Von Foren, Meinungsfreiheit und gelenkten Debatten - da scheint mir die Süddeutsche doch vielen Missverständnissen aufzusitzen. Einige (Gegen-)Thesen.

http://www.sueddeutsche.de/thema/Ihr_Forum
http://www.dirkvongehlen.de/index.php/nachrichten/wie-journalismus-sich-veraendert-august-2014/

Das ist letztlich Sache der Süddeutschen, wie sie das handhaben will und was sie für einen gangbaren Weg hält. Es als großen Fortschritt für den Online-Journalismus zu verkaufen - nun ja. Die Konsequenzen aus der Sicht auf die Online-Welt, die sich bei der Süddeutschen herausgebildet hat, erscheinen mir recht fragwürdig. Und das ist keine Frage, wie Journalismus in Zukunft aussieht, auf was es die Süddeutsche zuspitzt.

1. Bei Problemen mit der Meinungsfreiheit hilft mehr Meinungsfreiheit, nicht weniger. Der Satz von Rosa Luxemburg "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden" ist mittlerweile zu einem wohlfeilen Spruch für Sonntagsreden geworden. In der praktische Prüfung, wie man mit dieser Haltung umgeht, versagen dann die meisten: Denn da ist der Andersdenkende dann sofort der Troll, oder derjenige, der Diskussionen kaputt und deswegen eine strenge Moderation oder Vorabkontrolle notwendig macht. Dem ist aber keineswegs so: Missliebige Meinungen, und mögen sie noch so abwegig sein, sind kein Grund, jemanden die Meinungs- und Redefreiheit zu entziehen. Sie sind ein Grund, die Meinungs- und Redefreiheit weiter zu treiben. Denn nur dann wird diskutiert, werden missliebige Meinungen nicht unter der Decke gehalten [--] wo sie dann vor sich hinschwelen und sich später als radikales Gedankengut Bahn brechen. Vielleicht sollten sowohl die Sonntagsredner als auch Foren-Kontrollierer Rosa Luxemburg mal nicht nur mit kurzen Sprüchen zu Rate ziehen. Denn sie legt zur Meinungsfreiheit etwas genauer dar: "Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der 'Gerechtigkeit', sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die 'Freiheit' zum Privilegium wird."

2. Ein offenes Forum ist keine "erweiterte Leserbriefspalte". Offene Foren dienen der Diskussion über die Themen der Artikel bzw. der Nachrichten, natürlich auch mit der Redaktion - aber auch der Leser untereinander. Sie sind nicht rein funktional für eine irgendwie geartete "Leser-Blatt-Bindung in der Online-Welt", sondern haben als offene Diskussionsforen ihren Wert an sich.

3. Offene Foren bereiten Probleme, sie entwickeln sich anarchisch, ufern aus, ziehen Trolle an, die User schlagen über die Stränge. Sie bieten aber eine Plattform für eben genau das: eine offene Diskussion. Und die anarchische, ausufernde, Trolle anziehende Entwicklung macht bei allen damit verbundenen Problemen auch den Reiz offener Foren aus. Man muss so eine Plattform nicht betreiben wollen. Man kann sie aber auch nicht als Argument für eine rein gelenkte Debatte benutzen. 

4. Dummheit ist kein Grund, Meinungsfreiheit der angeblich Dummen einzuschränken. Wir leben nicht in Platos Philosophen-Diktatur. Zum Glück.

5. Eine gelenkte Debatte zu inszenieren, bei der die Leser mit der Redaktion über vorgegebene Themen diskutieren können, zeugt für meinen Geschmack von etwas zu viel Arroganz. Oder von Angst, dass kontroverse Themen zu schnell aus dem Ruder laufen. Von einer offenen Diskussion mit den Lesern zu reden sollte man sich dann aber auch sparen.

Und wo wir schon dabei sind: Solchen Mist wie in den Kommentaren zu meinem Posting über Antisemitismus im Umfeld der Gaza-Demonstrationen hier auf Google+ und drübenn auf Facebook musste ich in den heise-Foren noch nie lesen. 

Und zum guten Schluss sein noch der Kommentar von Twister zu dem Vorhaben der Süddeutschen als Lektüre empfohlen:
http://www.heise.de/tp/news/Liebe-Leser-Ihr-seid-uns-eigentlich-egal-2307858.html

Wobei mir einfällt: Twisters Anmerkung, dass der Begriff "Troll" heutzutage inflationär gebraucht wird, ist sehr notwendig. Jede Äußerung missliebiger Meinung wird derzeit schnell zum Trollen. Trolle aber, andersrum gesehen, sind ein Zeichen dafür, dass Foren funktionieren: In toten Foren lässt sich kein Troll blicken, da es nicht die Mühe wert ist, sich um ein Troll-Posting zu kümmern. Und "gute" Trolle sind bemüht, ihre Lust an der Provokation nicht einfach mit dummen Sprüchen auszuleben.
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