Ich muss doch mal etwas ausholen, wenn Hans Magnus #Enzensberger gegen die Digitalisierung der Gesellschaft rantet. Denn er wird, und das ist eine Bankrotterklärung für einen politischen Intellektuellen wie ihn, in letzter Konsequenz unpolitisch.

Enzensberger fordert "Wehrt Euch!" Spontane Reaktion: d'accord. Nur: Einer der einst führenden Intellektuellen der Republik macht sich mit seinen 10 Thesen zum digitalen Leben fürchterlich lächerlich. Man möchte angesichts seines Aufrufs in der FAZ von Samstag vor Fremdschämen im Boden versinken.

http://www.faz.net/aktuell/enzensbergers-regeln-fuer-die-digitale-welt-wehrt-euch-12826195.html

"Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät gegeben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist."

Genau, früher war alles besser, damals, als es noch keinen Strom gab, wir am Lagerfeuer beisammen saßen und uns Geschichten von den schrecklichen Ungeheuern im Wald erzählten. Oder, wie +Torsten Kleinz  schon ganz richtig Douglas Adams als Antwort auf Enzensberger zitiert:
https://plus.google.com/107223467325602754395/posts/8ciMRET3DvD "Many were increasingly of the opinion that they'd all made a big mistake in coming down from the trees in the first place. And some said that even the trees had been a bad move, and that no one should ever have left the oceans."

Dazu dann von Enzensberger noch apodiktische Aussagen wie diese:

"Online-Banking ist ein Segen, aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle."

(Ja, das ist die gesamte dritte These Enzensbergers.) Gut, dass mir das mal jemand sagt. Und angesichts seines Rants gegen Reklame kann man nur heilfroh sein, dass der FAZ-Autor Enzensberger weder beim FAZ-Vertrieb noch bei der FAZ-Anzeigenabteilung etwas zu sagen hat. Sonst müsste die FAZ ja ihre digitalen Ausgaben und Apps sofort einstellen und dürfte keine Anzeigen mehr im Blatt zulassen. Was allerdings wohl dazu führte, dass der Autor Enzensberger zumindest in der FAZ über kurz oder lang wegen Nicht-Existenz keine Plattform für die Publikation seiner Gedanken mehr fände.

Alte Männer machen sich so unmöglich, so gut es ihnen gelingt? Das nun ist auch wieder zu kurz gegriffen. Aber: Enzensbergers Aufruf entzieht sich nahezu jeder konkreten Kritik, da er soweit entfernt wie nur möglich von einem Verständnis der konkreten digitalen Entwicklung und der von ihr aufgeworfenen Probleme entfernt ist. Es bleibt eine Meta-Ebene, in der Enzensberger natürlich einen Punkt hat, wenn er zum Widerstand gegen die Überwachung aufruft. Aber einen Punkt zu haben heißt noch lange nicht, vom Verständnis der Welt ausgehen zu können. Enzensberger hat selbst einmal erklärt, er habe noch nie ein Smartphone benutzt, nimmt sich aber heraus, auf Basis angelesener Einschätzungen Kritik zu üben. Was würde Enzensberger sagen, wenn ein Literaturkritiker seine Texte nur auf Basis Einschätzung Dritter, nicht aufgrund eigener Lektüre kritisierte?

Man muss kein Techniker oder Nerd sein, um die digitale Welt kritisieren zu können, nein, es hilft sogar, es nicht zu sein. Mit dem Objekt seiner Kritik sollte man sich aber schon einmal beschäftigt haben. Wer dagegen die Polemik aus Unverständnis heraus so überspitzt wie Enzensberger, macht den Aufruf zum Widerstand schlicht unglaubwürdig. Bärendienst nennt man so etwas.

Enzensberger entfernt sich mit zunehmendem Alter immer weiter von einem Weltverständnis, das ihn ihn früheren Jahren ausgezeichnet hat. Das mag einen Teil meiner Wut über diesen Text Enzensbergers ausmachen: Dass er als Intellektueller ein Idol meiner Jugend ist, das mich zunehmend wegen dieses Entfernens von jedwedem Weltverständnis enttäuscht.

Da hilft Enzensbergers eigentlich weise Einsicht "Mit diesen simplen Maßregeln kann das politische Problem, vor das die Gesellschaft gestellt ist, natürlich nicht gelöst werden" auch nichts mehr. Technik hat keine Moral und kennt keine Politik. Menschen dagegen verhalten sich moralisch und machen Politik. Das Wegwerfen des Handys ist aber keine moralische Haltung angesichts der Auswirkungen der Vernetzung und Digitalisierung der Gesellschaft, es ist das wütende Aufstampfen des kleinen Kindes, dass die Welt um es herum nicht versteht. Und es ist sogar eine ausnehmend unpolitische Haltung, womit Enzensberger genau das Gegenteil dessen erreicht, was notwendig ist: Dass sich die Gesellschaft der technischen Instrumente, mit denen sie bereits operiert, auch bewusst wird und lernt, sie zu kontrollieren.
Shared publiclyView activity