann ihr vorgespielt, weil ich dachte, dass ihr das gefällt, und so war es auch. Es ist auf Anhieb nicht sehr auffällig, aber irgendetwas ist darin, was ihn über die unzähligen geschmackvollen Songwriter hinaushebt, die heutzutage gut abgehangene Americana-Indie-Musik machen. Da ist irgendein Extra drin, das ich gut finde.

JUN * Lay My Love - Eno & Cale
"Wrong Way Up" ist im Kern ein Eno-Album. (Es scheint, dass Cale hinterher deswegen sauer war, obwohl er zwei große Songs darauf hat.) Enos Stücke dort sind der beste Synthi-Pop, den ich mir vorstellen kann. "Lay My Love" ist der erste Track, und er bringt mich unfehlbar in gute, energiegeladene Stimmung. Ich war eigentlich nie Eno-Fan. Jetzt im Alter steht er mir plötzlich viel näher, auch die 1970er-Platten, aber am allerbesten finde ich ihn auf diesem späteren Album. Genial.

JUL * Street Hassle - Lou Reed
Lou Reed, der Partner von John Cale bei Velvet Underground. (Und VU ist neben Dylan vielleicht das prägendste Musikerlebnis für mich gewesen, wenn ich Rock'n'Roll und schwarzen Blues ausklammere.) Ich mochte Lou Reed auch solo immer sehr, in den 1970ern und auch noch in den 1980ern, obwohl er einem natürlich nie ans Herz wächst. Er ist immer kalt bis kühl. "Street Hassle" habe ich damals nie gehört, erst via YouTube, aber es ist die Art von Minimal Music, die ich großartig finde. Passt natürlich sehr gut zu Eno & Cale.

AUG * Times When I Know You'll Be Sad - Biosphere
Das Album habe ich schon 2016 das ganze Jahr gehört, den Tipp hatte ich von Christoph Kappes. Auch Ambient habe ich früher nie gehört (so wie Eno und Techno), aber das hier ist irgendwie anders und besonders. Es hat auf Anhieb für mich funktioniert. Im August saß ich jedenfalls im Augsburger Hofgarten auf der Parkbank, mit Stöpseln in den Ohren, und schrieb endlich mein Buch fertig. Die beste Schreib-Musik ist Biosphere. Auch das ist sehr kühl, aber für mich zugleich auf merkwürdige Art seelisch heilsam. Ich werde sofort ruhig, wenn ich da nur die ersten Töne höre. Eine eigenartige Mischung aus sehr minimaler Musik und Geräusch-Collagen, zum Teil eher hörspielhaft, und dann wieder Synthi-Techno-Anklänge.

SEP * Backlash - Stil & Bense
Im September ging ich ins Emsland, nach Lingen. Durch Zufall fand ich heraus, dass Arne Bense, der in meinen weiteren Twitter-Kreis seit Jahren eine sympathische Stimme ist, in Osnabrück wohnt. Wir verabredeten uns spontan, er zeigte mir die Stadt und wir redeten viel über seine Musik: Arne produziert und macht Musik, die ich als artifiziellen Techno bezeichnen würde. Ich habe nie Techno gehört. Es gibt wohl ein paar New Wave-Vorformen in den frühen 1980ern, die die gut fand und die später irgendwo in die elektronische Club-Musik eingeflossen sind. Ich hörte mir dann Arnes Track an (auf soundcloud: Stil & Bense) und mag ihn wirklich, obwohl so etwas wie gesagt nie mein Ding war. Viele gute, minimalistische Ideen.

OCT * Horsti Schmandhoff - FJ Degenhardt
Auch 2017 war ein Jahr, in dem die rechte Nazi-Welle die Stimmung stark einfärbte. Ich habe nur noch selten mit Rechten geredet, aber lasse das immer noch (reduziert) in meiner Timeline mitlaufen, um nicht unaufmerksam zu werden. Irgendjemand erinnerte mich an Franz Josef Degenhardt. Meine Eltern hatten eine Doppel-LP im Schrank mit allen Klassikern, als ich jung war. Der leise-aggressive Hohn in seiner Stimme, mit der er die Nazi-Generation demontierte: das ist für mich immer der Sound der 1960er-Politwende. (Zusammen mit der Stimme von Dutschke.) Und jetzt kommen genau die Typen, die in dieser Tradition stehen, als Wiedergänger. Damit hatte ich bis 2015 nie ernsthaft gerechnet. Ich dachte wirklich, die seien erledigt.

NOV * I'm Walking - Fats Domino
Fats Domino ist gestorben, und das ist tatsächlich jemand, der mir viel bedeutet hat. Als 12 und 13Jähriger hatte ich zwei Fats Domino-Platten. (Ich war Rock'n'Roll Fan, was zuerst Domino und Chuck Berry hieß, Little Richard und Jerry Lee Lewis, schon auch Bill Haley und den frühen Elvis, und dann vor allem die schwarzen R&B-Leute: Bo Diddley, John Lee Hooker, Howlin Wolf.) Ich habe mir nach Jahrzehnten Fats Domino wieder angehört, und ich mochte es auf dieselbe Art wie damals als Kind. So ein leichthändig hingeschlenzter Groove.

DEC * Merry Christmas Everybody - Slade
Anfang Dezember unternahm ich eine weitere Expedition in meine Musik-Urgeschichte. (Es ist ja tatsächlich so, dass man im Alter die prägenden Sounds der Teen-Jahre unauslöschlich im Herzen trägt.) Was ich mich immer gefragt habe, ist, wie mich eigentlich Glam Rock beeinflusst hat. Meine ersten Begegnungen mit zeigenössischem Pop waren die Chart-Fernsehshow von Ilja Richter, die ganz am Anfang noch gar nicht "Disco" hieß, und "Die Großen 10 von Ö3". (Ich verachtete intuitiv immer die Bayern 3-Charts und hörte zum Beispiel niemals Thomas Gottschalk. Nur immer Ö3, später dann halt die Musicbox.) Jedenfalls: Die Musik, die dort lief und die mir gefiel, war Glam.
Ausgerechnet, denn ich war mein Leben lang immer das Gegenteil von Glam. Schüchtern als Junger, ohne jedes Gefühl für eigenen Stil und Auftreten, und zu tanzen traute ich mich auch sehr lang nicht. Aber ich erinnere mich unauslöschlich an die erste Hitparade, die ich zu Weihnachten auf einer Kassette vom Transistorradio aufnahm: Mit "Children of the Revolution" von T.Rex, mit "Schools's Out" von Alice Cooper und eben mit Slade. Ich war am ehesten Slade-Fan: Mama Weer All Crazee Now, Cum On Feel the Noize, Gudbuy to Jane. Ich habe gerade das 700-Seiten Buch von Simon Reynolds über Glam Rock gekauft und gleich Slade und Sweet nachgelesen. (Für T.Rex war ich damals noch zu jung, obwohl ich sie mochte.) Ich erkannte wohl den Rückbezug auf die frühe Rock'n'Roll-Euphorie um 1960 wieder, und seitdem habe ich eine klare innere Idee davon, wie "Pop" sein soll: Aufregend, einfach, voller Spaß und Energie, 3 Minuten und Bam! Ich vermisse das immer noch, auch bei der zeitgenössischen Chartsmusik, und freue mich immer, wenn ich ein Echo davon höre.
Später wurden sie etwas ruhiger. Merry Christmas Everybody ist ein klassischer Slade-Hit und zugleich Britpop-Gassenhauer, der im guten Sinn nach Pub klingt. (Noddy Holder, der großartige Sänger, war beeinflusst von Little Richard, den Beatles und und proletarischer Music Hall-Kultur.) Mein Lieblings-Weihnachtssong, zusammen mit zwei ebenfalls erzbritischen Christmas-Songs von Martin Newell und XTC.

Alle Songs außer Stil & Bense auf YT (Playlist):
https://www.youtube.com/playlist?list=PLpJjsTUi3Dm_ZWowaFWhZ47ejNxiQ1mDM

Stil & Bense auf Soundcloud:
https://soundcloud.com/stil-bense/backlash



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quick test
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Den Multimedia Mem-Generator Lumen5 ausprobiert, mit aktuellem Content. (OK, die Musik ist etwas schräg.)
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Thema: Post-digitale Modell. Ein Gedankenexperiment.
Grundlage:
https://docs.google.com/document/d/1RGOal6Vj0-_yJwt9syq_HKIu4w0MMP5EhNuCCI6YCB8/edit

+Aleks Scholz machen wir hier weiter, oder dann eben doch in den google-doc glossen?
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